Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Meinrad Lienert >

Das Hochmutsnärrchen

Meinrad Lienert: Das Hochmutsnärrchen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Hochmutsnärrchen
authorMeinrad Lienert
year1919
firstpub1911
publisherHuber & Co.
addressFrauenfeld
titleDas Hochmutsnärrchen
pages205
created20130419
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

I.

Auf der steinernen Vortreppe des alten, hochgiebeligen Gasthauses zum »Pfauen« spielte das flachsschopfige Heleneli Gyr.

Der »Pfauen« war das stattlichste Gebäude unter den ansehnlichen Häusern, die im waldumfangenen Bergdorfe Maria Einsiedeln dem doppeltgetürmten Kloster gegenüberstanden. Von seinen Fenstersimsen nickten Blumen, und das mächtige Schindeldach hatte sich über das Haus gelegt wie die Fittiche eines Riesenvogels.

Das Heleneli war das einzige Töchterchen der aufrechten Pfauenwirtin, die man nicht nur in der Eidgenossenschaft, sondern auch weitum in deutschen und welschen Landen, von Tirol bis ins tiefste Frankreich hinein kannte. Sah ihr Gasthaus auch eher wie ein gutes altes Patrizierhaus aus, so war es gleichwohl das gesuchteste Absteigequartier der Wallfahrer, unter denen sich gar oft vornehme fürstliche Herren und Frauen befanden. Infolge der Revolutions- und Kriegswirren der letzten Jahre blieben die Pilger aber immer mehr aus. Nur aus Frankreich eilten sie, unter ihnen viele Flüchtlinge, seit der Hinrichtung ihres Königs Ludwig XVI. zahlreicher als je ins 2 schweizerische Hochtal, um bei Notre Dame des Hermites tröstlichere Zeiten für ihr Land zu erflehen.

Jetzt warf das Heleneli seinen Holzball hochauf; aber als es ihn wieder auffangen wollte, bekam es einen leichten Stoß; der Ball kugelte die Treppe hinunter und wurde blitzgeschwind von einem kleinen Jungen, der eine große Schnupftabakdose in der Hand hielt, erhascht.

»Gib ihn, Battisteli, gib ihn!«

Doch das Bürschlein schoß lachend auf und stob, den Ball in der einen, die Schnupftabakdose in der andern Hand haltend, davon gegen den unterhalb des Klosters stehenden vierzehnröhrigen Brunnen Unserer Lieben Frauen, der auf zahlreichen Marmorsäulen und zierlichen Arkaden eine gewaltige vergoldete Krone trug.

»Gib ihn, gib ihn!« rief das Heleneli.

»Hol ihn, hol ihn!« antwortete der Battisteli.

Nun hastete das Kind mit flatterndem Schopf von der Vortreppe seines Hauses, und sogleich jagten sie auf Tod und Leben um den Frauenbrunnen. Doch das Heleneli vermochte den flinkfüßigen Knaben nicht einzuholen. Es stand langaufatmend still; dann kauerte es mit glühenden Wangen bei einer Röhre nieder, um dem übermütig lachenden Jungen aufzulauern. Er ließ sich nicht blicken; doch schwamm jetzt im äußeren Rinnsal der Holzball ruhig daher. Sie schoß auf, ihn zu haschen, 3 zog aber die Hand rasch wieder zurück; denn auf dem Ball hockte ein winziges braunes Fröschlein, kaum so groß wie eine Fingerbeere.

»Welch ein herziges kleines Fröschlein!« rief sie aus.

»Ja«, sagte der heranhuschende Battisteli, »das ist ein Zwergfröschlein, deren es hinter der Klostermauer viele Hunderte gibt.«

Dem Fröschlein mochte es auf dem rundlichen, schlüpfrigen Fahrzeug nicht recht geheuer vorkommen; es hüpfte ins Wasser.

Gleich fing es der Battisteli wieder und setzte es dem Mägdlein auf die zögernd ausgestreckte Hand. Auf diesem warmen, sonnenbeschienenen Plätzchen schien es dem Tierchen ganz gut zu gefallen; denn es blieb ruhig sitzen.

»Es ist nicht größer als eine Bohne«, meinte sie erfreut; »setz' es wieder auf den Ball!«

»Nein, da rutscht's gleich ins Wasser, und dann verlieren wir's.«

Sie erblickte die schildkrötenbeinerne Schnupftabakdose in seiner Hand.

»Deine Schnupftabakbute gäbe ein feines Schiff für das Fröschlein.«

»Ja, ja du!« machte er, bedenklich die Augenbrauen hochziehend. »Wenn ich sie verlöre, bekäme ich Hiebe; denn ich habe sie für den Großvater soeben im Bärenladen frisch anfüllen lassen müssen.«

4 »Wir können ja den Schnupftabak unterdessen an den Brunnen hinschütten. Schau, da ist's ganz trocken. Das wäre schon lustig, wenn das Fröschlein in der Tabakbute durch die Rinnen rund um den Frauenbrunnen herumschwämme! Was täte es wohl denken?«

»Ja, ja du!« Er wollte nicht recht.

