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Das Hochmutsnärrchen

Meinrad Lienert: Das Hochmutsnärrchen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Hochmutsnärrchen
authorMeinrad Lienert
year1919
firstpub1911
publisherHuber & Co.
addressFrauenfeld
titleDas Hochmutsnärrchen
pages205
created20130419
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VIII.

Eines Tages, am Sankt Verenatag im Herbst, war in Einsiedeln wieder einmal Kirchweih. Die Waldleute von Einsiedeln pflegten an der Niedergeschlagenheit und Zerknirschung der in ihren Wald kommenden Pilger ein abschreckendes Beispiel zu nehmen, blieben unter dem schirmenden Dache der Muttergottes allezeit heiter und lebten frohgemut in den Tag hinein. Sie fühlten sich heimelig und wohlgeborgen in ihrem trotz der Wallfahrt weltfernen, einsamen Hochtalnest, und verließen es nur, wenn sie von Schwyz aus gegen irgendeinen Feind zur Hilfe aufgemahnt wurden. Freilich manch einer nahm, aus Not oder Wanderfreude, auch Handgeld, zog in fremde Kriegsdienste, und mancher dieser Reisläufer sah die Heimat nie wieder.

In diesem Jahre wurde auch im Gasthause zum »Pfauen« Kirchweihtanz abgehalten. Die Gemeindetanzdiele im Rathause war nämlich, der alle Welt bedrohenden französischen Revolutionskriege wegen, in ein interimistisches Zeughaus umgewandelt worden. Alles ahnte, daß eines Tages noch gegen die welschen Unfriede ausgerückt werden müsse. 104 Österreichische, englische und preußische Werber fingen jetzt schon an, die friedlichen Täler der Berglande in ihrer Weise darauf vorzubereiten. So erlaubte denn der Waldstattrat einigen Wirtshäusern, den üblichen Kirchweihtanz in ihren Stuben in schicklicher Weise, allen zur Freude, niemand zu Leide und Ärgernis und einer löblichen Behörde ohne Schaden, abzuhalten.

Die Pfauenwirtin war über diese Erlaubnis keineswegs entzückt; denn sie sah wohl ein, daß der Tanztag mehr Unmuße und Verdruß als Verdienst und Vergnügen für die Wirtsleute bringen möchte. Da man aber einmal auch ihrem Hause die Ehre angetan, so wollte sie sich und ihr Haus dieses Vertrauens würdig zeigen. Nicht nur ihre Wirtsstube, auch sich und ihre Tochter hatte sie aufs beste geschmückt. Die Waldweiber in den Kramladen nickten, ohne es zu wollen, Beifall, als die hochgewachsene Frau in ihrem feiertäglichen Rust, das kammartige weiße Käpplein über der stolzen Stirne, auf der Vortreppe ihres Hauses stand und nach dem Wetter ausschaute.

Es war Abend. In der Wirtsstube zum »Pfauen« ging's hoch her. Die lüpfigste Ländlermusik der ganzen Urschweiz, die Hudelimusik, ein Trompeter, ein Klarinettenbläser, ein Geiger und ein Baßzieher jagten die Tänzer auf dem frischeingeseiften Tanzboden herum wie besessen. In unbändiger Lust 105 stampften sie ihre Gautänze, schnalzten mit der Zunge und jauchzten dazu, daß die Wände zitterten. Die vor Vergnügen glühenden Maitli aber fuhren herum wie die Staubwirbel auf der Landstraße, ließen sich hochheben und kamen aus der lachenden Fröhlichkeit gar nicht mehr heraus. Die kleinen Kinder der Waldstatt drückten draußen die Nasen an den Butzenscheiben platt und sahen mit freudiger Bewunderung den tollen Sprungkünsten zu, die der Tanzschenker in der Mitte der Tanzrunde verübte. Den Wänden nach, um die langen Tische, hockten die Alten, vertaten sich so breit als möglich, stämpfelten und trommelten den Takt zur Musik und tranken mit innigem Behagen ihren dickroten Welschwein dazu, mit Wohlgefallen der Wirtin wohlgewachsener Tochter, dem Heleneli, nachschauend, wenn sie ein Bursche von irgendeiner Verrichtung weg zum Tanze führte. »Sie tanzt aber auch wie ein Wetterleuchten«, sagte ein alter Sentenbauer; »nimmt einen nur wunder, wo die Jungfer das gelernt hat!« – »Ei«, meinte schnupfend der alte Bettelvogt, »sie wird's im Welschland gelernt haben!« – »Was, im Welschland!« machte der Schulmeister Plazi, der neben ihm sein Schöpplein trank; »auf der Heugadendiele am Sonntagnachmittag wird sie's mit den Buben gelernt haben, wie andere tanzlustige Mägdlein auch!« – »Ja«, stimmte ein altes Weiblein 106 kichernd zu, »jetzt hat der Schulmeister recht; dort hab' ich's auch gelernt!« Ein dröhnendes Lachen ging um die Tische.

