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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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5

»Meine Kräfte waren so gänzlich gewichen, daß der Mann mich auf den Arm nehmen und in die Hütte tragen mußte; selbst da konnte ich nicht mehr stehen, er mußte mich wie ein Windelkind auf die Bank niederlassen. Aber trotz des nun rasch vor sich gehenden Ebbens meiner Lebensgeister weiß ich mich noch sehr deutlich, nicht nur auf die Wirtsleute, sondern auch das Hausgerät, die Stube, kurz alles zu erinnern. War es der Whisky, der den Geist in meinem hinsterbenden Körper so aufgeregt? In keinem Zeitpunkte meines Lebens habe ich so klar wie in diesem äußere Gegenstände wahrgenommen. Alles, was seit meinem Erwachen aus der Todes-Lebenskrise vorging, ist mir noch so deutlich eingeprägt, als ob ich es jetzt vor Augen sähe, der gräßliche Mann, das erbärmliche Blockhaus – eine Doppelhütte, mit einer Art Tenne in der Mitte – auf der einen Seite die Stube, auf der andern die Küche; die Stube ohne Fenster, mit Löchern, die mit geöltem Papier verklebt waren, dem hartgestampften Fußboden, an dessen Rändern fußhohes Gras wuchs; in einem Winkel das Bett, in einem andern eine Art Schenktisch und zwischen diesen beiden Winkeln wie eine Katze, die auf dem Sprunge, einherschleichend eine unaussprechlich widerliche Karikatur, den Wirt vorstellend – rote Haare, rote Schweinsaugen, ein Mund, der grausig scheußlich von einem Ohr zum andern reichte, ein hündisch erdwärts gerichteter Blick, der lauernd giftig ganz dem schleichenden Katzenschritte entsprach! Alles das steht vor meiner Seele so lebendig, daß ich den Mann, lebte er noch, unter Millionen beim ersten Blick herausfände.

Ohne uns nur mit einem Worte, einem Blicke zu bewillkommnen, brachte er eine Bouteille mit zwei Gläsern, stellte sie auf den Tisch, der aus drei Brettern bestand, die auf vier in die Erde eingerammte Pfosten genagelt waren und von irgendeinem Schranke oder einer Truhe herkommen mußten, denn sie waren noch zum Teile bemalt mit drei Anfangsbuchstaben eines Namens und einer Jahreszahl.

Mein Retter hatte den Menschen sein Geschäft schweigend, nur seinen widerwärtigen Bewegungen mit scharfen Blicken folgend, verrichten lassen. Jetzt schenkte er eines der Gläser voll, und es mit einem Zuge leerend sprach er:

›Johnny!‹

Johnny gab keine Antwort.

›Dieser Gentleman da hat vier Tage nichts gegessen.‹

›So?‹ versetzte, ohne aufzublicken, aus einer Ecke in die andere schleichend, Johnny.

›Vier Tage, sage ich, hörst du? Vier Tage. Und hörst du? Gehst, bringst ihm sogleich Tee, guten, starken Tee. Weiß, habt Tee eingehandelt, und Rum und Zucker. Bringst ihm Tee und dann eine gute Rindssuppe, und das in einer Stunde. Muß der Tee sogleich, die Rindssuppe in längstens einer Stunde fix und fertig sein, verstehst du? Den Whisky nehme ich, und ein Beefsteak und Pataten. Sagst deiner Sambo das.‹

Johnny schlich, als ob er nicht gehört hätte, fort und fort aus einer Ecke in die andere – wie bei einer Katze war sein letzter Schritt immer springend.

›Habe Geld, verstehst du, Johnny? Hab es, Mann!‹ nahm mein Führer wieder das Wort, einen ziemlich vollen Beutel aus dem Gürtel ziehend.

Johnny schielte mit einem indefinisablen Blicke nach dem Beutel hin, sprang dann vor, schaute meinen Mann hohnlächelnd an.

Die beiden standen, ohne ein Wort zu sagen. Ein höllisches Grinsen fuhr über Johnnys häßliche Züge. Mein Mann schnappte nach Atem.

