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Das Hochmutsnärrchen

Meinrad Lienert: Das Hochmutsnärrchen - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Hochmutsnärrchen
authorMeinrad Lienert
year1919
firstpub1911
publisherHuber & Co.
addressFrauenfeld
titleDas Hochmutsnärrchen
pages205
created20130419
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XIII.

Um den Frauenbrunnen ging's hoch her. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, schienen die plündernden Krieger zum Brunnen zusammengetragen und geschleppt zu haben. Weitum war das Pflaster mit Devotionalien jeder Art, niedlichen Werkzeugen der Frömmigkeit, als Rosenkränzen, tönernen Muttergottesstatuettchen, zerschlagenen Weihbrunnen, zerfetzten Gebetbüchern und dergleichen bedeckt, als hätte es die andachtweckenden Sächelchen, wie vormals das Manna, vom Himmel geschneit. Denn selbst die ärmlichen Kramladen vor dem Kloster waren von den beutegierigen Soldaten ausgeräumt worden, wobei sie einem der überlebensgroßen römischen Könige am Aufstieg zur Kirche einen roten Weiberrock über den Hermelin gezogen hatten. Es wurde geschlachtet, gekocht und gebraten, daß es roch wie in einer Herrenküche, und vom Klosterhof her hüpften wie mutwillige Böcklein recht ansehnliche weinschwere Fässer, die beim Brunnen mit Heissajuhee! aufgefangen wurden.

Jetzt winkte General Nouvion, den es verdroß, daß aus Kloster und Dorf alles ausgeflogen war, einem Offizier heran und befahl ihm, die große 190 Glocke, die allein in einem der beiden Kirchtürme hange, herabzulassen; man könne daraus tüchtige Kanonen gießen. Da ja in diesem Hochtale die Menschen ausgestorben zu sein scheinen, so brauchen ihnen die Glocken auch nicht mehr zur Kirche zu läuten.

Einige weißgeschürzte Sappeure aber erkletterten auf seinen Zuruf mit ihren Äxten den Frauenbrunnen, wobei ihnen die Bärenmützen von den Köpfen fielen. Sie gedachten den Brunnen also gründlich zusammenzuschlagen und einzureißen, daß er zuletzt nur noch ein Steingrab sein sollte.

»Dürfen wir das verlassene Nest gleich anzünden, mein General?« fragte ein grimmig dreinschauender Wachtmeister.

Herr Nouvion antwortete nicht. Er sah den Unteroffizier mit einem langen, finstern Blicke an, ließ sich dann auf eine Trommel nieder und staunte nachdenklich ins Wasserspiel des Frauenbrunnens.

Plötzlich horchte er auf und schaute aufmerksam über sein lagerndes Kriegsvolk hin, aus dessen unruhigen Haufen wilde Ausrufe kamen. »Ach, welch ein scharmantes Kind!« – »Laßt sie durch!« – »Nichts da, wir wollen sie für uns behalten!« – »Zurück in des Teufels Namen, ihr Marodeure!« Der Lärm ging rasch in ein unheimliches Gemurmel über.

»Was gibt's?« fragte der General.

191 Da öffnete sich vor ihm mit einem Male, schier unwillig, eine Gasse. Zwei bäumige Grenadiere, die Gewehrkolben links und rechts wacker spielen lassend, zeigten sich, und zwischen ihnen ging mit bloßen blutigen Füßen, totenbleich, ein schlankes Mägdlein, das ein Kästchen im Arm trug. Sein festtägliches Kleid war arg zerrissen; seine blauen Augen schauten angstvoll um sich, und mit einer Hand klammerte es sich an den Rockschoß eines Grenadiers an.

