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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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9

»Eine geraume Weile war mein Richter gesessen, ohne ein Wort zu sagen. Auf einmal schaute er auf – mich scharf an.

›Nicht wahr, seid ein Jurist, ein Lawyer?‹

Die Frage kam mir unerwartet – ich stockte.

›Woraus schließt Ihr das?‹ versetzte ich endlich.

›Weil Ihr Bob mit aller Gewalt gehängt haben wollt. Ist ganz dem Gesetze gemäß, und sehe, daß Ihr ein Mann des Gesetzes seid. Schaut bei Euch das Gesetz überall heraus, glaubt, es fordere Genugtuung, sei in der Ordnung, obwohl ich, die Wahrheit zu sagen, nicht erwartete, daß er gerade in Euch seinen öffentlichen Ankläger finden würde.‹

Er blies, während er so sprach, den Rauch etwas ungeduldig von sich.

Ich schwieg, denn ich fühlte mich in der Tat am wunden Flecke getroffen. Was immer Bobs Vergehen – mir stand gewiß seine Verdammung nicht zu.

›Nehme Euch das aber nicht übel‹, fuhr er sehr gelassen fort, ›ist Natur das, liegt in unserer Natur oder vielmehr der geistigen Form, die uns die bürgerliche Gesellschaft aufgedrückt. Guckt diese Form überall hindurch. Seid auch nachgerade aus den Staaten gekommen, wo Menschenleben nicht so hoch im Preise stehen. Ist aber bei uns hier in der Prärie ein anderes. Hat hier das Menschenleben noch einmal soviel Wert als droben in den Staaten und zwanzigmal soviel als im alten England, wo es beinahe gar keinen Wert mehr hat und sie einen wegen eines gestohlenen Schafes hängen. Könnte bei uns eine ganze Rinderherde stehlen, würde höchstens ausgepeitscht.‹

Er hielt inne.

›Aber wird ja auch in den Staaten droben der Mord nicht mehr mit dem Tode bestraft, wenigstens nicht sehr häufig?‹

Diese Frage war wieder von einem seiner lauersamsten Blicke begleitet.

›Seit die Livingstonschen Ansichten Grund gewonnen. Ihr wißt, der Code Livingston wurde von mehreren Staaten bei ihrem Kriminalkodex zugrunde gelegt.‹

›Ist ein großer Philosoph‹, bemerkte er sinnend, ›ein wahrhaft philosophischer Kriminalist! Sein Grundsatz, daß keiner bürgerlichen Gesellschaft das Recht zustehe, einem Individuum das Leben zu nehmen, vollkommen richtig, ganz demokratisch; obwohl ich wieder der Notion bin, daß keine bürgerliche Gesellschaft in die Länge dabei bestehen könnte.‹

›Der Meinung bin ich auch, wenigstens keine zahlreiche, in großen Städten eng zusammengedrängte. Der Grundsatz, daß der Verbrecher, selbst der Mörder für die bürgerliche Gesellschaft zwar unschädlich gemacht, aber nicht geopfert werden dürfe, ist philosophisch, aber nicht staatsmännisch.‹

›Weil von allen Bestien die zivilisierte ganz bestimmt die gefährlichste ist‹, schaltete er ein.

›Und man‹, bemerkte ich, ›mit dem Absperren, der Wiedererziehung, Gewinnung des Verbrechers für die bürgerliche Gesellschaft nicht diesen, sondern die bürgerliche Gesellschaft selbst bestraft. Diese Wiedererziehung, Gewinnung ist nun wirklich für unsere Staaten eine sehr empfindliche Buße geworden. Denkt nur an die ungeheuren Summen, die unsere Staatsgefängnisse von Auburn, Sing-Sing, Philadelphia, Pittsburg kosten.‹

›Aber auf der andern Seite werden die Verbrechen nicht wieder in der Regel durch die Gebrechen der bürgerlichen Gesellschaft hervorgerufen, und ist es nicht billig, daß – ‹

›Wir kommen da in eine Disquisition, Richter‹, fiel ich halb gähnend ein, ›die uns in ein wahres Labyrinth von Argumentation führen müßte.‹

›Habt recht, habt recht!‹ versetzte er, sein Glas leerend, ›aber so viel seht Ihr doch jetzt ein, daß, was Ihr oben nicht mit dem Tode bestraft, wir auch hier füglich nicht hängen können. Hätten wahrlich alle Hände voll zu tun.‹

