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Das Hochmutsnärrchen

Meinrad Lienert: Das Hochmutsnärrchen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Hochmutsnärrchen
authorMeinrad Lienert
year1919
firstpub1911
publisherHuber & Co.
addressFrauenfeld
titleDas Hochmutsnärrchen
pages205
created20130419
sendergerd.bouillon@t-online.de
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V.

Eines Tages kauerte der Schulmeister Plazi, gähnend an einem Strumpf strickend, in seiner Küche am Herd und überwachte mit Sperberaugen das Milchpfännchen, woraus er dem in nebenanstehender Wiege zappelnden Jüngsten den Morgenschoppen zu kredenzen gedachte. Er seinerseits liebte dergleichen milde Getränke nicht. Er zog es vor, von Zeit zu Zeit einen runden Löffel in das neben der Pfanne stehende Habermusbecken zu tauchen und den genossenen Haberbrei alsdann mit einem Schluck grasgrünen Enzians zu begießen.

Das hungerige Kindchen begann zu schreien. Unwillig las er einen riesigen Schnuller vom Boden auf, tunkte ihn ins Habermus, und alsobald begann sein Benjamin wieder kreuzbodenwohlauf sein Dasein weiter zu verlutschen.

Zufriedener schaute er ins Pfännchen, an dessen Rand sich seine, weiße Bläschen bildeten. »Herrgott, bin ich froh«, brummte er, »daß ich eine gesunde Alte habe. Ich wollte bald lieber die Heuschrecken in Ägypten hüten als diese Waldbuben. Sie wird noch am ehesten mit ihnen fertig. Ja, ja, der Mensch sollte eben nie alt werden. Wenn 48 ich daran denke, was ich für ein Bursche war zu Neapel in des Königs Rock, und was ich jetzt für ein Bursche bin als der Waldstatt Vogelscheuche im Unkrautgärtlein ihrer Jugend, will's mir schier das Augenwasser aus dem Kopfe zwiebeln. Wollt ihr wohl Frieden halten, ihr Fratzen!« schnörzte er seine Kinder an, die sich um ihn herumbalgten. »Ja, ja«, fuhr er nachdenklich zu reden fort. »was war das für eine fröhliche Lebtung in Neapel! Damals kam mir die Welt vor wie eine Bauchflasche voll dickroten Welschweins, und jetzt ist's mir alleweil, die Welt sei ein Haberbrei, durch den ich mich so nach und nach zum kühlen Grab durchfressen müsse. Aha!«

Er sprang auf; im Pfännchen wellte ein zartes Schäumchen. »Aha, sie siedet!«

»Au, au!« heulte es in der Schulstube.

Und nun ließ sich die hochgeschraubte Stimme der Frau Schulmeisterin vernehmen: »Ihr Lausbuben; ihr Armleutequäler; ihr Eiertätschfresser! Nein, so etwas ist mir noch nie vorgekommen, eine arme Frau so zu plagen!«

Jetzt stieg die Milch kochend auf. Der Schulmeister packte das Pfännchen mit einer Hand und segelte, das Strickzeug in der andern, gefolgt von seiner ungeschneuzten Nachkommenschaft, zur Türe. Mit einem Fußtritt stieß er sie auf, und nun erblickte er seine Frau, wie sie eben einen ungebärdigen Jungen mit beiden Fäusten verhaarschopfte.

49 »Was ist denn da wieder los. ihr heillosen Folterwerkzeuge?!« krähte er.

»Nein, es ist nicht mehr zum Aushalten!« lärmte die Schulmeisterin und ließ die Arme sinken. »Da schau selber, was mir diese Waldbuben wieder angestellt haben!«

Sie zeigte auf den Boden. nahm dem Alten Strickzeug und Pfanne ab, ihm dafür das Zeichen seiner Herrlichkeit, eine Haselgerte. überreichend.

Der Schulmeister beaugenscheinigte mit jäh aufsteigender Entrüstung den Boden. Von der Schulstube durch den Gang und von da über die Stiegen durch das ganze Rathaus hinunter waren der Boden und Stiegentritt um Stiegentritt mit kohlenschwarzen Fußabdrücken gemustert. Es sah gerade aus, als wären ein Rudel Tanzbären erst durch einen Kohlenmeiler und dann durch das Rathaus hinauf in die Schulstube getappt.

