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Das indische Tuch

Edgar Wallace: Das indische Tuch - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/wallacee/indituch/indituch.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDas indische Tuch
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun21. Auflage
translatorHans Herdegen
editorFriedrich A. Hofschuster
year1990
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001897
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13

Briggs hatte an Tanner geschrieben, daß er wichtige Aussagen über den Mord in Marks Priory machen könnte, und der Chefinspektor hatte sich entschlossen, ihn von der Polizeistation Carinon Row nach Scotland Yard kommen zu lassen.

Mit Totty wartete er nun in seinem Büro auf die Ankunft des Mannes.

Briggs sah etwas wohler aus als bei seiner Verurteilung, machte aber ein melancholisches Gesicht. Man schloß seine Handschellen auf, außerdem durfte er auf einem Stuhl Platz nehmen und eine Zigarette rauchen. Dann sagte er, daß er sich schwach fühle, und bat um einen Kognak.

»Was die Kerle alles dabei herausschlagen!« meinte Totty bewundernd. »Von denen kann man noch etwas lernen.«

»Also, Briggs«, begann Tanner kurz und geschäftlich, »Sie waren in der Mordnacht im Dorf Marks Thornton?«

»Jawohl.« Briggs' Stimme klang kläglich, als ob er schwer leidend wäre. »Das habe ich ja schon geschrieben. Leider kann ich der Polizei nicht in dem Maß helfen, wie ich gern möchte, denn ich bin durch meineidige Zeugen verurteilt worden, Sie mögen es mir glauben oder nicht, Mr. Tanner. Ich bin so unschuldig wie ein neugeborenes Kind.«

»Davon bin ich vollkommen überzeugt«, unterbrach ihn der Chefinspektor. »Erzählen Sie uns jetzt, was Sie noch über die Sache wissen.«

Briggs wollte seinen Aufenthalt in Scotland Yard mindestens so lange hinziehen, daß er während der Zeit drei Zigaretten rauchen konnte. Er erzählte also umständlich, daß er auf dem Zaun saß, der die Felder von Marks Priory einschloß, berichtete dann, daß der Chauffeur Studd eilig an ihm vorüberkam und daß er später einen Schrei hörte ...

»Gleich darauf sah ich einen Mann auf mich zukommen. Er lief und war ganz außer Atem. ›Wer ist da?› rief ich. ›Es ist alles in Ordnung›, antwortete der Mann. ›Ich bin Dr. Amersham.‹«

»Stimmt das auch?« fragte Tanner und machte sich eine Notiz. »Davon haben Sie doch in Ihrem Brief nichts geschrieben?«

»Nein, ich habe nur angedeutet, worum es sich handelte. Wenn ich ganz offen sein soll: Ich sagte mir, wenn ich alles genau schreibe, wollen Sie mich nachher nicht mehr sprechen.«

»Ach so, Sie wollten einen Tag vom Gefängnis fort. Nun gut, also was passierte dann?«

Tanner wußte rein gefühlsmäßig, ob ein Verbrecher die Wahrheit sagte oder nicht. Und Briggs' Worte entsprachen wohl den Tatsachen.

Der Mann stand auf und ging zum Schreibtisch. Er wollte seine Aussage möglichst dramatisch gestalten, besonders, da er jetzt zu einem gewissen Höhepunkt kam.

»Mr. Tanner«, sagte er langsam, »ich habe ein unheimliches Gedächtnis für Stimmen, und als ich ihn reden hörte, erkannte ich ihn wieder!«

»Was, Sie hatten ihn schon vorher getroffen?« fragte der Chefinspektor überrascht. »Wo war denn das?«

»Im Gefängnis in Puna, als uns beiden der Prozeß gemacht wurde. Damals war er Offizier, und man hatte ihn verhaftet, weil er den Namen eines Kameraden unter einem Scheck gefälscht hatte. Es war allerdings ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß wir zu gleicher Zeit im Gefängnis sein mußten. Ich hatte mich wegen einer ähnlichen Sache zu verantworten. Er ist aber so davongekommen; man hat die Sache damals vertuscht, um einen Skandal zu vermeiden.«

Tanner sah ihn ungläubig an. Sollte Dr. Amersham tatsächlich ein Fälscher sein? Entweder verwechselte Briggs den Mann mit einem anderen, oder –

»Das haben Sie wohl alles erfunden?«

»Durchaus nicht, es ist vollkommen wahr. Sie können ja nach Indien telegrafieren. Ich kann Ihnen sogar das genaue Datum geben.«

»Aber Dr. Amersham ist doch ein Mann von Bildung, und er war damals Offizier –«

»Stimmt alles«, erklärte Briggs zornig. »Aber er hat trotzdem den Namen eines Kameraden gefälscht. Der Mann hieß Willoughby – Sie können das auch in den Akten feststellen. Ich weiß ganz genau Bescheid. Dr. Amersham wurde aus der Armee ausgestoßen. Was später aus ihm wurde, weiß ich nicht. Ich hörte nur noch, daß er unten in Madras ein Mischlingsmädchen geheiratet hätte. Auf jeden Fall war er wegen Betrugs und Fälschung angeklagt, das weiß ich genau. Er heißt Leicester Charles Amersham. Ich habe ihn sofort an der Stimme wiedererkannt.«

Die Vornamen stimmten, also konnte man Briggs' Angaben nicht ohne weiteres ablehnen.

Noch lange, nachdem der Mann wieder abgeführt worden war, saß der Chefinspektor und stützte den Kopf in die Hände. Auch auf Totty hatte der Bericht großen Eindruck gemacht.