»Ach Battisteli, lieber lieber Battisteli«, schmeichelte sie in den süßesten Tönen, »gib sie doch her!«

Sie griff nach der Dose. Nur ungern, mit einem langen Blick rundum, ließ er sich die Dose aus der Hand nehmen.

Doch jetzt kauerte das Heleneli nieder, leerte den braunen Schnupftabak in einen trockenen Winkel des Brunnens und scheuerte ihn sorglich zu einem Häufchen zusammen. »O«, machte sie lachend, »wie der Schnupftabak einen in die Nase beißt!«

»Au, au!« verschüttelte sie sich gruselig. Das Fröschlein war ihr in den Hemdärmel gekrochen, als sie die Dose unter einer Brunnenröhre ausspülte. Flink zog sie's hervor und setzte es in die Dose. Nun schwamm es schon in seinem hoffärtigen Schiffchen im äußeren Rinnsal, das sich mit vielen Nebenrinnen um den gewaltigen Brunnen zog.

»Wie lustig, wie lustig!« jauchzte sie auf. »Schau, Battisteli, wie das Fröschlein Augen macht! Es freut sich, daß es ein so schönes Schiffchen hat!«

5 »Ja, ja du!« machte er bedenklich.

»Jesus!« schrie sie auf.

Schiffchen samt Passagier verschwanden im Abzugsloch.

Da heulte der Battisteli auf und tanzte verzweifelt rings um den Brunnen. Heleneli aber warf sich, ohne daß er's gewahrte, flink auf die Knie nieder, griff recht tief ins Abzugsloch, und schon lag die Dose wieder in ihrer Hand; aber das niedliche Zwergfröschlein war verschwunden.

»Battist, Battist! Wo bleibst du denn solch eine Ewigkeit?« ließ sich eine Stimme hören, und nun zeigte sich eine alte Magd.

»Ihr seht mich ja!« schnörzte auf der andern Brunnenseite weinerlich, verdrossen der Bub.

Das Heleneli kletterte flink auf den Brunnen und versteckte sich hinter einer Säule.

»Wo hast du denn dem Großvater seine Schnupftabakbute?« fragte unwirsch die Alte und bog mit Battisteli und ihrem jungen Hund um den Brunnen. »Der Großvater brummt wie ein Wald voll Bären; er wartet schon ein halbes Jahr darauf, und wenn er den Schnupftabak nicht bald bekommt, so schnupft er mir noch den Fegsand vom Küchenboden. Er will in die Kirche. Da muß er seine Schnupfdose haben; sonst, sagt er, vermöge er zu keiner rechten Andacht zu kommen.«

»Dort ist sie!«

6 Er zeigte trübselig ins Abzugsloch der Brunnenrinne.

Entsetzt schlug die Magd die Hände zusammen. »Du heilige Mutter Sankt Anna, die schöne schildkrötenbeinerne Schnupfdrucke! Der Großvater wird schön tuen!«

Hinter ihr ging ein fürchterliches Nießen los.

»Helf Gott!« wünschte überlaut die Alte. »Helf Gott!« machte der Bub. »Helf Gott!« schrie es vom Brunnen, und Helenelis Flachsschopf guckte einen Augenblick um eine Säule. Aber als sich die Magd umwandte, schlug sie vor Entsetzen schier ein Kreuz. Am Brunnen stand mit gespreizten Beinen der junge Hund und nieste und nieste, als wollte er einen Sternschnuppenregen über die ganze Welt ergehen lassen. Dazu rieb er auf Leben und Sterben seine braungefärbte Nase an der Brunnenwand. Der Schnupftabak aber, der in einem niedlichen Häufchen am Brunnen lag, war spurlos verschwunden.

»Nun hat ihn der Hund geschnupft anstatt der Großvater!« lärmte der Battisteli in heiliger Entrüstung. »Aber«, fügte er zornig bei und zeigte nach einer Brunnensäule, »das Heleneli ist schuld; sie hat mir die Schnupftabakbute zum Schiffleinfahren abgemäuselt.«

»Ist's wahr, du schlimmes Kind?«

»Ja, 's ist wahr«, kam's keck vom Brunnen. Dann gab es ein lautes Auflachen, und hinter einer 7 Säule herab glitt die Tabakdose ins Wasser: »Da ist sie ja!«

Der Battisteli jauchzte auf und hatte sie gleich wieder in den Händen.

