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Das Hochmutsnärrchen

Meinrad Lienert: Das Hochmutsnärrchen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Hochmutsnärrchen
authorMeinrad Lienert
year1919
firstpub1911
publisherHuber & Co.
addressFrauenfeld
titleDas Hochmutsnärrchen
pages205
created20130419
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VI.

Der Gerbebattist war nun dem Drill des Schulmeisters Plazi und seiner Ehefrau Annakathri glücklich entronnen. Obwohl erst fünfzehn Jahre alt, war er doch lang aufgeschossen, so daß der Schulmeister meinte, es ließen sich an seinen langen schmalen Beinen ganz wohl Winderbsen ziehen, wenn er wenigstens so lange stillzustehen vermöchte, bis man sie gepflanzt hätte.

Da er nun am ehrlichen väterlichen Gewerbe, an der Gerberei, keinen Gefallen fand und die Knechte arbeiten ließ, selber aber, trotzdem er alle Kinder überragte wie Saul die Israeliten, nichts tat als auf den Gassen herum mit den Buben soldatenspielen, schickte ihn seine verwitwete Mutter wieder aufs Rathaus in die Lateinschule des Dorfes. Sie hoffte, es könnte am Ende aus ihm ein Geistlicher, ein Klosterherr oder gar noch etwas Höheres werden; denn sie hielt ihn für den gescheitesten Jungen in der ganzen Eidgenossenschaft. Deshalb sah sie ihm alles nach, hielt seine Unarten für eigenes höchst bemerkenswertes Tudichum und seine Bubenstreiche für geistreiche Einfälle. Es erschien ihr daher ganz selbstverständlich, daß ein so vielversprechender 67 Kopf nichts mit der altmodischen väterlichen Handarbeit zu schaffen haben mochte. Ihr Battist sollte unter den Auserwählten wandeln.

Ein armer geistlicher Präzeptor, der Schulherr geheißen, lehrte, ebenfalls in einer Stube des Rathauses, die Sprache der heiligen Kirche. Aber der Gerbebattist war auch da kein aufmerksamer Schüler. Der Lehrer hatte bald heraus, daß ihn die Schwalben oder Schneeflocken, die um die knarrenden Butzenscheiben der dunklen, teilweise mit Erdäpfeln belegten Schulstube trieben, mehr interessierten als die Weisheit der alten Römer. Nur als der Schulherr mit seinen Schülerknaben nach altem Herkommen im Winter eine Komödie einstudierte, taute er auf; um so mehr, als er und das kaum dreizehnjährige, noch kleine und zierliche Heleneli Gyr die Hauptrollen spielen sollten. »Er, weil er der größte und stärkste Bengel unter meinen Schülern ist, und es, weil es zwar das kleinste, aber klügste Mägdlein unter allen seinen Altersgenossinnen ist, die ich kenne«, hatte der Schulherr gesagt. Eifrig übten sie mit ihrem Präzeptoren drauflos; denn, sagte der Schulherr, diese Komödie müsse wieder einmal eine Glanzleistung werden. Im Allerheiligsten seines Herzens hoffte er sogar, sie werde der Zauberspruch, der ihm auf die Fastnacht die Küchen und Speckkammern der hablicheren Waldleute auftue.

68 Am frühesten Morgen des heiligen Dreikönigtages, um 2 Uhr herum, tobten die Nachtbuben mit geschwärzten Gesichtern, Ziegenschellen am Rücken, durch die Dorfgassen, um, wie in alter Zeit ihre Vorfahren die Julfestlichkeiten, nun die christliche Fastnachtszeit einzuläuten.

Am nämlichen Abend aber stiegen die Waldleute von Einsiedeln mit brennenden Talgkerzen, in ihrem besten Sonntagsrust, die Männer in langen schwarzen oder blauen Röcken, roten Westen und kurzen Hosen, die Waldfrauen in guten farbigen, mitunter gar schwarzseidenen Röcken und hohen Kammkappen, durch das Schneegestöber ins Rathaus hinauf. Sie gedachten dort auf der Tanzdiele nach altem löblichen Väterbrauch, wie alljährlich, den Einzug der Fastnachtszeit mit einer Kinderkomödie und nachfolgendem Tänzchen in Ehren zu feiern.

Bald hatte sich fast das ganze Völklein auf der weiten Tanzdiele zusammengefunden.

Die mit Bildern und Wappen geschmückten Butzenscheiben rüttelte der Wind, und an dem dunkeln Getäfer des spärlich erhellten Saales nickten sich die riesigen Schattenköpfe der Waldleute zu. Es war heimelig warm. Ein paar unruhig flackernde Ölfunzen beleuchteten an der Fensterwand gegen den Dorfplatz eine kleine Bühne, die als Kulissen zwei dünne, mit grobem Tuch bezogene Bretterwände abschlossen. Die eine war mit zwei 69 Butzenscheiben, die andere mit einem Kruzifix und einem Weihbrunn bemalt. Den Hintergrund der Bühne bildete der große grüne Kachelofen mit umgehender, erhöhter Ofenbank.

