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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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›Es scheint, daß Ihr durch Johnny aufgereizt worden, Bob?‹ nahm wieder der mit der Baßstimme das Wort.

›Sagte das nicht. Sagte nur, daß er auf die Geldkatze hinblinzelte, mir sagte: – ‹

›Was sagte er?‹

›Was geht Euch aber das, was Johnny gesagt, an?‹ knurrte wieder verdrießlich Bob. ›Geht Euch nichts an, kalkuliere ich.‹

›Geht uns aber an‹, versetzte einer der Männer, ›geht uns an.‹

›Wohl, wenn es Euch angeht, mögt Ihr es ebensowohl wissen‹, brummte wieder Bob. ›Sagte, wie ich so wild aus dem Hause stürze, – sagt er: 'Seid Ihr denn gar so Hühnerherz geworden, Bob', sagt er, 'daß Ihr da Fersengeld gebt, wenn nicht zehn Schritte von Euch eine so vollgespickte Katze für wenig mehr denn ein Lot Blei zu haben?'‹

›Hat er das gesagt?‹ fragte wieder die Baßstimme.

›Fragt ihn selbst!‹

›Wir fragen aber Euch.‹

›Je nun, er hat es gesagt.‹

›Hat er es gewiß gesagt?‹

›Sag Euch schon, wozu das ewige Palavern? Hat's gesagt, aber müßt ihn fragen. Will weder seinem noch irgendeines andern Gewissen auf die Hühneraugen treten, sind mir die meinigen dick genug, bürg Euch dafür. Will nur die meinigen ausgeschnitten haben, und müssen ausgeschnitten sein. Wollt Ihr sie ihm ausschneiden, müßt Ihr Euch an ihn wenden. Kalkuliere, will bloß für mich reden, für mich gehängt sein.‹

›Alles recht, alles recht, Bob!‹ nahm wieder der Alkalde das Wort. ›Aber wir können Euch doch nicht hängen, ohne uns zuvor zu überzeugen, daß Ihr es auch verdient. Was sagt Ihr dazu, Mister Wythe? Seid Prokurator, und Ihr, Mister Heart und Stone? Helft Euch zu Rum oder Brandy, und Mister Bright und Irwin, eine frische Zigarre! Sind considerabel tolerabel, die Zigarren. Sind sie's nicht? Wohl, Mister Wythe, das in der Diamantflasche ist Brandy, – was sagt Ihr dazu?‹

Mein aristokratischer Demokrat war so ganz Demokrat geworden, als mir unter andern Umständen wohl ein Lächeln abgenötigt hätte, hier aber verging es mir. Mister Wythe, der Prokurator, hatte sich erhoben, wie ich glaubte, sein Urteil abzugeben, aber an dem war es noch nicht. Er trat zum Schenktische, stellte sich gemächlich vor diesen hin, und die Diamantflasche mit der einen Hand ergreifend, mit der andern das Glas, sprach er:

›Je nun, Squire oder vielmehr Alkalde!‹

Nach dem Alkalde schenkte er das Glas halb mit Rum voll.

›Wenn's so ist‹, meinte er weiter, einen Viertelzoll Wasser hinzugießend.

›Und‹, fuhr er fort, einige Brocken Zucker nachsendend › – Bob den Mann kaltgemacht hat –

meuchlings kaltgemacht hat‹, setzte er hinzu, den Zucker mit dem hölzernen Stempel zerstoßend und umrührend –

›so kalkuliere ich‹ – argumentierte er, das Glas hebend:

›daß Bob, wenn's ihm so recht ist, gehängt werden sollte‹ – schloß er, das Glas zum Munde bringend und leerend.

Bob schien eine schwere Last von der Brust genommen. Er holte tief und erleichtert Atem. Die übrigen nickten stumm.

›Wohl!‹ sprach, aber nicht ohne Kopfschütteln, der Richter. ›Wenn Ihr so meint und Bob einverstanden ist, so kalkuliere ich, müssen wir ihm schon seinen Willen tun. Freilich sollte eigentlich das Ganze noch vor die District Court nach San Antonio hinüber; aber da er einer der Unsrigen ist, müssen wir schon ein Auge zudrücken, ihm Gnade für Recht widerfahren lassen, den Gefallen tun. Sag Euch aber, tue es nicht gerne. Tue es zwar, aber muß auf alle Fälle der kaltgemachte Mann noch zuvor untersucht, auch Johnny verhört werden. Sind das uns, sind es Bob als unserm Mitbürger schuldig.‹

›Auf alle Fälle!‹ bekräftigten die sämtlichen zwölf.

