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Das indische Tuch

Edgar Wallace: Das indische Tuch - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/wallacee/indituch/indituch.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDas indische Tuch
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun21. Auflage
translatorHans Herdegen
editorFriedrich A. Hofschuster
year1990
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001897
created20111023
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19

Tanner kam und schaute in den Ofen. Die Hitze hatte das Tuch versengt, aber man konnte noch gut die Stelle sehen, wo es gelegen hatte. Die Umrisse waren deutlich sichtbar, ebenso das geschmolzene Zinn. Es mußte ein Tuch gewesen sein wie das, mit dem Studd erwürgt worden war.

Lady Lebanon war dem Chefinspektor langsam gefolgt und fand ihn allein in der Halle, als sie eintrat.

»Hat etwas im Ofen gebrannt?« fragte sie leichthin. »Wahrscheinlich ist es Seide. Ich habe gestern abend noch ein Puppenkleid genäht für den Bazar unten im Dorf. Heute morgen habe ich die Reste auf meinem Tisch gefunden und ins Feuer geworfen.«

»Nein, das kann es nicht sein«, entgegnete er ruhig. »Es war ein Stück Stoff, ein indisches Tuch von roter Farbe. In der Ecke war ein kleines Metallschild eingenäht. Haben Sie so etwas noch nicht gesehen? Dr. Amersham hatte eins dieser Tücher in seinem Besitz.«

Sie warf ihm einen schnellen Blick zu.

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ich fand ein solches Tuch im Schreibtisch von Dr. Amersham, als ich gestern abend seine Wohnung durchsuchte.«

Er ging zur Tür. Ferraby und Totty standen in der Nähe; er rief sie zu sich und gab ihnen Instruktionen.

»Es darf niemand in dieses Zimmer kommen, während ich mit Lady Lebanon spreche.«

»Bedeutet das, daß ich hier gefangen bin?« fragte sie.

»Nein, ich möchte nur nicht gestört werden.«

Sie setzte sich.

»Wollen Sie mich etwa verhören? Ich fürchte, ich kann Ihnen nur wenig Auskunft geben.«

»Im Gegenteil, ich hoffe, Sie werden mir sehr viel sagen. Ich möchte nicht nur Fragen an Sie richten, sondern Ihnen auch ein paar Tatsachen mitteilen, deren Kenntnis Sie vielleicht nicht bei mir voraussetzen.«

»Nun, das ist wenigstens eine Zerstreuung an diesem entsetzlichen Tag.«

Er mußte sie bewundern. Selten war ihm ein Mensch begegnet, der sich so gut beherrschen konnte wie diese Frau.

»Oben im Haus gibt es ein Zimmer, Lady Lebanon, zu dem Brooks keinen Schlüssel hat. Er behauptete, es wäre ein Abstellraum.«

»Dann wird es auch so sein«, entgegnete sie leichthin.

»Das ist nicht gut möglich. Im ersten Stock, mitten unter den besten Zimmern, liegt doch keine Rumpelkammer!«

Sie zuckte die Schultern.

»Wir nennen es Abstellraum, obwohl ich dort ein paar wertvolle Gegenstände aufbewahre.«

»Haben Sie den Schlüssel dazu?«

»Ich öffne das Zimmer nie.«

Ihre Stimme klang metallisch hart.

Plötzlich wurden sie unterbrochen. Die Treppe, die in die Halle führte, war nicht bewacht; Lord Lebanon kam herunter und hörte die letzten Worte. Seine Mutter sah ihn noch nicht.

»Mr. Tanner, ich will Ihnen die Wahrheit sagen. Es ist das Zimmer, in dem mein Mann gestorben ist. Seit jenem Tag ist es nicht mehr geöffnet worden.«

»Ach, handelt es sich um das Zimmer mit der dicken Tür?« mischte sich der junge Lord ins Gespräch. »Mr. Tanner, die Tür habe ich häufig offen gesehen.«

Sie warf ihm einen drohenden Blick zu.