›Aber Ihr seid in Mexiko, mexikanischer Richter!‹

›Und deshalb, glaubt Ihr, sollen wir uns zu euren Scharfrichtern hergeben, schickt uns deshalb eure Mörder und Totschläger herab? Kaum, daß oben in den Staaten mehr eine Jury zu finden, die ein Schuldig über die todeswürdigen Verbrecher auszusprechen den Mut hätte, wird er so sicher und gewiß freigesprochen, ihm dann der Laufpaß zu uns gegeben, als – Moses ein Hebräer war.‹

Ich mußte ihm leider recht geben, denn so allgemein verbreitet ist nun, wie Sie wissen, der Livingstonsche Grundsatz, ich möchte es lieber Vorurteil nennen, daß der bürgerlichen Gesellschaft nicht das Recht zustehe, einem Mitbürger das Leben zu nehmen, daß wirklich kaum mehr eine Jury zu finden, die selbst über anerkannt todeswürdige Verbrecher das Schuldig ausspräche. Man spricht ihn ebenso sicher und gewiß frei, als man ihn den Tag darauf lynchen würde, ließe er sich noch irgendwo blicken.

›Die Mexikaner‹, fuhr er fort, ›schicken uns wieder ihre Missetäter auf den Hals. Sind da unter den vierhundert Soldaten, die auf den verschiedenen Posten von San Antonio, Nacogdoches, Fort Goliad, Alama garnisonieren, keine Dutzend, die sich nicht todeswürdiger Verbrechen schuldig gemacht hätten, alle durch die Bank zum Tode verurteilte Räuber und Mörder, die hierher in eine Art Strafgarnison verwiesen worden. Haben die saubere Politik, daß, wenn einer der Ihrigen ein todeswürdiges Verbrechen begeht, man ihn in die Soldatenjacke eintut, dann nach Texas sendet, um gegen die sogenannten Hereges, das sind wir, zu dienen – seine Sünden so abzubüßen. Wäre unser Texas im besten Zuge, ein anderes Botanybai zu werden.‹

›Eine nicht sehr erfreuliche Aussicht!‹ bemerkte ich.

›Doch auch wieder nicht so gar unerfreulich, wie Ihr meint‹, versetzte er wieder sehr kühl. ›Hat auch wieder sein Gutes, sowohl für Mexiko als für uns. Säubert sich Mexiko von seinem Ungeziefer und gibt uns wieder Gelegenheit, uns von Mexiko zu säubern.‹

›Wieso?‹

›Wird einer der vielen Stiele zum großen Haken, der uns von Mexiko losreißen soll, und haben dann das Gegengift, das uns dieses mexikanische Gift ausrotten wird, in den Galgenvögeln, die Ihr uns aus den Staaten sendet. Sind diese das Gegengift gegen das mexikanische Gesindel.‹

›Die Mörder, die Spieler, die Verbrecher aus den Staaten das Gegengift?‹ rief ich erstaunt.

›Ei, so ist's! Frißt der Dünger das Moos, paralysiert das Gegengift das Gift, wißt Ihr. Kam mir oft wunderbar vor, wenn ich so in die Prärie hineinreitend auf einen solchen wüsten Aasvogel stieß. Erkennt sie auf tausend Schritte, sind gezeichnet. Wußte lange nicht, was die hier sollten, dachte oft darüber nach. Wurde mir endlich klar, wozu sie gekommen, wie ich ihrer mehr und mehr sah. Ist erstaunenswürdig, Mister Morse, wie zweckmäßig der große Ökonom alles in seinem Haushalte zu verwenden weiß.‹

›Ich verstehe Euch wirklich nicht‹, entgegnete ich.

›Solltet nun glauben‹, fuhr er mich überhörend fort ›das Land müßte ein wahres Botanybai, eine große Penitentiary, die Leute in Grund und Boden verdorben werden. Ist aber nicht so. Ist dieser doppelte Unrat bloß der Dünger, der den Boden unseres Landes für eine bessere gesellschaftliche Ordnung zubereiten soll.‹

Ich schüttelte den Kopf.

