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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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11

Wir saßen am folgenden Morgen beim Frühstück, als ein ziemlich gut in Schwarz gekleideter Mann angeritten kam, abstieg und vom Richter als Bob angeredet wurde. Es war wirklich Bob, obwohl kaum mehr zu erkennen. Statt des häßlich blutigen Sacktuches, das ihm zuletzt in Fetzen um den Kopf gehangen, hatte er einen Hut auf, statt des Lederwamses und so weiter anständig schwarze Tuchkleider. Der Bart war gleichfalls verschwunden. Der Mann stellte einen Gentleman vor. Mit der Kleidung war auch ein anderer Mensch angezogen. Er schien ruhig gefaßt, sein Wesen resigniert, ja mild. Mit einer gewissen Wehmut im Blicke streckte er dem Richter die Hand dar, die dieser auch herzlich ergriff und in der seinigen hielt.

›Ah, Bob!‹ sprach er, ›ah, Bob! Wenn Ihr Euch doch hättet sagen lassen, was Euch so oft gesagt worden! Ließ Euch da die Kleider eigens von New Orleans bringen, um wenigstens an Sonntagen einen respektabel und dezent aussehenden Mann aus Euch zu machen. Wie oft habe ich nicht mit Euch gegrollt, sie anzuziehen und mit uns zum Meeting zu gehen, wenn Mister Bliß drüben predigte! War das nicht ohne Ursache, Mann, daß ich Euch Kleider machen ließ! Hat das Sprichwort 'Macht das Kleid den Mann' viel Wahres, zieht der Mensch mit dem neuen Kleide wirklich auch neue Gesinnungen an. Hättet Ihr diese neuen Gesinnungen nur zweiundfünfzig Male im Jahre angezogen – ei, hätten einen heilsamen Bruch zwischen Johnny und Euch hervorgebracht. War meine Absicht eine gute.‹

Bob gab keine Antwort.

›Brachte Euch just dreimal in sie und in die Meeting; ah, Bob!‹

Bob nickte stumm.

›Wohl, wohl! Bob! Haben alles getan, Euch zu einem Menschen, wie er sein soll, zu bekehren, alles, was in unsern Kräften stand.‹

›Das habt Ihr‹ – sprach erschüttert Bob, ›Gott dank es Euch!‹

Jetzt bekam ich Respekt vor dem Richter, ich versichere Sie, sehr großen Respekt. Ich drückte ihm die Hand. Eine Träne trat ihm ins Auge, die er aber auf das Frühstück deutend unterdrückte.

Bob dankte demütig, versichernd, daß er nüchtern zu bleiben, nüchtern vor seinen beleidigten Schöpfer und Richter zu treten wünsche.

›Unserm beleidigten Schöpfer und Richter‹, versetzte der Alkalde ernst, ›werden wir nicht dadurch gefällig, daß wir seine Gaben, die er für uns, seine Kreaturen, geschaffen, zurückweisen, sondern daß wir sie vernünftig genießen. Eßt, Mann, trinkt, Mann, und folgt einmal in Eurem Leben Leuten, die es besser mit Euch meinen als Ihr selbst!‹

Jetzt setzte sich Bob.

Wir waren gerade mit unserm Frühstück fertig, als die erste Abteilung der Männer ankam, abstieg und eintrat. Auf ihren Gesichtern war nichts als das unerschütterliche texasische Phlegma zu lesen. Sie begrüßten den Richter, mich und Bob gleichmütig, ohne eine Miene, zu verändern, setzten sich, als frische Schüsseln und Teller aufgetragen waren, an dem Tische nieder, langten zu und aßen und tranken mit einem Appetit, den sie wenigstens vierundzwanzig Stunden geschärft zu haben schienen.

Während sie aßen, kamen die übrigen. Dieselben Grüße, dieselbe stumme Bewillkommnung und Einladung, derselbe Appetit. Während des halbstündigen Mahles wurden, ich bin ganz gewiß, nicht hundert Worte von allen zusammen gesprochen, und diese waren die gewöhnlichen: Will you help me, yourself –.

Endlich waren alle gesättigt, und der Alkalde befahl den Negern, die Tafel zu räumen und dann das Zimmer zu verlassen.