»Da irrst du dich aber, Willie. Das Zimmer ist nicht mehr geöffnet worden, und vor allem hast du es nicht gesehen.«

»Dann wäre es doch gut, wenn die Tür geöffnet wird«, sagte der Inspektor.

»Es tut mir leid, aber das ist unmöglich.«

»Und mir tut es ebenso leid, aber ich muß darauf bestehen.«

»Seien Sie doch vernünftig, Mr. Tanner«, sagte sie jetzt freundlich, aber ihre Unruhe war unverkennbar. »Was könnte Sie auch in dem Zimmer besonders interessieren? Es hängen nur ein paar alte Gemälde darin. Ich dachte, Sie wollten den Mord aufklären, und der ist doch außerhalb des Hauses passiert.«

»Ich führe meine Untersuchungen, wie ich es will, Lady Lebanon«, entgegnete Tanner streng.

»Aber Mutter –«

»Würden Sie uns nicht etwas allein lassen, Lord Lebanon?« sagte Tanner. »Im Korridor finden Sie Sergeant Ferraby.«

Er wartete, bis der junge Lord verschwunden war.

»Lady Lebanon, Sie wissen genau, daß ich sofort einen Durchsuchungsbefehl bekommen kann.«

Sie warf den Kopf in den Nacken.

»Es wäre eine Gemeinheit, wenn Sie das täten«, erwiderte sie hochmütig. »Kein Friedensrichter oder Beamter in unserer Gegend würde Ihnen ein solches Schriftstück ausstellen.« Plötzlich änderte sie das Thema. »Aber ich habe gedacht, Sie wollten mich noch etwas fragen?«

Im Augenblick konnte Tanner nichts dadurch erreichen, daß er noch länger über den geschlossenen Raum sprach. Es fiel ihm leicht, einen Durchsuchungsbefehl zu beschaffen, und er hatte die Ausstellung bereits in Scotland Yard beantragt.

»Ich möchte mit Ihnen über die Ermordung Dr. Amershams sprechen«, begann Tanner. »Deshalb bin ich hergekommen, aus keinem anderen Grunde. Ich will den geheimnisvollen Mord aufklären, der an Dr. Leicester Amersham begangen wurde.«

»Ich dachte doch, ich hätte Ihnen gesagt –«

»Sie haben mir gesagt, daß Sie nichts darüber wissen, aber ich bin anderer Ansicht. Lady Lebanon, wann haben Sie Dr. Amersham zum letztenmal gesehen?«

Sie schaute ihn nicht an; der schwere Augenblick war gekommen.

»Ich habe ihn heute morgen nicht gesehen –«

»Das weiß ich«, sagte Tanner geduldig. »Heute morgen lebte er nicht mehr. Nach den ärztlichen Gutachten ist er gestern abend zwischen elf Uhr und Mitternacht gestorben. Wann haben Sie ihn zuletzt lebend gesehen?«

»Gestern morgen – es kann aber auch schon einen Tag früher gewesen sein. Ich bin meiner Sache nicht sicher.«

Kaum hatte sie die Worte geäußert, so wußte sie auch schon, daß sie einen großen Fehler begangen hatte.

»Gestern abend um elf Uhr war er aber hier, wahrscheinlich bis kurz vor seinem Tode. Und er hat sich in diesem Zimmer mit Ihnen unterhalten.«

»Sie haben mit den Dienstboten darüber gesprochen?«

Tanner ließ sich durch diesen Vorwurf nicht stören.

»Das ist doch selbstverständlich.«

»Sie hätten aber besser erst mit mir gesprochen. Wenigstens hätte ich das von Ihnen erwartet«, erwiderte sie erregt.

»Nun, ich bin ja jetzt zu Ihnen gekommen.« Tanner sah sie verbindlich lächelnd an, aber das machte keinen Eindruck auf sie. Im Gegenteil, sie sammelte all ihre Kräfte, um sich gegen diesen Mann zu verteidigen. »Und Sie erzählen mir, daß Sie Dr. Amersham gestern morgen zum letztenmal gesehen haben. Dieser Mord hat doch das ganze Schloß in Aufregung versetzt.«

Sie zog die Augenbrauen hoch.