›Habe Geld‹, schrie er auf einmal, den Kolben seiner Rifle zur Erde stoßend. ›Verstehst du, Johnny? Geld, und zur Not eine Rifle.‹

Und so sagend schenkte er sein zweites Glas ein, das er abermals mit einem Zuge leerte.

Johnny stahl sich jetzt so leise aus der Stube, daß mein Mann seine Entfernung erst durch das Klappen der Holzklinke gewahr wurde. Kaum war er jedoch dieses gewahr, als er auf mich zutrat, mich, ohne ein Wort zu sagen, auf seinen Arm hob und dem Bett zutrug, auf das er mich sanft niederlegte.

›Ihr macht, als ob Ihr hier zu Hause wäret‹, knurrte der wieder eintretende Johnny.

›Bin das so gewohnt, tue das immer, wenn ich in ein Wirtshaus komme‹, versetzte mein Mann, ruhig ein frisches Glas einschenkend und leerend. ›Für heute soll der Gentleman euer Bett haben. Magst du und deine Sambo meinethalben im Schweinestalle schlafen, habt aber keinen.‹

›Bob!‹ schrie Johnny wütend.

›Das ist mein Name, Bob Rock.‹

›Für jetzt‹, zischte mit schneidendem Hohne Johnny. ›So wie der deinige Johnny Down!‹ lachte wieder Bob.

›Pooh, Johnny, glaube doch, kennen uns, oder kennen wir uns nicht?‹

›Kalkuliere, kennen uns‹, versetzte Johnny zähneknirschend.

›Kennen uns von weit und breit und lang und kurz her‹, lachte wieder Bob.

›Seid ja der berühmte Bob von Sodoma in Georgien.‹

›Sodoma in Alabama, Johnny!‹ verbesserte ihn lachend Bob. ›Sodoma in Alabama. Sodoma liegt in Alabama‹ – sprach er, wieder ein Glas nehmend, ›weißt du das nicht und warst doch ein geschlagenes Jahr in Columbus, und das in allen möglichen schlechten Kapazitäten?‹

›Besser, Ihr schweigt, Bob‹, zischte Johnny mit einem Dolchblicke auf mich.

›Pooh! wird dir kein Haar krümmen, nicht plaudern, bürge dir dafür. Ist ihm die Lust dazu in der Jacinto-Prärie vergangen. Wenn sonst keiner wäre als der. Aber Sodoma‹, hob er wieder an, ›liegt in Alabama, Mann! Columbus in Georgien, sind durch den Chattahoochee voneinander geschieden, den Chattahoochee! Ah, das war ein lustiges Leben auf diesem Chattahoochee! Aber alles auf der Welt vergänglich, sagte immer mein alter Schulmeister. Pooh! haben jetzt dem Fasse den Boden ausgeschlagen, die Indianer ein Haus weiter über den Mississippi gesandt. War aber ein glorioses Leben. War es nicht?‹

Wieder schenkte er ein – wieder trank er aus.