Als die Neger beides getan, nahm der Alkalde am obern Ende des Tisches Platz, zu beiden Seiten das Ayuntamiento, vor diesem Bob. Ich hatte mich natürlich zurückgezogen, so die zwei Männer, die sich Mordes halber aus den Staaten geflüchtet.

Allmählich nahmen auch die Gesichter einen Ausdruck an, der, weniger phlegmatisch, dem Ernste der Stunde entsprach. ›Mister Wythe!‹ hob der Richter an, ›habt Ihr als Prokurator etwas vorzubringen?‹

›Ja, Alkalde!‹ versetzte der Prokurator. ›Habe vorzubringen, daß kraft meines Auftrags und Amtes ich mich an den von Bob Rock, wie er genannt wird, angedeuteten Ort begeben, da einen getöteten Mann gefunden, und zwar durch eine Schußwunde getöteten, ihm beigebracht durch die Rifle Bob Rocks, oder wie er sonst heißt. Ferner einen Geldgürtel und mehrere Briefe und Empfehlungsschreiben an verschiedene Pflanzer.‹

›Habt Ihr ausgefunden, wer er ist?‹

›Haben es‹, versetzte der Prokurator. ›Haben aus den verschiedenen Briefen und Schreiben ersehen, daß der Mann ein Bürger, aus Illinois gekommen, nach San Felipe de Austin gewollt, um vom Oberst Austin Land zu kaufen und sich anzusiedeln.‹

So sagend, holte der Prokurator aus dem Sattelfelleisen, das ihm zur Seite lag, einen schweren Geldgürtel heraus, den er mit den Briefschaften auf den Tisch legte. Die Briefe waren offen, der Gürtel versiegelt.

Der Richter öffnete den Gürtel, zählte das Geld, das etwas über fünfhundert Dollars in Gold und Silber betrug, dann die kleinere Summe, die sich im Beutel, den Bob zu sich genommen, befand. Dann las der Prokurator die Briefe und Schreiben.

Darauf berichtete einer der Korregidoren betreffend Johnny, daß er sowohl als seine Mulattin entwichen wären. Er, der Korregidor, habe mit seiner Abteilung ihre Spur verfolgt; da diese sich jedoch geteilt, so hätten sich auch die Männer geteilt, aber, obgleich sie fünfzig, ja siebzig Meilen nachgeritten, hätten sie doch nichts von ihnen entdecken können.

Der Richter hörte den Bericht sehr unzufrieden an.

›Bob Rock!‹ rief er dann, ›tretet vor!‹

Bob trat vor.

›Bob Rock oder wie Ihr sonst heißen möget, erkennt Ihr Euch schuldig, den Mann, an dem diese Briefschaften und Gelder gefunden worden, durch einen Schuß getötet zu haben?‹

›Schuldig!‹ murmelte Bob.

›Gentlemen von der Jury!‹ sprach wieder der Richter, ›wollet ihr abtreten, euer Verdikt zu geben?‹

Die zwölf erhoben sich und verließen das Parlour, bloß der Richter, ich, Bob und die zwei Flüchtlinge blieben zurück. Nach etwa zehn Minuten trat die Jury mit unbedeckten Häuptern ein. Der Richter nahm seine Kappe gleichfalls ab.

›Schuldig!‹ sprach der Vordermann.

›Bob!‹ redete diesen nun der Richter mit erhobener Stimme an, ›Bob Rock oder wie Ihr heißen möget! Eure Mitbürger und Pairs haben Euch für schuldig erkannt, und ich spreche das Urteil aus, daß Ihr beim Halse aufgehängt werdet, bis Ihr tot seid. Gott sei Eurer Seele gnädig!‹

›Amen!‹ sprachen alle.

›Dank Euch!‹ murmelte Bob.

›Wollen noch die Verlassenschaft des Gemordeten gehörig versiegeln, ehe wir unsere traurige Pflicht erfüllen!‹ sprach der Richter.

Er rief die Negerin, der er Licht zu bringen befahl, versiegelte zuerst selbst Gürtel und Papiere, dann der Prokurator, zuletzt die Korregidores.

