Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Sealsfield >

Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
Schließen

Navigation:

›Aber sind die Ausdrücke, die Ihr da auf Napoleon anwendet, nicht ein wenig zu stark?‹ bemerkte ich.

›Hat die Nemesis bereits gerichtet‹, fuhr er ernst und ohne auf meine Worte zu hören fort. ›Waren es nicht die Liverpools, Castlereaghs, Bathursts, Wellingtons, war es die ewig richtende Nemesis, die ihn auf den Felsen von St. Helena mit dem häßlichen Geier Hudson Lowe geschmiedet, tat die es.

Ah, was hätte der Mann für sein Volk, die Menschheit, ihre Geistesentjochung nicht alles tun können! Welche Götterblitze – Funken! Zum Beispiel der, den geistlichen Popanz, der nun seit sechzehnhundert Jahren die Welt am Narrenseile herumgegängelt, von seinem siebenhügeligen Throne herabzustoßen, ihn in seine gebührenden geistlichen Schranken zurückzuweisen! Ah, diese einzige Krafttat, konsequent durchgeführt, würde der zivilisierten Welt eine neue Gestaltung gegeben, ihre Geister schließlich entfesselt, ein Denkmal geworden sein, ein Denkmal! Es hätte der großen Entjochung, durch die Luthers, Harrys, Kalvins, Knoxs begonnen, erst die Krone aufgesetzt! Pshaw! jetzt trödeln und flicken und dahlen und salbadern sie wieder mit ihren kanonischen Rechten und gallikanischen Rechten, die armen Tröpfe! – Pooh! Kalkuliere, wollen ein wenig in die Cottonfelder und Prärie hinaus.‹

Die letzten Worte waren wieder so ruhig, gleichmütig gesprochen – ich schaute den Mann erstaunt an.

›Habt Ihr nicht Lust?‹ fragte er aufstehend.

›Ich hätte wohl, fühle aber so schwach.‹

›Wollen Euch stärken‹, sprach er, auf den Tisch klopfend.

Eine Negerin trat ein.

›Den Topf, der in dem linken Fache des Sideboard steht, mit einer Bouteille vom Dachboden und frischen Gläsern!‹

Die Negerin brachte das Verlangte, und er holte aus dem Topfe eine Substanz hervor, die ich für Walnußschalen hielt, bis ich eine versucht. Es waren in Madeira präservierte Bärentatzen, die ersten, die ich gegessen.

Er ließ mich etwa ein halbes Dutzend nehmen, schob aber dann doch den Topf mit der Bemerkung weg, es sei eine gar zu aristokratische Speise, für einen Junggesellen einigermaßen gefährlich.

Der Mann begann mir allmählich interessant zu werden. Er hatte in der Tat etwas Demokratisch-Aristokratisches; das Äußere, die Manieren, die des derben und doch wieder schlauen Demokraten, Kopf und Herz wieder ganz die des eingefleischten Aristokraten, kühl und kalt; dabei eine hinlängliche Dosis texasischen Phlegmas, das bei einer gewissen Lauersamkeit wieder einen durchdringend scharfen Blick, einen eisern konsequenten Willen verriet. Offenbar wußte er, was er wollte.

Wir hatten die Pferde bestiegen und ritten durch die Cottonfelder. Solange noch eine Baumwollstaude zu sehen, war er Cottonpflanzer und nichts als Cottonpflanzer; Primes, Fairs, Cottonfelder und Preise, Gins und Pressen an der Tagesordnung. Als wir in die Prärie einritten, wurde er wieder ganz Viehzüchter: Stiere, Kälber und Rinder und wieder Rinder, Kälber und Stiere. Auch keine Silbe mehr von Cottonen; die Jeffersons und Napoleons, Aristokraten und Demokraten schienen ganz aus seinem Gedächtnisse geschwunden, Bob wurde auch mit keiner Silbe mehr erwähnt. Dieselbe sich stets gleichbleibende Gelassenheit; nur als er auf die Briten zu sprechen kam, wurde er etwas heftiger. Diese haßte er, um mich seines eigenen Ausdruckes zu bedienen, von ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Gemüte, und aus allen Kräften, aber nicht, weil sie unsere Nationalfeinde, sondern weil sie noch selbstsüchtiger waren als wir – ein eigentümlich charakteristischer, echt amerikanischer Haß, der mir erst die Natur unseres Britenhasses erschloß. Es lag etwas wie Neid in diesem Hasse.