»Und ich habe doch das ganze Haus erst gestern abend, Tritt um Tritt, frisch gewaschen und gefegt!« wehklagte die Schulmeisterin.

Jetzt hatte Meister Plazi den Augenschein beendet. Zornerfüllt trat er in die Schulstube, um auch die Füße seiner Schülerbuben zu inspizieren. Sie waren alle schwarz wie der Meineid und stachen gegen die Füße der Mädchen, die sie gar eifrig unter den Röcken hervorstreckten, ab, wie Tauben von Krähen.

50 Der Schulmeister hatte die Schnupftabakdose gezogen. Einen flüchtigen Blick tat er noch in die offene Küche, um durch die Anschauung seiner niedergeschmetterten Gattin seine Rachegefühle kochend zu erhalten. Dann pochte er an die Dose und sagte dumpfen Tones: »Meine lieben Waldbuben, ihr müßt euch über Nacht in eine salva venia Sauherde verwandelt haben. In diesem Falle könnt ihr künftig zu Hause in den väterlichen Schweinekofen verbleiben. Ich lasse eure lieben Eltern, die mich das ganze Jahr hungern lassen und so meine arme Seele vor der siebenten Todsünde, die da heißt: Fraß und Völlerei, nach bestem Vermögen bewahren, freundlich grüßen. Dagegen, wenn sie euch doch wieder zu mir aufs Rathaus schicken wollen und mich dadurch also zum Schweinehirt ernennen, so sollen sie mich an der großen Martinischlächterei als Ehrengast teilnehmen lassen; denn umsonst täte ich ihre Ferkel nicht länger hüten. Und nun rückt aus, meine trauten Rüsselschweinchen; ich möchte euch gerne die Borsten etwas wider den Strich bürsten; warum habt ihr das meiner geplagten Alten zuleide getan?«

Die Waldbuben schwiegen betroffen und glotzten sich ganz verdutzt an.

»Ja, ja, ich kenne euch. Jetzt sitzt ihr wieder da wie die Lilien unter den Dornen, sicut lilia inter spinas, wie der lateinische Schulherr so schön 51 sagt. Kinder, liebe kleine Rotznäschen!« wandte er sich an die Mädchen. »Ihr seid schon so gut und sagt mir, wie's zugegangen ist. Red, Heleneli, mein liebes Schafsmäulchen. Warum schaust du so einfältig drein und wirst gar rot? Rück aus, rück aus, du weißt wie's zugegangen ist!«

»Heja«, sagte verlegen, noch röter werdend, das Heleneli. »Die Buben sind halt nicht schuld. Als wir uns für die Schule vor dem Rathause versammelten, sagten sie bloß, sie wollen schauen, wer das nächtliche Katzengeschrei am besten nachmachen könne. Und da fingen sie halt zu miauen und zu katzenjammern an, daß ich mir die Ohren zuhalten mußte und alle Leute schimpfend an die Fenster fuhren. Auf einmal ging auch im Rathaus ein Scheiblein, und wie eine Kegelkugel flog des lateinischen Schulherrn großes Tintengeschirr in eine Regengumpe unter die Buben, also daß die Pfütze ganz schwarz wurde. Nun stampften halt die Buben wie wild darin herum, verspritzten zum Spaß uns Mädchen und versuchten uns ebenfalls hineinzuziehen. Wir rissen aber aus und stoben das Rathaus hinauf und sie hinter uns drein. Und so sind halt die schwarzen Talpen auf die Stiegen und Böden gekommen, weil der Schulherr das Tintengeschirr durchs Fenster geworfen hat.«

»So«, ermannte sich der Alte, »obwohl euch das Heleneli, wie immer, ein guter Fürsprecher gewesen 52 ist, will ich nun doch über euch ein Gericht abhalten, wogegen das letzte Gericht, trotz der Posaunenbegleitung, die reinste Weihnachtskomödie mit Speck und Rosolio sein soll.«