›Hat noch einer etwas einzuwenden, warum das ausgesprochene Urteil nicht vollzogen werde?‹ hob nochmals der Richter mit einem scharfen Blicke auf mich an.

›Er hat mir das Leben gerettet, Richter und Mitbürger!‹ sprach ich tief erschüttert, ›das Leben auf eine Weise gerettet –!‹

Bobs Augen wurden, während ich so sprach, starr, ein tiefer Seufzer hob seine Brust, aber zugleich schüttelte er den Kopf.

›Laßt uns in Gottes Namen gehen!‹ sprach der Richter.

Ohne ein Wort weiter zu sagen, verließen wir alle Parlour und Haus und bestiegen die Pferde. Der Richter hatte eine Bibel mitgenommen, aus der er Bob für die Ewigkeit vorbereitete. Auch hörte ihn dieser eine Weile aufmerksam, ja andächtig an. Bald schien er jedoch wieder ungeduldig zu werden; er setzte seinen Mustang in rascheren, bald in so raschen Trab, daß wir zu argwöhnen begannen, er suche auszureißen. Aber es war nichts als die Furcht, das Fieber möchte ihn vor seinem Ende übereilen.

Nach Verlauf etwa einer Stunde hatten wir den sogenannten Patriarchen vor uns.

Wohl ein Patriarch, ein wahrer Patriarch der Pflanzenwelt! War es die feierliche Stimmung, der Ernst des Todes, der uns im Innersten durchdrungen, aber alle hielten wir bei seinem Anblicke wie vor einer Erscheinung aus einer höhern, einer überirdischen Welt! Mir war's, als ob die Geister einer unsichtbaren Welt aus diesem Riesenwerke heraussäuselten – rauschten, diesem kolossalen Naturwunder, das so gar nichts Baumähnliches hatte! Eine ungeheure Masse von Vegetation, die, mehrere hundert Fuß im Diameter, wohl hundertunddreißig Fuß emporstarrte, aber so emporstarrte, daß man weder Stamm noch Äste noch Zweige, nicht einmal Blätter, nur Millionen weiß-grünlicher Schuppen mit unzähligen Silberbärten sah. Diese Millionen grünliche Silberschuppen glänzten euch mit den zahllosen Silberbärten – die oben kürzer, unten länger – in so seltsam phantastischen Gebilden entgegen, daß ihr beim ersten Anblicke geschworen hättet, Hunderte, ja Tausende von Patriarchen schauten euch aus ihren Nischen an! Erst tiefer hingen die Bärte – das bekannte spanische, aber hier nicht schmutzig-, sondern silbergraue Moos – länger und wohl an die vierzig Fuß zur Erde herab, so vollkommen den Stamm verhüllend, daß mehrere Männer absteigen, die Moosbärte auseinanderreißen und uns erst freien Durchgang erzwingen mußten. Innerhalb des ungeheuren Domes angekommen, nahm es noch eine geraume Weile, ehe wir, geblendet, wie wir ins Halbdunkel eintraten, das Innere zu schauen vermochten. Die Strahlen der Sonne, durch Silbermoos und Schuppen und Blätter und Bärte gebrochen, drangen grün und rot und gelb und blau wie durch die gemalten Glasfenster eines Domes ein, ganz das Halbdunkel eines Domes verbreitend! Der Stamm war wieder ein eigenes Naturwunder. Wohl vierzig Fuß emporstarrend, ehe er in die Äste auslief, hatte er der Auswüchse und Buckel so viele und ungeheure, daß er vollkommen einem unregelmäßigen Felsenkegel glich, von dem wieder Felsenzacken in jeder Richtung ausliefen, an die erst sich Massen von Silbermoos und Bärten und Gestrüppe und Zweige angesetzt. So überwältigt fühlte ich durch dieses Riesenwerk der Schöpfung, daß ich mehrere Minuten stand, staunend und starrend – erst durch das hohle Gemurmel meiner Gefährten zum Bewußtsein gebracht wurde.

Sie hielten innerhalb der Krone des Baumes in einem Kreise, Bob in der Mitte. Er zitterte wie Espenlaub, die Augen starr auf einen frischen Erdaufwurf geheftet, der etwa dreißig Schritte vom Stamme zu sehen war.