Das Heleneli zündete eben die Lichter an, als Spiel und Tanz gegen Abend eine Weile ruhten. Da sprang mit einem Male die Türe auf; ein wildes Gelächter erschallte im Flur, und jetzt kam ein Bursche auf die Tanzdiele hereingeflogen.

Verwundert schauten alle nach der Türe, was denn da wohl noch werden möchte.

Der hereingeschleuderte Bursche aber erhob sich lachend und rief in den Gang zurück: »Ihr hättet aus mir keine Kanonenkugel zu machen gebraucht, ihr dummen Hagel! Es ist ja schon alles tot und mäuschenstill da drin! Müßt schon selber hereinkommen, wenn ihr diese Toten aufwecken wollt!«

Jetzt gab's draußen ein erneutes Gelächter, dann ein Getuschel, und nun fuhr die Türe sperrangelweit auf, und über die Schwelle trat keck, gezwungen auflachend, gefolgt von einigen Burschen, die vom Kirchweihschießen kamen, der Gerbebattist. Er schien schon etwas angetrunken zu sein.

Mit großen Augen staunte ihn das Heleneli an. Also der wagte es nach allem Schlimmen, was über ihn im Walddorf, besonders über sein unkindliches Verhalten gegen die Mutter, umging, halbbetrunken in den »Pfauen« zum Tanz zu kommen!

107 Die Wirtin verließ sogleich die Stube und begab sich in die Küche hinaus. Ihre Tochter aber wandte sich, als wäre nichts geschehen, wieder ihrem Öllämpchen zu. Doch ihr schwarzes Kammkäpplein zitterte.

»Guten Abend wohl beieinander!« lärmte Battist. »Ich hab' nicht gewußt, daß ihr hier ein Leichenmahl abhaltet, sonst hätte ich ein Karfreitagsgesicht mitgebracht!«

Seine Begleiter lachten eine Scholle heraus. Die um die langen Tische sitzenden, Tabak schnupfenden und trinkenden Alten aber sahen ihn kaum an und taten, als wäre die Stubentüre vom bloßen Luftzug aufgegangen, während ihn das Weibervolk mit scheuer Neugierde betrachtete. Nun war es in der Wirtsstube wirklich stille geworden wie in einem Friedhof.

Das ernüchterte Battist etwas. Er sah sich schier verlegen um, tat einen langen, fragenden Blick nach der Wirtstochter, die eben eine Stabelle erstieg, um neben der Geigenbank, auf die sich die Musikanten nach einem kurzen Abendimbiß wieder gesetzt hatten, ein Lämpchen anzuzünden. Schier schien er sich zur Türe zurückziehen zu wollen. Aber jetzt legte die Hudelimusik voll Feuer wieder los. »Zoge, zoge, zoge!« rief der Tanzschenker, in der Tanzdiele herumwirbelnd und sein Zottelkäpplein hochauf werfend. »Jo, jo, jo!« echoten die Musikanten. 108 Im Hui ging es mit stampfendem Tanzen und Jauchzen wieder zu, als ob das wilde Heer wie ein junger Imd durchs Fenster hereingeschossen wäre und nun den Ausgang nicht mehr finden könnte.

Jetzt packte es den Battist. Seine Augen brannten. Alle seine Kameraden hatten schon ihre Tänzerinnen gefunden. Ihn schien niemand mehr zu beachten. Still schlich er sich zum Büfett, an dessen Gießfaß die Wirtstochter eben ihre Hände wusch.