»Ach was«, rief die Schulmeisterin brummend aus der Küche herüber, »ich hab' da drin Geschrei und Geheul genug von den leibeigenen Fratzen. Schick die Schmutzfinken doch lieber an den Brunnen!«

»So packt euch fort an den Brunnen, ihr Wald- und Wildsäue! Und daß mir keiner in die Schulstube zurückkommt, der nicht Füße hat wie ein Glorienengel. Ihr habt es nur der immerwährenden Gnade meiner Annakathri zu verdanken, daß ich euch nicht durch den krüppelten Wald jagte. Fort mit euch!«

Ein gewaltiges Hulterpulter ging los durch das Haus hinunter. Entsetzt riß der lateinische Schulherr nebenan die Türe auf und fragte, ob heute Weltuntergang sei.

Jetzt saßen nur noch die Mägdlein fein still und manierlich in der Schulstube.

»So wollen wir denn in Kuckucksnamen das Morgengebet beten!« machte der verschnupfte Schulmeister. »Also denn: Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des . . .« Schier erschrocken hielt er inne. »Ja, der Donner abeinander, was hockst denn du noch hier?! Willst du auf der Stelle machen, daß du fortkommst! Oder glaubst du etwa, 53 du habest allein das Recht, wie der hochheilige König Balthasar aus dem Morgenlande, mit schwarzen Füßen in der Welt herumzulaufen?«

Der Gerbebattisteli war in der Schule zurückgeblieben.

»He, ich hab' ja keine Tinte an den Füßen«, sagte er und hielt sie dem Schulmeister schier unter die Nase; »ich bin erst dazugekommen, als die Buben den Mädchen durchs Rathaus hinauf nachliefen.«

»Freilich, das glaub ich, sonst wärest du sicherlich der erste von allen in der Tinte gewesen«, sagte der Meister Plazi. »Aber sowieso, pack dich nur fort! Deine Füße sehen mir gleichwohl nicht darnach aus, als ob du mit der ägyptischen Königstochter nach dem Korb Mosis durch das Wasser gewatet wärest. Fort mit dir!«

»Nein«, machte der Gerbebattist halblaut, mit einem flüchtigen Blick nach dem Heleneli, »ich gehe nicht; ich bin ja nicht in die Tinte getreten!«

Jetzt richtete sich aber der Schulmeister, gestärkt durch einen entrüsteten Blick seiner Gattin, auf, und zwar wie einer, dem Gewalt gegeben ist.

»Was!« krähte er, »du wagst mir schon wieder zu trotzen und gar ins Gesicht zu sagen, du gehest nicht. Willst du dich gleich zum Brunnen machen, oder ich komme über dich wie das Brausen des Sturmwindes über die Apostel am heiligen Pfingstfeste!«

54 Battist regte sich nicht und stierte vor sich hin in die Bank.

»So ein Trotzkopf!« schimpfte die Schulmeisterin.

»Wart nur, Annakathri!« keuchte der Alte; »ich will dir einmal zeigen, wie man ohne geistliche Mittel die bösen Geister austreibt. Wie, du wagst es mir zu trotzen!« schnauzte er den Buben an und schwang seine Haselgerte hoch in Lüften, als ob er wie Paracelsus alle vier Elemente darin hätte; »du willst dich wieder einmal stellen gegen mich, gegen einen alten gedienten Soldaten, der seinerzeit in Neapel den König vor seinem ganzen Volke beschützt hat? Willst du sofort zum Brunnen, oder!«

Battist blieb regungslos sitzen. Er hatte während des Schulmeisters Rede wiederholt verstohlen nach Heleneli geblinzelt; doch es sah nie nach ihm. Und da nun Meister Plazis geschmeidiges Szepter über ihm hing wie Abrahams Schwert über Isaak, und das Mägdlein gleichwohl ganz stille blieb und nur mit hochroten Wangen in den Schoß blickte, es, das sonst immer lange vor seiner Hinrichtung zu weinen anhub, biß er die Zähne ineinander und machte trotzig: »Nein, ich gehe nicht!«

Das Szepter fiel gleichwohl nicht auf ihn nieder. Der alte Meister Plazi mochte es nicht mehr auf einen Kampf ankommen lassen, in dem er fürchten mußte, besiegt zu werden. Der Battist war schon 55 fast so hoch gewachsen wie er, und obwohl noch überschlank, doch flink und kräftig und im Faustkampf und Hosenlupf schon recht wohlerfahren. Einer Niederlage aber hätte sich der Alte vor seinen Schülerinnen nicht aussetzen mögen.

