Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Sealsfield >

Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
Schließen

Navigation:

8

»Nahm es, bei meiner Seele, kühle, der!« lachte hier der Oberst Cracker.

»Und Ihr scheint es albern nehmen zu wollen, Cracker!« lächelte wieder Oberst Oakley.

Der Erzähler schien nicht zu hören. Er fuhr fort:

»Als Bob gegangen, blies der Alkalde in ein Muschelhorn, das die Stelle der Klingelschnur vertrat, nahm dann das Zigarrenkästchen zur Hand, prüfte eine Zigarre nach der andern, brach sie verdrießlich und warf die Stücke zum Fenster hinaus. Der Neger, der auf den Muschelstoß eingetreten, stand bereits eine geraume Weile, während sein Herr noch immer Zigarren brach und zum Fenster hinauswarf. Endlich schien ihm die Geduld zu vergehen.

›Höre, Ptoly!‹ grollte er den zusammenschreckenden Schwarzen an, ›wenn du mir wieder solche Zigarren ins Haus bringst, die weder ziehen noch rauchen, will ich dir deinen Rücken rauchen machen. Bürg dir dafür. Ist ja schier keine einen Fiedelbogen wert! Sag der alten kastanienbraunen Hexe des Johnny, brauche ihre Zigarren nicht. Nimmst keine mehr von ihr. Reitest hinüber zu Mister Ducie und holst da ein Kistchen. Lasse ihm sagen, soll mir gute schicken. Und, hörst du, magst ihm gleich sagen, hätte ein paar Worte mit ihm und den Nachbarn zu reden. Soll sie mitbringen, die Nachbarn. Und, verstehst du, kehrst sogleich wieder um, mußt um zwei Uhr zu Hause sein. Nimmst den Mustang, den wir vorletzte Woche eingefangen. Will sehen, wie er den Ritt aushält.‹

Der Wollkopf horchte auf die zehnerlei Weisungen und Aufträge mit offenem Munde und aufgerissenen Augen, starrte den Herrn perplex an und schoß dann der Tür zu.

›Wo willst du hin, Ptoly?‹ rief ihm der Alkalde nach.

›Zu Massa Ducie.‹

›Ohne Paß, Ptoly? Und was willst du mit Mister Ducie?‹

›Er nicht so schlechte Zigarren schicken, er kastanienbraune Hexe sein. Massa mit Johnny und den Nachbarn reden. Sie mitbringen, Johnny, die Nachbarn.‹

›Hab mir's wohl gedacht‹, versetzte, ohne eine Miene zu verziehen, der Richter. ›Warte einen Augenblick, will den Paß schreiben und ein paar Zeilen an Mister Ducie.‹ Und so sagend, schrieb er Paß und Note und gab beide dem Neger.

Als dieser gegangen, griff er wieder nach dem Zigarrenkästchen, brannte die erste, die ihm in die Finger kam, an; auch ich nahm eine, die trefflich rauchte. Es waren vorzügliche Principes.

Wir saßen rauchend, bis das Pferdegetrampel des abgerittenen Negers verhallt, dann blies er wieder ins Muschelhorn.

Ein anderer Neger trat ein.

›Xeni‹, bedeutete er diesem, ›du reitest hinüber zu Mister Stones, Abraham Enoch Stones, verstehst du? Lass' ihn ersuchen, morgen früh herüberzukommen von wegen der Aufnahme der Grenzen an der Pfirsichinsel. Möchte auch die Nachbarn mitbringen. Doch wart, will dir ein paar Zeilen mitgeben, machst sonst Konfusion. Bis zwei Uhr mußt du zurück sein, verstehst du?‹ bedeutete er dem Neger, ihm Paß und Note einhändigend und dann weiterrauchend.

Auf einmal wandte er sich zu mir.