»Du, Heleni!« sagte er halblaut; »es wird wohl erlaubt sein, einen Tanz mit dir zu fahren, nicht?«

»Nein!« machte sie kurz, ohne ihn anzusehen; »ich tanze heute abend nicht mehr, da ich genug anderes zu tun habe!«

Er stand beschämt, schier grimmig lächelnd da.

»Früher bist du nicht so gewesen gegen mich!« sagte er dann leise; »wir waren doch immer ein Herz und eine Seele schon als ganz kleine Kinder. Fahr einen mit mir!« bat er dringend und wollte ihre Hand ergreifen. Aber sie wehrte ihn fast ungestüm ab und entgegnete mit einer Stimme, in der sich etwas wie verhaltenes Weinen verbarg: »Ja, einmal war es anders; doch damals warst du ein gutes Büblein. Jetzt aber bist du einer geworden, dem niemand etwas Gutes nachredet im ganzen Dorf. Und das«, machte sie seufzend, »wollte ich noch willig überhören; mit einem solchen 109 könnte ich noch tanzen; jedoch mit einem, der seiner kränklichen Mutter, die ja nur für ihn lebt, so viel Verdruß und Herzweh macht, mit so einem tanze ich nicht!«

Sie trocknete flüchtig die Hände ab und ging hinaus.

Er wollte ihr nachlaufen; da knarrte die Türe wieder, und die Pfauenwirtin trat ein, warf ihm einen seltsamen Blick zu und ging ohne zu grüßen an ihm vorüber.

Nun stierte er einen Augenblick in den Tanz hinaus, und da er eben zu Ende war, zogen ihn seine Kameraden in einen Winkel an einen eigenen Tisch, und bald ging es dort am lebhaftesten und lautesten zu. Wie oft auch die Tanzmusik loszog, von jenem Tisch sprang keiner mehr auf.

Gleich nach der Pfauenwirtin waren zwei Fremde eingetreten, die sich ohne weiteres zu den lustigen Burschen in den Stubenwinkel setzten und von diesen mit lautem Hallo aufgenommen wurden. Sie befanden sich schon seit einigen Tagen in der Waldstatt. Man hielt sie für Kaufleute. Sie hatten sich einige Abende damit vergnügt, die tollsten Burschen des Dorfes da und dort freigebig mit Tranksame anzufüllen. »Es sind gewiß Venediger!« sagten deshalb die Burschen; »denn sie haben lauter lötiges Gold im Sack und werden wohl in unsere Berge kommen, um noch mehr davon zu holen; sie haben 110 so seltsame Stöckchen bei sich; das werden wohl die Wünschelruten sein, mit denen sie die Goldadern herausspüren!« – »Es sind gewiß Werber«, hatte sie der Schulmeister Plazi am Abend vorher belehren wollen, »die euch in eine fremde Soldatenmontur bringen möchten; Drillmeister sind's!« Aber die Ledigen hatten ihn ausgelacht und ihm geantwortet: Das sage er nur aus Neid, weil ihm das süße Weinbrünnlein nicht auch fließe, und zudem sei es ihnen eigentlich gleichgültig, wer die Fremden seien. Sollten es auch Werber sein, so solle er nur das Maul halten. Die Welt sei jetzt ja sowieso voll Krieg, und andere Burschen hätten doch so gut das Recht als er's gehabt habe, Handgeld zu nehmen, wenn ihnen daheim die Alten oder die Jungen verleiden!

Schon ließen die Fremden auf ihre Kosten Wein über den Tisch aufmarschieren. Man beachtete das jedoch nicht besonders; es kamen ja mitunter Kaufleute und sonst aller Gattung fremdes Volk in die Waldstatt. Waren dabei oftmals frohgelaunte Herrenleute, die sich mit der urchigen Dorfjugend kurzweilige Abende zu machen wußten.