Jetzt stand es vor dem General. Aufschreiend warf es sich vor ihm in die Knie, hob mit beiden Händen und flehenden Augen das Schmuckkästchen zu ihm auf und rief in gutem Französisch: »Tut doch dem Frauenbrunnen nichts, Herr General! Um Gotteswillen laßt ihn doch nicht zusammenreißen! Alles was ich habe will ich Euch geben. Nur ruft die Soldaten herab! Seht Ihr!« schrie sie auf, da ein Sappeur eben seine Axt auf einen Träger der Brunnenkrone niedersausen ließ; »seht Ihr; sie zerschlagen ihn; sie reißen ihn nieder!«

Sprachlos vor Erstaunen blickte General Nouvion auf das so unversehens aufgetauchte Dorfmädchen, das gar in seiner eigenen Sprache zu ihm redete und ihn mit noch viel beredteren, angsterfüllten Augen ansah. Ihm war, er habe seiner Lebtag noch nie etwas Anmutigeres gesehen als dieses Waldkind, weder in welschen noch in deutschen Landen. Diese hilflosen, 192 tiefblauen Augen erinnerten ihn an seine Jugend, in der ihm die alte Muhme von einer seltenen blauen Blume erzählte, die irgendwo in einem fernen, fernen Walde wüchse, die aber nur Sonntagskinder zu finden vermöchten. Da wuchs nun solch eine wunderliche Blume unversehens vor ihm aus dem Boden dieses rauhen Waldtales. Er drehte erregt an seinem herabhängenden weißen Schnurrbart.

»Wer seid Ihr?« fragte er jetzt ziemlich barsch.

»Ich bin das Heleneli Gyr, der Pfauenwirtin Töchterlein.«

»Wie durftet Ihr's wagen, Euch eines Brunnens wegen unter meine unbändigen Burschen zu begeben? Wäret Ihr nicht zufälligerweise zweien meiner braven Grenadiere zuerst in die Hände gelaufen, ich hätte Euch kaum jemals zu Gesicht bekommen!«

»Herr«, sagte zitternd das Heleneli, »seid mir doch nicht böse; aber ich konnte halt nicht anders. Es wäre doch gewiß schade um den schönen Muttergottesbrunnen!«

Der alte Offizier tat einen flüchtigen Blick nach dem Brunnen.

»Laßt ihn doch nicht zusammenschlagen. Nehmt, nehmt!« Sie hielt ihr geöffnetes Schmuckkästchen wieder zum General empor. »Nehmt; es ist alles, was ich habe!«

Er begann mit ernsthaften Augen die glitzernden Sächelchen zu mustern; aber in seinen Mundwinkeln 193 saß der Schalk. Mit zwei Fingern zog er ein Schnürchen heraus, an dem ein blutrotes Herzchen baumelte. Einen Moment besah er's, und jetzt schaute er sich plötzlich schier grimmig rundum. Aber die Soldaten zuckten mit keiner Wimper. Verwundert staunten sie auf das Mägdlein, das sich so mutterseelenallein unter sie gewagt hatte. Auch die Sappeure, die bäuchlings auf den Arkaden lagen, gafften neugierig hinunter.

Jetzt ließ der Alte das Herzchen wieder ins Kästchen gleiten, wirbelte seinen Schnurrbart und rief den Sappeuren zu: »Allez, ihr dort oben, steigt herunter!« Dann wandte er sich lächelnd Heleneli zu und sagte: »Ihr habt ein mutiges Herz, meine Kleine. Behaltet den hübschen Schmuck. Ich habe kein Liebchen mehr, dem ich ihn umlegen könnte. Außerdem, sacré bleu, Donnerwetter! keines meiner Liebchen hätte den Hals für dieses blaue Schnürchen gehabt wie du. Und wenn ich ihre Busen mit Gold und Silber überladen hätte wie den Hochaltar in der Notre-Dame zu Paris, es hätte sich gewiß nicht besser ausgenommen als dies kleine Herzchenamulett auf deinem warmen Waldkapellenaltärchen. Dennoch, lieber als das Amulett und der ganze Schmuck wäre mir doch ein Küßchen von dir, he?«

Er neigte sich, um sie zu küssen.

»Nein, nein, nein!« machte sie zündrot und stand bebend vor dem General.

194 Kurz und verdrossen lachte er auf und sah mit gleißenden Äuglein rundum. Es lachte niemand. Aber auf einmal war auf der Weid gegen den Wald ein wilder Lärm.

Der General fuhr auf: »Donner, Donner! Was ist denn schon wieder los! Sollte denn wieder eine Vestalin im Anzuge sein?«

Der Lärm näherte sich rasch.