»Ich verstehe nicht recht, wie Sie das meinen.«

»Er war Ihr Freund, Sie sprachen noch mit ihm, und gleich darauf wurde er ermordet ... Meiner Meinung nach hätten Sie ganz anders auf meine Frage antworten müssen. Sie hätten sagen müssen: ›Ich hatte mich gerade vorher noch mit ihm unterhalten‹, oder so etwas Ähnliches.«

»Dr. Amersham war nicht mein Freund«, entgegnete sie leise. »Er war ein Mann mit einem eigenen Willen, nur auf seinen Vorteil bedacht.«

Tanner nickte.

»Dann scheint also die Tatsache, daß er kaum hundert Meter von hier entfernt ermordet wurde, kaum einen Eindruck auf Sie zu machen?«

Sie richtete sich auf.

»Das finde ich unverschämt ...!«

»Ich habe alles Recht, Ihnen das zu sagen. Sehen Sie denn nicht selbst, Lady Lebanon, daß Ihre Haltung auf jeden Fall sonderbar, wenn nicht sogar anmaßend ist? Sie erklären mir, daß Sie nicht mehr genau wissen, wann Sie Dr. Amersham zum letztenmal gesehen haben, obgleich er noch ein paar Minuten vor seinem Tod mit Ihnen sprach! Sie sagen, Sie können die Zeit nicht genau feststellen, weil er nicht Ihr Freund war, sondern einen selbstsüchtigen Charakter besaß. Das ist doch alles unlogisch. Wenn er nicht mit Ihnen befreundet war, was machte er dann um elf Uhr abends hier?«

»Er wollte mich dringend sprechen.«

»Als Arzt?«

Sie nickte.

»Hatten Sie ihn gerufen?«

Sie dachte einen Augenblick nach, ehe sie antwortete.

»Nein, er kam zufällig!«

»Um elf Uhr abends?« Tanner schüttelte ungläubig den Kopf.

»Ich hatte Nervenschmerzen im Arm.«

»Aber Sie haben doch nicht nach ihm geschickt! Er vermutete also, daß Sie Nervenschmerzen hatten, und kam von London, um Ihnen zu helfen? Hat er Ihnen etwas verschrieben?«

Sie erwiderte nichts darauf.

»Er fuhr gegen zwölf Uhr von hier weg, und zwar den großen Fahrweg entlang. Als er ungefähr die halbe Strecke bis zum Parktor zurückgelegt hatte, sprang von hinten jemand auf seinen Wagen und erwürgte ihn.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Man fand das Auto, aus dem er herausgezerrt wurde, auf der anderen Seite des Dorfes verlassen auf.«

Sie hatte alle Einzelheiten dieses Falles nicht nur einmal, sondern schon oft durchdacht.

»Das interessiert mich nicht«, sagte sie unvorsichtigerweise.

Tanner war überrascht.

»Lady Lebanon, Sie haben diesen Dr. Amersham seit Jahren gekannt, er hat Sie ständig hier besucht – er war Ihr Arzt und Ihr Freund, und Sie interessieren sich nicht dafür, daß er brutal ermordet wurde?«

Sie holte tief Atem.

»Natürlich tut es mir leid. Und es war entsetzlich, daß es hier passieren mußte.«

Es dauerte ziemlich lange, bis er die nächste Frage an sie richtete.

»Was wußte Dr. Amersham?«

Sie warf ihm einen schnellen Blick zu.

»Was wußte er?« fragte Tanner aufs neue. »Die letzten Worte, die Sie an ihn richteten, als er das Zimmer verließ, waren ungefähr folgende ...«

Er nahm ein Notizbuch aus der Tasche und las darin nach.