Nun begannen die zwei Gäste von fremden Ländern zu erzählen. Als sie aber auf die französische Revolution zu reden kamen und gar den Tod der roten Schweizer, von dem die Burschen nie genug vernehmen konnten, aufs ausführlichste 111 schilderten, als wären sie dabeigestanden, wurde es am Tafeltisch im Stubenwinkel nach und nach ganz still. Gierig, mit Aug und Ohr hörten die jungen Waldmänner den Fremden zu. Sie knirschten in den Zähnen bei der doch schon so oft vernommenen Botschaft vom Heldenende der treuen Schweizer. Es juckte und zuckte allen in den Fäusten; es war ihnen, als müßten sie aufspringen, über alle Berge nach Frankreich laufen und über die Welschen herfallen, den Tod ihrer Landsleute zu rächen. Wie sie nun am wärmsten waren, ließen die Fremden erst recht Tranksame aufrücken und erzählten dann, wie nun in diesem gottlosen Frankreich ein Mann aufgestanden sei, der General Bonaparte heiße. Wie der so nach und nach die ganze Welt zu erobern, darin alle Religion abzuschaffen und sich zum alleinigen Herrn der Erde zu machen trachte. Gläublich sei er der Antichrist, und wenn man ihm nicht zuvorkomme, so habe er bald alle Länder im Sack, und so käme auch die Eidgenossenschaft daran, die er um der Treue der roten Schweizer willen besonders hasse. – Ja, ja, von diesem Bonabartli hätten sie auch schon gehört; was sich aber machen lasse? fragte jetzt erregt der Gerbebattist, der bisher ganz still dagesessen war und zugehört hatte. – Eben das sei jetzt die Frage, antworteten die sonderbaren Fremdlinge, ob der gute Kaiser Franz von Österreich ein Heer zusammenbringe, das 112 stark genug sei, dem großen Hund zu Paris zu widerstehen. Auf Österreich stünde alle Hoffnung; gehe es unter, müsse die ganze Welt untergehen. – »Oha!« sagte ein grimmig blickender rotköpfiger Bursche; »ich bin auch noch da!« und biß einen Scherben aus seinem Weinglas. – Aber eben, fuhren die Fremden zu reden fort, allein sei des Kaisers Heer dem Bonabartli noch nicht gewachsen; es müssen freiwillige, tapfere Burschen aus aller Herren Länder, besonders aus der Schweiz, wo jederzeit die tapfersten zu finden gewesen wären, zu ihm stoßen. Dann wollten es der Kaiser und der Erzherzog Karl probieren, in Frankreich einzufallen, den Bonabartli zu schlagen und die schöne Königstochter aus ihrem Gefängnis inmitten der fränkischen Bluthunde zu befreien. Die Königstochter soll vor dem Haupte des hl. Dionysius einen heiligen Schwur getan haben, nur den zum Manne zu nehmen, der ihr mit der Waffe in der Hand zuerst ihre Erlösung verkündige. Mehr wollen sie nicht sagen; aber so ein schönes Königskind eines Tages mitheimzubringen, wäre gewiß ein paar Nasen voll Pulverdampf und einige Schrammen über den Kopf wert. Und nun gaben sich die zwei Gäste leise als direkte Abgesandte des österreichischen Kaisers Franz zu erkennen. Er hätte sie dringend ersucht, sie möchten ihm doch noch einen rechten Schub der tapfersten Schweizerburschen zuführen; 113 dann wolle er's in Gottesnamen mit dem heillosen Bonabartli wagen.

Schier andächtig hatten die angetrunkenen Burschen zugehört. Jetzt streckten alle die Köpfe zusammen und begannen mit den Werbern zu tuscheln. Der eifrigste war nun der Battist, während die andern immer stiller wurden.

Niemand gab auf sie acht, außer der Wirtstochter. Ihr war das ganze Gehaben der zwei ungewöhnlichen Kirchweihgäste sofort aufgefallen. Als ihnen nun immer mehr zu trinken aufgetragen werden mußte und sie im Vorbeigehen vom Tische das eine und andere hörte, was ihr verdächtig vorkam, eilte sie zu ihrer Mutter, die in der Küche das Regiment führte, und berichtete ihr über ihre Wahrnehmungen. »Gewiß sind es Werber!« schloß sie. »Und dann, Mutter, weißt du noch, wie's letztes Jahr in der Wirtschaft zum »Englischen Gruß« ging? Da kam auch ein fremder Mann hin und füllte ein paar Ledige mit Wein an, bis sie den Verstand verloren, und am andern Morgen waren der Fremde und zwei junge Waldmänner über alle Berge zu Krieg!«

