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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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6

Ich mochte sechs bis sieben Stunden geschlafen haben, als ich mich am Arme gerüttelt fühlte. Ich erwachte nicht sogleich, aber das Rütteln wurde so heftig, daß ich laut aufschrie. Es war nicht sowohl Schmerz über den eisernen Griff, der mich erfaßt, als Schrecken, der mich aufkreischen machte. Bob stand vor mir. Die nächtliche Ausschweifung hatte seine Züge bis ins Scheußliche verzerrt, die blutunterlaufenen Augen waren geschwollen und rollten wie von Dämonen gepeitscht, der Mund stand ihm weit und entsetzt offen; aus seinem ganzen Wesen leuchtete die Zerstörtheit eines Menschen hervor, der soeben von einer schrecklichen Tat gekommen. Er stand vor mir wie der Mörder über dem Leichnam des gemordeten Bruders. Ich schrak entsetzt zurück.

›Um Gottes willen, Mann! Was fehlt Euch?‹

Er winkte mir, still zu sein.

›Ihr habt das Fieber, Mann!‹ rief ich, ›die Ague!‹

›Ei, das Fieber!‹ stöhnte er, und der kalte Schauder überlief ihn, ›das Fieber, aber nicht das Fieber, das Ihr meint; ein Fieber, junger Mann, ein Fieber, Gott behüte Euch vor einem solchen Fieber!‹

Er zitterte, wie er so sprach, am ganzen Leibe.

›Willst du denn gar nicht mehr ruhen? Mich gar keinen Augenblick mehr in Frieden lassen? Hilft denn gar nichts?‹ stöhnte er, die Faust auf die linke Seite drückend. ›Gar nicht? du Gottverdammte! Sag Euch‹, brüllte er, ›wüßte ich, daß Ihr mit Eurem Gott und Schöpfer und Richter – von dem Ihr gestern schwätztet – bei Gott! ich wollte – ‹

›Flucht nicht so entsetzlich, Mann! Mein und Euer Gott sieht und hört Euch ohne Flüche. Bin kein winselnder Pfaffe, aber dieses gotteslästerliche Fluchen ist sündhaft, ekelhaft.‹

›Habt recht, habt recht! Ist eine häßliche Gewohnheit; aber sage Euch, ja um Gottes willen! was wollte ich sagen?‹

›Ihr wolltet sagen, vom Fieber wolltet Ihr sagen.‹

›Nein, wollte das nicht sagen, weiß jetzt, was ich sagen wollte; bleibt aber ebensogut ungesagt, was ich sagen wollte.‹

›Weiß, daß Ihr es nicht heraufbeschworen. Hatte ja vordem auch nicht Ruhe – die ganzen acht Tage schon keine Ruhe, ließ mich nicht – ruhen, nicht rasten –, trieb mich immer wie den, wie heißt er? der seinen – seinen Bruder – kaltgemacht –, trieb mich unter den Patriarchen – immer und immer unter den Patriarchen.‹

Er hatte die Worte leise abgerissen ausgestoßen oder vielmehr gemurmelt. Offenbar sollte ich sie nicht hören.

›Kurios das!‹ – murmelte er weiter, ›habe doch mehr als einen kaltgemacht, aber war mir nie so. War vergessen in weniger denn keiner Zeit; ließ mir kein graues Haar um sie wachsen. Kommt jetzt alles auf einmal, die ganze Zeche; – kann nicht mehr ruhen, nicht mehr rasten. In der offenen Prärie ist's am ärgsten, da steht er gar so deutlich, der alte Mann mit seinem Silberbarte und seinem glänzenden Gewand, und das Gespenst just hinter ihm. Wird mich das furchtbare Gespenst noch zur Verzweiflung bringen.

Soll mich aber doch nicht zur Verzweiflung bringen, soll nicht!‹ – schrie er wieder wild.

Ich tat, als hörte ich nicht.

›Was sagt Ihr da vom Gespenste?‹ schrie er mich plötzlich an.