»So«, machte die Alte, eine kleine Münze aus ihren Säcken hervorgrübelnd, »schau, da hast einen Angster, Bub. Jetzt geh mir sofort noch einmal zum Krämer und laß dir die Dose frisch füllen. Aber daß du sie mir dann gleich heimbringst und nicht wieder zuerst eine Ewigkeit mit dem hochnäsigen Frätzchen da herumfährst. Die macht ja doch mit euch dummen Buben, was ihr gefällt. Ja, ja, hüte dich nur, du Hoffartsfähnchen!« wandte sie sich ans Heleneli, das eben vom Brunnen glitt und seinen Ball hochauf warf. »Es kommen böse Zeiten, böse Zeiten. Aber du merkst eben noch nichts davon und flotschest lachend mitten durch die Butter, wie die Enten durch den Weiherschlamm.«

»O Babeli!« rief das Mägdlein aus und lachte hellauf in den Tag hinein, »Ihr schimpft alleweil!«

»Ja, ja, warte nur«, machte die aufgebrachte Magd, »fahr nur so fort, du Gixnäschen, du hochmütiges, bis es dir zuletzt noch ergeht, wie's der Königin von Frankreich ergangen ist.«

»Wie ist's ihr denn ergangen?« fragte neugierig das Heleneli.

»Ja, wie ist's ihr ergangen, nicht besser als es einem armen Sünder zu Schwyz auf der Weidhub 8 ergeht: Auf einem Karren ist sie von ihrem Palast herabgerasselt, und mit der Krone auf dem Kopf, barfuß und im Armsünderhemd hat sie in der gottlosen Stadt Paris vor allen Leuten aufs Blutgerüst steigen müssen. Und dort hat man ihr den Kopf abgeschlagen, also daß die Krone in den Staub gefallen ist. Gestern hat es mir der Zürichbote selber erzählt.«

»Die arme Königin!« machte traurig das Heleneli und warf den Ball nicht mehr auf.

»Wer bekommt jetzt die Krone, die in den Staub gefallen ist?« fragte der Battisteli und sah unwillkürlich um sich, ob sie nicht irgendwo herumliege.

»Jedenfalls nicht du«, sagte unwirsch die Magd; »denn vorher müßtest du dich doch einmal ordentlich kämmen lassen und deinen Weiberrock mit mehr Respekt tragen; hast ihn ja wieder an allen Enden zerrissen; er ist ja nur noch ein Fetzen.«

»Warum ist denn aber der König nicht mit dem Säbel unter die bösen Menschen gefahren und hat sie verjagt?« machte jetzt in heiliger Entrüstung das Heleneli.

Die Alte hörte es nicht; denn von der Kirche her wurde nach ihr gerufen. »Babeli, Babeli!« ertönte eine brummende Stimme, »wo bleibt denn um Gottes und aller Heiligen willen mein Schnupftabak?!«

Battistelis alter Großvater humpelte an einem langen Stock gegen die Kirche.

9 »Hurtig, hurtig, Battisteli, hol den Schnupf und bring ihn dem Großvater. Siehst, er wartet dort vor der Kirche auf dem Steinbänklein.«

Sie schob den Knaben vom Brunnen weg und ging dann mit dem jungen Hunde brummend nach dem vor dem Dorfe gelegenen Gerbegut, Battistelis Heim, davon.

Battisteli aber blieb stehen und winkte dem Mägdlein.

»Heleneli«, rief er halblaut, »kommst du auch mit zum Krämer?«

»Nein«, sagte es, »ich gehe nicht mehr mit einem, der mich verklagt hat.«

»Ich verklage dich gewiß auf Ehr nie wieder.«

»Hör, Battisteli«, redete sie zu ihm tretend, »was tätest du machen, wenn du der König wärest und ich die Königin und sie mir den Kopf abschlagen wollten?«

»Ich würde das Szepter nehmen, wie dort der König Heinrich vor der Kirchenporte eins hat, und täte sie damit durchhauen.«

»Und wenn du der König wärest«, sagte sie, »und ich die Königin und sie dir den Kopf abschlagen wollten, täte ich vor sie hinknien und anhalten, sie sollen dich doch gehen lassen und lieber mir den Kopf abschlagen.«

»Wo bleibt denn mein Schnupftabak?!« kam wieder eine zitterige Stimme von der Kirche her.

10 Geschwind ergriff Battisteli des Mägdleins Hand, knüllte seinen zerfetzten Weiberrock vorne zusammen, um besser springen zu können, und im Galopp stoben sie vom Frauenbrunnen weg ins Walddorf hinein.

»Laß mich die Schnupftabakbute tragen«, bat das Heleneli.

»Da hast du sie«, machte er.

Die Dose lag in ihrer Hand, und lustig klapperte darin der abgeschliffene Angster. 11

 

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.