›Nördlich oder südlich von Mason-und-Dixons-Linie zu HauseMason-und-Dixons-Linie zu Hause: Wird eine imaginäre Linie zwischen den Sklaven und nicht Sklaven haltenden Staaten, das heißt, zwischen dem Süden und Norden genannt. ?‹

Die Frage klang so abrupt peremtorisch, daß ich mich besann, ob ich sie auch beantworten sollte.

›In der Mitte von Maryland‹, versetzte ich endlich.

›Also ein Nachbar der Alten DominionDominion: Virginia, früher der mächtigste Staat, wurde emphatisch das alte Dominion, die Herrschaft, genannt. ? Ah, die Alte Dominion – ist und bleibt die Alte Dominion.‹

›Ein großer Staat!‹ bemerkte ich.

›Ein großer?‹ rief er unwillig, ›der größte, den es gibt, gegeben hat, geben wird. Welcher Eurer vierundzwanzig Staaten kann eine Galaxy von Männer aufweisen wie die Alte Dominion, die Washingtons, Henry Patricks, Jeffersons und so viele andere?‹

›Jefferson?‹ sprach ich kopfschüttelnd.

›Ei, Jefferson, Jefferson!‹

›Würde aber doch schwerlich, lebte er noch, an seinen demokratischen Früchten viel Freude haben.‹

›Würde die Freude haben‹, sprach er bestimmt, ›die ein Mann haben kann, der sein Prinzip mit eiserner Konsequenz durchgeführt, es üppig, vielleicht ein bißchen zu üppig gedeihen sieht. Bedarf jetzt, so wie ein üppig aufgeschossener Baum, des Beschneidens, unser Volkssouveränitätsprinzip, versteht Ihr? Aber gebührt ihm die Ehre und der Ruhm, es zum herrschenden erhoben zu haben. Wird freilich dafür von Euren Would-be-Aristokraten und Bankmännern in den Abgrund der Hölle verwünscht, kein Wunder! Brach ihre Apostel, die Hamiltons und Adams, ging the whole hog mit ihnen. War aber nötig, höchst nötig mit Leuten, die so borniert selbstsüchtig wie die damaligen Federals da glaubten, die Revolution sei nur für sie gefochten und die Millionen hätten Gut und Blut eingesetzt, um das englische Joch für das ihrige zu vertauschen. Waren gar zu fix und fertig, dem Volke die Hemmschuhe, die Bruchbänder anzulegen. Und sag Euch, wäre ihnen gelungen, wäre kein Jefferson dagewesen. War aber Jefferson da und hatte Jefferson seine Fehler als Mensch, war aber als Staatsmann einer der größten, die je die Hand an den Pflug gelegt. Hat nie einer das Wesen der Demokratie, ihre Natur, ihre ungeheuer befruchtende Kraft so ganz begriffen, diesen Triumphwagen der Menschheit so rasch in Lauf gebracht. Verdanken ihm die Vereinten Staaten, daß sie in weniger denn fünfzig Jahren die größte Nation der Erde sein werden, verdanken ihm, daß sie bereits über einen halben Weltteil hingebreitet, festgewurzelt sind. War er es, der seinem Volke die Schleusen und Dämme öffnete, in die die Hamiltons, die Adams es einzupferchen gesucht. War just der Mann, wie er uns damals not tat, sein Prinzip das wahre! Werden Völker so wie Menschen geboren; denn sind Völker bloß Vereine von vielen Menschen, wachsen auf, kommen zu Mannskraft, sterben wieder ab, und könnt Ihr ein junges Volk ebensowohl wie einen jungen Menschen verkrüppeln, wenn Ihr ihm die Bruchbänder, die Lasten an- und auflegt, die nur alte oder kräftige zu ertragen imstande sind. Sind aber diese Bruchbänder eine starke Regierung und ihre Zwillingshebel eine mächtige Aristokratie und Hierarchie. Passen diese Bruchbänder und Zwillingshebel wohl für eine alte, gereifte, aber nicht für eine junge Nation, die, wenn sie arbeiten, schaffen, zum Gebrauch ihrer Glieder, ihres gesunden Menschenverstandes kommen soll, sich frei bewegen muß. Hat darum auch nur wenige Nationen gegeben, die zum Gebrauch ihrer Glieder, ihres gesunden Menschenverstandes gekommen, majorenn geworden. In alten Zeiten die Griechen und Römer, in neuern die Briten und wir. Versuchen es jetzt auch die Franzosen. Wünsche ihnen Glück, haben in den letzten Jahren viel getan, den alten Schutt wegzuräumen. Sind ein tüchtiges, ja herrliches Volk, die Franzosen. Sind wir es und sie und die Briten, die jetzt die Welt regieren, die Zivilisation, die Freiheit dieser Welt in unserer Obhut haben. Sind die übrigen alle minorenn, von uns dreien abhängig, ihre Geschichte kaum der Mühe wert, daß sie ein freier Mann liest; ärgert sich nur, wenn er diese Millionen wie verstand- und willenlose Schafherden ihren Leithammeln folgen sieht.‹