›Ich sage nichts, gar nichts‹, versetzte ich beruhigend. Seine Augen rollten, er ballte die Hände, öffnete sie wieder wie der Tiger die Krallen.

›Sagt nichts – nichts, rate es Euch, nichts!‹ murmelte er wieder leise.

›Ich sage nichts, lieber Mann, gar nichts, als daß Ihr Euch Gott und Eurem Schöpfer zuwenden möget.‹

›Gott! – Gott! Ei, das ist der alte Mann, kalkuliere ich, im glänzenden Gewande mit dem langen Barte – der das Gespenst hinter sich hat. Will nichts mit ihm zu tun haben – soll mich in Ruhe lassen. – Will Ruhe haben. Will, will. Will, will!‹ stöhnte er. ›Wißt Ihr? Müßt mir einen Gefallen tun.‹

›Zehn für einen, alles, was in meinen Kräften steht. Sagt an, was ich tun soll, und es soll getan werden. Ich verdanke Euch mein Leben.‹

›Seid ein Gentleman, sehe es, ein Christ. Ihr könnt, Ihr müßt –‹

Er schnappte nach Atem, wurde wieder unruhig.

›Ihr müßt mit mir zum Squire, zum Alkalden.‹

›Zum Squire, zum Alkalden! Mann! Was soll ich mit Euch beim Squire, beim Alkalden?‹

›Werdet sehen, hören, was Ihr sollt, sehen und hören; hab ihm etwas zu sagen, etwas ins Ohr zu raunen.‹

Hier holte er mit einem schweren Seufzer Atem, hielt eine Weile inne, schaute sich auf allen Seiten ängstlich um.

›Etwas‹, wisperte er, ›das niemand sonst zu hören braucht.‹

›Aber Ihr habt ja Johnny. Warum nehmt Ihr nicht lieber Johnny?‹

›Den Johnny!‹ – hohnlachte er – ›den Johnny! der nicht besser ist, als er sein sollte, ja schlechter, zehnmal schlechter als ich, so schlecht ich bin; und bin schlecht, sag Euch, bin ein arger Geselle – ein sehr arger, aber doch ein offener, ehrlicher, der immer offen, ehrlich, Stirn gegen Stirn – bis auf dieses Mal; aber Johnny! – würde seine Mutter zur – ist ein feiger, hündischer, heimtückischer Hund, der Johnny!‹

Es bedurfte das keiner weiteren Bekräftigung, denn es war ihm wahrlich auf der Stirn geschrieben, ich schwieg also.

›Aber wozu braucht Ihr mich beim Squire?‹

›Wozu ich Euch beim Squire brauche? Wozu braucht man die Leute vorm Richter? Ist ein Richter, Mann, ein Richter in Texas, eigentlich ein mexikanischer Richter, aber von uns Amerikanern gewählt, ein Amerikaner wie ich und Ihr. Ist ein Richter der Gerechtigkeit.‹

›Und wie bald soll ich?‹

›Gleich auf der Stelle. Gleich, so bald als möglich. Kann es nicht mehr aushalten. Läßt mich nicht mehr ruhen. Stehe seit den letzten acht Tagen Höllenqual aus, keine ruhige Stunde mehr. Treibt mich unter den Patriarchen, wieder weg, wieder zu. Am ärgsten ist es in der Prärie, da steht der alte Mann im leuchtenden Gewande, und hinter ihm das Gespenst; könnte sie beide mit Händen greifen. Treiben mich schrecklich herum. Keine ruhige Stunde, selbst die Flasche hilft nichts mehr. Weder Rum noch Whisky noch Brandy hilft mehr, bannt sie nicht, beim Tarnel! bannt sie nicht. Kurios das! Habe gestern getrunken, glaubte es zu vertrinken, sie zu bannen; ließen sich nicht bannen – kamen richtig beide, trieben mich auf. Mußte fort, in der Nacht fort. – Ließ mich nicht schlafen, mußte hinüber unter den Patriarchen.‹

›Mußtet hinüber unter den Patriarchen, den Lebenseichenbaum?‹ rief ich entsetzt, ›und Ihr waret in der Nacht drüben unter dem Lebenseichenbaum?‹

›Zog mich hin unter den Patriarchen‹, stöhnte er, ›komme von daher, komme, komme. Bin fest entschlossen –‹

›Armer, armer Mann!‹ rief ich schaudernd.