Verzweifelt schrie das Heleneli auf; denn jetzt wurde aus dem auseinanderfahrenden Haufen des Kriegsvolkes ein bleicher, blutiggeschlagener Bursche vor den General gestoßen. Er war barhäuptig; eine Binde hing nur noch lose an seinem Arm, und seine Kleider waren völlig zerfetzt.

»Zum Teufel, wen schleppt ihr mir denn wieder her?! Glaubt ihr, ich hätte nichts anderes zu tun, als diesen törichten Waldmenschen Audienz zu erteilen?!« herrschte der Alte die herandrängenden Soldaten an.

»Mein General«, sagte ein blasser Lieutenant und zeigte auf einen blutbefleckten Degen, den ein weißhosiger, wild dreinschauender Kerl in der Faust hielt, »mit diesem Säbel hat sich der junge Offizier da plötzlich auf uns gestürzt und sich nach dem Brunnen durchhauen wollen. Er muß verrückt sein!«

»Battist, Battist!« jammerte händeringend das Heleneli; »Jesus Gott und Vater, was hast du gemacht!«

195 »Vier Mann vor!« rief der General scharf. »Hinauf mit ihm an die Klostermauer und gut gezielt. Marsch!«

Mit einem fürchterlichen Aufschrei warf sich Heleneli dem jungen fränkischen Lieutenant zu Füßen, umklammerte seine Knie und rief. »Kennt Ihr mich nicht mehr! Ihr müßt mich kennen! Ich kenne Euch ganz gut; aus Tausenden wollte ich Euch herausfinden. Ihr seid Pierre, jenes blasse welsche Büblein, dessen Mutter mir einst, als ich noch ein Kind war, ein Agnus Dei-Herzchen verehrte. Kennt Ihr mich, kennt Ihr mich?!«

Erstaunt, fremd starrte sie der junge Offizier an.

Da schoß sie auf, hastete auf Battist los, riß ihm die Uniform an der Brust auf und griff ein blutrotes Herzchen heraus, das an einem breiten blauen Bande hing.

»Schaut, schaut!« schrie sie den fränkischen Lieutenant an. »Seht das Herzchen; Ihr müßt es erkennen. Euere Mutter gab es mir und sprach dabei, es werde den, der es trage, aus aller Not und Gefahr heil herausbringen!« Mit aufgehobenen Händen stand sie wieder vor dem Lieutenant: »Helft mir; denkt an Euere Mutter; rettet mir meinen Geliebten!«

Jetzt nahm der junge Offizier mit dem blassen, schmalen Gesichte seinen Tschako ab, trocknete sich den Schweiß von der Stirne und sagte dann mit 196 vor Rührung unsicherer Stimme zum finster dreinschauenden General: »Mein General, 's ist wahr, was dieses Mädchen sagt. Meine selige Mama hat ihr, als wir zusammen hieher, nach Notre Dame des Hermites, pilgerten, einer kleinen Aufmerksamkeit wegen dieses Amulett geschenkt. Erbarmt Euch ihrer!«

Der Alte hatte erregt an seinem Schnurrbart herumgedreht und gezupft; nun erhob er den Kopf und sagte tiefen Tones und streng blickend: »Das Wort einer französischen Mutter ist mir zwar heilig, aber noch heiliger das Wort meiner Vorgesetzten. Es lautet die Parole: ›Wer mit der Waffe in der Hand betroffen wird im eroberten Land, hat das Leben verwirkt; er muß sterben; nichts kann ihn retten!‹«

Aufkreischend vor Jammer stürzte sich das Heleneli vor den General hin.

»Erbarmt Euch meiner, Herr General! Tötet mich für ihn, und ich will Euch vorher tausendmal küssen. Ich will . . .«

Sie konnte nur mehr schluchzend, tränenüberströmt die Hände ringen.

Nun bog auch der fränkische Lieutenant ein Knie und bat mit leiser, bebender Stimme: »Mein General, habt ein Herz mit der armen Kleinen!«

»Ich kann es nicht; es darf nicht sein!« sagte halblaut, düster, schier betrübt blickend, Herr Nouvion. 197 »Man hat ihn mit der Waffe in der Hand gesehen. Zwar ich«, machte er nachdenklicher, »ich selber sah ihn gerade nicht, das ist wahr; dennoch, 's ist nichts zu machen; man hat es mir gemeldet. Ja, wenn mir jemand einen Trunk reichen könnte von jenem wunderwirkenden Wasser, von dem die Hellenen sagen, es lasse einem alles vergessen, ich wollte ihm dankbar sein; denn mich dauert die anmutige Kleine.«

Aufsprang das Heleneli, hastete auf den Frauenbrunnen los, hielt seine Hände sorglich an eine Röhre und ließ das bergfrische Quellwasser dareinrieseln.