Die Aufschlüsse, die mir die Unterhaltung über den Charakter meiner beiden Gesellschafter gab, dürften für jeden andern wohl wenig Erfreuliches gehabt haben; denn wenn ihre Bekanntschaft von diesem gräßlichen Orte her datierte, mochte sie sich ebensowohl aus der Hölle herleiten. Der ganze Südwesten hatte, Sie wissen es, nichts aufzuweisen, das an Verruchtheit diesem Sodoma, wie es ganz bezeichnend genannt wurde, gleichkam. Es liegt oder lag wenigstens noch vor wenigen Jahren in Alabama, einem Indianergebiet, Freihafen aller Mörder und Geächteten des Westens und Südwestens, die hier unter indianischer Gerichtsbarkeit Schutz und Sicherheit gegen die Ahndung des Gesetzes fanden. Schauderhaft waren die Frevel-, ja Greueltaten, die hier täglich vorfielen. Kein Tag verging ohne Mord und Plünderung, und das nicht heimlich, nein, am hellen Tage setzte die Mörderbande mit Messern, Dolchen, Stutzen bewaffnet über den Chattahoochee, tobte wie die wilde Jagd in Columbus ein, stieß nieder, wer in den Weg kam, brach in die Häuser, raubte, plünderte, mordete, tat Mädchen und Weibern Gewalt an und zog dann jubelnd und triumphierend, mit Beute beladen, über den Fluß in ihre Mordhöhle zurück, der Gesetze nur spottend. An Verfolgung oder Gerechtigkeit war nicht zu denken, denn Sodoma stand unter indianischer Gerichtsbarkeit, ja mehrere der indianischen Häuptlinge waren mit den Mördern einverstanden, ein Grund, der denn auch endlich die Veranlassung zu ihrer Fortschaffung wurde. Diese Fortschaffung hat, wie Sie wissen, die Tränendrüsen aller unserer alten, politischen Weiber in hohem Grade geöffnet, erstaunlich viele Gegner unter unsern guten Yankees gefunden, – Echos unserer ebenso guten Freunde in Großbritannien, denen es freilich nicht angenehm sein konnte, ihre Verbündeten so gleichsam aus unserer Mitte gerissen zu sehen. Ah, die britische Humanität, wie liebreich sie genauer betrachtet erscheint! Gar, gar so liebreich! Gott behüte und bewahre uns nur vor dieser liebreichen englischen Humanität! Glücklicherweise hatte Jacksons Eisenseele auch keinen Funken dieses britischen Liebesreichtums. Die Indianer mußten über den Mississippi, wie Sie wissen, und seit der Zeit sind auch Räuber, Mörder und – Sodoma verschwunden und Columbus blüht und gedeiht, eine so respektable, geachtete Stadt als irgendeine im Westen.«

»Vollkommen wahr!« fielen mehrere ein, »vollkommen wahr!«

»Doch zu meinen beiden Gesellschaftern zurückzukehren«, fuhr der Oberst fort, »so schien die Erinnerung an ihre Großtaten sie merklich zutraulicher zu stimmen. Johnny hatte sich gleichfalls ein volles Glas gebracht, und die beiden wisperten viel und angelegentlich. Doch konnte ich ihre Sprache, eine Art Diebes- und Spielerkauderwelsch, nicht verstehen. Nur hörte ich von meinem Gönner öfters ein wildes: ›Nein, nein – ich will bestimmt nicht!‹ ausstoßen. Dann verschwammen mir Worte und Gegenstände in vagen Klängen und Umrissen.

Eine ziemlich unsanfte Hand rüttelte mich auf. Ich sah aber nicht mehr. Erst als mir einige Löffel Tee eingegossen waren, wurde es mir klarer vor den Augen. Es war eine Mulattin, die mir zur Seite stand und mir Tee mit einem Löffel eingoß. Die Miene, die sie dazu machte, lächelte anfangs nichts weniger als freundlich; erst nachdem sie mir ein halbes Dutzend Löffel eingegossen, begann sich etwas wie weibliches Mitgefühl zu zeigen.

Im Herzen des Weibes, welcher Farbe sie auch sei, trifft ein junger Mann immer wenigstens auf eine Saite, die klingt, wenn auch nicht die zarteste. Mit jedem Löffel, den sie mir eingoß, wurde sie freundlicher. Es war aber ein köstliches Gefühl, das mich bei dieser Atzung durchschauerte. Bei jedem Löffel, den sie mir eingoß, war es mir, als ob ein neuer Lebensstrom durch Mund und Kehle in die Adern rieselte. Jawohl, eine köstliche Empfindung – sie tat mir ja wohl!

Viel sanfter, als sie mich vom Kissen aufgehoben, ließ sie mich nieder.

›Gor, Gor!‹ kreischte sie. ›Was für armer junger Mann das sein! Aber in einer Stunde Massa etwas Suppe nehmen.‹

›Suppe? Wozu Suppe kochen?‹ knurrte Johnny herüber.

›Er Suppe nehmen, ich sie kochen‹, kreischte die Mulattin.

›Und schlimm für dich, Johnny, wenn sie sie nicht kocht; sage dir, schlimm für dich!‹ schrie Bob.

Johnny murmelte etwas, was ich jedoch nicht mehr hörte, da abermals ein leichter Schlummer mich in seine Arme genommen.

