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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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15

»Unser erster Gedanke war natürlich, die Flüchtigen zu verfolgen – von der Furt abzuschneiden; auch waren wir im Begriff, die Order dazu zu geben, als mehrere der Unsrigen, die die Patrontaschen der gefallenen Infanteristen sowie ihre Musketen untersucht, uns von diesem Beschlusse abzustehen vermochten. Unsere Ammunition war nämlich, wie gesagt, großenteils aufgebraucht und die erbeutete so schlecht, daß sie, wie wir später erprobten, keine Kugel fünfzig Schritte weit trug. Das Pulver, wenig besser als Kohlenstaub, gab uns nicht nur vollkommenen Aufschluß über unsere Unverletzlichkeit, sondern auch einen neuen Beleg – wenn es eines solchen noch bedurft hätte – über John Bulls Rechtlichkeit in seinem Handel und Wandel mit fremden Völkern. Musketen und Patronen trugen die Etiketten von Birmingham und einer ihrer Pulverfabriken, aber mit dem naiven Beisatze: Für Exportation ins Ausland.«

»Seien Sie aber versichert, John Bull würde etwas mehr Schwefel und Salpeter seinem Kohlenstaube beigefügt haben«, bemerkte lächelnd Oberst Oakley, »hätte er sich auch nur im entferntesten einbilden können, er werde auf seinen Bruder Jonathan in Anwendung gebracht werden.«

»Zweifelsohne!« fielen die andern lachend bei.

»Bei alledem aber doch erbärmliche Hasenfüße, diese Mexikaner«, bemerkte mit etwas wie Naserümpfen Oberst Cracker. »Mit zwei Bataillonen und sechs Eskadronen Dragoner keinen Bajonettangriff zu wagen!«

Es war wohl etwas unzeitig Unzartes, Verletzendes in dieser Bemerkung, der Texaser schien sie jedoch ganz und gar nicht übelzunehmen; im heiter-artigen Tone versetzte er:

»Dasselbe dachten auch wir, und, die Wahrheit zu gestehen, Oberst Cracker, wunderten wir uns selbst, daß er dieses nicht getan. Auf alle Fälle würde ein Bajonettangriff dem Feinde nicht mehr – wahrscheinlich nicht einmal soviel Leute gekostet, unsere Verteidigung aber um vieles kritischer gestellt haben. Den Mut jedoch hätten wir deshalb so wenig als die Hoffnung auf endlichen Sieg sinken lassen. Einige achtzig tüchtiger, entschlossener und, was die Hauptsache ist, kaltblütiger Scharfschützen bleiben auch selbst für Bataillone und Eskadrons ein nicht zu verachtender Gegner, wie unsere Kriegsgeschichte mehr denn einmal erwiesen. Die Schlacht von Lexington, wo einige hundert Landleute es nicht nur kühn mit mehreren britischen Regimentern aufgenommen, sondern diese mit Extrapost nach Boston zurückgesandt, die Schlacht von Niagara, mit manchen andern, sind dafür Belege. An den Furten aufgestellt, würden wir es ohne Bedenken mit zweien der besten englischen Bataillone aufgenommen haben. Und selbst in der Stellung, die wir innehatten, würde ich nicht anstehen, mit denselben Truppen es gegen denselben Feind zu jeder Stunde wieder zu versuchen.