›Jawohl, armer Mann!‹ stöhnte er in demselben entsetzlich unheimlich zutraulichen Tone. ›Sage Euch, läßt mich nicht mehr ruhen, absolut nicht mehr. Ist jetzt acht Tage, daß ich hinüber nach San Felipe wollte. Glaubte schon San Felipe zu sehen, dicht an San Felipe zu sein; als ich aufschaue, wo meint Ihr, daß ich war? Unter dem Patriarchen.‹

›Armer, armer Mann!‹ rief ich abermals.

›Jawohl, armer Mann!‹ wiederholte er mit durch Mark und Knochen dringendem Gestöhne. ›Armer Mann, wo ich gehe und stehe, bei Nacht und bei Tage. Wollte auch nach Anahuac, ritt hinüber, ritt einen ganzen Tag; am Abend, wo glaubt Ihr wohl, daß ich wieder war? Unterm Patriarchen!‹

Es lag etwas so Gräßliches in der heimlichen und wieder unheimlichen Weise, in der er die Worte herausschnellte; der Wahnsinn des Mörders sprach so laut, so furchtbar deutlich aus seinen wie vom Höllenfeinde gepeitschten Augen. Ich wandte mich bald schaudernd von – wieder mitleidig zu ihm. Bei alledem konnte ich ihm meine Teilnahme nicht versagen.

›Ihr waret also heute schon unter der Lebenseiche?‹

›Ei, so war ich, und das Gespenst drohte mir und sagte mir: Ich will dich nicht ruhen lassen, Bob – Bob ist mein Name –, bis du zum Alkalden gegangen, ihm gesagt – ‹

›Dann will ich mit Euch zu diesem Alkalden‹, sprach ich, mich aus dem Bett erhebend, ›und das sogleich, wenn Ihr es wünscht.‹

›Was wollt Ihr? Wohin wollt Ihr?‹ krächzte jetzt der hereinschleichende Johnny. ›Nicht von der Stelle sollt Ihr, bis Ihr bezahlt.‹

›Johnny!‹ sprach Bob, indem er den um einen Kopf kleineren Gesellen mit beiden Händen an den Schultern erfaßte, ihn wie ein Kind emporhob und wieder niedersetzte, daß ihm die Knie zusammenbrachen, ›Johnny! Dieser Gentleman da ist mein Gast, verstehst du? Und hier ist die Zeche, und sage dir, Johnny, sage dir!‹

›Und Ihr wolltet? – Ihr wolltet?‹ winselte Johnny.

›Was ich will, geht dich nichts an, nichts, gar nichts geht dich das an; darum, kalkuliere ich, schweigst du besser, bleibst mir vom Halse.‹

Johnny schlich sich in den Winkel zurück wie ein Hund, der einen Fußtritt erhalten; aber die Mulattin schien sich nicht abschrecken lassen zu wollen. Die Arme in die Seite gestemmt, watschelte sie herzhaft vor.

›Ihr sollt ihn nicht wegnehmen, den Gentleman‹, schrie sie belfernd, ›Ihr sollt nicht. Er ist noch schwach und kann den Ritt nicht aushalten, kaum auf den Füßen stehen.‹

Das war nun wirklich der Fall. Stark, wie ich mich im Bett gefühlt, konnte ich mich außerhalb dessen wirklich kaum auf den Füßen erhalten.