»So werden die jungen Leute jetzt um so vorsichtiger sein und sich kaum so schnell fangen lassen!« meinte die Wirtin. »Denn du mußt wissen, daß sie nicht weniger schlau und verschlagen sind als die Werber, wenn's draufankommt. Sie lassen sich 114 jetzt wacker Wein auftischen, lachen die Soldatenmauser zuletzt tüchtig aus und hauen sie noch durch!«

»Ja, ja, das möchte wohl werden; aber der Gerbebattist, Mutter, der nimmt's ernst. Schau ihn nur einmal an, wie er am Tische sitzt, ein paar Augen macht und zündrot ist vor Aufregung. Mit dem ist's nicht in Ordnung; der wär's imstande und ginge durch!«

Die Pfauenwirtin schwieg ein Weilchen und sann nach. Dann sagte sie: »Gerade dem Battist täte es gut, würde ihm die Fremde zum Drillmeister. Sie hat schon manches gefehlte und verzogene Muttersöhnchen wieder zurechtgebracht. Den sollte das Leben einmal ein bißchen zausen; es möchte seinem leichten, eigenrichtigen Kopf gut tuen!«

»Aber denk doch an seine arme Mutter!«

»Heja eben, weil ich an die denke, sage ich das. Aber«, machte die Wirtin, ihr Kind sonderbar ansehend, »es bedünkt mich, du wollest, ich solle noch an eine andere denken, der dieser Battist auch recht sehr am Herzen zu liegen scheint, trotzdem er so ein Vogel über alle Dächer hinaus geworden ist, und trotzdem man mit ihm vorhin nicht tanzen wollte. Tu nicht so einfältig. du Närrchen; deswegen brauchst du nicht gleich zu flennen. Wohl, für was denn? Den nimmt dir niemand! Und übrigens ist's nur gut, daß ich bestimmt weiß, wie's 115 mit dir steht; geahnt hab' ich's schon lange. Eine Freude, das wirst du dir denken, – kann ich daran nicht haben. Wir wollen dann darüber nachher noch ein anderes Wort reden. Jetzt will ich aber doch zum Vetter Amtsvogt gehen und ihn um Rat fragen. Ist's nicht wegen dem Battist allein, so ist's doch, um den sauberen Fremden, wenn's wirklich Werber sein sollten, beizeiten das Handwerk zu verleiden!«

»Ja, Mutter, der tausend Gottswillen, tu's; ich will dir gewiß nie ein Wort vom Battist . . . !«

Heleneli schlug die Schürze vors Gesicht und sank aufschluchzend auf eine Stabelle, sprang dann aber rasch auf und stürmte in sein Kämmerlein hinauf, als die Mutter, die Hände abtrocknend, die Schürze abnahm und, nach der Köchin rufend, das Haus verließ.

Unterdessen ging im Stubenwinkel, in dem die Werber saßen, wieder ein übermütiges Lärmen, Johlen und Festen an. Eine Magd mußte frische Flaschen aufstellen; »denn«, jauchzten die Burschen, »nun wollen wir etwas verschwellen!«

Einer von ihnen, nur einer hatte Handgeld genommen; der aber rasch und mit einer schier wilden, seinen Altersgenossen unbegreiflichen Freude. Doch sie wußten ja, daß er nicht tun konnte wie andere, und so ließen sie's gehen, gelobten den Werbern Stillschweigen bis morgen früh und dem Battist 116 Freundschaft bis zum jüngsten Tag. Battist hatte von einem Werber bereits einige Krontaler Handgeld erhalten. Und nun erachtete er sich als gebunden und saß nun unheimlich still, mit glänzenden Augen den Werbern lauschend, unter seinen Kameraden. Die aber wurden toll vor Freude ob ihrer so billig gewonnenen Tranksame, und der Rotköpfige klopfte dem Battist auf die Schulter und raunte ihm zu: »Vergiß dann die schöne Königstochter nicht heimzubringen!« – »Ja, ja, du Rotkopf«, antwortete ihm ein anderer, »du möchtest dann wohl dein sommersprossiges, hasenfratziges Madletschi dagegen vertauschen!« Ein schallendes Gelächter ging um den Tisch. Einer aber sprang auf und lärmte: »Seid ruhig und bezapft euch! Jetzt haben wir Krieg im Land; jetzt singen wir den Roten Schweizer!« – Ja, dieses Lied möchten sie noch gerne hören, sagten die Werber; darnach aber sei es höchste Zeit für sie, abzutanzen; denn es wolle ihnen nicht mehr recht gefallen, daß sich die Weiber nicht mehr blicken lassen. »Ach was!« lärmte einer; »die Weiber werden Kopfweh haben und in die Schlafkammern hinaufgestiegen sein. Es tut ja den Weibsleuten immer etwas weh!« Alle lachten auf; nur Battist kauerte stumm, mit grimmig lächelndem Gesicht, da. »Still jetzt!« rief ein stämmiger Bursche und schlug auf den Tisch. »Stimmt ein; ich fange an!«