»Jetzt muß ich mir diesen Amersham doch einmal persönlich vornehmen«, sagte Tanner schließlich. »Das wird eine ernste Unterredung geben. Von vier verschiedenen Seiten kommen wir immer wieder auf Amersham. Ich möchte nur wissen, was er eigentlich vorhat.«

»Das kann ich Ihnen genau sagen«, erklärte Totty. »Er will den jungen Lord Lebanon umbringen.«

»Lord Lebanon? Das wäre möglich. Daß mit Amersham etwas nicht stimmt, war mir längst klar, aber ich ahnte nicht, daß er ein derartiges Vorleben hat.«

»Und warum haben die Leute auf dem Schloß amerikanische Diener?« fragte Totty. »Das ist doch sonst nirgends Sitte. Übrigens wäre es gar nicht schwer, den jungen Lord aus dem Weg zu schaffen, denn der ist nicht sehr schlau. Das wäre der reinste Kindermord zu Bethlehem.«

In dem Augenblick trat Ferraby schnell ins Büro.

»Nun, was gibt es?«

»Wollen Sie Lord Lebanon sprechen?«

Tanner sah den Sergeanten groß an.

»Was, ist er persönlich nach Scotland Yard gekommen? Das ist allerdings merkwürdig! Bringen Sie ihn herein.«

Lebanon sah sich neugierig in dem Zimmer um, als er hereingeführt wurde, legte dann Hut, Handschuhe und Stock auf einen leeren Sessel und sah von Totty zu Tanner, als ob er unschlüssig wäre, an wen er sich zu wenden hätte.

»Sie bearbeiten doch diesen Fall?« wandte er sich schließlich an Totty.

Der Sergeant hätte das zu gern zugegeben, aber Tanner gab sofort eine eindeutige Erklärung.

Lord Lebanon schien der Anfang nicht leichtzufallen. Ängstlich schaute er nach der Tür, durch die er hereingekommen war. Ferraby hatte sich inzwischen auf einen Wink des Chefinspektors wieder entfernt.

»Ja, ich kann mich auf Sie besinnen, Mr. Tanner, und auch auf Ihren Assistenten.«

Sergeant Totty richtete sich zu voller Höhe auf und wurde dem Lord vorgestellt.

»Totty? Das ist doch ein alter Name.«

»Ich stamme aus einer altitalienischen Familie«, erklärte der Sergeant.

Tanner warf ihm einen wütenden Blick zu.

Der Lord sah sich wieder unruhig um.

»Würden Sie nicht einmal nachsehen, ob draußen vielleicht jemand lauscht?«

Der Chefinspektor lächelte.

»In all den Jahren, die ich schon hier Dienst tue, habe ich viele Unterredungen in diesem Raum geführt, aber auf eine solche Vermutung ist noch niemand gekommen. Das gibt es in Scotland Yard nicht.«

Tanner hätte nie gedacht, daß der Lord tatsächlich im Polizeipräsidium erscheinen würde. Ferraby hatte ihm allerdings von der Unterredung berichtet, in der der Lord seinen Besuch angekündigt hatte.

»Ich weiß nicht viel von Scotland Yard, aber ich habe gehört, daß es eine Art Gefängnis sein soll?«

Totty lächelte nachsichtig.

»Jedenfalls mußte ich herkommen. Das habe ich ja schon Mr. Ferraby angedeutet. Gestern abend habe ich den festen Entschluß gefaßt.«

Tanner kam plötzlich ein Gedanke.

»Haben Sie zu Hause die Erfahrung gemacht, daß Leute an Ihren Türen lauschen, Lord Lebanon?«

Willie zögerte; die Frage schien ihm peinlich zu sein.

»Nun – es ist gerade nichts Außergewöhnliches, daß ich zu Hause belauscht werde. Es wäre aber auch möglich, daß es hier passiert. Ist Mr. Ferraby übrigens ein Detektiv?«

Tanner nickte.

»Ich will ganz offen mit Ihnen sprechen, Mylord«, entgegnete der Chefinspektor. »Obwohl Ferraby erklärte, Sie würden kommen, habe ich Sie nicht erwartet. Da Sie nun aber einmal hier sind, hoffe ich, Sie sagen mir verschiedenes, das den einen oder anderen fraglichen Punkt des Rätsels aufklärt. Natürlich habe ich nicht das Recht, Fragen an Sie zu stellen. Aber da Sie freiwillig erschienen sind, werden Sie mir sicher helfen wollen. In Marks Priory stehen mehrere Personen in Verdacht, darunter –« Tanner machte absichtlich eine Pause.

»Meinen Sie meine Mutter?« fragte der Lord ruhig.

Tanner nickte.

»In gewisser Weise. Sie muß natürlich bedeutend mehr wissen, als sie uns gesagt hat. Aber ich dachte eigentlich noch mehr an einen anderen – an Dr. Amersham.«

Lebanon lächelte bitter.

»Mir ist dieser Mann immer rätselhaft gewesen, und ich wundere mich nicht, daß er verdächtigt wird. Was meine Mutter angeht –« Er zögerte, weil er nach Worten suchte, um ihre Stellung richtig zu kennzeichnen. »Sie sollen alles erfahren, was ich weiß«, fuhr er schließlich fort. »Ich will es Ihnen von Anfang an erzählen. Sie sollen auch wissen, daß ich Amersham nicht ausstehen kann. Ich bin gegen ihn voreingenommen, das gebe ich gern zu.«

Der Lord setzte sich. Er sprach langsam und machte öfters Pausen, um die geeigneten Worte zu wählen.

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