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Das Hochmutsnärrchen

Meinrad Lienert: Das Hochmutsnärrchen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Hochmutsnärrchen
authorMeinrad Lienert
year1919
firstpub1911
publisherHuber & Co.
addressFrauenfeld
titleDas Hochmutsnärrchen
pages205
created20130419
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II.

Einige Tage nachher gab es in der Hauptgasse des Walddorfes ein großes Geschrei und Hallo: »Die Königin wird hingerichtet; der Königin von Frankreich wird der Kopf abgeschlagen!« lärmten jauchzend die Kinder.

Als die Waldfrauen von Einsiedeln neugierig, schier erschrocken aus ihren Kramladen vor dem Kloster schauten, bog rasselnd ein unbeholfener zweirädriger Holzkarren, der wie eine Kiste aussah, auf der Hauptgasse auf den Dorfplatz ein. Ein stolzes Gespann von zwölf Buben hüpfte und tänzelte am Frauenbrunnen vorbei gegen den an die Klostermauern anstoßenden Dorffriedhof hinauf.

Übermütig verwarfen die zweibeinigen Pferde ihre heiterfärbigen Schöpfe, wieherten ohrenzerreißend, scharrten den Boden und knirschten in den Zähnen.

Im Karren aber stand das Pfauenheleneli, demütig auf ihre gefalteten, rosenkranzumwundenen Hände blickend. Auf ihren blonden, bis auf die Hemdärmel herabwallenden Locken saß, mit einem Schnürchen festgebunden, eine kleine Marienkrone mit verblaßter Vergoldung.

12 »Sie sieht aus wie eine kleine Muttergottes«, sagten die Waldweiber. »Die will doch immer oben hinaus; nun spielt sie wieder die Königin von Frankreich. Wo sie wohl das hübsche Marienkrönlein her haben mag?«

»Das hat sie von meinem Buben«, sagte der alte Sigrist, der, die Schnupftabakdose herumgehen lassend, unter den Frauen stand; »ich habe es unter dem schadhaften Heiligengerümpel in der klösterlichen Steinhauerwerkstätte aufgelesen.«

»Hü, hü!« lärmte, neben dem knarrenden Gefährt herlaufend, der Battisteli und trieb mit hochgeschwungener Peitsche die kleinen Pferde an.

»Ja, ja«, machte, mit bedenklichem Gesicht schnupfend, der alte Beinhaussigrist, »ich sag's ja immer: Die Kleinen lernen's von den Großen, die Schweizer von den Franzosen. Die Herrenköpfe sind jetzt wohlfeil in der Welt. In dem gottlosen Paris füllen sie alle Tag einen Steckleinkorb voll damit an.«

»Ich bin nur froh, daß ich keine Königin bin wie die Marie Antonett«, sagte eine Waldfrau, eifrig Rosenkranzkügelchen an ihren Draht fassend.

»Was!« machte spitzig eine andere Krämerin, des Sigristen handsames Weib, »mir sollten sie kommen! Hätte die Marie Antonett die Franken regiert, wie ich sie regieren wollte, sie hätte ihren Kopf heute noch.«

13 »Freilich, das ist sicher«, machte trocken der Sigrist; »eher hätten ihn alle Franzosen verloren und wären, der König voraus, davongelaufen.« Sprach's, und ging, sich in sein mächtiges Nastuch schneuzend, verfolgt von dem Gekeife seiner Frau und dem Gelächter der anderen Kramladenweiber, hurtig von dannen.

»Juhuu! Die Königin von Frankreich wird hingerichtet!« lärmten die Buben.

Jetzt waren sie beim Beinhaus im Friedhof angekommen.

Die ermüdeten Pferde warfen sich ohne weiteres ins Gras, das die Gräber fast überall bedeckte und aus dem hie und da, von bunten Blumen und Zitterhalmen umfaßt, ein bleicher Knochen hervorstach.

Etwas gelangweilt schauten sie zu einem mächtigen Habicht auf, der hoch über ihnen im Blauen kreiste, als spähe er nach den Mauerschwalben, die mit jauchzendem Spirii, spirii! um das Beinhaus schossen.

Das Heleneli Gyr schwang ungeduldig seinen Rosenkranz und rief: »So richtet mich doch einmal hin!«

»Zuerst wollen wir jetzt etwas ausruhen«, sagte der Hirschenkasperli.