Vor dieser Bühne nun hatten sich, altehrwürdiger Übung gemäß, die Waldstatträte und Richter mit ihren Frauen und Angehörigen niedergelassen. Vor ihnen auf einem langen Tisch standen die schön ziselierten, von Neubürgern gestifteten Silberbecher. Hinter den Räten und Richtern hatten die Waldleute, und hinter diesen die nur geduldeten Einwohner, die sogenannten Beisassen, Platz genommen. Aber alle taten sich mehr oder weniger gütlich aus einem fleißig Umgang haltenden gewaltigen Krug, in dem ein wohlduftender elsässischer Weißwein schwappelte.

Auf einmal wurde es stiller. Die Türe ging, und der Präzeptor, der lateinische Schulherr, trat, so lang und hager wie Johannes der Täufer, als er aus der Wüste kam, schier feierlich ein. Ihm nach kamen kichernd und tuschelnd seine halbgewachsenen Schülerknaben, und unter ihnen wädelte auch das Heleneli über die Tanzdiele.

Mit diesem Personal sollte nun am diesjährigen Dreikönigsabend die neue Komödie aufgeführt werden.

Bevor sich die Türe wieder schloß, schlichen sich noch ein paar Musikanten, die Hudelitanzmusik, 70 in das festliche Gemach und machten sich auf die in einem dunkeln Winkel aufgestellte Geigenbank; denn sie hatten heute sowohl die Theater- als auch die Tanzmusik zu besorgen. Des Dorfküfers Frau, die an diesem Abend die Wirtin zu machen hatte, stellte ihnen sogleich einen vollen Henkelkrug unter die Geigenbank.

Mit hochwichtigem Gesicht und aufs angelegentlichste begann der alte Beinhaussigrist, dem die Regie der Komödie ebenfalls oblag, mit dem aufgeregten Schulherrn zu flüstern. Erst schoben sie eine geraume Weile an den zwei wackligen Kulissen herum; darnach trugen sie zusammen ein Spinnrad bald dahin, bald dorthin auf der Bühne herum, bis sie es endlich nach vielem Ratschlagen neben die Ofenbank zu placieren beliebten. Kurz, sie gefielen sich so lange in einem Vorspiel, bis die Waldleute zu murren anfingen und brummten: Die zwei Grabkreuze hätten sie jetzt lange genug herumgeistern sehen; es dürfte nun einmal etwas anderes losgehen. Ein Waldstattrat gar rief: Der Schulherr solle seine Komödie doch einmal loslassen, damit darnach für den Tanz, der ja die Hauptsache sei, auch noch etwas Zeit übrig bleibe.

Da wurde der tiefgekränkte Präzeptor wild. Hurtig stellte er sein unruhiges Schauspielertrüpplein neben der Bühne hinter einer der beiden Kulissen auf, schnörzte den Sigrist, der eben die Ölfunzen 71 frisch geschneuzt hatte, hinter die andere Kulisse und setzte sich vor der Bühne in die vorderste Reihe, jedoch auf eine eigene Stabelle, zu den auf ihrer langen Bank ungeduldig der kommenden Dinge harrenden Herren des Rats und Gerichts. Dann winkte er eifrig, und der Unterregisseur, der Beinhaussigrist, guckte, ebenfalls auf Tod und Leben winkend, hinter seiner Kulisse hervor.

Jetzt sprang das rotbackige Söhnchen des Gotteshausammanns auf die Bühne. Er trug seines Vaters alten Feiertagsrock, seine schwarze Hose und schwarzseidenen Strümpfe, nebst scharlachrotem Kamisol. Es war ihm alles viel zu weit, so daß es aussah, als wolle er ein landesübliches Sackspringen nach der schwebenden Wurst eröffnen. Selbstbewußt räusperte er sich und beaugenscheinigte die Zuschauer von Antlitz zu Antlitz, um sich zu vergewissern, daß man ihn auch gehörig bewundere.

»Fang doch ins Kuckucksnamen endlich einmal an!« zischte ihm der Präzeptor zu.

Da räusperte sich der Junge erst recht, hustete, lachte verlegen auf und dehnte und reckte sich in seinem väterlichen Gewand, als wäre er ein prähistorischer Riesenfalter, der aus seiner Larve schlüpfen möchte. Darnach fing er mit halbgebrochener Stimme, die tönte wie der Schrei eines aufgeschreckten Hähers, zu deklamieren an: 72

»Seid mir gegrüßt, ihr Christen all,
In Sankti Meginradi Tal!
Wir kommen her durch Jesum Christ,
Weil wiederum erschienen ist
Der heilige Dreikönigstag.
Da findet statt ein froh Gelag
Nach der Altvodern gutem Brauch,
Und eine fromm' Komödy auch
Zu der Waldleute Freud und Lehren,
Und dem hochheilig' Tag zu Ehren.
So haben wir mit viel Bedacht
Das Jahr ein neues Spiel gemacht.
Auf daß ihr nicht lang drum müßt raten,
Berichten wir Simsonis Taten,
Des Richters im gelobten Land,
Wie ihn ein Mägdlein überwand.
Delila hat die Hex geheißen.
Doch paßt jetzt auf! Das wird sich weisen.
In Gottes und Mariä Namen
Wir fangen an. Was sagt ihr?«

»Amen!« lärmten die Lateinschüler hinter der Wand. Und des Amtmanns Söhnchen fuhr fort:

»So mög euch denn das Spiel gefallen!
Ein Künstler tät zwei Wände malen.
Sie sollen euch die Kammer zeigen
Delilas, samt zwei Butzenscheiben.
Wer hat denn wohl das Spiel gemacht?
Ein Schreiber, den man nicht viel acht'!
Gott möge ihm das ewige Leben,
Und allen, so es hören, geben!«

Die Waldleute nickten einander, Beifall murmelnd. zu.