»Battist«, sagte er mit einem Gesicht, als wollte er den Buben zur Verantwortung ins Tal Josaphat laden, »ich mag dich nicht mehr durchhauen. Es schämt mich an, einen Jungen zu prügeln, der bald besser in einen Soldatenrock hineinpaßte als in eine Schulbank. Aber ich schäme mich für dich. Seiest einst als ein kleines Büblein so ein gutmütiger Guckindiewelt gewesen, hat das Heleneli immer gesagt. Ich habe nichts davon bemerkt. So lange du hier sitzest, ärgerst du mich mit deiner Wildheit. Ich will deiner Mutter heute noch sagen, daß sie dich Handgeld nehmen läßt oder zu den Flößern schickt; denn nun bist du stark genug, da du den Krieg mit mir heute völlig gewonnen hast. Und nun streich dich in jenen Winkel!« fuhr er ihn plötzlich an und zeigte in eine Schulstubenecke, »und dort bleibst du mir mit ausgespannten Armen knien wie Moses, als er gegen die Philister zog. Und knien bleibst du mir und wenn du hier übernacht bleiben mußt, bis du so oder anders saubere Füße hast oder haben willst. Und wenn du mir altem Mann auch hierin nicht gehorchen willst, so will ich mit Gottes Hilfe den Kampf mit dir doch 56 noch einmal aufnehmen, selbst wenn mir die Annakathri den Säbel aus dem Kasten reichen muß, du Erzrebell du!«

Battist streifte mit raschem Auge Helenelis Gesicht, das nun bittend zu ihm hinsah.

Sogleich erhob er sich und ging gesenkten Hauptes in den angewiesenen Stubenwinkel, wo er still hinkniete und die Arme so weit als möglich ausstreckte.

»Und ihr, meine weißen Kaninchen, geht nun sittsam heim!« redete der Alte, ruhiger geworden und die Tabakdose ziehend, die Mädchen an. »Ihr sollt heute mit dieser Hunnenhorde nicht mehr zusammenhausen müssen; sie plagt euch so genug, ihr armen Fetzelröckchen. Geht, geht!«

Aufjubelnd machten sich die Mädchen davon; nur Heleneli schlich sich, mit einem langen Blick auf Battist, der mit ausgestreckten Armen, als wollte er himmelfahren, dakniete, zum Schulmeister und sagte leise: »Ich tät lieber noch dableiben und lernen.«

»Papperlapapp!« machte der Alte; »ich kenne dich schon, du Trösterin der Betrübten. Geh heim, Schalksnärrchen; der Bub bleibt du bis er reine Füße hat und damit basta!! Basta! sagte der Spanier, als er seine Fünfundzwanzig auf dem Absitz hatte. Tritt zur Seite, die gereinigten Wildsäue kommen!«

Durchs Rathaus hinauf tobten die Buben.

Betrübt schlich das Heleneli weg, als die triefendnassen Waldbuben in die Schulstube stürmten.

57 »So«, brummte der Alte, »nun sind euere Talpen doch wieder einigermaßen weiß, obwohl ich damit weder dem Schnee, noch der Farbe der Unschuld überhaupt, im mindesten nahetreten will. Hockt ab!«

Bald hatten sich Lehrer und Schüler in die Lehren des seligen Vater Canisius vertieft, und zufrieden hätte Meister Plazi seinen Zugerschnupftabak zu sich nehmen können, würde ihn nicht Battists Trotzkopf geärgert haben; denn der machte durchaus keine Miene, um Verzeihung zu bitten oder gar an den Brunnen zu gehen.

Aus der Küche kam ein widerlicher Rauch; das Wickelkind fing mörderlich zu kreischen an; die andern Kleinen stimmten ein, so daß es in der Küche ein Gejammer gab wie bei Mord und Tod zu Greifensee.

