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Das indische Tuch

Edgar Wallace: Das indische Tuch - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/wallacee/indituch/indituch.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDas indische Tuch
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun21. Auflage
translatorHans Herdegen
editorFriedrich A. Hofschuster
year1990
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001897
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12

Der Chefinspektor hatte am Nachmittag ein hübsches Dorf in Berkshire besucht. Er hätte sich sofort aufs Pfarramt in Petersfield begeben und sich bei dem liebenswürdigen Pastor John Hastings erkundigen können, aber er ging längere Zeit spazieren, besichtigte die Ruinen aus der Sachsenzeit, die den Ort berühmt gemacht hatten, sah sich auch das halbvollendete Gemeindehaus an und ließ sich dann von dem Küster die Kirche zeigen. Er erhielt sogar die Erlaubnis, die Krypta und verschiedene Andenken an die grausame Durchführung der Reformation sehen zu dürfen. Dann mußte er die Kirchenbücher besichtigen, die bis in das Jahr vierzehnhundert zurückreichten. Inspektor Tanner brachte einen sehr interessanten Nachmittag damit zu.

Als er nach London zurückkam, hörte er, daß Ferraby vergeblich nach ihm gefragt hatte. Die Erlebnisse der vergangenen Nacht hatten den jungen Sergeanten ein wenig mitgenommen, aber er hatte einen klaren, übersichtlichen Bericht geschrieben.

Tanner öffnete das Päckchen, das die einzelnen Stücke des rotseidenen Halstuches enthielt. In jeder Beziehung glich es dem Seidentuch, mit dem Studd ermordet worden war.

Obwohl Ferraby eine Skizze von dem Schlafzimmer mit angrenzenden Korridoren und Räumen gemacht hatte, konnte der Chefinspektor doch nur wenig Wertvolles daraus entnehmen. Aber auf der Rückseite des Berichtes fand er eine Bemerkung, die ihn sehr interessierte:

 

Sie hatten recht. Amersham brachte die Nacht in Cranleigh zu, das ungefähr acht Kilometer von Marks Thornton entfernt liegt. Er wohnte dort in dem Gasthaus, wo er auch sein Auto untergestellt hatte. Die meiste Zeit des Abends brachte er jedoch anderswo zu. Einzelheiten darüber berichte ich noch.

 

Tanner schloß den Bericht in eine Schublade ein. Der Fall von Marks Priory hatte plötzlich wieder neue Bedeutung erlangt.

Obwohl Ferraby nichts davon wußte, war ein zweiter Beamter nach Marks Thornton geschickt worden, der einen anderen Punkt aufklären sollte. Es handelte sich dabei um den verstorbenen Lord Lebanon, den unter geheimnisvollen Umständen ein plötzlicher Tod ereilt hatte, während Willie Lebanon in Indien weilte.

Es wurde auch gemeldet, daß Dr. Amersham in seine Wohnung zurückgekehrt wäre. Ein anderer Detektiv war nach Petersfield gefahren, um die Nachforschungen des Chefinspektors Tanner fortzusetzen. Außerdem wurden eingehende Untersuchungen auf dem amerikanischen Konsulat angestellt. Um sieben Uhr abends lief in Scotland Yard die Nachricht ein, daß Dr. Amersham seine Wohnung in Ferrington Court wieder verlassen hätte, um nach Marks Priory zu fahren. Den Chauffeur hatte er zu Hause gelassen und den Wagen selbst gesteuert. Kaum hatte Chefinspektor Tanner dies erfahren, als er sich sofort mit den Überwachungsstellen der Landpolizei in Verbindung setzte. Gegen acht Uhr erhielt er die Bestätigung, daß der Doktor in südlicher Richtung davongefahren wäre. Daraufhin fuhr er sofort in einem Taxi zu Amershams Wohnung.

Diesmal hatte er einen Durchsuchungsbefehl in der Tasche. Er unterhielt sich mit Bould und zeigte ihm das Schriftstück.

»Das muß ich aber dem Doktor berichten, wenn er morgen zurückkommt.«

»Wenn Sie es diesmal vergessen wollten, täten Sie mir einen großen Gefallen. Ich verspreche Ihnen auch, alles genau wieder so zu ordnen, wie ich es vorfinde.«

Totty begleitete ihn.