73 »Mach dich fort!« rief der Schulherr halblaut auf die Bühne.

Aber des Gotteshausammanns Söhnchen blieb noch ein schönes Weilchen mit gespreizten Beinen und über und über lachendem Gesichte stehen, um den Beifall der Waldleute voll und ganz in sich aufzunehmen, also daß es vor Hochmut aufging wie ein Schwamm und trotz allen krächzenden Zurufen seines Präzeptors nicht von der Bühne herunter wollte, bis es dem Beinhaussigrist glückte, ihn an seines Vaters langem Rock so nach und nach herunterzuzupfen. Denn jetzt trat das Pfauenheleneli als Delila auf und stolzierte hocherhobenen Hauptes nach der Ofenbank, wo es sich hinter das Spinnrad setzte.

Es war fein herausgeputzt, trug einen hellgelben blaugestreiften Tuchrock, schneeweiße, selber gestrickte und von den Schwestern in der Au zu Steinen mit Stickereien verzierte Strümpfe, die ihm seine Patin geschenkt hatte. An den Füßen hatte es Pantoffeln mit versilberten Schnallen. Aber sein flachsheiteres Haargelock flutete unter einem blauseidenen doppeltgenommenen Band herab.

»Ei, seht das Hochmutsnärrchen, wie sich's herausgeputzt hat!« flüsterten die Waldleute einander zu.

Nun begann es mit hurtigem Füßchen sein Spinnrad zu treten, den Faden zu netzen und zu ziehen.

74 Da erschien Simson als eine langaufgeschossene fünfzehnjährige Stange, um die eine abgetragene grünsamtene Altardecke schlotterte. Sie vermochte aber die schmalen Waden, die in groben grauen Strümpfen und rauhledernen Schuhen steckten, nur mangelhaft zu bedecken. Es war der Gerbebattist.

Großartig und kerzengerade schritt er an einem Spazierstock über die Bühne. Aber trotz dem Aufputz mit der geblümten Weste seines seligen Vaters, die er ins Licht zu rücken sich sehr angelegen sein ließ, sah er doch unordentlich und ungekämmt, schier verwildert aus; denn er hatte noch kurz vorher vor der Türe im Rathausgang eine kleine Bubenschlacht auskämpfen helfen.

Jetzt klopfte er ziemlich heftig an die gemalten Butzenscheiben der einen Kulisse.

Die kleine Delila erhob das lockenumwellte Köpfchen:

»Wer steht mir denn noch vor der Tür?
Der Riegel ist schon lange vür!«

Nun krähte er mit fast völlig gebrochener Stimme:

»So heb' den Riegel weg vom Tor,
Der Richter Simson steht davor!«

Sie tat als ob sie einen Riegel aufhöbe. Jetzt stand Simson vor ihr und bot ihr ein Körbchen voll Haselnüsse an, das er am Arm getragen. Sie dankte ihm dafür in zierlich gesetzter Rede und begann sogleich eifrig und unablässig von den 75 kleinen Haselnüssen aufzubeißen, obschon sie der Schulherr mit zornglühenden Augen durchbohrte. Und der Richter Simson schaute ihr zu und stellte bei dem muntern Knacken die Ohren neidvoll, wie ein Eichhörnchen, das die Schulkinder seinen Haselbusch plündern sieht. Er konnte sich nicht mehr bemeistern und fing ebenfalls an, einige der braunen appetitlichen Nüßchen aufzubeißen, so daß der Präzeptor schier starb vor jauchzendem Ingrimm. »Wollt ihr einmal fortfahren, ihr Freßsäcke!« fauchte er zur Bühne hinauf.

Da hub Delila wieder zu reden an:

»O Simson, bleib mir über Nacht!
Berichte mir, wie du vollbracht
Die Taten mit dem Eselsbacken.«