Bob schien einen Augenblick unschlüssig, aber nur einen Augenblick, im nächsten hob er die Mulattin, dick und wohlgemästet, wie sie war, in derselben Weise, wie er es mit ihrem Partner getan, einen Fuß über den Estrich empor, trug sie schwebend und kreischend der Tür zu, warf diese mit einem Fuße auf, und sie auf die Schwelle niedersetzend sprach er:

›Friede! Und einen starken, guten Tee statt deiner häßlichen Zunge und ein mürbes, frisches Beefsteak statt deines stinkenden, verfaulten Selbst, das ist dein Geschäft, und das wird den Gentleman stark machen, du alter braunlederner Sünden- und Lasterschlauch!‹

Des Mannes Präzision und Bündigkeit in Wort und Tat wäre unter andern Umständen gar nicht uninteressant gewesen, selbst hier flößten sie einen gewissen Respekt ein. Er war wirklich, wie er sagte, ein arger Geselle, aber offen, geradezu.

Ich hatte angekleidet geschlafen, wollte jetzt die Stube verlassen, Gesicht und Hände zu waschen und nach meinem Mustang zu sehen; Bob ließ es jedoch nicht zu. Johnny mußte Wasser und ein Handtuch bringen, dann befahl er ihm, meinen und seinen Mustang in Bereitschaft zu halten. Seinem Winseln: wenn aber die Mustangs ausgerissen, sich nicht fangen ließen, begegnete er mit den kurzen Worten:

›Müssen in einer Viertelstunde da sein, dürfen nicht ausgebrochen sein; keine Tricks, verstehst du? keine Kniffe, du kennst mich.‹

Johnny mußte ihn wohl kennen, denn ehe noch eine Viertelstunde vergangen, standen die Tiere gesattelt und gezäumt vor der Hütte.

Das Frühstück, aus Tee, Butter, Welschkornbrot und zarten Steaks bestehend, hatte mich auf eine Weise gestärkt, die es mir möglich machte, meinen Mustang zu besteigen. Zwar schmerzten noch alle Glieder, aber wir ritten langsam, der Morgen war heiter, die Luft elastisch, mild erfrischend, und der Weg oder vielmehr Pfad lag wieder durch die Prärie, die auf der einen Seite gegen den Fluß zu mit Urwald eingesäumt, auf der andern wieder ozeanartig hinausfloß in die weite Ferne von zahllosen Inseln beschattet. Wir trafen auf eine Menge Wildes, das unsern Tieren beinahe unter den Füßen weglief; aber obwohl Bob sein Gewehr mithatte, er schien nichts zu sehen, sprach immerfort mit sich. Er schien zu ordnen, was er dem Richter zu sagen habe, denn ich hörte ihn in ziemlichen Zusammenhang Sätze vortragen, die mir Aufschlüsse gaben, die ich in meiner Stimmung wahrlich gern überhört hätte. Aber es ließ sich nicht überhören, denn er schrie wie besessen, und wenn er stockte, schien auch das Gespenst wieder über ihn zu kommen. Er starrte dann wie wahnsinnig auf einen Punkt hin, schrak zusammen, stöhnte, die Fieberschauer, der Wahnsinn des Mörders griffen ihn. Ich war, wie Sie wohl denken mögen, herzlich froh, als wir endlich das Gehege der Pflanzung erblickten.