›Aber gerade diese Nationen, die Ihr da für majorenn erklärt, hatten und haben doch eine starke Aristokratie‹, bemerkte ich.

›Hatten sie aber doch nicht in ihrer Jugend, werdet Ihr zugeben?‹

›In ihrer Jugend, lieber Richter, in ihrer frühesten Jugend‹ – versicherte ich.

›Wohl, wohl! Will mich mit Euch nicht um Worte streiten, mögt meinethalben die normännischen Barone Aristokraten, Lords of the bedchamber oder meinetwegen grooms of the stoleLords of the bedchamber, grooms of the stole: Englische Hofämter, den deutschen Oberst-Kämmerern und so weiter entsprechend. heißen; kalkuliere aber, wenn sie es waren, hatten sie mehr demokratischen Spunk, als ihren Souveränen lieb war, und wenn sie ja einmal das Waschbecken hielten, warfen sie es ihnen das andere Mal gewiß an den Kopf. Waren das Männer! – Eure heutigen Aristokraten aber, pooh! – weichliche, selbstische Zwitter, Gift- und Sumpfpflanzen, die ausgeartet, den nationellen Boden versäuert, vergiftet, verdorben, wie unsere Tabakspflanze Eure Maryland- und unsere Virginia-Böden.‹

Das Simile war mir neu.

›So haltet Ihr die heutige Aristokratie für Gift- und Sumpfpflanzen?‹

›Leider artet das Beste aus; das herrlichste, frischeste Wasser gerät in Fäulnis, wenn es lange in träger Ruhe stagniert. Haben auch wir bereits diese Fäulnis – unsere gloriosen Washingtons, Caroltons, ihre Sumpf- und Giftsprößlinge: Would-be-Aristokraten, Gentlemen durch ihrer Schneider Gnade, Söhne hergelaufener Schuh- und Kesselflicker und Ladenbursche und Krämer, die in der ganzen Welt herumvagiert, endlich ihr Schelmengenie zu uns gebracht, es da zu Geld gebracht und nun ihre Brut die Lords spielen sehen möchten. Bin auch Aristokrat, ein demokratischer Aristokrat, könnte aber solche Would-be-Aristokraten –!‹

›So seid Ihr ein Aristokrat? – ‹ entfuhr mir unwillkürlich.