»Sie standen hier« – er zeigte auf eine Stelle in der Nähe ihres Platzes –,. »und Sie sagten ärgerlich zu ihm: ›Niemand würde Ihnen glauben, wenn Sie es erzählten. Versuchen Sie es doch. Und vergessen Sie eins nicht: Sie sind ebensogut in die Affäre verwickelt wie jeder andere. Sie haben immer die Absicht gehabt, die Verwaltung von Willies Vermögen an sich zu reißen!«

Er schlug das Buch ziemlich heftig zu.

»Das mag nicht der genaue Wortlaut gewesen sein, aber jedenfalls war das der Sinn Ihrer Worte. In welche Affäre war er verwickelt?«

Sie antwortete nicht, denn sie war im Augenblick zu bestürzt und verwirrt über seine weitgehenden Informationen. Dann wurde ihr plötzlich klar, woher er diese Kenntnisse hatte, und ihre bleichen Wangen röteten sich vor Zorn.

»Das hat Ihnen natürlich diese Jackson gesagt, die Zofe, die ich entlassen habe. Sie ist absolut unzuverlässig, deshalb mußte sie gehen. Wenn Sie sich auf die Aussagen entlassener Dienstboten stützen, Mr. Tanner –«

»Ich höre alle Leute an – das ist meine Pflicht. Wie lange war der frühere Lord Lebanon krank, bevor er starb?«

Sie war auf diesen plötzlichen Wechsel des Themas nicht gefaßt und konnte nicht sofort antworten.

»Fünfzehn Jahre«, sagte sie schließlich.

»Welcher Arzt hat ihn behandelt?«

»Dr. Amersham.«

Tanner hatte wieder sein Notizbuch gezogen.

»Obwohl er so lange krank war, starb er ziemlich plötzlich. Ich habe den Wortlaut des Totenscheins hier. Das Dokument wurde von Leicester Amersham unterzeichnet.« Das Notizbuch wanderte wieder in die Tasche. »Während der Krankheit Ihres Mannes haben Sie mit Unterstützung Dr. Amershams das Vermögen verwaltet?«

Sie nickte.

»Ich habe seinen Namen unter einer ganzen Anzahl von Pachtverträgen gefunden. Er besaß wohl Generalvollmacht?«

Sie fühlte sich jetzt sicherer, und sie hatte auch den Eindruck, daß die Krisis vorüber war.

»Ja. Mein Mann schätzte ihn, und Dr. Amersham half mir bei der Verwaltung der Güter.«

Tanner machte eine Pause, bevor er mit freundlicher Stimme die nächste Frage stellte.

»Warum haben Sie ein zweites Mal geheiratet?«

Lady Lebanon erfaßte die volle Tragweite dieser Worte nicht gleich, aber dann sprang sie auf.

»Das ist nicht wahr!« stieß sie atemlos hervor.

»Warum haben Sie ein zweites Mal geheiratet? Die Trauung fand in der Kirche von Petersfield statt. Und warum wählten Sie ausgerechnet Leicester Amersham als Gatten? Pfarrer John Hastings vollzog die Trauung.«

Einen Augenblick schwankte sie, dann sank sie schwer in den Sessel.

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Das habe ich in dem Ehestandsregister gefunden, das ich in Petersfield sah. Es fiel mir auf, daß Dr. Amersham auf so gutem Fuß mit dem Pfarrer John Hastings stand. Die beiden sind so verschiedene Charaktere, daß dieses Verhältnis nur durch einen großen Dienst begründet sein konnte, den der Pfarrer Amersham erwiesen hatte. Ich machte mir also die Mühe und fuhr nach Petersfield. Nun frage ich Sie noch einmal: Warum haben Sie drei Monate nach dem Tod Ihres Mannes Leicester Amersham geheiratet, und warum hielten Sie diese Eheschließung geheim?«

Sie goß sich etwas Wasser aus der Karaffe ein, die auf dem Tisch stand. Ihre Hand war ruhig und zitterte nicht, als sie das Glas zum Munde führte. Der Inspektor wartete geduldig.