117 Und nun rauschte gewaltig durch die Wirtsstube »Der rote Schweizer«, also daß die Hudelimusik, die eben wieder losgezogen hatte, mitten im Spiel abbrach.

Rot ist mein Banner, rot das Kleid,
Blutrot mein Herz und treu dem Eid,
    Den es hat zugeschworen!
Die Trommel wirbelte durchs Schloß:
Wach auf, wach auf, o Eidgenoß,
    Paris steht vor den Toren!

Die Königin am Fenster stand:
Hab' ich denn keine Seel' im Land,
    Die treu zu mir wollt' stehen?
Frau Königin, vielgute Nacht!
Der rote Schweizer hält die Wacht,
    Kein Leids soll Euch geschehen!

Halbneune schlug im Schloß die Uhr.
Ja, Räuber Marat, komm uns nur,
    Du sollt uns treu erschauen!
Die roten Schweizer rücken aus:
Gott schütz den König und sein Haus
    Und seine süßen Frauen!

Und als der Sieg uns schier gelang,
Ein Brieflein von dem König kam,
    Das Feuer einzustellen.
Auf, rote Schweizer, zieht davon!
Kommt her, wir bieten euch Pardon;
    Gebt frei die Türenschwellen!

Und wenn ihr uns Paris versprecht,
Verflucht ihr uns als Herrenknecht,
    Wir sterben doch in Treuen! 118
O Ludewig, das war nicht gut,
Daß du hingabst der Schweizer Blut;
    Es wird dich noch gereuen!

Der euch dies kurze Liedlein sang,
Mit Not kam er vom heißen Gang
    Um Marie Antonetten.
Rot ist mein Banner, rot das Kleid
Und rot die Wang vor Scham und Leid,
    Daß ich sie nit kunnt retten!

Kaum war das Lied, dröhnend wie der Marschschritt der ausrückenden Schweizergarde, unter schier ehrfürchtigem Stillschweigen aller Waldleute durch die Stube gebraust, als die Wirtstochter, mit zitternder Hand etwas an ihrem schwarzen Käpplein ordnend, auf der Schwelle stand.

Schier erschrocken ob der so plötzlich eingetretenen Grabesstille, machte sie Miene zurückzutreten und in die Küche hinauszuhuschen.

Da fuhr der Battist vom Tische auf, schoß über den Tanzboden, packte das Heleneli am Handgelenk und lärmte zur Geigenbank hinauf: »So, nun spielt auf! Aber einen Gestobenen will ich haben; denn jetzt tanzt die Pfauentochter mit mir. Oder sag's frei heraus!« wandte er sich an das bebende Mädchen. »Ich frage dich zum letztenmal; hier vor allen frage ich dich: Willst du wieder nicht mit mir tanzen?!«

Ein Spinnlein hätte man in der Wirtsstube können seiltanzen hören.

119 »Ja!« sagte zum Erstaunen aller mit fester Stimme das Heleneli und sah drohenden Auges zu den Werbern hin; »ja, Battist, ich tanze mit dir, wenn du den Seelenverkäufern, die dort hinterm Tische sitzen, nichts versprichst und daheim im Lande bleibst!«

Erschrocken standen die Werber auf.

Battist aber sah Heleneli einen Moment mit heißen Augen an. Dann lachte er laut auf.

