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Das Hochmutsnärrchen

Meinrad Lienert: Das Hochmutsnärrchen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Hochmutsnärrchen
authorMeinrad Lienert
year1919
firstpub1911
publisherHuber & Co.
addressFrauenfeld
titleDas Hochmutsnärrchen
pages205
created20130419
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IV.

Als das Heleneli heranwuchs, mußte es in die Schule. »Nicht daß es vom alten Meister Plazi viel mehr lernen könnte, als es von mir gelernt hat«, sagte die Pfauenwirtin; denn sie hatte es einige Winter hindurch lesen, rechnen und gar etwas schreiben gelehrt; – »aber wir wollen tuen wie andere Leute, und zudem ist dem bedürftigen alten Soldaten und seiner Familie das bißchen Zustupf zu seinem mageren Lohne wohl zu gönnen.«

So kam das Kind aufs Rathaus in die Schulstube, die hinter dem Ratsaal, der Küche gegenüber sich befand. Die Schulstube war zugleich des Schulmeisters Wohnstube.

Der Schulmeister Plazi, ein alter Soldat, war seinerzeit in Neapel königlicher Wachtmeister gewesen und war dann, wie schon manch einer vor ihm, als sogenannter Napolitaner arm und bresthaft heimgekehrt. Was er heimgebracht hatte, war ein grimmiger Soldatenmut, ein fadenscheiniges Soldatengewand und ein gewaltiger Soldatendurst, den er im Welschland, wie er zu sagen pflegte, wegen der heißen Lüfte, die aus dem nahen feuerspeienden Berg aufstiegen, nie recht zu löschen 39 vermocht habe. Da die Schule gerade verwaist war, hatte man ihn als Schulmeister angestellt, allerdings erst auf bittliches Anhalten; denn, sagte der Pfarrer, mit seinen magistralen Künsten sei es nicht weit her. Es war neben ihm ein etwas befähigterer auswärtiger Schulamtskandidat aufgetreten. Aber die Waldstatträte schauten auf ihre verwilderten Jungen, um deren Bändigung es ihnen mehr zu tun war als um deren Schulweisheit. So nahmen sie den Napolitaner, da er zum ersten schier keine Ansprüche mache, zum andern ein geborener Waldmann von Einsiedeln sei und zum dritten und letzten der »Schreckhaftere« als der fremde Fetzel, gegen den die Schülerknaben doch nur die Zungen herausstrecken täten. So hatte denn der Meister Plazi sein Amt angetreten. Anfänglich erfüllte er die Hoffnungen der Waldstatträte so ziemlich. Es gelang ihm, die meisterlosen Buben der hablicheren Waldleute – denn nur solche kamen zur Schule – leidlich im Schach zu halten, wobei er freilich seine ganze Schreckhaftigkeit hervorkehren mußte, die sich in Prügeln, fürchterlichem Gebrüll und Mord und Tod dräuenden Grimassen äußerte. Im Grunde genommen war er ein gutmütiger alter Bursche; aber er mußte gern oder ungern mit den wilden Buben Krieg führen. Er setzte die Knaben, die zwar fast alle auch noch Weiberkutten anhatten, auf die eine, die Mädchen auf die andere Seite der Schulstube, damit 40 er gleich wisse, wo er die rauhhaarigen Waldböcke und wo er die zarten Waldzicklein zu suchen habe. Allmorgentlich legte er die schlimmsten Buben, die wie ein wildes Heer in die Schulstube hereinrasten, einfach übers Knie und gab ihnen die disciplina deorsum wie der nebenanunterrichtende lateinische Schulherr das nannte, daß es wetterleuchtete. »So«, sagte er dann langaufatmend, »heute hoffe ich den Krieg noch einmal zu gewinnen!« Nach dieser frühtäglichen Attacke, die er das Teufelaustreiben nannte, wagte er erst zum Schulgebet und darnach zum Unterricht zu schreiten. Seine ganze Unterrichtskunst bestand im Lesenlernen und im Eintrichtern des sogenannten Namenbüchleins, das eine Reihe von Wörtern, das Vaterunser, den Glauben und andere Gebete enthielt, und im Abfragen des kleinen Einsiedler Katechismus. Gelegentlich wurde auch Geschriebenes zusammengelesen. So donnerwetterte er sich denn schlecht und recht mit seinen Waldbuben herum, und trotzdem seine Schüler nicht schwerbeladen mit Wissenschaft von ihm gingen, waren die Waldstatträte mit ihm doch nicht unzufrieden. Aber als er älter wurde, neben den Schülern noch eine Schar eigener Kinder hatte, und sein Durst in gleichem Maße zunahm wie seine Schulmüdigkeit, verlor er bei den Buben nach und nach alle Schreckhaftigkeit und gewann den Krieg selten mehr, da er schon bei der Attacke roch wie eine Weid voll 41 Enzianblumen und nicht mehr fest genug auf den alten Beinen zu stehen vermochte. So kam es, daß er den Unterricht meistens seiner handsamen Ehefrau zu überlassen für gut fand. Die hatte sich seine spärliche Gelahrtheit und seinen Drill im Laufe der Jahre wohlgemerkt, da sich die fast immer offenstehende Küche der Schulstube gegenüber befand. Und die Schüler gehorchten der großen, aber gutmütigen Frau gar nicht übel, was den Schulmeister noch mehr anspornte, seinerseits zu feiern. Er verzog sich in die Küche und strickte Strümpfe, welche Handfertigkeit er in seinen vielen müßigen Stunden zu Neapel von den Kameraden erlernt hatte. Aber meistens guckte er ins Enziangläschen, bis ihm die Freuden seiner Napolitanerzeit daraus aufstiegen und er zum Verdrusse seiner Schulvikarin und zum Gaudium seiner Schüler alte italienische Kriegslieder oder gar zärtliche Arien zu singen begann. Nach und nach blieben die Gesänge den Schülern im Gedächtnis haften, und so fielen sie denn, sobald er in seinem Küchenwinkel wieder zu kantieren anhub, fröhlich ein, bis der lateinische Schulherr fuchsteufelswild aus seiner Schulstube fuhr und lärmte: Wenn sie doch durchaus so brüllen müssen, so sollen sie doch wenigstens ehrlich deutsch brüllen und nicht wie welsche Kälber.