Der Ton meiner Stimme mochte etwas Ironisches haben, denn er warf die Zigarre einigermaßen verächtlich weg, setzte das Glas fest an und ab, schaute mich dann einen Augenblick scharf an und sprach mit entschiedener, beinahe strenger Stimme:

›Bin ein Mann – ein Mann, versteht Ihr? Und ist der erste Herzog und Lord und Pair auch nicht mehr und der russische Kaiser auch nicht mehr; – und ist er alles, was er sein kann, wenn er ein Mann ist. Bin ein Mann, und wenn Ihr mehr wissen wollt, ein Mann der Bewegung, ein Prinzipmann. Und war Napoleon, solange er ein Mann, ein Prinzipmann blieb, Herr der halben Welt, und hörte auf, Herr zu sein, wie er aufhörte, ein Mann zu sein, ein grundsatzloser Schwächling, ein falsches Weib wurde.‹

›Napoleon‹, rief ich nicht wenig amüsiert, ›ein grundsatzloser Schwächling, ein falsches Weib?‹

›Nenne‹, war die Antwort, ›einen grundsatzlosen Schwächling, ein falsches Weib denjenigen, der seinem Prinzip ungetreu es verkennt, es verrät. Und war es Napoleon, der seinem Prinzipe, seinem Elemente, dem Volke, das ihn erhoben, gehalten, ungetreu, es an die Aristokraten, Dynasten verriet.

Sag Euch‹, fuhr er nach einer kurzen Pause fort, ›hat das den Napoleon gestürzt, und mit Recht gestürzt, daß er sich selbst, seinem Prinzipe, seinem Elemente ungetreu worden. Alle seine Torheiten, seine tollen Feldzüge, sein Sich-zum-Kaiser-Aufwerfen, alles, alles hätte man ihm verziehen, nur diese miserable, ich möchte sagen stupide Grundsatzlosigkeit nicht, mit der er dasselbe demokratische Prinzip, das ihn gehoben, dasselbe Volk, dem er alles verdankt, seinen ärgsten Feinden, den Aristokraten und Dynasten, in die Hände lieferte. Das hat sein Volk von ihm abgewendet, die Bande zwischen ihm und den Franzosen zerrissen.‹

›Aber ich habe doch immer gehört, ganz Frankreich hänge noch immer wie berauscht an ihm und seinem magischen Namen?‹

›Wohl möglich, aber merkt es Euch, ist in Völkern so wie Menschen, obwohl ihnen oft unbewußt, immer Grundsatz. Wer diesen Grundsatz, diesen Ariadnefaden erfaßt, dem ist kein Labyrinth zu verwickelt, das Volk hilft ihm heraus – wer ihn fahrenläßt, den läßt es auch fahren. War der Grundsatz, der Ariadnefaden der Franzosen Demokratie, hatte den Napoleon erfaßt, hätte den auch halten sollen; und daß er ihn nicht hielt, das hat seine Zauberkraft über die Franzosen nicht nur gebrochen, dieselben Franzosen werden ihm einst, wenn sie es nicht jetzt schon tun – fluchen. Er hat sie und ihre Erwartungen bitter getäuscht, denn seit die Welt steht, hat kein Volk für einen Menschen je soviel getan, so viele Opfer gebracht, soviel vertrauende Hingebung bewiesen als dieses französische Volk. Er war der unumschränkte Repräsentant der Demokratie, wie keiner es je gewesen, hatte ganz freie Hände, denn die faule Aristokratie war beinahe ganz beseitigt. Was hätte dieser Mann für sein Volk, sein Prinzip nicht alles tun können! Er hatte es in seiner Gewalt, dem halben Menschengeschlecht eine neue bürgerliche Gestaltung zu geben, das morsche Gebäude der gesellschaftlichen Einrichtungen vom Grunde aus zu erneuern. Was tut er? Zieht denselben Adel, den sein Volk von sich gestoßen, wieder an sich, läßt sich von – Dummköpfen, im Vergleich mit ihm, überlisten, tritt mit den alten Dynastien – Österreich in Bund, verrät sich – Prinzip – Volk. Ei, der Mann wird noch nach Jahrtausenden leuchten, aber nicht bloß wegen seiner kolossalen Größe, sondern auch wegen seiner kolossalen Borniertheit, Grundsatzlosigkeit leuchten, allen Demokraten zur Warnung.‹

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.