Sogleich setzte er sich neben sie auf die Ofenbank und fing an, ihr seine Heldentaten zu erzählen. Dabei machte er aus der Hand eine Schnupftabakdose, klopfte daran und gebärdete sich ganz, als ob er daraus mit Hochgenuß einen paradiesisch duftenden Tabak schnupfte, worauf im Zuschauerraum sich ebenfalls ein allgemeines Schnupfen vernehmen ließ. Dann zog er seiner Mutter weißgetupftes rotseidenes Sonntagsnastuch hervor, vertat es so weit als möglich und begann heftig zu niesen, was ein so vielfältiges Echo im ganzen festlichen Gewände zur Folge hatte, daß der Präzeptor vor Wut hätte tanzen mögen. Aber nach und nach 76 wurde Simsons Schilderung immer lebendiger, also daß er's zuletzt auf der Ofenbank nicht mehr aushielt. Er schoß auf und fuchtelte mit seines Vaters Spazierstock also wild umeinander, daß er nicht nur die zwei Öllämpchen an der Wand neben dem Ofen schwer bedrohte, sondern auch mit dem Beinhaussigrist, der es ihm verweisen wollte, parlike-parlake! spielte. Denn so oft der entrüstete Unterregisseur um seine Kulisse guckte, wirbelte ihm Simsons Stock wie ein Besenblitz um das kahle Haupt. Der Schulherr hätte vor Ärger wiehern mögen wie eine Weid voll frischaufgetriebener Fohlen. Aber endlich sank Simson, nachdem er all seine Taten lärmend verkündigt hatte, müde und schläfrig auf die Ofenbank, gähnte wie ein Stiefelknecht und sprach:

»Delila, tu ein Tänzlein wagen!
Mir will Verdruß am Herzen nagen,
Daß du mich nicht wahrhaftig liebest,
Ein gottlos Spiel mit mir nur triebest!«

Worauf aber Delila, eine Haselnußschale in den Ofenwinkel blasend, antwortete:

»O Richter Simson, denk nicht so.
Benedicamus Domino!
Hergegen willst du mir nicht trauen,
So magst du baß ein Tänzlein schauen!«

Jetzt verwarf der Schulherr seine langen Arme, wie ein närrisch gewordenes Rind die Beine, gegen den Winkel, in dem die Hudelimusik in ägyptischer 77 Finsternis thronte. »Spielt, spielt!« zischte er. Aber die Musikanten beachteten es nicht; denn eben ließen sie den frischgefüllten Henkel, andächtig und einzig Gott Bacchus in Gedanken habend, unter sich langwierigen Umgang halten.

»Herr Präzeptor, was müssen wir jetzt machen, wenn sie doch nicht spielen?« fragte Simson laut, nach dem Schulherr sehend.

»Tace, tace!« schnauzte ihn der kreischend, wahnsinnig vor Verdruß, ab.

Der Beinhaussigrist aber, der mit brennender Kerze in den trübseligen Winkel auf die Geigenbank loshasten wollte, stolperte über eines Waldstattrates groblachtes Schuhwerk, fiel hin, und die Kerze erlosch. Die Waldleute lachten und unterhielten sich köstlich bei diesem Zwischenspiel, das Ober- und Unterregisseur ihnen zwieträchtig zum besten gaben. Nun versuchte der Sigrist mit bebender Hand seine Kerze am trübeflackernden Wachsrodel eines alten Weibes wieder anzuzünden, und der Präzeptor schoß wie betäubt vor der Bühne hin und her, gleich einer wildgewordenen Ameisenfamilie, der man mit dem Stock in den Bau fährt. Da fing unversehens die Musik, die endlich die Lage erfaßt hatte, einen lüpfigen schwyzerischen Gautanz zu ziehen an, also daß die Füße der Waldleute unter den Bänken und Stabellen zu hüpfen anfingen, wie die Heuschrecken, vor denen eine Sense ins Gras blitzt.

78 Die kleine Delila aber tanzte drauflos wie die Waldmücken in einem Sonnenstrahl. Ihre Haare flogen, und ihr Fähnchen wirbelte rundum, schneller als ein durchgehendes Wagenrädlein. Keck stellte sie die Hände in die Hüften und hielt das Näschen hoch.

»Jetzt schau da her!« raunte ein alter Waldstattrat seiner Frau zu, »die hätte das Zeug auch dazu, das Haupt des Johannes zu ertanzen!« »Johannes, Hanspeter oder Franzkarli, heiß' der Heilige wie er woll«, gab brummig sein Weib zurück, »ihr verliert ja die Köpfe alle, sobald so ein Fähnchen zu flattern anfängt!«

Die Musik klang uns; der Tanz war zu Ende.

Mittlerweile hatte Simson seinen Richtermantel unter den Ofen gestopft und sich im gestrickten Kittel auf der Ofenbank ausgestreckt; doch waren seine Beine so lang, daß sie noch ein gutes Stück über die Bank hinaushingen. Mit schmerzhaftem Gesicht rief er jetzt:

»Delila, komm doch einmal her,
Es ist mir wirbelig und schwer!«

»Die Philister sollen sich bereit halten!« rief der wieder etwas ruhiger gewordene Schulherr halblaut gegen die Kulisse, hinter der die Lateinschüler kampflustig hervorguckten.

Nun ging Delila, der der Beinhaussigrist verstohlen eine gewaltige Schere zugeschmuggelt hatte, die sie sorglich hinter dem Rücken verbarg, auf 79 den ruhenden Simson zu. Sie setzte sich zu seinen Häupten und bat ihn in den süßesten Tönen, doch ein Schläfchen zu tuen, da er von seinen vielen Heldenstücken gewiß zum Hinfallen müde sei.

