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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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10

Der Oberst besann sich einen Augenblick und fuhr dann fort:

»Pferdegetrampel weckte mich am folgenden Morgen. Es war Bob, der angekommen, soeben abstieg. Aber welches Absteigen! Die Glieder schienen ihm den Dienst zu versagen, auseinanderstreben, reißen zu wollen, so verrenkt, schwankend, taumelnd waren seine Bewegungen. Anfangs glaubte ich, er sei betrunken, aber er war es nicht. Es war die Todesmüdigkeit des unter der Seelenqual erliegenden Körpers, er gerade zu schauen, als ob er von der Folter käme. Die vierundzwanzig Stunden mußten ihm gräßlich mitgespielt haben.

Schaudernd warf ich mich in die Kleider, sprang die Treppe hinab und öffnete die Haustür.

Den Kopf auf dem Nacken seines Mustangs ruhend, die Hände darüber gekreuzt, stand er, wechselweise zusammenschaudernd und wieder aus tiefster Brust herauf stöhnend.

›Bob, seid Ihr es?‹

Keine Antwort.

›Bob, wollt Ihr nicht ins Haus?‹ sprach ich, bemüht, eine seiner Hände zu erfassen.

Er schaute auf, stierte mich an, schien mich aber nicht zu erkennen.

Ich zog ihn vom Mustang weg, band diesen an einen der Pfosten und führte ihn dann ins Haus. Er ließ mit sich geschehen, folgte willen-, beinahe kraftlos. Wie ich ihm einen Sessel stellte, fiel er in diesen hinein, daß der Sessel zusammenkrachte, das ganze Haus erschütterte. Aber kein Wort war aus ihm herauszubringen. Eben wollte ich mich in meine Schlafkammer zurückziehen, um meine Toilette so viel als möglich zu ordnen, als sich aber- und abermals Pferdegetrampel hören ließ. Es waren zwei Reiter, denen in einiger Entfernung mehrere folgten, alle in Jagdblusen, hirschledernen Beinkleidern und Wämsern, mit Rifles und Bowie-Knives bewaffnet, feste, trotzige Gesellen, offenbar aus den südwestlichen Staaten, mit dem echten Kentucky-, halb Roß-, halb Alligator-Profile, auch der gehörigen Beigabe von Donner, Blitz und Erdbeben. Ein dreitausend solcher Männer konnten es freilich mit einer Armee Mexikaner, wenn alle den Spindelbeinen gleichen, die ich gesehen, aufnehmen, denn jede Hand dieser Kolosse wog füglich einen ganzen Mexikaner auf. Übrigens eine sehr behagliche Empfindung, als ich sie mit echt kentuckyscher Care-the-devil-Miene absteigen, ihrer Pferde Zügel dem Neger in die Hände werfen und dann in das Haus eintreten sah, ganz wie Leute, die überall zu Hause, sich auch in Texas als die Herren zeigten, mehr so zeigten als die Mexikaner selbst. Das waren allerdings die Männer, die Texas zur Unabhängigkeit erheben konnten! Beim Eintritte in das Parlour nickten sie mir zwar einen guten, aber etwas kalten Morgen zu, ihre Falkenaugen hatten mit mir zugleich Bob erschaut, ein Zusammentreffen, das ihnen aufzufallen schien, obwohl sie dies unter der Maske gleichgültigen Nichtbeachtens verbargen; doch warfen sie mehrere Male, ohne sich übrigens in ihrer Unterhaltung stören zu lassen, sehr scharfe Blicke auf mich. Diese Unterhaltung bezog sich auf Rinder und Cottonpreise, auf die Verhandlungen des Cohahuila- und Texas- und wieder Generalkongresses, auf die Demonstrationen, die von Metamora aus gegen Texas, wie es hieß, im Anzuge waren und die auch, wie Sie wissen, kurz darauf wirklich stattfanden, die sie aber bis jetzt nicht im mindesten zu beunruhigen schienen. Man hätte schwören sollen, daß die drohenden Demonstrationen sie ganz und gar nichts angingen. Nach und nach kamen ihrer mehrere, so daß ihre Anzahl auf vierzehn stieg, alle fest entschieden auftretende Gesellen bis auf zwei, die mir weniger gefielen. Auch den übrigen schienen sie nicht sehr zu gefallen, denn keiner reichte ihnen die Hand, kaum daß sie ihrem ›good morning‹ ein stummes Nicken entgegengaben. Sie allein traten auf Bob zu, es versuchend, ihn zum Reden zu bringen, allein vergebens.