Nach, was mir bloß wenige Augenblicke schienen, kam richtig die Mulattin mit der Suppe. Hatte mich ihr Tee erquickt, so kräftigte die Suppe erst eigentlich den schwankenden Lebensfunken. Ich fühlte zusehends, wie sie mir Kraft in Eingeweide, in Adern und Sehnen eingoß. Bereits konnte ich mich im Bette aufrecht sitzend halten.

Während ich von der Mulattin gefüttert wurde, sah ich auch Bob sein Beefsteak verzehren. Es war ein Stück, das wohl für sechs hingereicht haben dürfte; aber der Mann schien auch seit wenigstens drei Tagen nichts gegessen zu haben. Er schnitt Brocken von der Größe einer halben Faust ab, warf sie ohne Brot in den Mund und biß dann in die ungeschälten Pataten ein. Ich hatte nicht bald solchen Heißhunger gesehen. Dazu schüttete er Glas auf Glas ein.

Der Whisky schien ihn zu wecken, sein zerstörtes Wesen in eine gewisse Lustigkeit umzustimmen. Er sprach noch immer mehr mit sich selbst als mit Johnny, aber die Erinnerungen schienen angenehm, denn er lachte öfters laut auf, nickte sich selbstgefällig zu; einige Male verwies er auch Johnny, daß er ein gar so katzenartiger, feiger Geselle – ein gar so feiger, heimtückischer, falscher Galgengeselle sei.

Er sei zwar, lachte er, auch ein Galgengeselle, aber ein mutiger, offener, ehrlicher Galgengeselle – Johnny aber, Johnny –

Johnny sprang auf ihn zu, hielt ihm beide Hände vor den Mund, wofür er aber einen Schlag bekam, der ihn an die Stubentür anwarf, durch die er fluchend abzog. Ich war gerade auf dem Punkte einzuschlummern, als er den Finger auf dem Munde leise der Tür zuschlich, da horchte und sich dann dem Bett näherte.

›Mister!‹ raunte er mir in die Ohren, ›Mister, braucht Euch nicht zu fürchten!‹

›Fürchten? Warum sollte ich mich fürchten?‹

›Warum? Darum!‹ versetzte er lakonisch.

›Warum sollte ich fürchten? Für mein Leben? Seid Ihr nicht da, der es gerettet, den es nur einen Druck seines Daumens gekostet hätte, es wie ein Talglicht auszulöschen?‹

Der Mann schaute auf. ›Das ist wahr, mögt auch recht haben! Aber unsere Pflanzer, wißt Ihr, fangen auch oft Büffel und Rinder, um sie erst zu mästen und dann abzutun.‹

›Aber Ihr seid mein Retter, mein Landsmann und Mitchrist, und ich bin kein Rind, Mann!‹

›Seid's nicht, seid's nicht!‹ fiel er hastig ein. – ›Seid's nicht! – Und doch – doch –.‹ Er wurde düster, schien sich zu besinnen.

›Hört Ihr?‹ wisperte er, ›versteht Ihr Karten oder Würfel?‹

›Ich habe nie gespielt.‹

›Wenn Euch zu raten ist, so spielt auch nicht, hier absolut nicht! Versteht Ihr? Ah, hätte ich das gottverdammte Spiel nicht! Kein Spiel, hört Ihr? Kein Spiel!‹ Er wandte jetzt den Kopf der Tür zu, horchte, schlich wieder zum Tische, sich einzuschenken – die Bouteille war jedoch leer.

›Johnny!‹ schrie er, einen Dollar auf den Tisch werfend – ›sitzen im Trocknen.‹

Johnny steckte den Kopf durch die Tür.

›Bob, Ihr habt genug!‹

›Wirst du mir sagen, daß ich genug habe? Du?‹ schrie Bob, aufspringend und sein Messer ziehend.

Johnny sprang wie eine Katze davon, aber die Mulattin kam und brachte eine volle Bouteille.

Was weiter vorging, hörte ich nicht mehr, denn abermals kam der wohltätige Schlummer über mich.