Doch er sagte ernsthaft:

»Ich mag nicht schlafen, liebe Maid,
Ich trau, mir kunnt geschehn ein Leid!«

Sie gab nicht nach:

»Simson, nun sollt du schlafen gehen!
Wie kunnt dir denn ein Leids geschehen,
Wo über dich Delila wacht!
Schlaf wohl, Simson, ruhsame Nacht!«

Er schloß sofort die Augen und fing fürchterlich zu schnarchen an, wie eine Bärenhöhle im Winter. Doch griff er zum gelbsuchterregenden Ärger des Präzeptors gleichwohl eine Haselnuß aus dem unter der Bank stehenden Körbchen auf und knackte und schnarchte munter drauflos.

Die Philister schauten mit glänzenden Augen um die Kulissenwand.

»Es ist noch nicht an der Zeit; macht, daß ihr hinter die Kulisse kommt!« fauchte sie der Schulherr an.

Delila aber hob leise zu reden an:

»Jetzt will ich dir die Haare zwacken,
Dann geht der Schmalz dir aus dem Nacken.
Und wenn dich die Philister kriegen,
So kannst du einmal unten liegen!«

Nun sollte sie Simson die Haare abschneiden. Aber ratlos und verlegen stand sie zu seinen Häupten 80 und schaute mit bedenklichen Augen auf seinen Krauskopf.

»So mach doch einmal!« zischte ihr der Schulherr wie ein gereizter Schlangenkönig zu. »Willst du denn warten, bis ihm die Haare wie dem Sigristen von selber ausfallen!«

Die Waldleute lachten auf; der Beinhaussigrist aber, der eben pflichtgemäß und wunderfitzig um seine Kulisse guckte, zog seinen verschimpfierten Kopf gekränkt zurück.

Zögernd hob Delila die lange Schere. Aber als wäre sie ihr gar zu schwer, ließ sie sie wieder sinken und schaute höchst beunruhigt auf den schlafenden Helden.

»Heilige Muttergottes im Himmel oben, willst du denn wohl einmal dran hin!« machte bleich vor Aufregung der Präzeptor. »Es muß doch alles natürlich gespielt werden. So mach doch; so scher ihn doch einmal!«

»Nein!« sagte sie jetzt halblaut; »ich will ihm lieber nicht in die schönen Kraushaare hineinschneiden!«

»Was!« schnörzte unter dem Kichern der Zuschauer der Schulherr; »dich reuen diese ungekämmten Weißgockelfedern?! Auf der Stelle scherst du sie ihm ab! Verlangt ja niemand, daß du ihn kahl wie ein Schaf scheren mußt. Mach, mach!«

»Nein, ich kann es halt nicht tuen!«

»Tu's nur ganz ruhig!« rief jetzt laut Battists halblahme Mutter. »Ich werde sie ihm darnach 81 schon noch ganz kürzen zu Hause. Das bringt ihn nicht um; er bekommt bald genug wieder einen Strubelkopf!«

Die Waldleute lachten.

»Ja!« rief einer unter schallendem Gelächter; »der Schulherr kann ihn dann doch nicht mehr verhaarschopfen!«

Der Schulherr aber war aufgesprungen.

»Jetzt schneid ihm einmal den Schopf ab!« rief er bebend, »oder ich tu's selber!«

Da legte Delila mit zitternder Hand die große Schere an Simsons schnarchendes und nüsseknackendes Haupt. Zwei dicke blonde Haarbüschel sanken auf den Boden!«

»O weh!« lärmte ein kleines Mägdlein auf seiner Mutter Schoß; »jetzt hat das Heleneli dem Battist eine Hühnerstiege an den Kopf gemacht!«

Ein fröhliches Auflachen ging über die Tanzdiele.

Die kleine Delila aber hatte die abgeschnittenen Haarsträhnen verstohlen aufgenommen und unterm Fürtuch geborgen.

»Audite, audite! Venite, venite!« rief jetzt der Schulherr gegen die Kulisse, hinter der die Philister steckten, und auch der Sigrist, der Bedeutung des Augenblickes voll bewußt, winkte und zappelte hinter seiner Kulisse hervor, als wollte er das Rad schlagen.

Ruhig hob Delila die Hand hoch und rief, daß es gellte: »Simson, die Philister seind über dir!«

82 Mit Donnergepolter und wilden Haarusrufen stürzten die Philister hinter ihrer Wand hervor und fielen einträchtiglich, statt über Simson, über das unter der Ofenbank stehende Körbchen her, also daß die Bühne im Hui wie von Haselnüssen verhagelt aussah.

Jetzt vergaß auch Simson seine Rolle; er fuhr auf, warf sich mit Macht unter die um die Haselnüsse sich herumbalgenden Philister, stieß den einen von der Bühne hinunter, daß er über und über purzelte, riß den andern im Schopf, daß er mörderlich aufschrie, und jagte so wie ein Sturmwind alle Philister in schleunigste Flucht, so daß er, zur freudigen Genugtuung der Waldleute, das Feld behauptete und seinen alten Ruhm als größter Held in Israel und Umgebung durchaus aufrecht erhielt.