›Aber bis diese bessere gesellschaftliche Saat aufkeimt, mag dieser doppelte Unrat, wie Ihr ihn nennt, nicht auch die guten Elemente verpestet, vergiftet haben?‹

›In Euren dichtbewohnten Staaten ja, da würde freilich eine solche Rotte, losgelassen, entsetzliche Verheerungen anrichten, müßte sie durch und durch verderben; denn ist schon die Atmosphäre des Lasters ansteckend, ja gerade die Atmosphäre am meisten. Ist aber hier nicht zu besorgen.‹

Er legte die Zigarre weg, schob das Glas auf die Seite und sprach in einem sehr ernsten Tone.

›Gott sei Dank! Nicht zu besorgen. Schadet hier nicht Missetäter, nicht Mörder durch böses Beispiel – steckt niemanden an, denn gibt sich hier keiner mit ihm ab, weicht ihm jeder aus. Sage Euch, ist der Missetäter, der Mörder hier so frei wie Ihr und ich, tritt ihm keiner zu nahe, und würde er doch, weiß es aus Erfahrung, diese Freiheit oft und gerne darum geben, wieder unter seinesgleichen in einem Staatsgefängnisse zu sein; denn ist diese Freiheit für ihn eine gräßliche Freiheit. Gibt nichts Gräßlicheres für den Missetäter, den Mörder als diese Freiheit in der Prärie. Würde sie, versichere Euch, mit tausend Freuden mit dem Staatsgefängnisse vertauschen, denn ist da unter seinesgleichen, nicht geächtet, nicht ausgestoßen; fühlt sich selbst in seiner einsamen Zelle erleichtert, denn weiß, daß er unter einem Dache mit seinesgleichen ist. Ist aber hier nicht unter seinesgleichen, meidet ihn hier jedermann, selbst der Mörder; flieht ihn, der Mörder, bleibt immer für sich, treffen nicht einmal gerne bei der Rumflasche zusammen. Sind immer in ihrer eigenen Gesellschaft, und muß das ja eine schreckliche Gesellschaft sein, diese eigene Gesellschaft, die da ist das böse Gewissen, das ihn wie in einer Tretmühle herumtreibt ohne Ruhe, ohne Rast, immer und ewig in ihm herumhämmert; denn merkt wohl, steht da in der reinen, fleckenlosen Gottesschöpfung, in der lichten, hellen Prärie, mit Gottes Finger vor ihm aufgehoben, ihm entgegendrohend aus Himmel und Erde, allen seinen gewaltigen Werken; steht da mit seinem verpesteten Mordgeruche, den ihm der reine Gottesodem immer wieder in die Nase zurückdrängt. Sage Euch, ist ein Missetäter und Mörder bei uns wahrlich nicht um seine Freiheit zu beneiden!‹

›Das ist er nicht!‹ murmelte ich schaudernd, denn Bob trat mir bei den Worten des Richters in seiner ganzen gräßlichen Verzweiflung vor die Augen.

›Ei, sind unsere Präries für solche Menschen wohl ein so gräßliches Staatsgefängnis, als je von einem Baumeister gebaut wurde, brauchen bis jetzt ja keines zu bauen. Entläuft uns gewiß keiner. Ließ deshalb auch Bob frei ziehen. Würde ihn frei ziehen haben lassen, auch wenn wir ein Gefängnis zur Hand gehabt hätten.‹

›Würdet ihn frei haben ziehen lassen?‹

›Würde, denn können, dürfen ihn nicht festsetzen.‹

›Könntet ihn nicht, dürftet ihn nicht festsetzen? Warum könnt, dürft Ihr ihn nicht festsetzen? Ihr seid doch Alkalde?‹

›Der bin ich, hat aber doch ein Item, und will Euch sagen, was das für ein Item ist. Wären wir bereits unabhängig, frei von Mexiko, würden wir dem Haken bald einen Stiel finden, aber sind noch unter Mexiko. Ist unsere Regierung mexikanisch, sind unsere Militärbehörden mexikanisch, unsere Gerichtshöfe aus Mexikanern zusammengesetzt. Und, frage Euch, ließe es sich wohl, ich will nicht sagen mit amerikanischem Stolze, nein, nur Schamgefühle vereinen, einen unseres Landes, Blutes ihren Gerichten überliefern, unsere Scham so aufzudecken? Denn müßte er, sowie in erster Instanz das Urteil gefällt ist, vor die zweite Instanz, die District Court gebracht werden. Sind nun aber die Beisitzer dieses Gerichtshofes, obwohl ich nicht so sagen sollte, da ich selbst einer derselben bin, die erbärmlichsten Wichte, die je in zerrissenen Schuhen staken – gewesene Bediente von Bischöfen, Erzbischöfen, Präsidenten, Generalen, die weder lesen noch schreiben können, sich in der Regel nicht zum besten aufgeführt, dafür hierher in eine Art Gnadenexil gesandt worden, mit der nicht bloß geheimen, sondern ausdrücklichen Weisung, alles in ihren Kräften zu tun, um uns hier das Leben zu verleiden, uns wieder aus dem Lande zu treiben. Riefen uns anfangs herein, um durch uns das Land von den Cumanchees und andern Marodeurs, deren sie nicht Meister werden konnten, zu säubern. Wollen nun, nachdem wir es von den Wilden gesäubert, es wieder von uns säubern, sich in die warmen Nester, die Häuser, die Pflanzungen, die wir errichtet, hineinsetzen. Ist das der Schlüssel zu ihrer Politik.‹