Meister Plazi lärmte halb heiser seine Entrüstung zur Gattin hinüber, deren Responsalien hinwiederum auch kein orgelgesänftigtes Dominus vobiscum waren. Da schlug er die Türe der Schulstube kräftig zu.

Gleich ging sie aber wieder sachte auf, und wie der Alte, eine gewichtige Einsprache seiner Gattin befürchtend, darnach sah, ließ er vor Verwunderung schier das Szepter fallen.

Auf der Schwelle stand das Heleneli und hielt mit seinen bloßen Armen eine kleine Holzgelte, die es auf dem Flachskopf trug.

58 »So«, sagte es, »hier hätte ich also das Wasser, daß sich der Battisteli die Füße waschen kann.«

Jetzt brachen Schulmeister und Schüler in ein anhaltendes Gelächter aus.

»Also denn, Battist!« sagte der Alte. »Siehst jetzt, was für ein gutes Herz das Heleneli hat. Es läuft deinen schmutzigen Füßen mit Wasser nach. Wenn du sie nun waschen willst, so geh hinaus!«

Der Bub blieb stumm, aber zündrot in seinem Winkel knien.

»Ich will sie dir schon waschen, Battisteli«, rief das Heleneli; »komm nur in den Gang heraus!«

»Ja, mit was willst du sie ihm denn waschen?« fragte lachend der Schulmeister. »Du hast ja keinen Waschlappen; etwa gar mit deinem gelben Haarschopf wie die Maria Magdalena?«

Ein tolles Gelächter ging in der Schulstube um.

Da schoß der Battist auf, und bevor sich's jemand versah, fuhr er am Heleneli vorbei zur Türe hinaus, also daß der Schulmeister eine leichte Dusche auf den Kopf bekam. Sie hörten ihn das Haus hinunterpoltern.

Überrascht, verdutzt stand das Mägdlein noch einen Augenblick auf der Schwelle. Aber dann begannen ihm die Tränen über die Wangen zu rieseln. Es faßte sein Holzgeltlein fester und stieg, unter dem wilden Gelächter der Waldbuben, die Rathaustreppen hinunter.

59 »Wein nur nicht, du einfältiges Ding!« rief ihr der Alte nach; »bis in zehn Jahren läuft er dir nicht mehr davon!«

Langsam, lautlos weinend, machte sich das Heleneli über den Dorfplatz zum Frauenbrunnen, um das Wasser in seine Rinnen auszuleeren.

Als es aber das Gefäß vom Kopf heben wollte, machte jemand hinter einer Brunnensäule: »Guggu!« Und auflachend setzte Battist vom Brunnen und sagte: »Leer's nicht aus, leer's nicht aus! Komm, wir tragen das Wasser in des Paten Sonnenmatte; seine Gänse haben Junge; dann können sie in deinem Holzbücklein herumschwimmen. Willst du?«

Ob sie wollte? Allweg wollte sie. Ihr eben noch so trübseliges Gesicht war nun eitel Sonnenschein, und nur über eine rote Wange schlich sich langsam wie ein Heidelschneckchen noch ein einsames Tränchen, das nun gar nicht mehr begreifen konnte, wie es in all das rosige Leuchten hineingeraten war, und daher schleunigst verduftete.

Behutsam nahm sie das Wassergeltlein vom Kopf. Nun ergriff er's an einer Handhebe, und sie faßte es an der andern, und so trugen sie's sorgsam nach der kleinen Matte vor dem Ilgenhaus, mitten unter die dort hausenden Gänse.

Lärmend begrüßten die den Knaben als ihren guten Bekannten; denn er steckte die halbe Zeit unter ihnen. Sie streckten die Hälse und schlugen mit den Flügeln.