Verwundert schaute alles auf das Mädchen.

»Da!« rief es, sorgsamen Fußes über die Rinnen zurückkommend und das lebendige Becherlein seiner rosenroten Hände dem alten Soldaten demütig hinhaltend, »da trinkt, Herr General; dieses ist ja wundertätiges Wasser!«

Einen Moment schaute der General dem Mädchen forschend in die angsterfüllten blauen Augen; dann blickte er auf das niedliche Schälchen, das überall von kristallklaren Wassertropfen überfloß. Auf einmal aber lachte er kurz auf, neigte das graue Haupt und schlürfte gierig das rote Becherlein leer.

Jetzt brachen die Soldaten in einen wilden, brüllenden Jubel aus, der kein Ende nehmen wollte; denn schon wieder trippelte das zum Tod erschrockene Mägdlein mit seiner frischgefüllten 198 rosenfarbenen Muschel vom Brunnen weg zum General, ihn dringend zum Trinken einladend.

Und wieder tauchte er seinen weißen Schnurrbart in Helenelis warmes Becherlein.

Als aber das Mädchen gleich wieder zum Brunnen laufen wollte, erwischte er's am zerrissenen Heiligtagrock, dann am Flachsschopf, und nun küßte er's herzhaft auf beide Wangen und sagte mit einer Stimme, in der ein leises Zittern geisterte: »Nein, liebes Kind, ab allen Röhren möchte ich doch nicht trinken; so viel Wasser könnte ich kaum vertragen. Das Wunder ist nun geschehen; ich habe im Wasser dieses Brunnens aus deinen reinen Händen Vergessenheit getrunken. Ein ganzer Krug voll aus dem Lethestrom hätte mir nicht wundertätiger sein können. So hör denn!« machte er mit so barscher Stimme, daß das Heleneli ins Herz hinein zusammenschrak. »So verurteile ich denn diesen Burschen, der auf einmal nur als dein harmloser Anbeter vor mir steht, dazu, sich mit dir heute noch zu verloben. Als Verlobungsgabe schenke ich dir den von dir geretteten Frauenbrunnen, dessen Nymphe du zu sein scheinst. Meine wilden fröhlichen Kinder, siehst du, bereiten schon den Festschmaus. Und sie sollen um den Brunnen tanzen und singen die ganze Nacht hindurch bis zum hellen Morgen. Was sagst du?«

Das Soldatenvolk jauchzte und kreischte vor Vergnügen, und als Tusch auf des Generals Rede 199 schmetterte ein Sappeur mit der Axt den Boden aus einem vollen Weinfaß, worauf sich die wilden Burschen auf den Boden warfen, um den herausströmenden Klosterwein aufzuschlürfen.

Heleneli aber hatte sich auf Battist gestürzt, hing jubelnd an seinem Halse und sank dann bewußtlos in seinen Armen zusammen.

Herr Nouvion erhob sich. Er blickte zur Klosterkirche hinauf, aus deren Türmen hin und wieder schrille Glockenschläge sprangen. Nun winkte er einen Korporal zu sich heran, der eben vom Kloster herabstieg, ihn beordernd, er möchte das Herablassen der Glocken verhindern. »Ja«, sagte dieser halblaut; »wir haben höchste Zeit, wollen wir die Glocken noch retten; denn die Gnadenkapelle, in der unsere Leute umsonst nach dem wundertätigen Bilde suchten, ist von ihrer Wut schon völlig niedergerissen worden.« Der Unteroffizier jagte zur Kirche hinauf.