So stand es, als das Heleneli und der Battisteli in die Schulstube aufs Rathaus mußten.

42 »Das Heleneli, das ist ein Kind!« sagte der Schulmeister, als ihm die Pfauenwirtin bei einem Besuch einen Gratisschoppen Dickroten aufstellte; »es kann kein netteres und zutunlicheres Mägdlein geben auf Gottes Erdboden. Leib und Seele immer sauber gewaschen, und dabei ist es warmblütig und stark wie der welsche Wein, den Ihr mir da aufgetischt habt, Pfauenwirtin.«

Als sie aber wissen wollte, wie sich denn der Gerbebattist in der Schule aufführe, jammerte er schier auf und klagte, er habe noch nie einen wilderen, ungereimteren Buben in seiner Schule gehabt, was gewiß daher komme, daß seine überzärtliche Mutter, deren Einziger er eben sei, ihm in allem immer den Willen getan oder gelassen habe. Seiner Frau gehorche er zwar zur Not; ihm aber fast gar nicht. Er könne aber nicht viel dagegen tuen; die groben Lümmel seien ihm bald über. So komme es jedoch, wenn man sie, um die paar Bissen und Holzscheiter am Schulmeister abzusparen, erst zur Schule schicke kurz bevor sie Hochzeiter seien. Er vermöge den rasch aufwachsenden Battist kaum mehr zu bändigen. Wo er ihm einen Streich spielen könne, versäume er's gewiß nicht. Da wußte er viel zu erzählen. Nach den letzten Pfingstfeiertagen hätten alle Schüler heimlich tönerne Pfingstschellen und Kuckucke in die Schule gebracht, und auf einmal sei auf Battists Kommando ein Schellen und 43 Kuckuckrufen angegangen, daß der Waldstattrat, der eben vorne Sitzung gehalten habe, entsetzt dahergesprungen sei und ihm mit Entlassung gedroht habe. Zudem bringen sie ihm bald Mäuse und Eidechsen, die sie unter den Bänken der Mädchen laufen lassen, bald Katzen und junge Hunde in die Schule, als ob darin die Arche Noah wäre und sie das Tierreich vor einer zweiten Sintflut hereinflüchten müßten. Jüngsthin gar habe der Gerbebattist, als er ihm das Lederzeug nach Verdienst habe putzen wollen, flugs unter die Bank gegriffen, einen gerollten Igel aufgenommen und sich damit gegen seine Attacke also gewandt gewehrt, daß der Lausbub das Feld behauptet hätte. Er habe eben immer zur rechten Zeit den Igel vorgehalten, wenn er ihm einen Watsch herunterhauen wollte. Seine Hände seien heute noch wund von den Stacheln des vermaledeiten Ungetiers. Und vor ein paar Tagen hätten die heillosen Burschen wieder getan wie die Wildsäue im Erdäpfelacker. Da habe er in seiner Not ein Mägdlein zum Pfarrer geschickt; denn seine Frau sei fort gewesen; – er möchte ihm doch zu Hilfe kommen. Aber als der Pfarrherr gekommen sei, hätte er die Schülerknaben im untern Stock auf der Gemeindetanzdiele angetroffen, wo sie zum Getute einer Schwegelpfeife drauflos tanzten. Und als er nun verwundert gefragt hätte, 44 wo denn der Schulmeister sei, hätte der Battisteli gerufen: »Er ist oben und spielt Fuchs im Loch!« Richtig hätte ihn der Pfarrer in der Schulstube eingesperrt gefunden. »Kurzum«, schimpfte der Alte, »ich befinde mich mit den Schülerbuben im beständigen Kriegszustand, und der Gerbebattist ist das immer höher aufschießende Haupt dieser zuchtlosen Rotte!«