Flink las er die verbliebenen Haselnüsse wieder zusammen und ließ sie in den Hosensäcken verschwinden.

Der Schulherr war heiser; er konnte nicht mehr schreien; nur noch eine Art Blöken gelang ihm. Er laufe davon, keuchte er stöhnend; das sei das letzte Komödienspiel gewesen, das er diesen heillosen Waldbuben eingetrichtert habe. Und er habe den pflichtvergessenen Philistern und diesem Fahrindieluft von einem Simson ihre Rollen doch mehr als zwanzigmal vorgekaut.

83 Vernichtet, halbtot setzte er sich auf seine Stabelle und erwartete ergebungsvoll einen Herzschlag.

Die Waldleute wußten sich vor Vergnügen nicht zu fassen.

Währenddem hatte Delila ihr blaues Haarband abgenommen, und nun schleppte sie den siegesfrohen Simson am Arm ruhig zur Ofenbank, kniete nieder, schlang ihm das Band um eine seiner schmalen Waden und zog es rasch durch das herzförmige Loch im breiten Bankbein. Also war er angebunden, bevor ihn sein Triumph recht zur Besinnung kommen ließ. Doch als er's inne ward, respektierte er das blaue Bändchen und blieb wie angewurzelt stehen.

Brausender Jubel feierte Delilas kecke Tat.

Auch der Schulherr hatte sich schnell erholt. und da er, theatermüde wie er war, die Verstümmelung der Komödie nicht mehr ändern mochte, bedeutete er dem angebundenen Simson, er solle mit seinen Versen fortfahren.

Doch unterdessen hatten sich die so schmählich behandelten Philister aufgerafft und protestierten laut und entschieden gegen die Weiterführung des Spiels; denn erst müsse sich Simson von ihnen binden lassen wie es in der Komödie stehe, und nicht bloß von einem kleinen Mädchen. »O!« rief ein sommersprossiger Philister, »er ist ein Maitlischmecker! Er hat sich nur von Heleneli anbinden lassen, weil sie sein Schatz ist!« – »Ja!« lärmte ein anderer, »sonst 84 hätte er sich von ihr doch gewiß nicht eine Läuseleiter ins Haar einschneiden lassen. Maitlischmecker, Maitlischmecker!«

»Nein!« rief jetzt ein alter Schalk im Zuschauerraum, bei dem eben der Becher auf seinem ewigen Umgang vorbeikam, »nein, das ließe ich mir auch nicht gefallen, wenn ich ein rechter Philister wäre, daß dieser Simson erst alle durchhaut und sich dann doch von einem so kleinen Jüngferlein anbinden läßt. Schämt euch, Philister; ihr wagt halt nichts!«

Einen Augenblick glotzten sich die Philister dumm, rauchend vor Scham, an; aber dann sprangen sie wie auf Kommando auf die Bühne, stießen die aufschreiende Delila hinunter und fielen wütend über Simson her.

Entsetzt bestieg auch der Schulherr die Bühne, um mit seinen magern Griffen den Knäuel auseinanderzureißen.

Da stürzten die Bretterkulissen zusammen und begruben richtig und ganz nach dem heiligen Buch der Richter das Haus der Delila, also daß man weder von dem hochwürdigen Präzeptoren, noch von den Philistern und ihrem grimmigen Feinde mehr etwas sehen konnte.

Die Waldleute kamen schier um vor Lachen.

Der alte Beinhaussigrist aber bemühte sich unter Schwitzen und Stöhnen und unter Anrufung aller 85 Heiligen, die umgefallenen Wände wieder aufzurichten.

Plötzlich standen die Kulissen von selber auf und platschten zu beiden Seiten über die Bühne herunter.

Die Philister sprangen wie vom Dach gefallene Katzen auf und auseinander und rasten, verfolgt von dem tobenden Simson, dem sie schier alle Haselnüsse aus den Säcken genommen, wie das heilige Wetter über die Tanzdiele und durchs Rathaus hinunter ins Freie. Donnernd fuhr unten eben die Haustüre zu, als sich oben auf der Bühne der Präzeptor erhob, und zwar mit einem Gesicht. als ob er aus einer Folterkammer käme und soeben die spanischen Stiefel ausgezogen hätte.

»Hättest du denn die Kulissen nicht früher aufrichten können!« herrschte er den erschrocken zusammenfahrenden Sigristen an, »du alter Meßweinschelm! Oder hast du etwa warten wollen, bis sie mich zu einem Birnenwecken für deine unappetitlichen Kinder ausgerollt hätten!«

So rieb denn der Schulherr, mit einem verachtungsträchtigen Blick nach den in eitel Wonne schwelgenden Waldleuten, seinen tiefbeleidigten Rücken. Der Sigrist und Unterregisseur jedoch wollte, sich von seiner Verblüffung erholend, eben eine grobe Antwort an den Schulherrn abgehen lassen, da ward es im Saale mit einem Male mäuschenstill, also daß auch er seine grobkörnige Gegenrede wieder verschluckte.