»Diese Trauung wurde mir aufgezwungen. Dr. Amersham war ein Abenteurer der gewöhnlichsten Art. Er hatte kein Geld, als er in der indischen Armee diente, und zu dieser Heirat hat er mich durch Erpressung gebracht.«

»Bitte, erklären Sie das genauer.«

Sie zuckte nur die Schultern.

»Welche Gewalt hatte er denn über Sie? Man kann doch nicht jemand erpressen, wenn man nicht etwas Strafbares von ihm weiß. Haben Sie irgendwie das Gesetz übertreten?«

»Darauf verweigere ich die Antwort«, sagte sie und preßte die Lippen zusammen. »Ich wußte, daß er mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war – er war ein Dieb und ein Fälscher. Deshalb wurde er auch aus der Armee ausgestoßen.«

Tanner nickte.

»Das mag ja alles der Wahrheit entsprechen. Aber er war gestern abend zwischen elf und zwölf hier im Hause; er hat Sie bedroht und wurde ein paar Minuten später ermordet. Und Sie sagen, daß Sie sich nicht dafür interessieren!«

»Warum sollte ich mich denn auch dafür interessieren? In gewisser Weise bin ich froh, daß er –«. Plötzlich brach sie ab.

»Sie sind froh, daß er tot ist? Oder tut es Ihnen jetzt vielleicht doch leid?«

Er wartete, bis sie sich wieder gefaßt hatte.

»Was nun Ihren ersten Mann angeht, Mrs. Amersham –«

Sie richtete sich auf.

»Ich würde es lieber hören, wenn Sie mich Lady Lebanon nennen.« Sie lachte kurz auf und lehnte sich dann wieder in den Sessel zurück. »Ich glaube, ich habe jetzt Ihre Methoden durchschaut!«

»Wer hat den verstorbenen Lord Lebanon nach seinem Tod gesehen?« fuhr Tanner erbarmungslos fort.

»Dr. Amersham.«

»Sie nicht?«

»Nein. Außer Amersham nur noch Gilder und Brooks. Sie haben alles Nötige getan und ihn in den Sarg gelegt.«

»Und Dr. Amersham hat den Totenschein ausgefertigt. Wenn ich Sie also recht verstehe, starb Lord Lebanon, und nach seinem Tod haben ihn nur Amersham, Gilder und Brooks gesehen. Und dabei war Amersham sehr stark an seinem Ableben interessiert.« Er sah, daß sie zusammenfuhr. »Ich will niemand anklagen, ich stelle nur Tatsachen fest. Er hat Sie erpreßt, weil er etwas wußte. Und nun möchte ich gern hören, ob er mit diesen Erpressungen begann, bevor der Lord starb? Es wäre jedenfalls sehr interessant, das zu erfahren.«

»Ich glaube schon, daß Sie auch noch viele andere Dinge interessieren würden«, entgegnete sie hochfahrend.

»Gewiß. Warum haben Sie zum Beispiel heute morgen Ihren Parkwächter fortgeschickt? Sie haben ihm eine große Summe gegeben – ich weiß allerdings nicht genau, wieviel. Das Geld haben Sie zwei Tage vorher von der Depositenkasse in Marks Thornton abgehoben. Sie gaben ihm das Geld, damit er fortgehen sollte. Ich weiß es so genau, weil ich die Nummern der Banknoten erfuhr und weitere Nachforschungen über ihren Verbleib anstellte.«

Sie ließ ihn keinen Moment aus den Augen.

»Das ist das erste, was ich davon höre. Der Parkwächter ist fortgegangen? Ich habe ihm Geld gegeben, aber für Zwecke, die nur ihn selbst angehen. Mehr weiß ich nicht.«

»Dann kann ich Ihnen vielleicht heute abend mehr darüber sagen.« Tanner sah nach der Uhr und war erstaunt, daß es schon so spät geworden war. Die Dunkelheit brach bereits herein, und er hatte unten im Dorf noch viel zu tun.