Also beklagte sich der Schulmeister über Battisteli.

Das Heleneli jedoch, das sehr bald alle Weisheit sich zu eigen gemacht hatte, die das magisterliche Ehepaar besaß, durfte zuweilen mit den jüngsten Schülern, den Buchstabierkindern, beten und lesen. Sehr oft aber wurde ihm das zweifelhafte Vergnügen zuteil, des Schulmeisters Eigengewächs, seine sämtlichen kleinen Kinder in der Küche zu »hüten«, wie die Schulmeisterin in Gedanken an Schafe und Gänse das zu nennen beliebte. Das Mägdlein hielt dies seinerseits für einen großen Vorzug. Frohgemut setzte es sich unter die Kinder in die Küche, spielte mit den größeren, stopfte den kleineren das Habermus in die begehrlichen Mäulchen und machte das allerkleinste schweigen, indem es mit emsigem Fuße die Wiege trat und Schlummerlieder sang. Kurz, es tat so ziemlich alles freudig, was einem rechten Hausmütterchen zu tun zukommt.

»Denkt dran, ihr Fratzen!« sagte der Schulmeister allemal, wenn er das Heleneli glückselig unter seiner 45 Nachkommenschaft in der Küche wirtschaften sah, »dem Maiteli da bringen die Klosterfrauen einmal eine ganze Stube voll solch lebendiger Marterpfeiflein!«

Gar oft auch verwandte das Mägdlein sein Ansehen dazu, diesem oder jenem verurteilten Buben beim erbosten Schulmeister Begnadigung zu erwirken. Besonders ärgerte es den Alten. daß es immer schon zum voraus zu weinen anfing, wenn er dem Battisteli gegenüber das Recht der Notwehr geltend zu machen versuchte.

Der Battisteli aber, obwohl er das jüngere Heleneli um Haupteslänge überwachsen hatte, hing ihm immer getreulich an und befand sich gar oft in seiner Gesellschaft. »Er ist wie verwachsen mit ihr«, sagten die Kramladenfrauen, »trotzdem er so ein Wildling ist.«

Zuweilen lief er sogar von den Soldatenspielen, die ihm sonst über alles gingen, weg, um mit der Kleinen auf der Pfauenvortreppe oder um den Frauenbrunnen »Mütterlein« zu spielen, wobei kein Mensch in ihm das gähschüssige Bürschchen gesehen hätte, das er doch war; denn er behandelte Helenelis Puppen schier so zärtlich wie sie.

Freilich bekamen sie mitunter auch Anstände; aber gewöhnlich unterzog er sich ihr; denn sie verstand es, ihn mit liebenswürdiger Entschlossenheit also zu umgarnen, daß er trotz allem widerstrebenden 46 Getue sich allezeit rascher ergeben mußte als ein zappelndes Mücklein im Spinnennetz. Auch wenn er etwa verdrossen und setzköpfig weglief, dauerte es nie lange. Gleich stand er wieder da und fragte, als ob er nie weggewesen wäre: »Was wollen wir jetzt spielen, Heleneli?«

In der Schule aber stand das Heleneli seinetwegen manchmal eine wahre Folter aus.

Er wurde gar oft seiner Unbändigkeit wegen peinlich vorgenommen. Dann war es untröstlich, vermochte es seine Begnadigung nicht zu erwirken.

»Warum schreist du denn so, wenn mich der Schulmeister durchhaut?« fragte er's einst. »Ich schreie nie, und wenn's mich noch so beißt. Und du, die ja gar nichts davon spürt, machst immer so ein Geflenn!«

»He«, sagte es, »ich weiß es halt nicht; aber ich muß halt weinen!«

»He, aber wenn er den Seffi oder den Bläsi durchhaut, weinst du doch auch nicht. Warum denn nicht, sag?«

»He, ich weiß es halt nicht weswegen!«

»Ach, so flenn doch nicht immer so, wenn er mich austätscht; ich muß mich ja allemal wegen dir schämen!« hatte er verdrossen geantwortet. 47

 

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