60 »Schau wie viele Junge wir haben!«

Überrascht, entzückt schaute das Heleneli auf die goldgelben jungen Gänslein, die mit ihren Alten, sie in ihrem Gehaben aufs getreueste nachahmend, bald im Gänsemarsch herumzogen und das Gras abweideten, in einem Regentümpel badeten, dann wieder zusammenliefen und schnatternd eine Konferenz abhielten. Eine Gans hatte fünf Junge; eine andere gar sechs; eine vier und eine jedoch nur eines. Diese Gans aber machte sich mit ihrem einzigen nicht minder wichtig als die andern mit ihren vielen. Sie führte es ebenso großartig im Gänsemarsch auf, und an dem von Zeit zu Zeit stattfindenden Gänsekonzilium schob sie's wichtig zu allervorderst, wandte es mit dem Schnabel nach allen Seiten, um es gehörig ins Licht zu rücken und nach Gebühr bewundern zu lassen, und erhob dann ein Geschnatter und Gelärm, als ob sie eine ganze Weid voll Junge hätte.

Grade dieses einzige Gänslein hatte sich das Heleneli besonders gemerkt und folgte ihm und seiner, sie hin und wieder in den gehörigen Abstand zurückfauchenden und schnatternden Alten unablässig nach.

»Da«, sagte Battist, das Gänschen aufhebend und es dem Mägdlein hinhaltend, »da nimm es, und laß es einmal in deinem Holzgeltlein schwimmen!«

61 Mit leuchtenden Augen, behutsam, als faßte sie die Reliquien eines Heiligen an, nahm sie das Gänschen auf den Arm, streichelte es mit weicher Hand über den goldenen Flaum und setzte es dann vorsichtig in sein volles Wassergeltlein. Munter schwamm es darin herum; es schien ihm im frischen, kristallautern Wasser sehr zu behagen. obwohl seine Alte, aufs höchste beunruhigt, um das Gefäß herumschnatterte.

»O wie herzig, wie herzig!« rief das Heleneli ein über das andere Mal aus. »Ach, wenn es doch meines wäre!«

»Du darfst es behalten!« sagte jetzt der Battist.

Freudestrahlend schaute sie ihn an. Das sei doch wohl kaum sein Ernst. Doch, es sei ernst gemeint; sie dürfe es ganz gewiß behalten.

»Für immer?«

»Ja, für immer, weil du ein so Gutes bist!«

Mit dankerfüllten großen Augen schaute sie zu ihm, der schon fast um einen Kopf größer war als sie, auf. Und jetzt starrte sie ihn einen Augenblick überrascht, schier scheu an. Aber plötzlich lachte sie laut auf.

»Warum lachst du denn auf einmal und schaust mich so an?«

»Denk du, jetzt war's mir auf einmal, ich täte gerade von dir träumen, und da wurdest du alleweil größer und größer und schautest mich so an, wie 62 einem ein Mann anschaut, und da war es mir, du hättest einen Schnurrbart. Ist denn das nicht lustig?«

Und wieder klingelte ihr Lachen in den Tag hinein.

Jetzt lachte auch er und sagte, die Maitli täten doch manchmal so dumm. Sie solle doch jetzt ihr Holzgeltlein mit dem Gänschen heimtragen. Ihr Knecht werde dann schon wissen, wie er damit umgehen müsse.

Glückselig, und immer wieder dankend, hob es das volle Gefäß an die Brust und zog, verfolgt von der angstvoll schnatternden Alten. mit seinem Gänschen ab. Doch als es die Gans am Rocke zerrte, blieb es stehen und sagte: »Schau, die alte Gans will mich nicht weglassen mit ihrem Jungen. Bekommt sie etwa gar Heimweh nach ihm, wenn sie's nicht mehr hat?«

»O du!« lachte er; »die Gänse bekommen doch gewiß kein Heimweh; die sind doch zu dumm dazu.«

Nun ging es getroster, aber doch hin und wieder mit bedenklichen Augen nach der von Battist zurückgetriebenen, wild schnatternden Gans, die ihr Einziges verloren, zurückschauend, davon.