»Es ist dir wohl nur meiner Mutter wegen, daß ich dableiben soll?!«

»Ja!« sagte sie zögernd, blutrot werdend und die Augen senkend; »es ist deiner armen kränklichen Mutter wegen!« Und mit einem Male hob sie die gefalteten Hände zu ihm auf und schrie: »Battist, Battist, verlaß sie doch nicht; es würde ihr das Herz brechen! Ich tanze mit dir ihretwegen durch die ganze Welt, wenn du willst; nur das tue ihr nicht an!«

»So willst du also nicht meinetwegen mit mir tanzen?! Sag, du tanzest mit mir meinetwegen und nicht um meiner Mutter willen, und ich bleibe da, und wenn die Welt auseinanderfällt!«

Man meinte, die unruhigen Lichter der Lämpchen an den Wänden spielen zu hören.

»Nein!« sagte schier tonlos, aber bestimmt das Heleneli und entzog ihm ihre Hand.

Einen Augenblick starrte er sie an wie ein Wahnsinniger. Dann schlug er ein rasendes Gelächter auf 120 und lärmte wild: »So leb denn wohl, du Hochmutsnärrchen! Bis du mich selber zum Tanz aufforderst, tanze ich nie mehr mit dir. Ich will nun Kaiser Franzens Montur tragen und nach Frankreich hineinfahren, wo eine schöne Königstochter auf ihren Erlöser wartet. Vielleicht bringe ich die an den Tanz. Du kannst ja derweilen meine Mutter trösten, der ich so nur eine Last bin; denn du bist's ja, die mich fortjagt, du Hochmutsnärrchen, Hochmutsnärrchen!«

Er fuhr in den Sack und schleuderte seine Krontaler in den Tanzboden hinaus.

»Spielt auf! Zoge, zoge, zoge!« lärmte er die Musikanten an; »das Heleneli kann nun den Gestobenen allein tanzen!«

Flugs war er mit den Werbern zur Türe hinaus.

Das Heleneli stand wie betäubt, und die Waldleute sahen sich sprachlos an. Die Hudelimusik jedoch, als sie die schönen runden Krontaler wie silberne Fröschlein über die Diele hüpfen sah, zog los und gab einen Ländler zum besten, der eine Ziehkuh aus dem Gestell gelüpft und die Stabellen zum Aufjucken gebracht hätte, wären nicht die stillgewordenen Waldleute darauf gesessen.

Kaum aber war der Tanz zu Ende, ging ein heilloses Hallo in der Stube los. Das Heleneli erwachte aus seiner Betäubung, eilte ans Fenster, riß ein Scheiblein zurück und schrie in die Nacht hinaus: »Battist, Battist!«

121 Jetzt ging die Stubentüre; die Pfauenwirtin trat ein, verwundert in den Aufruhr schauend, und ihr folgte der Amtsvogt mit zwei Heimlichwächtern.

»Ja, was hat's denn jetzt da gegeben?!« fragte sie erstaunt; »sind die Geier doch abgezogen?!«

»Freilich!« rief ein junges Weib; »aber sie haben den dummen Weißgockel schon in den Krallen!«

Einige Burschen lachten roh auf; aber es wurde ihnen vom Amtsvogt barsch verwiesen. Und nun wollte er wissen, was da gegangen sei. In fliegender Hast erzählte man den Vorgang.

»Jetzt aber auf und ihnen nach!« gebot der Amtsvogt; »wir erwischen sie vielleicht noch!«

Er, die Wächter und alle Waldmänner verließen hurtig die Wirtsstube. Battists Kameraden hatten sich in der allgemeinen Verwirrung zur Küchentüre hinaus davon gemacht.

Nur das Weibervolk und die Musikanten blieben ruhig sitzen. Sie mochten die Kirchweih, die nur alle Jahre einmal kam, nicht so rasch aufgeben. »Sie werden ihn ja wohl wieder zurückbringen!« sagte der lange Klarinettenbläser. – »Ja«, meinte der alte, ständig mit dem Kopf wackelnde Baßzieher, »und andernfalls, sollte er etwa nicht mehr zurückkommen, gibt's gottlob noch guthölzige, weidensaftige Knaben genug hier, die allenfalls das trauernde Weibervolk zu trösten imstande sind!« – »Jetzt meint er mich!« lachte schmunzelnd der 122 blutjungeGeiger. – »Nein!« sagte der Alte, den Deckel aufs Schwyzerpfeifchen drückend und ein paar Züge paffend, »jetzt meine ich mich!« Sprach's, setzte den Bogen an den Baß, und so jauchzte wieder ein Tanz durch die Stube, daß die unruhig dasitzenden männerlosen Waldweiber die Statuen der Heiligen aus der Kramgasse zum Tanz hineingerufen hätten, würden sie ihnen einiges Leben und etwelche Erfahrung in der Tanzkunst zugetraut haben.