Doch der Gerbebattisteli sprang auf und rief, seine alte zerbeulte Blechhaube zurechtrückend und sein hölzernes Schwert schwingend: »Ja, steig nur aus, 14 du böse Königin! Wir wollen dir jetzt den Kopf abschlagen!«

»O«, rief sie, »schlagt mir nur den Kopf fröhlich ab, ihr Feiglinge! Wenn die roten Schweizer noch lebten, dürftet ihr mir allweg nichts tuen!«

»Ja, wir bringen dich um, Königin«, redete der Battisteli, »weil du immer in deinem Schloß getanzt habest. Und jetzt steig nur aus und zieh die Schuhe und Strümpfe ab!«

»He, weswegen soll ich denn die Schuhe und Strümpfe abziehen? Die Königin von Frankreich ist doch gewiß nicht barfuß gelaufen!«

»Allweg ist sie barfuß gelaufen«, machte der Battisteli; »du warst doch selber dabei, als unsere alte Magd uns sagte, sie habe es vom Zürichboten gehört, wie die Königin Marie Antonett mit der Krone auf dem Kopf, im Armsünderhemd und barfuß auf das Blutgerüst gestiegen sei.«

»Ja, ja«, riefen alle, »du mußt die Schuhe und Strümpfe abziehen, Heleni!«

Sie ließ sich zögernd auf den Karren nieder und begann nachdenklich ihre Schuhe aufzunesteln. Aber als sie sich eben anschickte, einen Schuh abzuziehen, schaute sie auf und sah nun aller Augen mit müßiger Neugierde auf ihren Fuß gerichtet. Da errötete sie über und über, bedeckte den Fuß geschwind mit dem gelblichen, blaugestreiften Rocke und kicherte.

Nein, sie ziehe ihre Schuhe und Strümpfe nicht aus.

15 »Du mußt sie aber ausziehen«, sagte des Sigristen Nöldeli; »wie willst du denn sonst barfuß zum Blutgerüst gehen?«

Sie gab keine Antwort, kicherte nur fortwährend.

»Warum willst du sie denn nicht ausziehen?« fragte der Battisteli.

Sie schien aus dem Kichern nicht mehr herauszukommen.

»Sag's doch, du Dumme!« lärmte der Hirschenkasperli.

»He«, machte sie endlich leise, »wegen nichts.«

»Nein, wenn du so dumm tust!« meinte unwillig der Battisteli.

Erstaunt blickten alle Knaben auf das Pfauenheleneli, von dem sie nicht recht zu begreifen vermochten, wie es auf einmal so dumm geworden sein konnte.

Ein Weilchen noch kicherte es verlegen; aber mit einem Male erhob es sich, stieg rasch aus dem Karren, machte ein ernstes Gesicht und sagte, es tue lieber nicht mehr mit, es wolle heimgehen.

Verblüfft staunten alle auf das Mägdlein. Nun wollte es gar heimgehen, und es war's doch, das sie alle für die Hinrichtung der Königin von Frankreich begeistert hatte.

»Dann gib mir die Krone nur wieder her!« schrie der Bub des Sigristen.

16 Der Gerbebattist aber hielt das Heleneli an seinem gestreiften Fähnchen fest: »Nein, wenn du so eine sein willst! Nun hast du durchaus die Königin sein wollen, und jetzt, wo das Schönste kommt und wir dir den Kopf abschlagen sollten, läufst du davon. So bleib doch, Heleni!«

»Oder dann gib mir die Krone wieder!« schrie noch lauter des Sigristen Nöldeli.

Sie machte ein Schmollmäulchen, löste mit eiligen Fingern das Krönchen aus ihrem Blondgelock und legte es in Nöldis flink zugreifende Hände: »Da hast du sie!«

»So willst du also nicht mehr die Königin sein und dich hinrichten lassen?« fragte gekränkt der Battisteli.

»Freilich, ich wollte ja schon«, sagte sie bedächtig, »aber nur, wenn ich die Schuhe und Strümpfe nicht ausziehen muß.«

»He, so behalte sie meinetwegen an!« machte der Battisteli.

»Aber dann mußt du die Krone wieder aufsetzen!« rief der Erlenbachfranzeli.

Das wolle sie gerne tuen.

»Ich gebe sie ihr nicht, wenn sie nicht barfuß läuft«, trotzte jetzt des Sigristen Bub; »die kann doch wohl einmal barfuß laufen, das Stolznäschen; ich laufe ja fast das ganze Jahr hindurch barfuß.«

17 Dann, wenn sie doch barfuß zum Blutgerüst treten müsse, tue sie lieber nicht mehr mit. Sie machte wieder Miene davonzugehen.

»So gib ihr doch die Krone, Nöldi!« lärmten alle.

Da nun auch des Sigristen Nöldeli befürchtete, er könnte um das Schauspiel der Enthauptung einer Königin, worauf er sehr gespannt war, kommen, gab er nach und sagte, dem Mägdlein das Marienkrönchen verdrossen hinhaltend: »So nimm sie denn!«

»Nein«, sagte das Heleneli, »nun will ich sie nicht mehr«, und kehrte dem Knaben den Rücken.

Verdutzt, schier erschrocken zog der Nöldeli die Hand mit dem Krönchen zurück: »Warum denn nicht?«

Alle wunderten mit großen Augen nach dem Mägdlein. Es kam aber keine Antwort; nur ihr Mäulchen verzog sich ein bißchen, und dann versuchte sie vom Karren ein loses Spänchen abzulösen.

»Aber eine Königin muß doch gewiß die Krone aufhaben«, sagte endlich der Battisteli.