Als sie erst einmal in den Räumen waren, begannen sie eine systematische, sorgfältige Durchsuchung. Viele Beweise sprachen dafür, daß der Doktor gerade kein Einsiedler und Lebensverächter war; die luxuriös ausgestattete Wohnung war mit Kunstwerken aus Indien dekoriert. Totty öffnete mit einem Dietrich den Schreibtisch, aber sie entdeckten nur wenig, was sie interessierte.

Das Bankbuch, das sie suchten, war nicht in der Wohnung. Sie fanden allerdings eine Bankabrechnung, aus der hervorging, daß der Doktor ein Konto von achttausend Pfund auf der Bank hatte. Allem Anschein nach war er auch beruflich tätig, denn in seinem Schlafzimmer fanden sie eine Ledertasche mit ärztlichen Instrumenten.

Der Inspektor machte nach einer Weile eine wichtige Entdeckung. Er hatte alle Schubladen des Schreibtisches herausgezogen und ihren Inhalt durchsucht. Dabei bemerkte er, daß zwei der Schubladen bedeutend kürzer waren als die anderen. Er fühlte in die Vertiefungen, und als er an die Rückseite des Schrankes klopfte, klang es hohl. Bald darauf gelang es ihm auch, ein Brett zurückzuschieben. Er steckte die Hand in die Öffnung, fühlte etwas Weiches und holte ein Stück Zeug heraus. Als er es betrachtete, schrak er zusammen.

Es war ein rotseidenes Halstuch von derselben Größe und demselben Muster wie das Seidentuch, mit dem Studd ermordet worden war!

Er rief Totty zu sich, und auch der Sergeant stand sprachlos, als er es sah. Auch die kleine Metallplatte, die den Namen der Firma trug, fehlte nicht. Allem Anschein nach war das Tuch noch nicht benützt worden.

Die beiden Beamten schauten einander an.

»Morgen werde ich eine Frage an Dr. Amersham stellen«, sagte Tanner, »und ich glaube, es wird ihm nicht leicht werden, eine Antwort darauf zu finden.«

*

Zwei Angestellte in Marks Priory haßten einander. Mr. Kelver, der Butler, war allerdings viel zu vornehm, seine Abneigung gegen die Zofe der Lady Lebanon zuzugeben. Miss Jackjon dagegen machte aus ihrer Verachtung für den alten, würdevollen Mann kein Hehl.

Der Streit hatte schon vor langer Zeit begonnen. Miss Jackson hatte geglaubt, dem Butler einen großen Dienst zu erweisen, wenn sie ihm eine lange, skandalöse Geschichte über Lady Lebanon erzählte. Mr. Kelver hatte schweigend zugehört und schließlich gesagt:

»Miss Jackson, erzählen Sie mir bitte solche Geschichten nicht. Ich interessiere mich nicht für das Privatleben meiner Herrschaft. Angehörige der Aristokratie haben gewisse Vorrechte, die Leuten in niederer Stellung gewöhnlich sonderbar vorkommen.«

»Wenn Sie mich zu den niederen Ständen rechnen, Mr. Kelver –«, hatte die Zofe hitzig erwidert.

Der Butler hatte sie nur durch eine Handbewegung zum Schweigen gebracht, aber gerade diese Geste hatte Miss Jackson tief gekränkt. Von da ab waren die beiden Feinde. Er sagte nichts darüber, aber sie ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ihm etwas anzuhängen. Sie gehörte zu den bevorzugten Dienstboten, denn sie hatte noch Zutritt zu den herrschaftlichen Räumen, wenn alle anderen Angestellten bereits ausgeschlossen waren.

Bevor sich Lady Lebanon abends um elf Uhr zurückzog, entließ sie ihre Zofe durch die Tür, die zu dem Flügel der Dienerschaft führte, und schloß diese Tür selbst hinter ihr ab.

Die Leute in Marks Priory hatten deshalb den Eindruck, daß Miss Jackson in manche Geheimnisse eingeweiht war, von denen andere nichts wußten. Sie besaß außerdem das Vertrauen ihrer Herrin und wurde daher mit dem größten Respekt von den anderen behandelt. Nur Kelver hielt sie für niederträchtig.