86 Nämlich, die kleine Delila hatte sich wieder auf die Bühne gemacht und sprach nun ruhig ihr Sprüchlein, den Schluß samt moralischem Zustupf der Komödie enthaltend, zu Ende.

»So tat sich die History enden,
Durch Weiberlist den Simson schänden,
Daß er des gänzlichen verloren
Die Kraft, so ihm von Gott geworden.
Woraus ein frommer Christ ersicht:
Spiel ja mit schönen Frauen nicht!
Flugs ist das Haar dir abgeschoren,
Und seind Philister vor den Toren.
Doch lasset uns auf Gott vertrauen,
Daß hierum keine solche Frauen.
Seind sämtliche nur Tugendspiegel,
Und machen's alle wie der Igel.
Will sie der Erde Sünde prellen,
Tun sie der Tugend Stacheln stellen,
So find't der Böse wenig Spaß.
Hic finis. Deo gratias.«

Der Waldstattschreiber, von dem man sich zuflüsterte, daß er die Komödie gewißlich aufgesetzt habe, mochte ob der ihr gewordenen wenig respektvollen Wiedergabe wohl kaum besonders erbaut sein. Allein er ließ sich nichts anmerken, und als man jetzt allerseits in lauten Beifall ausbrach, applaudierte und lachte er herzlich mit und blieb guter Dinge als ein wahrhaft weiser Mann.

Kaum war die Komödie zu Ende, riefen schon einige Burschen: »Tanz, Tanz!« Im Hui wurden 87 von rührigen willigen Händen Bühne und Kulissen hinausgeschafft und die Bänke enger zusammengerückt, also daß rasch ein schöner Tanzplatz frei ward.

Da zog der Schulherr griesgrämig, mit liebergöttischem Antlitz, ab, gefolgt von den Kindern und den alten Frauen, die das Feld nun einer tanzgelüstigen Jugend, den bestandenen Waldmännern und Waldweibern und den trinkfesten, seßhaften Greisen überlassen mußten.

Schon zog die vom duftigen Elsässer hochgestimmte Hudelimusik los.

Nun eröffnete der älteste Waldstattrat, einer guten alten Tradition nachkommend, den Reigen mit dem jüngst verheirateten Waldweiblein. Bedächtig, schier feierlich, tanzten sie zusammen einen von heimweherischen Klängen gesänftigten Alemander.

Darnach aber hatten die jungen Leute die Tanzdiele, und nun begann sie zu rauchen und zu stieben.

Wohlgelaunt sah die stattliche Pfauenwirtin in den Tanzplatz hinaus, die dahinfahrenden Paare eifrig musternd.

Ein vergnügtes Kichern war hinter ihr.

Sie kehrte sich rasch um und erblickte ihr Heleneli, das mit glänzenden Augen und offenem Munde den Burschen zusah, wie sie, die Jungfern um die Schultern fassend, jauchzend, stampfend und schnalzend zum Tanz ausrückten.

88 »Jo, jo, jo!« rief der Hudelibaßzieher. »Zoge, zoge, zoge!« lärmte der Trompeter, setzte sein Trompetlein blitzgeschwind wieder an und ließ es zu einem »Gestobenen« losschmettern.

»Was!« sagte die Pfauenwirtin zu ihrem Töchterlein, »du bist auch noch im Feld, du Schalk?! Auf der Stelle streich dich heim ins Bett!«

»Nur noch ein paar Tänze laßt mich zuschauen!« bat das Heleneli.

»Nichts da; heim mit dir!«

»Bloß noch einen!«

»Nein, sag ich; jetzt schweig!«

»Soll ich die Kleine heimtun?« fragte der herantretende Pate.

»Nein; keine Rede davon. Die ist jetzt groß genug, daß sie die paar Schritte allein tun kann. Allez marsch; ins Bett mit dir!«

Sie führte ihr Kind, das schier ein schiefes Mäulchen bekam, vor die Türe und ging dann wieder hinein.

Das Mägdlein schlich die paar Stiegentritte, die es vor den Augen der Mutter hinabgegangen, wieder hinauf an die Türe und lauschte noch ein Weilchen auf das kurzweilige lüpfige Spiel und das dröhnende Trampen und stämpfelte selber mit beiden Füßen dazu.

»Heleneli!«

»Bist du's, Battist?«

Der Gerbebattist hatte sich leise die Stiegen hinaufgemacht und stand nun bei ihr.

89 »Bist du denn nicht mit deiner Mutter heimgegangen?«

»Nein!« sagte er; »ich habe mich hinter die Haustüre versteckt; da mußte der Vetter mit ihr heimgehen.«

»Das war aber nicht schön von dir!«

»He, ich wollte halt auf dich warten. Ich will mit dir heimkommen; denn weißt, sie passen dir auf vor dem Rathaus und wollen dich verschneeballen!«

»Ja, so komm nur!« sagte sie; »nicht etwa, weil es mir fürchtet; aber weil du ja den gleichen Heimweg hast, da können wir ein kleines Stück weit zusammengehen.«

Sie machten sich leise die Stiegen hinunter. An der Haustüre horchten sie und guckten durchs Schlüsselloch.