Gern wäre ich noch eine Stunde länger geritten, denn die sechs Bärentatzen hatten mich auf eine Weise aufgeregt, die ich kaum für möglich gehalten; allein die Glocke rief uns nach Hause, Ptoly und Xeni waren von ihrer Sendung zurückgekehrt.

Er las, ohne eine Miene zu verziehen, die Antworten, setzte sich ans Pult, schrieb zwei frische Noten und übergab sie abermals den Negern mit der Weisung, zuvor ihr Mittagsmahl zu nehmen.

Darauf setzten wir uns gleichfalls zu Tische.

Wir aßen sehr gut, aber ganz allein, denn seine Frau und Stieftochter waren auf Besuch bei Colonel St. F. Austin in San Felipe und wurden erst in einigen Tagen zurückerwartet. Wir sprachen von heimatlichen Angelegenheiten, von Abolitionisten-, Lynch-, Pöbel-, Nullifikationsunwesen. Er schien sehr gut unterrichtet, besonders aber tiefe Blicke in unsern Staatshaushalt, unsere Surplus-Revenue-Diffikultäten, unsere Handels- und Tarifverhältnisse geworfen zu haben. Vor unsern Seestädten und ihrer Politik schien er keinen großen Respekt zu hegen, desto größeren vor der Zukunft des Westens. Ich konnte meine Verwunderung nicht bergen, wie er, ein Mann, der doch gewiß in den Staaten eine Rolle gespielt haben müßte, sich in die texasische Wildnis verlieren konnte.

›Liebe es, im eigenen, selbst aufgeführten Hause zu wohnen‹, versetzte er hingeworfen und mehr zu sich selbst.

›Ich verstehe Euch nicht.‹

›Glaubt Ihr, daß Texas nicht auch tüchtige Leute brauchen, der Schauplatz großer Taten werden wird?‹

Das versteckte, sich selbst gezollte Kompliment machte mich lächeln. ›Texas, dieses Fagend, dieses fünfte Rad an dem elenden mexikanischen Staatswagen?‹ entfuhr mir.

›Glaubt Ihr, daß es immer Fagend, fünftes Rad am elenden mexikanischen Staatswagen bleiben wird?‹ erwiderte er gelassen, ja artig.

Die gentlemanisch gelassene Antwort auf meine ungentlemanische Bemerkung verwirrte mich einigermaßen. Ich schlug die Augen nieder.

Ohne ein Wort weiter zu sagen, rief er nach Punsch, zog, als die Negerin die Ingredienzien gebracht, diese mit der Bowle näher an sich, drückte bedächtig die Ananasse aus, warf ebenso bedächtig Zucker ein, goß dann Rum nach, und nachdem er die Masse gehörig gemischt und mit Tee verdünnt, schöpfte er in die Gläser ein.

›Sag Euch, Mister – wie ist Euer Name?‹

›Edward Nathanael Morse.‹

›Morse? Seid Ihr verwandt mit Judge Morse zu Washington?‹

›Sein Sohn.‹

Er hob sein Glas zum Anstoßen, ich das meinige, und wir tranken.

Eine geraume Weile saßen wir an unseren Gläsern nippend, ohne daß ein Wort gewechselt wurde. Der Punsch war so deliziös!

Endlich brach er das Stillschweigen.

›Sag Euch, Mister Morse, gäbe zehn meiner besten Rinder, wenn das mit Bob nicht geschehen wäre.‹

In Texas wird nämlich alles nach Rindern gerechnet. Sie sind der Stapelartikel, das allgemeine Tauschmittel, die zirkulierende Münze. Der Doktor wird für seine ärztliche Behandlung mit einem Rinde bezahlt, der Schullehrer für seinen Unterricht, der Rechtsanwalt für seine Vertretung vor den Gerichten.

›Glaub es Euch gern‹, versetzte ich, ›aber nun ist es einmal geschehen.‹

›So gewiß, als Moses ein Hebräer war. – Wie schmeckt Euch dieser Ananaspunsch? – Er verdient gehängt zu werden wie ein toter Hirschbock, und doch – ‹

Das ›doch‹ machte mich wieder stutzen, das Glas, das ich an den Lippen hatte, absetzen.