An dem Abend, an dem Tanner die wichtige Entdeckung machte, saß der Butler in seinem Zimmer und las Scott. Plötzlich klopfte es, und zu seinem größten Erstaunen kam Miss Jackson zur Tür herein. Auf den ersten Blick sah er, daß sie sich aufgeregt hatte; sie war nervös und im Gegensatz zu ihrer sonst so unliebenswürdigen Art geradezu unterwürfig zu ihm. Allein die Tatsache, daß sie sein Zimmer betrat, war der beste Beweis hierfür.

»Entschuldigen Sie, Mr. Kelver, daß ich Sie störe. Wir wollen Vergangenes vergessen sein lassen, denn wenn jemals ein junges Mädchen einen Freund brauchte, dann bin ich es. Und ich weiß, daß ein vornehmer Charakter wie Sie einem jungen Ding nichts nachträgt ...«

Mr. Kelver lächelte innerlich über das »junge Mädchen«, aber er machte keine Bemerkung. Sie berichtete ihm nun mit einem unglaublichen Wortschwall, was ihr zugestoßen war, und er hörte ihr freundlich zu.

Sie erzählte, daß Lady Lebanon sehr aufgeregt gewesen wäre und ihr gekündigt hätte. Ja, sie hätte sie sogar geschlagen! Kelver nahm diese Nachricht mit der größten inneren Befriedigung auf, denn eine solche Behandlung hatte er der Zofe schon öfter gewünscht. Aber er ließ sich nichts merken, zog nur die Augenbrauen hoch und nickte ernst.

»Mylady war den ganzen Tag so unvernünftig, ich konnte ihr nichts recht machen, und ich hätte ihr selbst gekündigt, wenn sie mir nicht zuvorgekommen wäre. Ich habe genug von diesem verdammten Haus –«

»Aber Miss Jackson!« erwiderte Kelver entsetzt.

»Es ist doch wirklich ein verdammtes Haus – hier spukt es! Ich habe Dinge gesehen, die Sie kaum glauben würden! Aber wenn ich gehe, werde ich den Leuten schon alles erzählen, darauf können Sie sich verlassen!«

»Aber meine liebe junge Freundin«, sagte Mr. Kelver würdevoll und herablassend, »je weniger man darüber redet, desto schneller kommt die Sache in Ordnung. In dieser Welt gibt es die verschiedenartigsten Charaktere. Wenn wir alle gleich dächten und handelten, wäre es ja auch todlangweilig. Ich habe selbst bemerkt, daß Mylady heute in nicht gerade guter Stimmung ist. Sicher ist sie durch irgendeinen unangenehmen Vorfall aus der Fassung gebracht worden. Sie müssen den Herrschaften eben manches nachsehen.«

»Das tue ich aber nicht!«

Mr. Kelver sah die Nutzlosigkeit ein, die Zofe zu besänftigen. Er warf einen Blick auf die Uhr; es war noch nicht zehn.

»Heute abend sind Sie aber frühzeitig mit dem Dienst fertig.«

»Ich muß wieder zurück. Amersham ist bei ihr, und die beiden haben sich in den Haaren. Sie hat gesagt, daß sie nach mir klingeln würde, wenn sie mich brauchte.«

»Wollen Sie nicht eine Tasse Tee trinken, Miss Jackson? Das wäre gut zur Beruhigung Ihrer Nerven.«

»Ich würde lieber einen Whisky-Soda nehmen.«

Mr. Kelver fiel es schwer, aber schließlich holte er doch eine frische Flasche aus seinem Schrank hervor.

Es gab an diesem Abend wirklich Auseinandersetzungen in Marks Priory. Dr. Amersham war um neun gekommen und nicht in der Stimmung, sich Vorwürfe machen zu lassen. Im Gegenteil, er kam in übelster Laune.