»Ich glaube, sie sind nun doch heimgegangen!« meinte er.

Mutig öffnete er die Türe. Wie sie aber Hand in Hand draußen standen, klatschte von allen Seiten ein Schneeballenhagel auf sie los.

Flink zog er das nun doch etwas erschreckte Mägdlein über die Vortreppe und durch den aufstiebenden Schnee nach. Aber sie kamen nur langsam vorwärts; denn es war ein gewaltiger frischer Schnee gefallen, und um ihre Köpfe pfiffen unaufhörlich die Schneeballen der ehemaligen Philister und nunmehrigen neugebackenen Nachtbuben.

90 »Gelt, sie darf ohne dich nicht heimgehen, du Maitlischmecker!« rief einer. –»Schäme dich doch, als ein so langer Torfstecken noch mit einem kleinen Maitli zu gehen!« lärmte ein anderer. – »Heim, heim!« brüllten alle.

Jetzt fiel Heleneli gar in den Schnee, und ein Schneeball schlug ihm an den Kopf.

»Halte dich an mir recht fest, Heleneli!« sagte er; »dann kommen wir schneller vorwärts.«

Da schlang sie ohne weiteres die Arme um seinen Hals, und nun trug er sie behutsam, als hätte er auf seinen Händen einen gläsernen St. Wendel, durch den tiefen Schnee gegen die nahe Vortreppe ihres mütterlichen Hauses.

»Du bist aber ein Starker!« sagte sie.

»Ja!« machte er keuchend, »wenn ich so stark wäre wie ein Simson und einen Säbel hätte, würde ich Soldat und zöge in den Krieg. Dann müßte ich doch nicht in die Lateinschule gehen und immer in der Stube drin stecken!«

»O ja, ein Soldat solltest du werden!« meinte sie; »die Soldaten mag ich gerne. Sie sind so tapfer. Aber in den Krieg solltest du lieber nicht gehen; es könnte dich einer töten!«

»O, es sollte mir nur einer kommen!« machte er zähneknirrschend, »so ein Siech!«

»Man darf nicht Siech sagen!« verwies sie ihm mit ernsthaften Augen; »das ist geflucht!«

91 »Das ist mir gleich!« machte er.

»Nein!« sagte sie bestimmt. »Laß mich jetzt los; du drückst mich!«

Sie zappelte sich flink los und eilte die Vortreppe ihres Hauses hinauf. »Gut Nacht!«

Und schon fiel die Haustüre dröhnend hinter ihr zu.

Verblüfft glotzte er zur Türe hinauf.

»Siech ist doch gar nicht geflucht!« sagte er jetzt laut.

Aber die Haustüre ging nicht mehr auf.

»O, so ein Hochmutsnärrchen; bloß weil ich Siech gesagt habe!« machte er für sich.

Ein paar Schneeballen klatschten an seinen Kittel und an seine langen Beine.

Wütend schoß er unter seine Bedränger, die nach allen Seiten davonstoben.

»Haarus, haarus!« lärmte er. »Wer darf etwas, Bubs genug!«

Aber siehe, da setzten statt der Lateinschüler ein paar erwachsene stämmige Burschen über eine Schneewehe, ihn umringend. Nun war er unter die wirklichen Nachtbuben geraten.

»Hast du ausgeboten, Bürschlein?« fuhr ihn einer, die Arme vor dem Gesicht, mit verstellter Stimme an.

»Ja!« sagte er keck, wenn auch nicht allzulaut.

Sie lachten auf und sahen ihn ein Weilchen an.

»Ich meine, wir könnten das Milchsäulein da doch ein bißchen im Schnee einsalzen!« machte ein anderer. »Oder bist du etwa auch schon mit einem Schatz heim?«

92 »Jaha!«

Jetzt brachen die Nachtbuben in ein tolles Gelächter aus.

»Dann darfst du ja bald mit uns um die Scheiterbeigen zu Licht gehen, sobald du die Milchzähne völlig abgeschoben hast und dich aus einer schmalen Hagschwarte in einen Menschen verwandelst, der ein Salbhörnchen voll Schmalz im Ellbogen hat. Wie heißt denn dein Schatz?«

»Ich sag's nicht!«

Sie lachten wieder eine Scholle heraus, und einer gab ihm einen Stoß, daß er in der Schneewehe schier verschwand.

Als er sich wieder, pustend und tapfer um sich schlagend, aus dem Schnee herausgeschafft hatte, waren die Nachtbuben weg; aber ihr Gelächter widerhallte noch in der nahen Dorfgasse.

Da schüttelte er den Schnee von sich ab, zwängte ein ansehnliches Stück Roggenbrot aus dem tiefen väterlichen Hosensack und begann es im Nachhausegehen aufzuessen.

Wie er aber auf der Vorstiege des Gerbehauses stand, sah er sich allseitig um, öffnete die Haustüre, rief mit gellender Stimme in die Nacht hinaus: »Haarus, haarus, Bubs genug!« und schlug die Türe dröhnend zu, in sausendem Galopp die Hausstiege hinaufhastend. 93

 

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