›Läßt sich's wieder nicht tun, auch wenn wir wollten. Hätten viel zu tun, wenn wir alle hängen wollten, die –‹

›Viel zu tun, wenn Ihr alle hängen wolltet, die – gemordet?‹ fiel ich einigermaßen heftig ein. ›Mein Gott! was muß das für ein gesellschaftlicher – ‹

›Zustand sein?‹ ergänzte er ganz ruhig, sich eine Zigarre anbrennend. ›Je nun‹, fuhr er, nachdem er diese in Rauch gebracht, fort, ›gerade so ein gesellschaftlicher Zustand, wie er es in einem Lande sein kann, das dreimal größer als der Staat New Yorkder Staat New York: New York hat beiläufig 50 000 englische Quadratmeilen, Texas 150 000, also ungefähr dreiviertel des Flächeninhalts von Frankreich. oder vielleicht selbst Virginien, noch kaum fünfunddreißigtausend Seelen zählt, eine Wildnis ist, eine prachtvolle Wildnis zwar, aber doch nur eine Wildnis. Glaubt Ihr denn, es werden Euch die Caroltons, Patersons, Rensselaers oder Livingstons herüberkommen und sich da mit unserm indianischen und mexikanischen Gezüchte herumschlagen und Schlangen und Moskitos und Millepieds und Skorpionen und giftig faustgroßen Spinnen – Euren Louisiana-Samum zu geschweigen, wenn sie zu Hause alles vollauf haben und nur an der Klingelschnur zu ziehen brauchen, um zehn Hände und Füße in Bewegung zu setzen? Nehmt nur Euren gesunden Menschenverstand zusammen, Mann! Ist ein Land, wie es alle herrenlosen Länder – denn die Herrschaft Mexikos ist so gut wie keine – einst waren, als sie noch mit dem vorliebnehmen mußten, was eben kam, selbst Unrat und Auswurf. Und, sage Euch, sind Unrat und Auswurf für ein solches Land auch vonnöten. Wäre uns hier in Texas nicht einmal gedient mit lauter solchen Leuten wie die Livingstons, Rensselaers, Caroltons oder Euren an Zucht und Ordnung gewöhnten Philadelphia- und New-Jersey-Quäkern; sehr respektable Leute, ohne Zweifel!

Aber für uns zu respektabel‹, fuhr er nach einigen Zügen an der Zigarre fort, ›zuviel Pietät, Respekt vor Autorität. Würden sich schmiegen, biegen, sich eher alles gefallen lassen, als daß sie sich wehrten oder aufständen und dreinschlügen. Sind viel zu ordentlich, lieben die Ruhe, die Ordnung zu sehr.‹

Er hielt inne.

›Brauchen aber in diesem unserm Texas, für jetzt wenigstens, nicht so sehr ruhig ordentliche Leute als vielmehr unruhige Köpfe, Köpfe, die einen Strick um den Hals, Spunk im Leibe haben, die ihr Leben nicht höher als eine taube Nußschale achten, nicht lange fragen, mit ihrem Stutzen sogleich zur Hand sind.‹

›Sollte aber meinen, mit solchen Leuten würdet Ihr nicht weit kommen‹, entgegnete ich.

›Nicht weit in den Staaten, wo die bürgerliche Gesellschaft bereits geordnet, aber auf alle Fälle weiter hier als mit Euren friedlich ruhigen Bürgern, kalkuliere ich. Wären die Normannen zum Beispiel – ‹

Ich erschrak, als ich die ewigen Normannen nennen hörte. Wenn wir von den Normannen anfangen, wird der Faden unsers Gespinstes richtig immer lang genug, um einen Kongreßredner während seiner sechsstündigen Rede auszuhalten.

Er war jedoch einmal im Zuge, an ein Aufhalten nicht zu denken.

›Wären die Normannen zum Beispiel ruhig achtbare Leute gewesen, sie wären hübsch bei ihren Rentieren und Baumrindenbroten zu Hause, das heißt in Norwegen geblieben; aber so waren es unruhige Köpfe, desperate Bursche, denen es selbst zwischen ihren Eisbergen zu heiß geworden, See- und Landräuber, stark an Faust und Knochen, schwach im Beutel, desperat an Geist, der Schrecken der damaligen Welt, die ihnen noch zu enge. Aber eroberten diese desperaten Bursche nicht nur nacheinander die Normandie, Sizilien, England, gründeten auch ein Reich, ein wahrhaft glorioses, herrliches Reich, gegen das eure übrigen Reiche arme Teufel sind. Wäre England unter den phlegmatisch dickköpfigen Angelsachsen geblieben, nie wäre etwas Rechtes aus ihm geworden, aber mit diesem normännischen Seeräuberblute gekreuzt gab es eine gloriose Mischlingsrasse.‹

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.