»Mylady, ich wünschte, Sie würden es sich früher überlegen, wenn Sie mich dringend sprechen wollen. Ich hatte heute abend eine wichtige Verabredung.«

»Unsere Unterhaltung ist wichtiger als alles andere.«

Lady Lebanon saß steif in ihrem Sessel in der großen Halle. Ihre bleichen Züge waren undurchdringlich, und ihre dunklen Augen blitzten drohend.

»Wenn Sie etwas Wichtigeres haben, mochte ich das doch gern erfahren.«

Einen Augenblick schien er die Fassung zu verlieren, aber er beherrschte sich.

»Sie wollten mich wegen dieses Detektivs sprechen? Wenn er so dumm und einfältig war, daß er beinahe erwürgt wurde –«

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Ich habe davon gehört.«

»Von wem?«

»Gilder telefonierte mich an.«

Sie sah ihn eine Weile an, ohne ein Wort zu sprechen.

»Ich wollte Sie nicht wegen des Detektivs sprechen, sondern wegen einer Angelegenheit, die Sie selbst angeht.«

Sie nahm ein Blatt Papier, das vor ihr lag.

»Heute kam eine Frau zu mir – die Kellnerin unten aus dem Dorf.«

Sein Gesichtsausdruck änderte sich.

»Ja, und was soll das?« fragte er trotzig.

»Ist es wahr, daß Sie – sich mit ihr eingelassen haben?«

Er gab keine direkte Antwort.

»Was für ein Klatsch! Mylady, wenn Sie auf die Leute unten im Dorf hören –«

»Ich frage, ob das wahr ist? War sie eng mit Ihnen befreundet? – Ich möchte keine stärkeren Ausdrücke gebrauchen.«

»Ich lasse mich nicht von Ihnen verhören.«

»Ich habe auch verschiedene Geschichten über Tillings Frau erfahren.«

Er lachte laut auf, aber es klang nicht überzeugend.

»Sie können den ganzen Tag zuhören, wenn Sie sich um Klatschgeschichten kümmern. Aber nun im Ernst, Sie haben mich doch nicht den weiten Weg von London hergeholt, um mir Vorhaltungen zu machen, als ob ich ein kleiner Schuljunge wäre?«

Sie sah ihn wieder einige Zeit an, dann senkte sie den Blick.

»Es stimmt also, es ist alles wahr. Das ist tatsächlich häßlich und gemein. So darf es nicht weitergehen.«

Er nahm einen Stuhl und steckte sich eine Zigarre an.

»Das habe ich mir auch schon gedacht, daß es nicht so weitergeht«, entgegnete er kühl. »Ich habe mir vorgenommen, England zu verlassen und in Italien zu leben. Lange genug habe ich hier die schmutzige Arbeit für Sie getan –«

Sie warf den Kopf zurück und sah ihn haßerfüllt an. Sein gewöhnliches Benehmen war unerträglich.

»Dafür sind Sie aber auch reichlich bezahlt worden.«

Er lachte.

»Ihre Ansichten über gute Bezahlung weichen sehr stark von den meinen ab. Aber wir wollen nicht mehr darüber sprechen. Ich schlage vor, daß ich Ende des Jahres von England fortgehe.

Ich werde mir eine Villa in Florenz kaufen und kann dann hoffentlich vergessen, daß es ein Marks Priory auf der Welt gibt.«

»Hoffentlich vergessen Sie auch, daß ich ein Scheckbuch besitze. Das wäre eine große Wohltat für mich.«

Er lächelte ironisch.

»Das Bankkonto haben nicht Sie, sondern Willie. Und er ist so schwach, daß er alle Schecks abzeichnet, die man ihm vorlegt. Nein, das werde ich nicht vergessen. Im Gegenteil, von diesem glücklichen Umstand lebe ich ja.«

Die Atmosphäre war elektrisch geladen. Lady Lebanon antwortete nicht, sondern klingelte.

»Wir können die Sache morgen früh weiter besprechen«, sagte sie schließlich. »Keiner von uns beiden ist im Augenblick ruhig genug, um auf die Gründe des anderen zu hören. Amersham, Sie müssen vor allem diese Liebeleien lassen. Diese Geschichten bringen mich in schiefes Licht – alle Leute wissen, daß Sie hier auf dem Schloß verkehren –, und Sie selbst machen sich dadurch direkt lächerlich. Sie sind doch auch kein junger Mann mehr.«

Diese Worte verletzten seine Eitelkeit.