Als sich nun der General wieder nach Heleneli umschaute, sah er's, ohne ein Zeichen des Erstaunens oder des Mißbehagens, im Schoße einer hochgewachsenen, ruhig blickenden Frau in stolzer weißer Kammhaube liegen. Und nun gewahrte er auch ein Trüpplein Kinder, die scheu und zitternd mit ihrem alten Schulmeister herantrippelnd, nach dem alten Offizier schauten, den sie für den bösen Bonabartli hielten. Der General aber, der mit Vergnügen in der 200 aufrechten Frau, die das ohnmächtige Mägdlein im Schoß hatte, dessen Mutter erkannte, ward noch wohlgelaunter, als er auch mit ihr in der Sprache seines Landes recht gut sich zu unterhalten vermochte. Er wollte von ihr gar vielerlei wissen und riet ihr dann, sie solle die Kinder wieder in den Wald hinaufschicken, damit sie die Leute ins Dorf rufen, da er sie vielfach benötige.

Auf ein zunehmendes Lärmen hinter ihm wandte er sich rasch, unwillig um.

Ein staubbedeckter, verschwitzter Reiter ohne Kopfbedeckung sprang neben ihm vom Pferde. »Mein General«, redete er schier atemlos, »unsere Heeresabteilung unter General Freycinet ist von den Truppen dieses Kantons bei einem Ort, der Rothenthurm heißt, mit großem Verluste zurückgeschlagen worden.«

Battists Augen brannten.

Einen Moment schaute Herr Nouvion verdrossen aus dem äußersten Augenwinkel auf den Adjutanten, der ihm den Bericht gebracht hatte. »Er Dummkopf hätte seine Meldung doch gleich an die Klosterglocken hängen sollen«, brummte er halblaut. Dann schaute er sich ruhig um, von einem zum andern der stiller gewordenen Soldaten. Und jetzt ging gar ein halbes Lächeln um seinen Mund. Erst drehte er ein paarmal nervös seinen weißen Schnurrbart, zog die silberne Schnupftubakdose aus dem blauen 201 rotgesäumten Rock, öffnete sie und sagte, sie dem verlegenen Adjutanten hinhaltend: »Bedient Euch, Herr Kapitän, der Schnupftabak macht einen hellen Kopf.« Wieder sah er rundum und fuhr dann fort: »Meine braven Kinder, laßt euch nicht erschrecken; das hat nicht so viel zu bedeuten, obschon es uns ja um unsere gefallenen Kameraden leid tut. Jedoch wir sind ihrer zu viele. Dieses tapfere Hirtenvolk ist irregeführt; man täuscht es über die Stärke der großen Armee und über ihre Absichten. Wir wollen diesen Bergvölkern, selbst wider ihren Willen, die wahre Freiheit bringen. Morgen schon werden wir und andere mit diesen Hirten durch unsere Kanonen und Füsiliere ein letztes Wort sprechen, wenn sie's nicht vorziehen, ehrenvoll zu kapitulieren, wie die verständigen Leute im Tiefland. Laßt euch nicht stören!«

Er winkte einen Offizier heran.

»Kapitän, geht, verstärkt die Wachtposten auf den umliegenden Höhen und laßt eine Streifpatrouille aufsitzen!« Darnach wandte er sich dem neben ihm stehenden blassen Lieutenant zu und befahl kurz, mit einem Blick nach der Pfauenwirtin und ihrer Tochter: »Mein Sohn, Ihr kennt diese Frauen; sorgt für sie!«

Ruhigen Schrittes, gefolgt von seinem Stabe, machte er sich ins verlassene Kloster hinauf, in dem er mittlerweile das Hauptquartier hatte herrichten lassen.

202 Als das Heleneli aus seiner langen Ohnmacht erwachte, fand es sich halbangekleidet auf dem Bette in seinem Kämmerlein.

Unruhig, nachsinnend schaute es zur Decke empor. Wie war ihm doch? Hatte es denn nicht einen schweren Traum von Kriegsnöten und Todesgefahr durchgemacht, der dann zuletzt dennoch ein friedliches, freudvolles Ende nahm. Es tastete mit der Hand über die Bettdecke, um sich zu vergewissern, daß es wirklich im Bette liege.

Ein kurzer Aufschrei: Ihre Hand lag auf dem Krauskopf eines Mannes, und nun erkannte sie ihn im Mondschein.

»Battist, Battist, du bist's? Und alles ist wahr; ich habe es nicht nur geträumt?!«

»Kannst du mir verzeihen, Heleneli?« machte er schluchzend.