›Was hat aber der Johnny dabei zu tun?‹ fiel mürrisch Bob ein. ›Hab Euch schon ein dutzendmal gesagt, war nicht dabei und geht ihn nichts an.‹

›Geht ihn aber doch an‹, entgegnete der Richter. ›Geht ihn an, Mann. War zwar nicht dabei, aber sandte Euch dafür, zwar nicht mit ausdrücklichen Worten, aber mit einem geheimen Sporne. Wäre Johnny nicht gewesen, hättet Ihr weder Mann noch Geldkatze gesehen pro primo, pro secundo hättet Ihr Eure zwanzig fünfzig nicht verspielt und pro tertio wäre Euch nicht die Notion ins Gehirn gekommen, Euch durch seine gespickte Katze entgegen einem Lot Blei zu entschädigen.‹

›Ist ein Fact das!‹ bekräftigten alle.

›Seid ein greulicher Mörder, Bob! Und ein considerabler dazu‹, nahm wieder der Richter das Wort, ›aber sage Euch doch, und gilt mir gleich, wer's hört, sag es Euch ins Gesicht, will Euch nicht schmeicheln, aber seid mir doch lieber in Eurer Nagelspitze als der Johnny mit Haut und Haaren. Und tut mir leid um Euch, denn weiß, seid im Grunde kein Bösewicht, seid aber durch böses Beispiel, böse Gesellschaft verführt worden. Könntet aber, kalkuliere ich, noch zurechtgebracht, noch zu manchem gebraucht werden, vielleicht besser gebraucht werden, als Ihr meint. Ist Eure Rifle eine kapitale Rifle.‹

Die letzten Worte machten alle aufschauen. Bob scharf und fragend fixierend, hielten sie in gespannter Erwartung.

›Könntet‹, fuhr der Richter ermutigend fort, ›vielleicht der Welt, Euren beleidigten Mitbürgern, dem verletzten Gesetze noch bessere Dienste leisten als durch Euer Gehängtwerden da. Seid immer noch ein Dutzend Mexikaner wert.‹

Bob war während der Rede des Richters der Kopf auf die Brust gefallen. Jetzt hob er ihn, zugleich tiefen Atem holend.

›Verstehe, Squire! Weiß, worauf Ihr zielt. Kann aber nicht, darf nicht; kann nicht so lange warten, mag nicht. Ist mir das Leben zur Last, quält mich, foltert mich gar grausam. Läßt mir keine Ruhe, bei Tag und Nacht, wo ich gehe, stehe.‹

›Wohl, so legt Euch!‹ meinte der Richter.

›Steht auch da vor mir, treibt mich zurück unter den Patriarchen.‹

Hier schauten mehrere den Sprecher an, dann fielen ihre Blicke wieder zu Boden. Eine Weile saßen sie so in tiefer Stille, endlich hoben sie die Köpfe, schauten einander forschend an, und der Richter nahm abermals das Wort:

›Es bleibt also dabei, Bob. Wollen heute zum Patriarchen, und morgen kommt Ihr. Seid Ihr's so zufrieden?‹

›Um welche Zeit?‹

›Um die zehn Uhr herum.‹

›Könnte es nicht früher sein?‹ murmelte ungeduldig den Kopf schüttelnd Bob.

›Warum früher? Seid Ihr denn gar so lüstern nach der Hanfbraut?‹ meinte Mister Heart.

›Was hilft das Schwätzen und Palavern?‹ brummte mürrisch Bob. ›Sag es Euch ja, läßt mich nicht ruhen. Muß aus der Welt, treibt mich daraus; darum, je eher, desto besser! Bin satt des Lebens, und wenn ich erst um zehn Uhr komme und Ihr da noch ein paar Stunden oder mehr Euer Palaver habt und wir dann wieder eine Stunde oder zwei zum Patriarchen reiten, kommt das Fieber.‹

›Aber wir können doch wegen Eurem Fieber da nicht wie die wilden Gänse zusammen- und auseinanderschießen‹, rief ungeduldig der Prokurator. ›Habt doch nur ein Einsehen, Mann!‹

›Freilich, freilich!‹ meinte wieder beinahe demütig Bob.

›Ist aber ein schlimmer Gast, das Fieber, Mister Wythe!‹ bemerkte Mister Trace, ein frisches Glas nehmend. ›Und kalkuliere‹, fuhr er fort, es leerend, ›sollten ihm den Gefallen tun.‹

›Wohl, Squire, was meint Ihr dazu?‹ fragte der Prokurator. ›Meint Ihr, daß wir ihm zu Willen sein sollen?‹

›Kalkuliere, ist wirklich ein wenig gar zu importun, unbescheiden da in seinen Forderungen, der Bob‹, meinte, sehr verdrießlich den Kopf schüttelnd, der Richter.

Alle schwiegen.

›Aber wenn Ihr dafürhaltet und es zufrieden seid‹, fuhr er zu dem Ayuntamiento gewendet fort, ›und weil es Bob ist, weil Ihr es seid, Bob!‹ – wandte er sich an diesen – ›so kalkuliere ich, müssen wir Euch wohl schon zu Willen sein.‹

›Dank Euch!‹ sprach sichtlich erleichtert Bob.