Die Pfauenwirtin und ihre Tochter aber waren aus der Stube verschwunden. Während des lärmenden Aufbruches der Waldmänner hatte sich die erschrockene Wirtin geräuschlos zu ihrem Kinde ans Fenster gemacht, wo es unbeweglich im Scheiblein lag und angestrengt in die Nacht hinein horchte. Sie hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt, es sanft vom Fenster weggezogen und mit sich in ihre Schlafkammer hinaufgenommen.

Dort erst kam das Heleneli recht zu sich. Es brach in ein unaufhaltsames Schluchzen aus und sagte immer: »Ich habe ihn fortgejagt; ich habe ihn fortgejagt!«

Die Mutter suchte es zu beruhigen und sprach ihm ernst zu. »Man wird ihn wohl bald wieder bringen!« meinte sie zuletzt.

»Horch!« rief die Tochter, vom Bett, in dessen Decke sie das Gesicht weinend vergraben hatte, auffahrend.

123 Vor dem Hause war ein Lärmen und Hin- und Herlaufen.

»Was gibt's denn?!«

Die Wirtin hatte ein Scheiblein zurückgestoßen.

»Pfauenwirtin!« lärmte es von der Gasse herauf. »Wir bekommen die Werber und den Gerbejungen kaum mehr. Der Amtsvogt und wir alle sind ihnen nach, wie Ihr wißt. Aber schon bei den Stationskapellen auf dem Brüel begegnete uns ein Bauer, der uns sagte, er habe ihrer drei wie besessen über den Waldweg hinaus nach dem Zürichsee galoppieren sehen. Den Jüngsten von ihnen habe er im Mondschein wohl erkannt, er sei der vorderste gewesen. Das ist ja kein Wunder; er ist den Rossen seines Vaters und den Klosterrossen genug durch die Beine und über den Rücken gekrochen. Euer Vetter, der Amtsvogt, will zwar satteln lassen; aber er schickt mich zu Euch. Er meint, bessere Rosse als Ihr habe niemand; da wäre es vielleicht gut, wenn Ihr den Werbern auch ein paar Knechte nachschicktet; denn er glaubt kaum, daß er sie auf seinen schweren Gäulen einzuholen vermöge. So hätt' ich's also ausgerichtet; schlaft gesund!«

»Macht's auch so!«

Die Pfauenwirtin schloß das Fenster.

»Mutter, Mutter!« schrie das Heleneli, ihrer Mutter Kniee umfassend, »laß sogleich satteln! Wir haben ja weitaus die schnellsten Pferde. Die werden 124 die Werber heilig und gewiß einholen. Laß satteln, Mutter; ich bitte dich der tausend Gotteswillen, laß satteln!«

»Nein, Heleneli; wir nicht!« sagte sanft, aber fest die Wirtin; »du hast ihn ziehen lassen, und es war klug und wacker von dir. Aber wenn du ihn jetzt zurückrufst, verdirbst du nicht nur, was du für ihn und für dich gutmachtest, sondern noch vielmehr dazu. ›Eine Liebe, die davonläuft, holt keiner mehr ein, und wär er geschwinder als Wetterlichtschein‹, sagt ein altes Sprüchlein. Liebt er dich wahrhaft, so kommt er dir schon wieder, und dann als ein anderer, hoffe ich!«

»Ach!« sagte schluchzend das Heleneli, »ich wollte ihn gerne ertragen, so wie er ist; hätte ich ihn nur noch!«

»So lasse ich sofort satteln!« sagte die Pfauenwirtin und ging auf die Türe zu.

»Mutter!«

»Ja? Was ist's noch?!« wandte sich die Wirtin, die Türklinke in der Hand.

»Laß nicht satteln!« machte leise, aber bestimmt das Heleneli.

Dann folgte es der Pfauenwirtin hochklopfenden Herzens in die Stube hinunter, um dort aufzuräumen und Feierabend zu machen; denn die Waldfrauen waren von ihren Männern und Liebsten mittlerweile nach Hause abgeholt worden. 125

 

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