Nein, sie wolle die Krone nicht mehr haben; lieber gehe sie nach Hause. Es war höchste Zeit, daß sie der Battisteli wieder am Rocke festhielt.

So mußten sich denn die Knaben wohl oder übel dareinfinden, ihre Königin ohne Krone zur Hinrichtung gehen zu sehen. Der Nöldeli aber war tiefbeleidigt und erbost; denn sie mochte weder von ihm noch von seiner Krone mehr etwas wissen.

18 Aus der Unkrautwildnis der Gräber lugte, umfaßt und überwuchert von zierlichen Gräsern und süßduftenden wilden Blumen, ein umgestürzter Grabstein. Auf seine verwitterte Platte mußte das Heleneli niederknien. Es wickelte seinen Rosenkranz um die Hände und senkte den Kopf also demutvoll, daß ihm die flachsfarbenen Haare übers Gesicht herabfielen.

Jetzt erhob der Battisteli, den sie sich selber zum Henker auserkoren hatte, unter lautloser Stille sein Schwert, als wollte er die Erde auseinanderhauen, ließ es aber sanft wie ein Flaumfederchen niedergleiten, also daß es kaum ihren Hals tupfte.

»Nein, bloß so!« lärmte des Sigristen Nöldeli; »so kann man doch eine Königin gewiß nicht hinrichten, wenn man sie kaum anrührt.«

»Ja, du mußt sie stärker hinrichten«, stimmten die andern bei; »du mußt ihr eins hauen.«

Nein, das tue er nicht, sagte der Battisteli.

»Doch, hau mir nur eins«, machte jetzt zum allgemeinen Erstaunen leise das Mägdlein; »ich habe ja gar nichts gespürt.«

Da ermannte sich der Battisteli. Seine Henkerehre stand doch auf dem Spiel. Der Nöldeli drängte sich vor alle Buben und mit kugelrunden Augen schauten sie auf das Schlachtopfer.

Der Battisteli zog sein Schwert auf und klopfte Heleneli gelinde auf den Hals.

19 »Stärker, stärker!« machte sie dringend, weich. Es war, als sähe man ihr Stimmchen mit gleißenden Augen aus einem Spiegel schauen.

»Au!«

Battisteli hatte, glühendrot, einen festern Schlag nach ihrem schmalen Halse gewagt. Wie leblos war sie auf den Grabstein hingesunken und hatte die Augen geschlossen.

Aber plötzlich fuhr sie auf und griff erschrocken nach ihrem Fuße.

Des Sigristen Nöldeli hatte ihr, als sie einen Augenblick still dalag, den losgenestelten Schuh vom Fuße gerissen, und nun stob er damit gegen den Klosterplatz hinunter. Aber der Gerbebattisteli war schon hinter ihm her. Bei den Kramladen warf Nöldeli den Schuh lachend in einen Regentümpel. Battisteli griff ihn flink auf und wollte sich nun erbost über den frechen Räuber herstürzen. Doch der verzog sich in einen Kramladen unter die schützenden Fittige seiner Mutter, von wo aus er seinem Verfolger, unterstützt durch die erprobte mütterliche Beredsamkeit, eine sehr lange Litanei von Schimpfnamen zurief. So kehrte denn Battisteli mit dem wiedergewonnenen Schuh, ihn am Kittel angelegentlich abputzend, in den Friedhof zurück, auf dem Wege auch noch das dem Nöldeli auf seiner eiligen Flucht entfallene Krönchen aufnehmend.

20 »Da«, sagte er zu Heleneli, das auf dem Grabstein saß, und legte ihr Krönchen und Schuh in den Schoß, »da hast du alles wieder.«

»Die Krone mag ich nicht«, machte sie, das Krönchen auf den Grabstein neben sich hinlegend.

Flink zog sie ihr Schühlein an, sprang auf, stieg in den Karren und rief: »Stoßt an, Buben, und hockt auf!«

Die Buben schossen zum Karren, gaben ihm einen kräftigen Stoß und schwangen sich flugs darauf. Das Heleneli hielt die Lenkstange fest in den Händen, und im Hui sausten sie alle miteinander aus dem Friedhof auf den Dorfplatz gegen den Frauenbrunnen hinunter.

Mit einem raschen Seitensprung war der alte Sigrist gerade noch dem dahersausenden Karren ausgewichen. Jetzt trat er brummend in den Friedhof. Auf einem Grabstein sah er das niedliche Krönchen liegen, auf dessen schiefem Kreuzlein ein weißer Falter saß.

»Ei, hab' ich's denn nicht gesagt«, machte er, »die Kronen seien jetzt billig! Sie liegen ja schon auf allen Gräbern herum, und nun hat dieses Heleneli sein Krönlein auch schon verloren, obwohl es mich vorher bedünken wollte, besser könne die Krone der Königin von Frankreich auch nicht angestanden sein als diesem rotwangigen Hochmutsnärrchen.« 21

 

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