»Wie alt ich bin, ist wohl gleichgültig. Übrigens bleibe ich die Nacht nicht hier, ich fahre direkt zur Stadt zurück.«

»Sie bleiben hier, sonst bekommen Sie morgen kein Geld.«

Er sah sie düster an. Als einem Mann, der eine gute Erziehung genossen hatte, waren ihm derartig peinliche Auftritte zuwider. Er nahm wohl Geld von einer Frau, aber er wollte sich das nicht ins Gesicht sagen lassen.

Ungerührt ließ sie seine scharfen Vorwürfe über sich ergehen.

»Ich habe nicht gewußt, daß Sie so gemein sein können«, erklärte sie ruhig.

»Sie werden auch noch andere Dinge einsehen lernen. Bis jetzt hat die Polizei das Schloß ja noch nicht durchsucht. Wenn es erst einmal dazu kommen sollte, geht das Feuerwerk los. Sie sind mir doch ganz und gar ausgeliefert ... Wenn Sie daran denken, werden Sie sicher wieder vernünftig. Ich gehe jetzt. Vielleicht könnte ich Inspektor Tanner manches erzählen.«

»Das glaube ich nicht. Und niemand würde Ihnen glauben, wenn Sie es erzählen. Versuchen Sie es doch einmal. Sie werden sehen, daß es unmöglich ist. Und vergessen sie eins nicht, Amersham: Sie sind ebensogut in die Affäre verwickelt wie jeder andere. Sie haben immer die Absicht gehabt, die Verwaltung von Willies Vermögen an sich zu reißen. Diesen gemeinen Plan habe ich bisher vereitelt, und ich werde Ihnen auch in Zukunft stets entgegentreten.«

Er starrte sie so wild an, daß sie glaubte, er wolle auf sie zuspringen und sie schlagen.

»Es ist gut«, erwiderte er schließlich heiser. »Alles Weitere wird sich zeigen. Ich komme nicht wieder!«

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß.

Bewegungslos saß Lady Lebanon in ihrem Sessel, bis sie hörte, daß er in seinem Wagen davonfuhr.

»Kann ich irgendwie behilflich sein, Mylady?«

Die Zofe stand auf der Treppe. Lady Lebanon fiel ein, daß sie nach ihr geklingelt hatte. Wie lange mochte Miss Jackson schon dort stehen, und wieviel von der Unterredung hatte sie gehört?

»Ich habe oben gewartet, bis die Haustür zugeschlagen wurde«, fuhr die Zofe fort, als ob sie die Gedanken ihrer Herrin erraten hätte.

»Es ist gut, in ein paar Minuten komme ich auf mein Zimmer.«

Plötzlich näherten sich schnelle Schritte, und Isla trat in die Halle.

»Was willst du denn hier?« fragte Lady Lebanon scharf.

»Ach – nichts.«

Isla sprach die Wahrheit; sie sah aus, als ob sie einen Schrecken erlebt hätte.

Mit einer Handbewegung wurde die Zofe entlassen.

»Nun, was gibt es?« Lady Lebanon zeigte auf den Tisch, auf dem eine Karaffe mit Wein stand.

»Danke, ich möchte nichts trinken – wo ist Gilder?«

»Ich weiß es nicht – vermutlich in seinem Zimmer.«

»Er ist ausgegangen«, erwiderte Isla nervös und ängstlich. »Und Brooks ist auch fort. Ich sah von meinem Fenster aus, daß sie zusammen weggingen. Um Himmels willen, es wird doch nicht wieder etwas passieren!«

Sie brach zusammen. Lady Lebanon achtete nicht auf sie, sondern ging schnell zur Haustür, öffnete und starrte in die dunkle Nacht hinaus. Ein paar Augenblicke später hörte sie einen Schrei, der sofort erstickt wurde. Dann herrschte wieder tiefes Schweigen wie vorher. Hochaufgerichtet blieb sie stehen; aber es war ihr, als ob sich eine eisige Hand auf ihr Herz legte. Sie ahnte, was geschehen war.

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