Darunter ruhte der Gemordete.

Aber eine herrliche Grabesstätte! Kein Dichter könnte sie sich schöner wünschen oder träumen. Der zarteste Rasen, die hehrste Naturgruft, mit einem ewigen Halbdunkel, so wundersam durchwoben mit Regenbogenstrahlen!

Bob, der Richter und seine Amtsgenossen waren sitzengeblieben, etwa die Hälfte der Männer aber abgestiegen. Einer der letzteren schnitt nun den Lasso vom Sattel Bobs, warf das eine Ende über einen tiefer sich herabneigenden Ast, und es mit dem andern zu einer Schlinge verknüpfend ließ er diese vom Aste herabfallen.

Nach dieser einfachen Vorkehrung nahm der Richter seinen Hut ab und faltete die Hände; die übrigen folgten seinem Beispiele.

›Bob!‹ sprach er zu dem stier über den Nacken seines Mustangs Herabgebeugten, ›Bob! Wir wollen beten für Eure arme Seele, die jetzt scheiden soll von Eurem sündigen Leibe.‹

Bob hörte nicht.

›Bob!‹ sprach abermals der Richter.

Bob fuhr auf – ›Wollte etwas sagen!‹ entfuhr ihm wie im wahnsinnigen Tone. – ›Wollte etwas sagen!‹

›Was habt Ihr zu sagen?‹

Bob stierte um sich, die Lippen zuckten, aber der Geist war offenbar nicht mehr auf dieser Erde.

›Bob!‹ sprach abermals der Richter, ›wir wollen für Eure Seele beten.‹

›Betet, betet!‹ stöhnte er, ›werde es brauchen.‹

Der Richter betete langsam und laut mit erschütterter und erschütternder Stimme:

›Unser Vater, der du bist in dem Himmel!‹

Bob sprach ihm jedes Wort nach. Bei der Bitte: ›Vergib uns unsere Schuld!‹ stöhnte seine Stimme aus tiefster Brust herauf.

›Gott sei seiner Seele gnädig!‹ schloß der Richter.

›Amen!‹ sprachen ihm alle nach.

Einer der Korregidoren legte ihm nun die Lassoschlinge um den Hals, ein anderer verband die Augen, ein dritter zog die Füße aus den Steigbügeln, während ein vierter, die Peitsche hebend, hinter seinen Mustang trat. All das geschah so unheimlich – still – schauerlich!

Jetzt fiel die Peitsche. Das Tier machte einen Sprung vorwärts. In demselben Augenblicke schnappte Bob in verzweifelter Angst nach dem Zügel, stieß ein gellendes ›Halt‹ aus –.

Es war zu spät, er hing bereits.

Das nun in rasender Verzweiflung herausgeheulte ›Halt‹ des Richters klingt mir noch in den Ohren, ich sehe ihn noch, wie er wie wahnsinnig, den Peitschenführer überreitend, an die Seite des Gehängten schoß, ihn in seine Arme riß, auf sein Pferd hob.

Mit der einen Hand den Gehängten haltend, mit der andern die Schlinge zu öffnen bemüht, zitterte die ganze Riesengestalt des Mannes in unbeschreiblicher Angst. Es war etwas Furchtbares in diesem Anblicke. Der Prokurator, die Korregidoren, alle standen wie erstarrt.

›Whisky, Whisky! Hat keiner Whisky?‹ kreischte er.

Einer der Männer sprang mit einer Whiskyflasche herbei, ein anderer hielt dem Gehängten den Leib, ein dritter die Füße. Der Richter goß ihm einige Tropfen in den Mund.

Er stierte ihn dazu an, als ob von seinem Erwachen sein eigenes Leben abhinge. Lange war alle Mühe vergebens; aber das Halstuch, das man abzunehmen vergessen, hatte den Bruch des Genickes verhindert; er schlug endlich die gräßlich verdrehten Augen auf

›Bob!‹ murmelte der Richter mit hohler Stimme.

Bob stierte ihn mit seinen verdrehten Augen an.