Ich sage, mit denselben Truppen« – fuhr der Texaser im freundlichst heitersten, aber etwas mutwilligen Tone fort – »denn Ihr, Oberst Cracker, scheint unsere Leute mehr vom Exerzierplatz als vom Schlachtfelde her zu kennen, ich aber habe die Ehre, sie von diesem letzteren her zu kennen, und kann Euch deshalb auch versichern, daß ich sie für die besten, besonnensten, kaltblütigsten Truppen der Welt halte, so wie sie gewiß bei weitem die verständigsten, gescheitesten sind. Dieses Verständig-, Gescheitsein aber tut viel, sehr viel; es entscheidet selbst heutzutage noch mehr, als Ihr glaubt, ja so gut, als es zu den Zeiten der Griechen und Römer und den mittelalterlichen der Schweizer entschied. Die Bauern der Schweiz besiegten, ohne gerade besondere Feldherrngenies zu besitzen, die besten Herzöge, Grafen und Ritter ihrer Zeit, und so taten unsere Farmers mit den Briten, ehe noch der große Washington den Oberbefehl über unsere Heere übernahm. Was nun unsere Texaser Generale, Obersten und Stabsoffiziere betrifft, so glaube ich ihrer Selbstliebe auch nicht im geringsten vorzugreifen, wenn ich Euch versichere, daß sich keiner von uns für einen zweiten Friedrich oder ersten Napoleon hielt, ebensowenig für einen Hexenmeister; ja ich gebe Euch noch mehr zu, ich gestehe Euch sogar, daß unsere Leute besser als ihre Offiziere waren, eine Eigenheit übrigens, die, wie Ihr wissen werdet, Oberst Cracker, auch unser Verwandter John Bull mit uns gemein hat, dessen Soldaten auch häufig in Spanien und den Niederlanden die Scharten seiner Generale und Offiziere auswetzen mußten. Ja, Oberst Cracker, was wäre zum Beispiel aus dem ohne Zweifel von Euch über alles gestellten Wellington – by the by! ich bin in diesem Punkte so frei, von Eurer Meinung in betreff dieses gerühmten Herzogs abzuweichen, den ich zwar für einen sehr preiswürdigen Tory, aber sehr mittelmäßigen Feldherrn halte, was wäre aus ihm ohne seine Briten geworden! Wenn Ihr das Terrain von Waterloo mit etwas wie Kenneraugen anschautet, würdet Ihr zugeben, daß nur der britische Stieresmut, geschwängert, wie er war, mit Nationalhaß und souveräner Verachtung der französischen Suppen- und Froschesser – die er schon in den Tagen von Azincourt, Crequi, Poitiers und Blenheim so kapital durchgedroschen –, daß nur dieser britische Stieresmut, sage ich, auszuhalten vermochte, bis – die Preußen kamen. Es tat aber not, höchst not, daß sie kamen, bürg Euch dafür; eine Stunde später, und es wäre zu spät gewesen. Glaubt mir, Oberst Cracker, die Preußen haben ein ganz so gutes Recht, den Mund ebenso voll von ihrem Belle-Alliance zu nehmen, als es die Briten bis zum Ekel mit ihrem Waterloo tun.«

Es war aber wieder etwas so fein ironisch Mutwilliges und zugleich Liebenswürdiges in der Weise, wie der Oberst die schnöde Bemerkung – nicht zurückwies, sondern parierte, daß alle ohne Ausnahme in die lautesten Bravos ausbrachen.

Oberst Cracker allein biß sich in die Lippen.

»So wie die Dinge standen«, fuhr der Erzähler fort, »blieb uns, wie gesagt, nichts weiter übrig, als den Feind laufen zu lassen. Wir ließen ihn sonach auch laufen. Das einzige, was wir taten, war, daß wir eine kleine Abteilung nach der Musqueetinsel sandten, die von da aus mit den zwölf Mann nach der Furt hinabrückte, gegen die wir uns nun auch selbst mit dem Gros unsers kleinen Korps wandten.

Die Demonstration hatte den beabsichtigten Erfolg, daß sie nämlich die Flüchtlinge, die im ersten panischen Schrecken ihr Ziel, die Furt, weit überschossen, dieser wieder zubrachte und so die Prärie mit dem diesseitigen Ufer von ihrer Gegenwart befreite. Roß und Mann stürzten zugleich der Furt und dem Wasser zu, und ehe wir noch bis auf hundert Schritte herangekommen, waren drei Vierteile des Feindes am jenseitigen Ufer in Sicherheit.

Ein paar hundert waren aber noch zurück und unser, wenn wir wollten; allein jetzt ergab sich einer jener Auftritte, die in unserm politischen sowie Kriegerleben die Geduld der armen Diener des lieben souveränen Volkes denn so häufig aufs äußerste spannen; wo das souveräne Volk sehr zur Unzeit seinen allmächtigen Willen zu erkennen zu geben, Einspruch in den seiner sogenannten Diener zu tun pflegt.

Wharton war nämlich mit dreißig Mann voran und gab Befehl zu feuern, aber keiner seiner Leute leistete Folge. Er befahl ein zweites Mal – dieselbe Widerspenstigkeit. Wie er jetzt ungeduldig ein drittes Mal kommandierte, trat ein alter wetter- und sonnenverbrannter Bärenjäger kopfschüttelnd an ihn heran, sich mit aller Muße folgendermaßen expektorierend:

›Wollen Euch sagen, Capting!‹ Bei den Worten schob er den Tabaksquid aus seiner linken Backenhöhle in die rechte über. ›Wollen Euch sagen, Capting! Kalkulieren, lassen für jetzt die armen Teufel, die Dons, in Ruhe!‹