»O du Lieber, Lieber, Lieber! Gottlob und Dank in Ewigkeit; ich habe dich wieder; hier in meinen Armen habe ich dich! Was habe ich für einen Kummer um dich ausgestanden, mein Herz!« Sie küßte ihn stürmisch, immer und immer wieder, auf seinen lockigen Scheitel. Aber auf einmal fuhr sie auf: »Ist's wirklich wahr oder träume ich? Heiliger Gott, heiliger Gott!« Sie nahm seinen Kopf in beide Hände, hob sein Gesicht zu sich auf und sah ihm unverwandt in die tränenvollen Augen. »Ja, gottlob, gottlob, du bist's. Sie wollen dir nichts mehr 203 antuen, gelt? Red, red; sie wollen dir nichts mehr antuen?!«

»Nein«, sagte er aufstehend. »Komm, Liebste, schau hinab! Die Welschen feiern unsere Verlobung da unten auf dem Dorfplatz, und der General Nouvion sitzt mit unserm Freunde, dem fränkischen Lieutenant, und andern Offizieren unten in der Stube und ist recht freundlich gegen deine Mutter. Komm, Schatz, schau!«

Sie schlüpfte aus dem Bett, und eng aneinandergeschmiegt traten sie ans Fenster, stießen das Scheiblein zurück und schauten in die Nacht hinaus.

Der Vollmond stand wie eine goldene Monstranz zwischen den zwei Klostertürmen und beleuchtete die flimmernden und rauschenden Wasserspiele des Frauenbrunnens. Welsche Soldatenhorden umtanzten unter Trompetengeschmetter und Trommelschlag soeben wie toll den Brunnen und brüllten dazu das Triumphlied der Revolution, die Marseillaise.

»Glaubst du jetzt an meine Liebe, Liebster?« fragte das Heleneli.

Er preßte sie leidenschaftlich an sich und sagte demütig: »Vergib mir doch, Heleneli! Nun will ich mit tausend Freuden zu Hause bleiben und ein schlichter, fleißiger Gerber werden, wie es mein Vater selig war. Aber auch Soldat will ich bleiben, Schatz. So lang es Gott gefällt, Frieden im Lande zu halten, an deiner Seite. Wenn es aber sein muß, 204 und ich hoffe, es wird bald sein – denn dieser fränkische Kobold soll uns nicht zu lange ins Nest liegen – im blutigen Kampfe für meine Heimat, für mein Vaterland, das erst du mich lieben lehrtest!«

Sie schloß das Fenster, griff in ihr nebenan auf der Kommode stehendes Schmuckkästchen, zog ein rotes Herzchen, ihr Agnus Dei heraus und hielt es im Lichte des Mondes vor seine Augen.

»Siehst du, Battist, hier habe ich das Herzchen, das du mir schenktest, als du ein kleines Büblein warst. Schau, ich habe es mit deinen Haaren, die ich dir in der Komödie am Dreikönigenabend einst abscherte und nach deren Verlust du die wahre Kraft verlorest, umwunden. Nun aber«, sie spielte liebkosend in seinem blonden, krausen Schopf, »nun sind sie dir wieder lang gewachsen, und du bist wieder mein lieber, starker Simson geworden!«

»Freilich, freilich!« rief jetzt eine Stimme durch die halbgeöffnete Türe ins Kämmerlein. »Jetzt Simson, wenn du aber deine Haare lang behalten willst, mußt die Schere verbergen, sonst kommt dir die Delila doch wieder darüber.« Der Schulmeister Plazi trat unsicheren Schrittes, die Fuchspelzmütze schief auf dem Kopf, über die Schwelle. »Ihr sollt jetzt herunterkommen zum General in die Stube; denn nun will er euch verloben. Mich hat er«, der Alte warf sich in die Brust, »als alten Kriegskameraden zum Zeugen geladen!«

205 »Ja, dann muß ich doch fast den Schmuck umlegen«, sagte das Heleneli; »was meint Ihr, Meister Plazi?« ^

»Ja, ja, du Hochmutsnärrchen, du Hochmutsnärrchen!« machte schmunzelnd, den Drohfinger erhebend, der Alte.

Ein herzliches Auflachen ging durchs Kämmerlein.

 


 

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