›Bob!‹ murmelte abermals der Richter. ›Ihr wolltet etwas sagen, nicht wahr, von Johnny?‹

›Johnny!‹ röchelte Bob. ›Johnny!‹

›Was mit Johnny?‹

›Ist nach San Antonio, der John-ny!‹

›Nach San Antonio?‹ murmelte der Richter.

Seine gewaltige Brust hob sich, als wollte sie zerspringen, seine Züge wurden starr.

›Nach San Antonio zum Padre José!‹ röchelte wieder Bob.

›Katholisch – hütet Euch!‹

›Ein Verräter also!‹ murmelten alle wie erstarrt.

›Katholisch!‹ murmelte der Richter.

Die Worte schienen ihm alle Kraft zu rauben, der Gehängte entsank seinem Arme, hing abermals am Lasso. Einen Augenblick starrte er ihn an – die Männer.

›Katholisch! Ein Verräter!‹

›Ein Bürger und ein Verräter! Katholisch!‹ murmelten sie ihm nach.

›So ist's, Männer!‹ murmelte der Richter. ›Haben aber keine Zeit zu verlieren‹, zischte er in demselben unheimlichen Tone sie anstarrend, ›keine Zeit zu verlieren – müssen ihn haben!‹

›Keine Zeit zu verlieren, müssen ihn haben!‹ murmelten sie alle.

›Müssen sogleich nach San Antonio!‹ zischte wieder der Richter.

›Nach San Antonio!‹ murmelten sie alle wie Gespenster, der in die spanischen Moose gerissenen Öffnung zuschreitend und reitend. Im Freien angekommen schauten sie den Richter – einander noch einmal fragend an, die Abgestiegenen schwangen sich in ihre Sättel, und alle sprengten in der Richtung von San Antonio davon.

Der Richter war allein zurückgeblieben – in tiefen Gedanken, leichenblaß, seine Züge eisig eisern, seine Augen starr auf die Davonreitenden gerichtet.

Plötzlich schien er aus seinen Träumen zu erwachen, erfaßte mich am Arme.

›Eilt nach meinem Hause, reitet, schont nicht Pferdefleisch! Nehmt zu Hause Ptoly und ein frisches Pferd, jagt nach San Felipe und sagt Stephan Austin, was geschehen, was Ihr gesehen, gehört!‹

›Aber Richter!‹

›Eilt, reitet, schont nicht Pferdefleisch, wenn Ihr Texas einen Dienst erweisen wollt. Bringt meine Frau und Tochter nach Hause.‹

So sagend, trieb er mich mit Händen und Füßen, dem ganzen Körper fort – in der Ungeduld nahmen seine Züge etwas so Furchtbares an, daß ich, ganz außer mir, meinem Mustang die Sporen gab.

Er flog davon. – Wie ich um die vorspringende Waldesecke herumbog, zurückschaute, war der Richter verschwunden.

Ich ritt, was mein Tier zu laufen vermochte, kam am Hause an, nahm Ptoly – ein frisches Pferd – jagte nach Felipe de Austin – meldete mich bei Oberst Austin. Stephan Austin hörte mich an, wurde bleich, befahl Pferde zu satteln, sandte zu seinen Nachbarn.

Ehe ich noch mit der Frau und Stieftochter des Alkalden nach ihrem Hause aufbrach, sprengte er mit fünfzig bewaffneten Männern in der Richtung nach San Antonio hin.

Ich kehrte mit den beiden meinem Schutze anbefohlenen Damen nach ihrer Pflanzung zurück, war aber da kaum angekommen, als ich ohnmächtig zusammensank.

Wilde Phantasien, ein heftiges hitziges Fieber ergriffen mich, brachten mich an den Rand des Grabes.

Mehrere Tage schwebte ich so zwischen Leben und Tod; endlich siegte meine jugendliche Natur. Ich erstand, aber – obwohl ich der liebevollsten, aufheiterndsten Pflege genoß – die schrecklichen Bilder wollten mich nicht verlassen, standen immer und allenthalben vor mir. Erst als ich meinen Mustang bestiegen, um mit Anthony, dem Jäger Mister Neals, der mich endlich aufgefunden, nach des letzteren Pflanzung zurückzureiten, begannen heitere Gestalten aufzutauchen.