›Eine saubere Politik das!‹ bemerkte ich.

›Jawohl, eine saubere, und die Mittel, die sie anwenden, sind es noch mehr so. Geht all ihr Dichten und Trachten nur dahin, uns gegeneinander zu hetzen, lassen kein Mittel unversucht, sparen weder Mühe noch Geld, unsere Bürger in ihre Schlingen zu ziehen, selbst Flüchtlinge.‹

›Was beabsichtigen sie aber mit diesen?‹

›Was Ihr von einer Pfaffenregierung erwarten könnt, Giftpfeile zu sammeln, für unsere Flanken bestimmt. Sowie einer unserer todeswürdigen Verbrecher vom Alkalde – der ersten Instanz – vor die Schranken der District Court gebracht wird, ist er für uns und unsere Interessen nicht nur verloren, er wird notwendig unser Todfeind. Von Gerechtigkeit kann da gar nicht die Rede sein. Zwar wird er pro forma zum Tode verurteilt, kaum ist jedoch das Urteil ausgesprochen, so treten der Padre des Ortes und der Hauptmann der im Distrikt stationierten Kompanie zu ihm und bieten ihm Leben und Freiheit unter der Bedingung an, daß er katholisch werde oder in mexikanische Dienste trete. Eines oder das andere nimmt er natürlich immer an, jedenfalls aber ist er für uns verloren, aus einem amerikanischen Bürger ein Renegat, ein Feind seines Landes geworden. Nun mag ein Renegat Deutschlands, Frankreichs, selbst Englands, ein sehr rechtlich ehrenwerter Charakter sein, der gesellschaftliche Druck in seinem Geburtslande mag ihm unerträglich geworden sein, er eine freiere, reinere Atmosphäre gesucht haben; aber ein Abtrünniger, ein Feind unseres Landes ist und muß nicht nur ein Verworfener, er muß ein Feind der Menschheit – zu allem fähig sein.

Zwei Beispiele haben wir, und traurige Beispiele waren es. Sie werden uns zur Warnung dienen für alle Zeiten.‹

›Das ist denn aber in der Tat eine sehr traurige Alternative, eine abschreckende Kehrseite!‹

›Das ist es‹, versetzte er, seine Zigarre wieder aufnehmend. ›Und deshalb, seht Ihr, nützt es nichts, gegen Bob zu erkennen, auch wenn er uns nicht so notwendig wäre. Müßten ihn an die District Court nach San Antonio abliefern, und ginge da so frei aus, könnte mich eine Stunde nach der Gerichtssitzung bei hellem lichtem Tage, auf offener Straße kraft seiner mexikanischen Muskete niederschießen, würde von seinem Pfaffen die Absolution, von seinem Generale aber Beförderung und Belohnung erhalten; denn hätte ja die Welt von einem Herege, einem Feinde der alleinseligmachenden Kirche befreit.‹

›Das ist ja aber entsetzlich!‹

›Nicht so gar‹, meinte wieder ganz kühl, sein Glas leerend, der Richter. ›Ist auch der Teufel nicht so schwarz, als er aussieht, und nichts so schlimm, daß es nicht auch wieder zum Guten gewendet werden könnte. Haben uns die paar Fälle sehr gut getan, haben mehr getan, unsern Bürgern die Augen zu öffnen, sie von der Notwendigkeit eines Bruches mit Mexiko zu überzeugen, als die gründlichsten Raisonnements und Debatten es vermocht haben würden. Sind zu trefflichen Zündstoffen geworden, die aufgehäuften Brennmaterialien in Flammen zu setzen.

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