›Die armen Teufel, die Dons, in Ruhe!‹ schrie Wharton in höchster Ungeduld. ›Seid Ihr toll, Mann?‹

Fanning und ich mit unsern Leuten waren jetzt gleichfalls herangekommen, begreiflicherweise nicht weniger ungeduldig, als wir hörten, um was es sich handle. Der Mann ließ sich jedoch nicht beirren – perorierte weiter. ›Haben ein Sprichwort, Gentlemen‹, wandte er sich nun an uns, ›haben ein Sprichwort, das da sagt, müsse man dem geschlagenen Feinde eine goldene Brücke bauen, und kalkuliere, ist ein gutes Sprichwort das, ein considerabel probates Sprichwort das immerhin, dem Feinde eine goldene Brücke zu bauen.‹

›Was wollt Ihr aber, Mann, mit Eurem goldenen Sprichwort? Wißt Ihr, daß Ihr eine unpassende Zeit gewählt habt zu Eurem Sprichwort?‹ schrie Fanning.

›Was Ihr tut, ist insubordinations-, strafwürdig; Eure Schuldigkeit ist zu feuern, dem Feinde den größtmöglichen Abbruch zu tun, nicht aber zu sprichwörtern!‹ wieder ich.

›Kalkuliere, es ist‹, versetzte der Mann mit empörender Kälte, ›kalkuliere, könnten ihn auch jetzt ohne Gefahr und Mühe niederschießen; kalkuliere aber, wäre das spanisch-mexikanisch, nicht amerikanisch, nicht klug.‹

›Nicht klug?‹ schrie ich.

›Spanisch-mexikanisch, nicht amerikanisch, den Feind laufen zu lassen, wenn wir ihn in unserer Gewalt haben?‹ Fanning und Wharton.

›Kalkuliere, wäre es. Kalkuliere, würden uns selbst mehr schaden als ihm, wenn wir ihm seine Leute nur niederschössen, sie nicht laufen ließen‹, fuhr der Mann ganz ruhig fort. ›Kalkuliere, würdet Euch selbst den größten Schaden tun, und zwar aus demselben Grunde, vermöge welchem Ihr kommandiert habt, von den angreifenden Schwadronen und Kompanien ja nur die vordersten Reihen und Glieder wegzuschießen. War das ein considerabel vernünftiges Commandement, bürg Euch dafür von wegen, weil Ihr so dem Feinde handgreiflich dartatet, daß Ihr nur die Übermütigen, Kecken, Verwegenen bestrafen, die Sanftmütigen aber, die Zaghaften, Furchtsamen, die hinten standen und nicht vor wollten, verschonen wolltet. War das eine gute Kalkulation, wißt Ihr, von wegen, weil Ihr einen Unterschied zwischen Feinden und Feinden, gleichsam eine Prämie für die Feigheit aufstelltet. Hättet Ihr alle ohne Unterschied nehmen lassen, die hinteren so wie die vorderen, hättet Ihr die Feigen tapfer zu sein genötigt, und wäre das ein großer Fehler gewesen.‹

Wir konnten, wie Sie leicht denken mögen, vor Zorn bersten, aber unsere Leute nickten beistimmend, links und rechts.

Der Mann fuhr fort: ›Kalkuliere, ist eine große Kurzsichtigkeit, den Feind ohne Unterschied niederzumachen, den Zaghaften ebensowohl als den Herzhaften; heißt das ein Prämium auf die Tapferkeit setzen, und ist das zwar klug, wenn man es bei seinen, aber nicht klug, wenn man es bei des Feindes Leuten tut. Sind die Zaghaften immer die besten Alliierten, sind es diese, die, wenn Ihr sie verschont, bei der nächsten Gelegenheit zuerst Reißaus nehmen, die andern mit sich fortreißen. Und sind die – er wies hier mit der Hand auf die flüchtigen Mexikaner – wohl die Allerzaghaftesten, denn sind im panischen Schrecken am weitesten in die Prärie hinausgesprengt, zuerst ausgebrochen, haben in ihrer Angst die Furt ganz und gar vergessen. Und wenn Ihr jetzt in sie hineinschießt und sie so merken, daß, gleichviel, ob zaghaft oder tapfer, sie doch von uns niedergeschossen werden, je nun, so könnt Ihr sicher sein, daß sie bei der nächsten Gelegenheit ihren Balg teuer verkaufen.‹

So unzeitig das ganze Palaver, um mich eines volkstümlichen Ausdrucks zu bedienen, auch war, so hatte es doch auch wieder viel Beachtenswertes; dann sprach der Mann so simpel-naiv-schlau, ich mußte lächeln.