Während meines Schlummers hörte ich, wie man im Schlummer hört, lauten Wortwechsel, dazwischen Stöße und Schläge; doch weckte mich nicht das Lärmen, sondern der Hunger. Dieser ließ mich nicht mehr schlafen. Wie ich die Augen aufschlug, sah ich die Mulattin, die an meinem Bett saß und die Moskitos abwehrte. Sie brachte mir den Rest der Suppe. Nach zwei Stunden sollte ich ein so köstliches Beefsteak haben, als je aus ihrer Pfanne kam. Nun aber müßte ich wieder schlafen.

Ehe noch die zwei Stunden vergangen, erwachte ich, so rasch ging die Verdauung vor sich. Wie ein Reibeisen arbeitete es in meinem Magen herum, aber nicht mehr schmerzlich, im Gegenteil, es war mehr eine wohltuende Empfindung. Das bereitete Beefsteak genoß ich mit einer Lust, einem Appetit, der wirklich nicht zu beschreiben ist. Eine solche Wollust war mir der Genuß dieses Rindschnittes, daß er mich halb und halb mit den entsetzlichen Qualen meines hundertstündigen Fastens wieder versöhnte. Doch erlaubte mir die Mulattin, die mehrere Fälle dieser Art erlebt und behandelt, nur ein sehr mäßiges Stück. Dafür brachte sie mir ein volles Bierglas, aus dem mir ein herrlicher Punsch entgegendampfte. In meinem Leben hatte ich, oder glaubte ich, nichts Köstlicheres genossen zu haben. Auf meine Frage, wo sie den Rum und Zucker sowie die Zitronen her habe, erklärte sie, daß sie mit diesen Artikeln selbst handle, daß Johnny bloß das Haus aufgeblockt, und zwar schlecht genug aufgeblockt, sie aber das Kapital zum Betrieb der Wirtschaft hergegeben und nebenbei noch einen Zucker-, Kaffee- und Schnittwarenhandel führe. Die Zitronen habe sie vom Squire oder, wie er auch genannt wurde, dem Alkalden, der ganze Säcke voll verschenke.

Allmählich wurde das Weib gesprächiger. Sie begann über Johnny zu klagen, wie er ein wüster Spieler und wohl noch etwas Schlechteres sei; wie er viel Geld bereits gehabt, aber alles wieder verloren, oft flüchtig werden müssen; wie sie ihn im untern Natchez kennengelernt, von wo er gleichfalls bei Nacht und Nebel fort gemußt. Aber der Bob sei nicht besser, im Gegenteile – das Weib machte die Bewegung des Gurgelabschneidens – einer, der es arg getrieben. Jetzt habe er sich betrunken, Johnny zu Boden geschlagen und überhaupt sehr wüst getan. Er läge draußen auf dem Porche, Johnny aber habe sich verborgen; doch brauche ich mich nicht zu fürchten.

›Fürchten, mein gutes Weib? Warum sollte ich mich fürchten?‹

Sie schaute mich eine Weile bedenklich an, dann sprach sie: ›Wenn ich wüßte, was sie wisse, würde ich mich wohl fürchten. Sie wolle jedoch auf keine Weise länger bei dem verruchten Johnny bleiben, so bald als möglich sich um einen andern Partner umsehen. Wenn sie nur einen wüßte.‹

Bei diesen Worten schaute sie mich an.

Ihr Blick sowie ihr ganzes Wesen hatten ein Etwas, das mir gar nicht gefiel. Die alte Sünderin war ihr in jedem Zuge eingedrückt. Ein häßliches, grobsinnliches Gesicht, in dem Laster und Ausschweifungen leserliche Spuren zurückgelassen. Aber jetzt war nicht die Zeit, den zart Empfindsamen zu spielen. Ich versicherte sie so warm, als ich nur vermochte, daß der Dienst, den sie mir erwiesen, meine ganze Dankbarkeit in Anspruch nähme, die ihr auf alle Fälle werden sollte.

Noch sprach sie eine Weile, ich hörte jedoch nicht mehr, denn ich war wieder eingeschlummert.

Diesmal wurde der Schlummer zum festen Schlafe.

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