Sie schien sehr bedeutend. Das Haus, groß und aus Fachwerk zusammengesetzt, verriet Wohlstand und selbst Luxus. Es lag in einer Gruppe von Chinabäumen, die, obwohl offenbar vom Besitzer seit nicht vielen Jahren gepflanzt, doch bereits hoch aufgeschossen, Kühle und Schatten gaben. Ich würde sie für zehnjährig gehalten haben, erfuhr aber später, daß sie kaum vier Jahre gepflanzt waren. Rechts vom Hause stand einer der Könige unserer Pflanzenwelt, ein Lebenseichenbaum, der schönste, edelste, festeste Baum Texas', der Welt, kann man wohl sagen, denn etwas Majestätischeres, Ehrfurchtgebietenderes als ein solcher Riesenbaum mit seinen Silberschuppen und Bärten, die Jahrhunderte ihm angelegt, läßt sich nicht denken! Links dehnten sich etwa zweihundert Acker Cottonfeld gegen den sich hier stark krümmenden Jacinto hin; die Pflanzung lag so ganz in einer Halbinsel, ungemein reizend, eine wahre Idylle. Vor dem Hause die unabsehbare, vielleicht zwanzig, vielleicht fünfzig, ja hundert Meilen gegen Westen hinströmende Prärie, hie und da ein Archipelagus von Inseln, schwankend und schimmernd in der transparenten Atmosphäre – zwischen diesen die grasenden Rinder- und Mustangherden und links und rechts Cottonfelder und Inseln. Hinter dem Hause waren die Wirtschaftsgebäude und das Negerdörfchen zu sehen. Über dem Ganzen ruhte tiefe Stille, die, bloß durch das Anschlagen zweier Hunde unterbrochen, der so sinnig träumerisch gelegenen Pflanzung etwas Feierliches verlieh, das selbst Bob zu ergreifen schien. Er hielt am Gatter an, schaute zweifelnd auf das Haus hinüber wie einer, der an einer gefährlichen Schwelle steht, die zu überschreiten nicht geheuer.

So hielt er wohl einige Minuten.

Ich sprach kein Wort, hätte auch um keinen Preis reden, die innere Stimme, die ihn trieb, unterbrechen können; ich hätte es für einen Frevel gehalten. Aber zentnerschwer lag es mir auf der Brust, wie er so hielt.

Mit einem plötzlichen Rucke, der einen ebenso plötzlichen Entschluß verkündete, riß er das Gattertor auf, und wir ritten durch zwei mit Orangen, Bananen und Zitronen besetzte Hausgärten, die, von der Passage durch eine Staketeinfassung getrennt, an einen Vorhof lehnten, wo ein zweites Gattertor mit einer Glocke zu sehen war. Als diese anschlug, erschien ein Neger, der die Haustür öffnete.

Er schien Bob sehr gut zu kennen, denn er nickte ihm wie einem alten Bekannten zu, sagte ihm auch, daß der Squire ihn gebraucht, einige Male nach ihm gefragt habe. Mich bat er abzusteigen, das Frühstück würde sogleich bereit sein; für die Pferde werde gesorgt werden.

Ich bedeutete dem Neger, wie ich nicht gekommen, die Gastfreundschaft des Squire in Anspruch zu nehmen, sondern als Begleiter Bobs, der mit seinem Herrn zu sprechen wünsche. Im Vorbeigehen sei es bemerkt, paßte auch mein Äußeres nichts weniger als zu Besuchen, meine Kleider waren beschmutzt, zum Teil auch zerrissen – ich ganz und gar nicht in der Verfassung, die Gastfreundschaft eines Texas-Grandee in Anspruch zu nehmen.

Der Neger schüttelte ungeduldig den Wollkopf. ›Massa immerhin absteigen, das Frühstück sogleich auftragen und für die Pferde auch gesorgt werden.‹

Bob fiel ihm in die Rede.

›Brauchen dein Frühstück nicht, sag ich dir, – will mit dem Squire reden.‹

›Squire noch im Bett sein‹, versetzte der Neger.

›So sag ihm, er solle aufstehen, Bob habe ihm etwas Wichtiges zu sagen.‹

Der Neger schaute Bob mit einem Blicke an, der dem Gentleman eines englischen Herzogs Ehre gemacht haben würde.

›Massa noch schlafen, er nicht wegen zehn Bobs aufstehen.‹

›Aber ich habe ihm etwas Wichtiges, etwas sehr Wichtiges zu sagen‹, versicherte Bob dringlich, beinahe ängstlich.

Der Neger schüttelte abermals den Wollkopf.

›Etwas Wichtiges, sage ich dir, Ptoly!‹ fuhr er nun schmeichelnd und heftig zugleich fort, die Hand nach dem Wollkopfe ausstreckend, ›etwas, das Leben und Tod betrifft.‹

Der Neger drückte sich und sprang der Haustür zu.