Unser Heimweg führte am Patriarchen vorbei. Zahllose Raub- und Aasvögel umkreischten ihn. Ich wandte die Augen ab, hielt mir die Ohren zu – alles vergebens; es zog mich wie mit unsichtbarer Gewalt hin. Anthony war bereits durch die in die Moose gerissenen Öffnungen eingedrungen. Sein wildes Triumphgeschrei schallte aus dem Innern heraus.

In unbeschreiblicher Hast stieg ich ab, zog meinen Mustang durch die Öffnung, eilte dem Riesenstamme zu.

Eine Leiche hing etwa vierzig Schritte davon am Lasso von einem Aste herab, demselben Aste, an dem Bob gehangen, aber er war es nicht. Der Hängende war um vieles kleiner.

Ich trat näher, schaute.

›Ei, ein Caitiff, wie die Welt nicht zwei aufweisen konnte!‹ brummte Anthony auf die Leiche deutend.

›Johnny!‹ rief ich schaudernd, ›das ist Johnny!‹

›War es, dem Himmel sei Dank, ist's nicht mehr.‹

Ich schauderte.

›Aber wo ist Bob?‹

›Bob?‹ rief Anthony, ›ah Bob! ja Bob!‹

Ich schaute, da war noch der Grabeshügel, wie ich ihn zuletzt gesehen. Er schien mir größer, höher, und doch wieder nicht. Lag er darunter – bei seinem Opfer?

›Wollen wir dem Elenden nicht den letzten Dienst erweisen, Anthony?‹ fragte ich.

›Dem Caitiff!‹ versetzte er. ›Will meine Hand nicht vergiften, die Aasvögel mag er vergiften. Laßt uns gehen!‹

Und wir gingen.

Als wir bei Mister Neals ankamen, fand ich ihn bereits von den grauenhaften Vorfällen unterrichtet, Vorkehrungen zum bevorstehenden Kampfe treffend – so seine Nachbarn.

Acht Wochen darauf brach dieser, wie Sie wissen, auch wirklich aus, obwohl vorerst nur gegen die Militärbehörden gerichtet, die infolge höherer Weisungen sich arge Bedrückungen gegen die Kolonisten zu erlauben angefangen. Die Wegnahme der Forts Velasco und Nacogdoches, deren Besatzungen mit Oberstleutnant Ugartechia und Oberst Piedras gefangen wurden, waren die Ergebnisse dieses Kampfes.

Noch wurde jedoch auch Oberst Stephan F. Austin texasischer- und Oberst Mexia mexikanischerseits der Frieden zwischen unsern Bürgern, an deren Spitze der Alkalde stand, und den Militärbehörden vermittelt.

Aber im Jahre 1833 darauf erfolgte die Einkerkerung unseres texasischen Repräsentanten im mexikanischen Kongresse, Oberst Stephan F. Austin, durch den Vizepräsidenten Gomez Farias.

Darauf der Abfall Santa Annas zur Priesterpartei.

Diesem die Erklärung Texas' für die Konstitution von 1824.

Und dieser die Losreißung von Cohahuila sowohl als Mexiko, die Unabhängigkeitserklärung, mit einem Worte, die Revolution selbst.«

Der Erzähler brach hier auf eine Weise ab, die ungewiß ließ, ob er den Faden seiner Erzählung wieder anknüpfen würde. Eine Zigarre nehmend, war er im Begriffe, diese anzurauchen, legte sie aber wieder weg.

Eine tiefe Stille, während welcher aller Blicke erwartend an ihm hingen.

Der Supreme Judge unterbrach endlich das Schweigen: »Und wollen Sie damit sagen, daß der Ausbruch der Feindseligkeiten gegen Mexiko mit dieser gräßlichen Geschichte zusammenhing?«

Der Oberst versetzte:

»Ja und nein! Wo der Zündstoffe zum allgemeinen Brande so viele aufgehäuft liegen, wie es in Texas der Fall war, bedarf es, wie Sie wissen, um zu zünden, nur eines Funkens. Dieser Funken fiel, und er zündete.«

»Dürfen wir Sie ersuchen fortzufahren?«

Der Oberst schwieg

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