Der Richter war mittlerweile, nach dem Geräusche im anstoßenden Kabinette zu schließen, aufgestanden und mit seiner Toilette beschäftigt, die ihm aber nur wenig Zeit nehmen mochte, denn kaum waren drei Minuten seit dem Krachen des Bettes verflossen, als auch bereits die Tür aufging und er eintrat.

Zwölf von den Männern traten ihm freundlich, ja herzlich entgegen, die zwei blieben im Hintergrunde, auch schüttelte er nur den ersteren die Hand.

Als er den zwölfen die Hand geschüttelt, den zweien kalt zugenickt, trat er zu mir, nahm mich bei der Hand und stellte mich seinen Gästen vor. Erst jetzt erfuhr ich, daß ich vor keinen geringeren Personagen als dem Ayuntamiento von San Felipe de Austin stand, daß zwei meiner derben Landsleute Korregidoren, einer Prokurator, die übrigen aber buenos hombres, das heißt soviel als Freisassen, Mannen, waren, Ehrenbenennungen, die sie übrigens nicht sehr hoch anzuschlagen schienen, denn sie begrüßten und nannten sich bloß bei ihren Familiennamen.

Jetzt brachte der Neger ein Licht, rückte die Zigarrenkistchen, die Armsessel zurecht, der Richter deutete auf den Schenktisch, die Zigarren, und dann ließ er sich nieder.

Einige nahmen einen Schluck, andere Zigarren. Über dem Einschenken, Trinken, dem Anbrennen, In-Rauch-Versetzen verging eine geraume Weile.

Bob krümmte sich währenddem wie ein Wurm.

Jetzt endlich, dachte ich, würde er ans Geschäft gehen, aber ich schoß fehl.

›Mister Morse!‹ redete er mich an, ›seid so gut, helft Euch.‹

Ich schenkte ein; er winkte mir anzustoßen. Ich trat zu ihm, stieß mit ihm, allen übrigen bis auf die zwei an. Noch mußte ich eine Zigarre nehmen, sie anbrennen, und erst als dies in Ordnung, nickte er zufrieden, die Arme auf die beiden Lehnen des Sessels stützend.

Es war etwas pedantisch Langweiliges, aber auch patriarchalisch Würdevolles und wieder Berechnetes in dieser langsamen Prozedur, die wirklich charakteristisch amerikanisch genannt werden kann. Wie wir aller äußeren Formen entbehrend, hat unser ernster Nationalcharakter in dieser würde- und bedachtvoll einleitenden Langsamkeit sehr glücklich, wie mir scheint, die Formalitäten, den Pomp und die Repräsentation anderer Völker bei ihren Gerichts- und öffentlichen Verhandlungen ersetzt.

Nachdem denn endlich alle getrunken, alle ihre Zigarren angeraucht, sprach der Richter, die Zigarre absetzend und sein Glas ergreifend:

›Männer!‹

›Squire!‹ sprachen die Männer.

›Haben ein Geschäft vor uns, ein Geschäft, das, kalkuliere ich, besser der expliziert, den es betrifft.‹

Die Männer schauten den Squire, dann Bob, dann mich an.

›Bob Rock oder was sonst Euer Name, so Ihr etwas zu sagen habt, so sagt es‹, sprach der Alkalde.