›Sage Euch, Captings!‹ – schloß er – ›kalkuliere, laßt die armen Teufel, die Dons, laufen. Werden uns so bessere Früchte tragen, die Hasenfüße, wenn wir sie laufen lassen, als wenn wir ihrer fünfhundert niederschössen. Kalkuliere, werden das nächste Mal dafür zuerst Reißaus nehmen, uns so den Dank für die bewiesene Großmut abstatten.‹

Und jetzt trat der Mann in die Reihen zurück, und alle nickten und stimmten bei, und kalkulierten, der Zebediah habe ein wahres Wort gesprochen, und mittlerweile war auch der Feind am jenseitigen Ufer und wir – hatten das Nachsehen.

Da haben Sie nun eine unserer volkssouveränen Capers, die, die Wahrheit zu gestehen, einen wohl oft um Sinne und Verstand bringen könnten, wenn man, wie jener Irländer meinte, weder die einen noch den andern je hatte; sonst aber auch wieder zeigen, daß unsere Leute selbst in der größten Aufregung noch spitzfindig zu räsonieren, jeden möglichen Umstand zu ihrem Vorteil zu benutzen wissen. Freilich erfordern solche Leute wieder eine ganz eigentümliche Behandlung. Unser amerikanischer Geist äußert sich zuweilen so queer, beinahe verschroben, tritt so eigentümlich hervor, aber immer finden Sie zuletzt, daß er doch den Nagel auf den Kopf trifft, das Auge des Volkes richtig, ja richtiger, als das seiner Vorgesetzten oder vielmehr Diener sieht. Später hatte ich oft Gelegenheit, dies zu bemerken, und jedesmal, wenn ich mich diesem Geiste fügte, drang ich auch glücklich mit meinem Unternehmen durch, so wie andererseits das Überhören der Volksstimme von seiten meines unvergeßlichen Freundes nicht nur seinen Untergang, sondern auch beinahe den unseres neugeborenen Staates nachgezogen hätte.

Lästig bleiben aber solche Zwischenspiele in hohem Grade, da sie eine Dosis von Selbstverleugnung bedingen, die man oft bei aller Philosophie nicht immer aufzubringen vermag. Das beste ist jedoch, daß Bruder Jonathan trotz der queeren Notions, die ihm zuweilen das Gehirn durchkreuzen, doch das letzte Ziel – seinen Vorteil – nicht leicht aus den Augen verliert, wie wir auch hier erfuhren. Zu schießen weigerten sich zwar unsere Leute, aber nicht, auf das jenseitige Ufer vorzurücken, um den Feind und die Richtung, die er nahm, im Auge zu behalten.

Wir beorderten den alten Bärenjäger mit zwanzig Mann hinüber und zogen uns dann in unsere alte Position zurück.

Ich aber eilte dieser mit einer Hast zu, die wohl das Befremden der Meinigen erregen konnte, denn schon während der letzten Vorgänge war mein Benehmen seltsam genug gewesen! Wie ein Betrunkener hatte ich mich umhergetrieben – als ob ich Gespenster gesehen. Aber ich sah sie auch! Wie ein wahres Gespenst war mir das Bild Bobs während des Angriffs – der Flucht des Feindes die ganze Zeit hindurch vorgeschwebt, ein wirrer Geist in mich gefahren, der mich hinzog und trieb – zu seiner Leiche. Es war mir, als müßte ich seinen Leichnam sehen, als ob davon meine Ruhe, mein Frieden abhinge. Eine fixe Idee, die mich so heftig ergriff, daß ich wie wahnsinnig der Stelle zulief, wo er niedergeschmettert, da angelangt, mit wild rollenden Augen herumsuchte – sprang. Seltsam muß ich zu schauen gewesen sein, denn die Meinigen waren erschrocken herbeigeeilt, zu sehen, was es mit mir und dem wilden Präriemanne gäbe; nirgends aber war eine Spur von ihm zu finden. Ringsum die Stelle, wo er gefallen, suchend, war ich von dieser aufwärts, dem Rande der Prärie, dem Rebengestrüpp entlang – wieder abwärts gelaufen, hatte jeden Infanteristen, Artilleristen, Kavalleristen besehen, aber ihn nicht gefunden. Ein Gefühl der Verzweiflung kam über mich, als ich so herumschauend ihn nicht fand! So drückend war es mir, gerade als ob der Würgengel losgelassen, mich umschwebte, seine Krallen nach mir streckte.

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