›Nichts zu danken!‹ brummte, während Bob der Tür zuging, mürrisch der Richter. ›Nichts zu danken! Aber jetzt geht in die Küche, versteht Ihr, und laßt Euch da ein tüchtiges Stück Roastbeef mit Zubehör geben, versteht Ihr?‹

Auf den Tisch klopfend, hielt er inne.

›Ein tüchtiges Roastbeef und Zubehör dem Bob‹, befahl er der eintretenden Diana, ›und das sogleich, und Ihr seht darauf, daß er es verzehrt. Und zieht Euch anders an, Bob, versteht Ihr? Wie ein Bürger, nicht wie eine wilde Rothaut, versteht Ihr?‹

Er winkte der Negerin abzutreten und fuhr dann zu Bob gewendet fort:

›Keine Einrede, Bob! Den Rum wollen wir Euch senden, sollt essen und trinken, Mann, wie ein vernünftiges Geschöpf, Eurem Geschick als Mann und nicht als ein hirnverbrannter Narr entgegentreten. Brauchen da keine Sprünge, keine Hungerkuren, die Euch noch verrückter machen. Sage Euch, tun keinen Schritt, so Ihr nicht vernünftig eßt und trinkt von den Gaben Eures Gottes, die er für Hohe und Niedrige, für Böse und Gute wachsen läßt, Euch wie ein vernunftbegabtes Wesen betragt und kleidet.‹

›Dank Euch!‹ sprach demütig Bob.

›Nichts zu danken, sagt' Euch's schon!‹ grollte der Richter.

Bob ging. Die Männer blieben sitzen, so ruhig wie immer. Einer oder der andere stand wohl auf, sein Glas zu füllen oder eine Zigarre zu nehmen, aber ein Eintretender würde schwerlich erraten haben, daß hier ein Ayuntamiento auf Leben und Tod saß. Zuweilen ließ sich ein Gebrumme hören, aus dem zu entnehmen war, daß sie mit der eilfertigen Zudringlichkeit noch immer nicht einverstanden waren, besonders der Alkalde; allmählich jedoch schien auch er nachzugeben. Es dauerte jedoch noch eine geraume Weile, wohl eine Stunde, ehe sie alle ihre Notionen vorgebracht, entwickelt und wieder entwickelt hatten, alles in dem allerruhigsten, phlegmatischsten Tone. Kein Wort, keine Silbe war zu hören, lauter als der gewöhnliche Konversationston. Man hätte schwören sollen, irgendeine Kirchstuhl- oder Predigersmietung werde verhandelt; selbst Johnny, der nach aller einstimmigem Urteile ein sehr gefährliches Subjekt sein mußte, war nicht imstande, sie aus der Fassung zu bringen. Sie wurden so ruhig einig, ihn zu lynchen, wie die Hinterwäldlerphrase lautet, als ob die Rede vom Einfangen eines Mustangs gewesen wäre. Als sie diesen Beschluß endlich gefaßt, erhoben sie sich, traten alle nochmals zum Schenktisch, tranken auf des Richters, meine Gesundheit, schüttelten uns die Hände und verließen Parlour und Haus.

Mir war während dieser grenzenlos zähen Verhandlung so unwohl geworden, daß ich mich nur mit Mühe auf den Füßen zu erhalten vermochte. Das hausbacken Derbe, Gefühllose und wieder Gefühlvolle dieser Menschen widerstand meinen Nerven. Mir schmeckte weder Frühstück, Mittag-, noch Abendessen. Aber der Richter war sehr übelgelaunt, obwohl der Grund seiner üblen Laune wieder, wie Sie leicht ermessen können, ganz anders lautete. Sein Verdruß war wieder, daß das Ayuntamiento auf seine Notion, Bob dem Gemeinbesten, wie er es nannte, zu erhalten, nicht eingegangen, daß ihm das Gehängtwerden gar so leicht gemacht worden, der doch seinem Lande, der bürgerlichen Gesellschaft noch recht gute Dienste hätte leisten mögen. Daß Johnny, der elende, niederträchtige, feig-verräterische Johnny, aus der Welt geschafft würde, war vollkommen recht, aber daß Bob es gleichfalls würde, erschien ihm stupid, stolid, absurd. Es war vergeblich, ihn an die Versündigung an der bürgerlichen Gesellschaft, dem Gesetze Gottes, der Menschen – den Finger Gottes, das rächende Gewissen zu erinnern. Bob hatte sich an der bürgerlichen Gesellschaft, an seinem Schöpfer versündigt – diesen stand es zu, Genugtuung zu fordern, sie zu bestimmen, nicht aber ihm; sich da feige aus der Welt, an der er sich versündigt, hinauszuschleichen, damit sei weder Gott noch den Menschen gedient. Unter den vierzehn Männern seien auch zwei gewesen, die wegen Mordes aus den Staaten geflüchtet, aber sie trügen ihre Schuld und Last als Männer, willens, sie als Männer zu büßen, an den Mexikanern gutzumachen.

Wir gerieten beinahe hart aneinander, sprachen auch den ganzen Tag nur wenig mehr und trennten uns am Abend frühzeitig.

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