›Hab's Euch ja schon gestern gesagt‹, brummte Bob, den Kopf noch immer zwischen den Händen, die Ellbogen auf den Knien.

›Ja, aber müßt es heute wieder sagen. War gestern Sonntag, und ist der Sonntag, wißt Ihr, der Tag der Ruhe, der Feier und nicht der Geschäfte. Sehe das, was Ihr an einem Sonntage sagt, als nicht gesagt an. Will Euch nicht nach Eurem gestrigen Sagen richten oder richten lassen. Habt es dann auch bloß unter vier Augen gesagt, denn Mister Morse rechne ich nicht, betrachte ihn noch als Fremdling.‹

›Aber wozu denn das ewige Palaver, wenn die Sache klar!‹ brummte Bob, den Kopf mürrisch erhebend. Wie jetzt die Männer auf- und ihn anschauten, legte sich ein düsterer, finsterer Ernst um ihre eisernen Gesichter. Er war wirklich schauderhaft zu schauen, das Gesicht schwarzblau, die Wangen hohl, der gräßliche Bart, die blutunterlaufenen Augen tief in den Höhlen rollend! Es war nichts Menschliches mehr in diesen Zügen.

›Wie Mississippiwasser‹, versetzte bedächtig der Richter. ›Klar wie Mississippiwasser, wenn es vierundzwanzig Stunden gestanden. Sag Euch, will weder Euch noch irgend jemanden auf sein Wort verdammen, um so weniger Euch, als Ihr in meinem Hause – zwar nicht in meinem Hause, aber doch in meinem Dienste gestanden, von meinem Brot gegessen. Will Euch nicht verdammen, Mann!‹

Bob holte tief Atem.

›Habt Euch gestern selbst angeklagt; hat aber Eure Selbstanklage einen Haken, habt das Fieber.‹

›Hilft alles nichts‹, stöhnt, wie gerührt, Bob. ›Hilft alles nichts! Sehe, meint es gut. Aber, obwohl Ihr mich retten könnt von Menschenhänden, könnt Ihr mich doch nicht retten vor mir selbst. Hilft nichts, muß gehängt sein, an demselben Patriarchen gehängt sein, unter dem er liegt, den ich kaltgemacht.‹

Abermals schauten die Männer auf, sprachen aber kein Wort.

›Hilft alles nichts‹, fuhr Bob fort. ›Ja, wenn er mir gedroht, wenn er Streit angefangen, mir nur verweigert hätte, tat das aber nicht. Sagte, gellt mir noch in den Ohren, höre ihn noch, wie er sagt: 'Tut das nicht, zwingt mich nicht, etwas zu tun, was Ihr, was ich bereuen könnte. Tut das nicht, Mann! Habe Weib und Kind, und bringt keinen Segen, was Ihr vorhabt.' Hörte aber nicht‹ – stöhnte er aus tiefster Brust herauf – ›hörte nichts als die Stimme des Teufels, warf die Rifle vor – schlug an – drückte ab.‹

Sein entsetzliches Stöhnen, das wie das unterdrückte Gebrüll eines Rindes tönte, schien selbst die eisernen zwölf zu erschüttern. Sie betrachteten ihn mit scharfen, aber wie verstohlenen Blicken.

›So habt Ihr einen Mann totgemacht?‹ fragte endlich eine tiefe Baßstimme.

›Ei, so hab ich!‹ schnappte Bob heraus.

Und wie ihm die Worte entschnappten, schaute er den Fragenden stier an, der Mund blieb ihm weit offen.

›Und wie kam das?‹ fragte der Mann weiter.

›Wie es kam? Wie es kam? Müßt den Teufel fragen oder auch Johnny. Nein, nicht Johnny, kann es Euch doch nicht sagen, der Johnny. War nicht dabei, der Johnny. Kann nur ich es sagen, und doch, kann es kaum sagen, weiß selbst nicht, wie es kam. Traf den Mann bei Johnny, weckte Johnny den Bösen in mir, zeigte mir seine Geldkatze.‹

›Johnny?‹ fragten mehrere.