»Heute morgen habe ich mich nur oberflächlich für diesen Fall interessiert, Lady Lebanon. Höchstens wollte ich Genaueres über Amersham erfahren. Aber jetzt hat die Affäre weitere Kreise gezogen, und auch Sie und dieses ganze Haus sind in die Sache verwickelt.«

Er ging zum Schreibtisch.

»Haben Sie den Schlüssel zu dem Zimmer, das niemals geöffnet wird, wie Sie behaupten?«

Sie schien die Frage überhört zu haben.

»Nun gut, Lady Lebanon«, sagte er plötzlich, »ich bemühe Sie wahrscheinlich unnötig, aber ich hätte doch gern das verschlossene Zimmer oben gesehen. Ich muß viele Fragen stellen, und mein Beruf bringt es mit sich, daß ich neugierig erscheine. Vielleicht täusche ich mich auch in der Annahme, daß die Macht, die Dr. Amersham über Sie ausübte, etwas mit dem verschlossenen Raum zu tun hat. Habe ich recht?«

»Die Sache hat – mit meiner Vergangenheit zu tun.«

Er schüttelte lächelnd den Kopf.

»Es hat Sie große Mühe gekostet, das zu sagen – und es entspricht nicht einmal der Wahrheit. Sie gehören zu den Leuten, von denen man manchmal in den Büchern liest: Sie sind adelsstolz.« Er runzelte nachdenklich die Stirn. »Übrigens müssen Sie doch selbst eine geborene Lebanon sein?«

Diese Worte machten einen merkwürdigen Eindruck auf sie. Plötzlich sah sie wieder imposant und glänzend aus, und etwas von ihrer früheren Schönheit zeigte sich in ihren Zügen.

»Wie merkwürdig, daß Sie das herausgefunden haben«, entgegnete sie freundlich. »Ja, ich bin eine geborene Lebanon und heiratete meinen Vetter. Ich stamme in direkter Linie von dem vierten Baron Lebanon ab.«

»Erstaunlich!«

»Die Familie ist seit den ältesten Zeiten bekannt. Bevor es noch eine Geschichte von England gab, existierte schon eine Geschichte der Lebanons, und das wird so bleiben – das muß so bleiben! Es wäre entsetzlich, wenn die Linie aussterben sollte!«

Die letzten Worte hatte sie pathetisch gesprochen.

»Für heute möchte ich mich von Ihnen verabschieden, Lady Lebanon«, erwiderte er. »Aber morgen komme ich wieder, ich kann es nicht ändern.«

Als er am Fuß der Treppe stand, sah er zufällig nach oben und bemerkte Isla Crane. Sie hatte den Finger auf die Lippen gelegt und winkte ihm dringend.

Anscheinend gleichgültig stieg er die Treppe hinauf. Isla faßte ihn am Arm.

»Mr. Tanner, Sie wollen doch nicht das Haus verlassen?« fragte sie verstört. »Um Himmels willen, bleiben Sie hier!«

Er fühlte, daß sie zitterte. Langsam machte er sich von ihr frei und ging wieder die Treppe hinunter.

»Ich werde das Auto bestellen, damit Sie nach dem Gasthaus fahren können«, sagte Lady Lebanon.

Tanner sah sie freundlich an.

»Verzeihen Sie, aber ich habe meine Absicht geändert. Ich bleibe heute nacht hier. Hoffentlich haben Sie nichts dagegen, Lady Lebanon.«

Einen Augenblick schaute sie ihn wütend an, dann drehte sie ihm plötzlich den Rücken zu und verließ die Halle.

»Was hat denn das zu bedeuten, Mr. Tanner?« fragte Totty.

»Das sage ich Ihnen besser morgen.«

Der Sergeant holte tief Atem.

»Sie glauben wohl, Sie können einen interessanten Abend in diesem Spukhaus verbringen? Ich bin anderer Ansicht!«

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