›Massa nicht aufstehen, bis er ausgeschlafen. Ptoly nicht der Narr sein, ihn wegen Bob zu wecken; Massa nicht für zehn Leben und Tode aufstehen.‹

Der aristokratische Neger des aristokratischen Squire würde zu jeder andern Zeit mein Lachfell gekitzelt haben, hier jedoch hatte der Auftritt etwas Peinigendes; zum Lachen war wirklich nicht der Zeitpunkt.

›Wann steht der Squire auf?‹ fragte ich.

›In einer oder zwei Stunden.‹

Ich sah auf meine Uhr – sie war abgelaufen; aber der Neger sagte, es wäre sieben. Allerdings eine etwas frühe Stunde zu einem Morgenbesuche, der nichts weniger als unterhaltend zu werden versprach, obwohl spät genug, um einen Texas-Squire außer dem Bett zu sehen; doch ging uns sein Langeschlafen nichts an, und ich glaubte vermittelnd eintreten zu müssen. So wandte ich mich also an Bob, ihm bedeutend, daß die Stunde allerdings zu Geschäften zu früh, und wir in Geduld warten oder zurückkehren müßten.

›Warten, warten mit dieser Höllenpein und dem Gespenste?‹ murmelte Bob. ›Kann nicht warten – wollen zurück.‹

›Wollen zurück und in zwei Stunden wiederkommen‹, bedeutete ich dem Neger.

›Wenigstens Massa bleiben, Bob allein reiten lassen, Squire Massa gern sehen‹, bat der Neger mit einem vielsagenden, bedenklichen Blicke auf Bob, der mich wohl zum Bleiben bewogen haben dürfte, wäre meine Verpflichtung gegen den Elenden nicht von der Art gewesen, als ein solches Bleiben zum schwärzesten Undank gestempelt haben müßte. Wir ritten also wieder zu Johnnys Gasthütte zurück.

Der sanft bequeme Ritt hatte mich erfrischt und, obgleich er hin und wieder zurück nicht zwei Stunden gewährt, meinen Appetit auf eine Weise geschärft, die mir ein zweites Frühstück zum Bedürfnis machte. Überhaupt können Sie den Heißhunger, der sich nach einem Ritte in den Präries überhaupt und nach einer solchen Hungerkur begreiflicherweise doppelt einstellt, unmöglich begreifen. Man wird ordentlich zum Nimmersatt, der Magen zu einem wahren Schlunde, der alles in seinen Bereich zieht und verschlingt. Kaum daß ich die Zeit erwarten konnte, bis die Mulattin die Steaks brachte. Bob schien mein Appetit ungemein zu freuen. Ein freundlich wehmütiges Grinsen überflog ihn, wenn sein wirrer Blick auf mich fiel; aber trotz meines ermunternden Zuredens ließ er sich nicht bewegen teilzunehmen. Nüchtern, murmelte er mir zu, müsse das getan werden, was er zu tun habe, und nüchtern wolle er bleiben, bis er abgewälzt habe die Last. So saß er, die Augen stier auf einen Punkt gerichtet, die Gesichtsmuskeln starr. Irgendein Fremder, der eingetreten, müßte ihn für ein Waldgespenst gehalten haben. Die Leiden des Elenden waren zu gräßlich, um ihn länger zu quälen. So bestiegen wir denn, nachdem ich mich restauriert, abermals die Pferde.

Diesmal vermochte ich bereits schneller zu reiten; in weniger denn drei Viertelstunden waren wir wieder vor dem Hause.«

»Scheint also die Hungerkur doch auch ihre angenehme Seite gehabt zu haben«, bemerkte wieder spöttisch Oberst Cracker.

»Wollt Ihr sie vielleicht auch versuchen?« fragte der General.

Der Erzähler schien nicht zu hören; er fuhr fort:

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