›Ei, Johnny! Kalkulierte auf seine Geldkatze, war aber zu pfiffig, zu gescheit für ihn, und als er mir meine Federn, meine zwanzig fünfzig, ausgerupft – ‹

›Zwanzig Dollar fünfzig Cents‹, erläuterte der Richter, ›die er von mir für erlegtes Wild und eingegangene Mustangs erhalten.‹

Die Männer nickten.

›Und machtet den Mann, weil er nicht spielen wollte, kalt?‹ fragte wieder die Baßstimme.

›Nein, erst einige Stunden darauf am Jacinto, unweit dem Patriarchen. Begegnete ihm unterhalb und machte ihn kalt da.‹

›Dachte mir wohl, daß da etwas Apartes sein müsse‹, nahm ein anderer das Wort, ›denn war Euch doch eine ganze Nation von Aasvögeln und Geiern und Turkeybuzzards und derlei Gezüchte auf und ab, als wir vorüberritten. Nicht wahr, Mister Heart?‹

Mister Heart nickte.

›Traf ihn nicht weit vom Patriarchen und forderte halbpart von dem Gelde‹, hob wieder instinktartig Bob an. ›Wollte mir etwas geben‹, fuhr er fort, ›einen Quid zu kaufen und mehr als das, aber nicht halbpart. Sagte, habe Weib und Kind.‹

›Und Ihr?‹ fragte wieder der mit der Baßstimme, die aber jetzt hohl klang.

›Schoß ihn nieder‹, versetzte mit einem heisern, entsetzlichen Lachen Bob.

Eine Weile saßen alle mit zu Boden gerichteten Blicken. Dann fuhr der mit der Baßstimme in dem Verhör weiter.

›Und wer war der Mann?‹

›Ei, wer war er? Fragte ihn nicht, wer er war, stand ihm auch nicht auf der Stirn geschrieben. War ein Bürger, ob aber ein Hoshier, oder Buckeye, oder Mudhead, ist mehr, als ich sagen kann.‹

›Die Sache muß denn doch untersucht werden, Alkalde‹, nahm nach einer langen Pause ein anderer das Wort.

›Das muß sie‹, versetzte der Alkalde.

›Wozu da erst lange untersuchen?‹ brummte unwillig Bob.

›Wozu?‹ entgegnete der Richter. ›Weil wir das uns, dem Kaltgemachten und Euch schuldig sind, Euch nicht verurteilen können, ohne das Corpus delicti gesehen zu haben.

Ist auch ein anderes Item‹, fuhr er zu den Männern gewandt fort, ›auf das ich euch aufmerksam machen muß. Ist der Mann halb und halb außer sich, nicht compos mentis, wie wir sagen. Hat das Fieber – hatte es, als er die Tat beging, war ferner da von Johnny aufgereizt – in desperater Stimmung über seinen Verlust; aber trotz dieser gereizten Stimmung hat er diesem Gentleman da, Mister Edward Nathanael Morse – das Leben gerettet.‹

›Hat er das?‹ fragte der mit der tiefen Baßstimme.

›In jeder Beziehung‹, versetzte ich, ›nicht nur dadurch, daß er mich aus dem tiefen Flusse zog, in dem ich, sterbend von meinem Mustang geworfen, sicher ertrunken wäre, sondern auch durch die sorgfältigste Pflege, die er dem sogenannten Johnny und seiner Mulattin zu meinen Gunsten abdrang. Ohne ihn wäre ich nicht mehr am Leben, das kann ich beschwören.‹

Bob warf mir jetzt einen Blick zu, der mir durch die Nerven drang. Es war so erschütternd, Tränen in diesen Augen zu treffen!

Die Männer hörten in tiefem Schweigen.

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