Es mußte aber an seiner Glückseligkeit die ganze Welt teilnehmen lassen. Um alle Läden der Kramgasse trug es die kleine Holzgelte und ließ sein Gänschen der Reihe nach von all den dortsitzenden 63 Waldfrauen gebührend bewundern. »Und es ist meines!« verkündigte es überall; »der Gerbebattisteli hat es mir geschenkt, und ich darf's für immer behalten!«

»Ei«, meinten die Kramladenfrauen, »was dies Hochmutsnärrchen doch für ein Getue hat mit seinem gelben Gänschen; man möchte schier glauben, das sei das einzige Gänschen auf der Welt!«

Eine alte Höckerin aber, die der Schalk ankam, verschüttelte ihre mächtige Radhaube und sagte ernsthaft: »Schau, schau, Maiteli, das ist nicht recht von dir, daß du das blutjunge Goldvögelchen von seiner Mutter weggenommen hast; jetzt hat das arme Ding schon keine Mutter mehr. Denk mal, wenn man dich eines Morgens so aus dem Nest und von der Mutter wegnähme! 's ist nicht schön, nicht schön! Schau nur, es will schon nicht mehr bei dir bleiben; es möchte halt heim!«

Wirklich mühte sich das Gänschen nun mit einem Male ab, aus dem Holzgeltlein zu kommen, so daß das Heleneli immer in der Angst lebte, es könnte sich tot fallen.

Mit unfrohem, von der alten Kramladenfrau stark belastetem Herzen und Gewissen trug es seine kleine Gelte zum Frauenbrunnen, hob das Gänschen heraus und ließ es eine Weile in den Rinnen herumschwimmen, was ihm großes Vergnügen zu machen schien; denn es fluderte das Wasser 64 nach allen Seiten. Das Mägdlein aber hielt dieses vergnügte Herumfludern für verzweifelte Flugversuche. »Ach«, machte es seufzend, »nun hat die alte Frau doch recht; es will nicht mehr bei mir bleiben; nicht einmal im Frauenbrunnen gefällt's ihm. Es möchte halt zu seiner Mutter heimfliegen; 's hat ja gar keine Mutter mehr, das Arme!« Und auf einmal verbarg es das Gesicht in der Schürze und fing herzzerreißend zu schluchzen an, während das Gänschen bodenwohlauf unter allen vierzehn Röhren reichliche Duschen nahm und sich vor Vergnügen im sprudelnden Gnadenwasser nicht zu fassen wußte.

Jetzt ließ das Heleneli seine Schürze fallen, hob mit bebender, sorgsamer Hand das Gänschen auf, streichelte, liebkoste und zerdrückte es fast, setzte es wieder in das Holzgeltlein und schaute es eine geraume Weile trübselig an, nahm dann das Gefäß samt Gänschen wieder an die Brust und trug es, fortwährend seufzend, ins Sonnenmättlein zurück.

Battist machte große Augen, als er Heleneli mit seinem Geschenk schon wieder anrücken sah. Sein Pate aber, der bei ihm stand, fragte verwundert, ob ihm denn das hübsche eidottergelbe Tierchen nicht gefalle.

Freilich, es täte ihm schon gefallen; aber es dürfe das Gänschen nicht behalten; denn sonst hätte das keine Mutter mehr, antwortete das Heleneli.

65 »Bist ein Närrchen!« lachte Battists Pate; »was versteht denn ein Gänslein von einer Mutter!«

»O doch!« antwortete es schnell; »es hat immer zu ihr zurückfliegen wollen!«

Was auch der Alte belehrte, wie auch Battist bat, die Kleine wollte das Gänschen nicht mehr behalten. Als ihr's niemand abnehmen wollte, stellte sie das Holzgeltlein auf den Rasen, und sogleich stürzte sich die alte Gans, die sie schon lange ängstlich umfeckert und umschnattert hatte, auf ihr Einziges los, drehte es mit dem Schnabel rundum, als wollte sie sehen, ob es keinen Schaden genommen habe, und begrüßte es mit stürmischem Flügelschlagen. Darnach zog sie mit ihm, trompetend, stolz, als wäre der ganze Stamm aus Jesses Wurzel hinter ihr her, zu einer allgemeinen Begrüßungskonferenz zu den andern Gänsen in den Regentümpel ab.

»Seht ihr jetzt«, sagte das Heleneli, »was für eine Freude seine Mutter hat!«

Dann häldete es sein Holzgeltlein, ließ das Wasser auslaufen und ging betrübt, unter dem fröhlichen Lachen und Kopfschütteln der andern, nach Hause. 66

 

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