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Das Hochmutsnärrchen

Meinrad Lienert: Das Hochmutsnärrchen - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Hochmutsnärrchen
authorMeinrad Lienert
year1919
firstpub1911
publisherHuber & Co.
addressFrauenfeld
titleDas Hochmutsnärrchen
pages205
created20130419
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XII.

Ein leichter Morgennebel lag über dem Walddorf Maria Einsiedeln. Aber die Doppelkreuze der großen Klostertürme stachen sieghaft daraus hervor und wurden von der Sonne des ersten Maitages vergoldet. Der verwitterte Gute Hirte auf dem Mitteltürmchen der Kirche schien über den Nebel hinweg zu laufen.

Da hoben sich die Nebelgeister und flohen mit wehenden blauen Schleppen auseinander. Die vierzehn Wasserstrudel des Frauenbrunnens blitzten in der Morgensonne.

Doch kein Büblein ließ heute durch die Rinnen des Brunnens sein Schiffchen ziehen; kein Wallfahrer trank vom Gnadenwasser, und auch das silberne Glöcklein der Gnadenkapelle, das sonst den ganzen Vormittag über das Dorf hinzitterte und zur Messe rief, blieb stille; denn die wundertätige Muttergottes wohnte nicht mehr auf ihren goldenen Wolken; sie war durch die Wildnis der Bergwälder über die Landesgrenze nach St. Gerold geflüchtet worden. Eine unheimliche Stille brütete über der Waldstatt.

Und doch hasteten die Waldleute dorfauf dorfab, in und aus den Häusern, mit Körben und Bündeln; 177 denn sie hielten sich fluchtbereit. Niemand wagte noch herzhaft auf einen Sieg des ausgerückten Landsturmes und der Truppen ob dem Zürichsee zu hoffen. Die Heere der Franken wuchsen über alle Höhen hinein; wer sollte ihnen noch widerstehen können? Aber der Schulmeister Plazi hatte dennoch die Rotten seiner jungen Waldweiber zusammentrommeln lassen. »Ich will es nun einmal mit den Weibern gegen die welschen Unchristen probieren!« meinte er mutig; »meistern sie die Mannsleute im Hause immer, so können sie's mit ihnen auch im Felde einmal gewinnen!« Doch die Jungfern waren nicht einmal zur Hälfte angerückt, und die gekommen waren, standen nun verzagt, die Vogelflinten und Hellebarden im Arm, vor dem Rathaus und dem »Roten Hut« und ließen sich, fröstelnd im kühlen Maimorgenwind, von ihrem Drillmeister zeigen, wie man die Ausfälle der feindlichen Bajonette parieren könne. Ein schwarzer Köter, der des Alten Fuchteleien auf sich bezog, bellte ihn wütend an.

»Jesus, Jesus!« schrie plötzlich ein Maitli auf und starrte gegen den Furrenrain hinauf, über den in wilden Sprüngen ein halbgewachsener Bub auf den Dorfplatz hinunterjagte.

»Die Welschen kommen, die Welschen kommen!«

Entsetzt staunten alle auf den heranstürmenden Jungen.

178 »Stillgestanden!« brüllte ihn der Schulmeister an, als er an ihm vorbeirennen wollte. »Gib rechten Bescheid! Hat's der Landsturm wirklich verspielt und kommen die Franken, oder hast du nur Gespenster gesehen?!«

»Laßt mich zur Mutter; ich muß es der Mutter sagen!« lärmte der Bub und suchte sich aus des Alten Griffen zu befreien. »Ja, die Franken kommen! In hellen Haufen kamen sie durch die Wälder herauf und schossen auf Tod und Leben. Als sich nun der Landsturm, obwohl er die große Überzahl mit Kummer sah, zur Wehre setzen wollte, erschien mit einem Male der Pfarrer unter uns und berichtete hastig, daß alle Pässe und Tore ins Land offen stehen, da die Schwyzertruppen es überall verspielt hätten. Wir sollen uns nur auch davon machen; denn aller Widerstand wäre jetzt völlig unnütz. Die Offiziere wurden verwirrt, und auf einmal lärmte es unter den Waldleuten: Wir sind verraten! Und alles stob auseinander. Die Unserigen kommen aber gleich hinter mir her, und die Welschen werden etwa auch bald nachrücken. Jetzt laßt mich los; ich muß zur Mutter!« heulte der Bub auf, riß aus und rannte ins Dorf hinein.

Jetzt tauchten auf der Höhe neben dem Friedhof einige Hellebarden, Sensen und Brandrohre auf; ein Häuflein Landstürmer zeigte sich.

Aufschreiend warfen die Jungfern ihre Waffen 179 weg und stoben auseinander, als wäre der Blitz unter sie gefahren.

Wahrhaft erschrocken schaute ihnen der alte Schulmeister nach. Als jedoch Haufen versprengter Landstürmer über den Furrenrain herabeilten, tat er einen ennetbirgischen Soldatenfluch und machte sich hurtig nach Hause.

Bald war das Dorf von wildem Lärm und lautem Jammer erfüllt. Alles floh. Die Vorsichtigeren hatten sich schon lange in die hochgelegenen Bauernhöfe, ja bis in die Alphütten hinauf verzogen. Jetzt aber machte sich alles, mit Habseligkeiten schwer beladen, in die dichten Wälder, die bis ins Dorf hineingingen, davon.

Als der Gerbebattist atemlos die Vortreppe des Pfauenhauses hinaufjagen wollte, rief ihm die Wirtin, die mit rotem Kopf an einem Fenster erschien, kurzgebunden zu, der Herr Unterlieutenant brauche sich nicht hinaufzubemühen; es sei schon alles im Hause fluchtbereit; die bresthaften Soldaten werden alle gleich herunterkommen. Er solle nur für seine Mutter sorgen.

Das habe er schon getan, rief er bedrückt hinauf; ein Knecht habe sie am frühesten Morgen zu Roß nach einem entlegenen Bauernhof gebracht.

Die Haustüre ging, und die verwundeten Soldaten stiegen, von Verwandten begleitet, die Vortreppe herunter. Fluchende Knechte und vor Angst 180 kreischende Mägde folgten mit schweren Lasten beladen.

Nach ihnen kam auch die Wirtstochter, feiertäglich gekleidet, ein Bündel in der Hand, die Stiege herab.

Der Unterlieutenant eilte auf sie zu. »Heleneli, nun müssen wir doch fliehen! Es ist himmelerdentraurig, daß es so weit kommen mußte; hätten alle Eidgenossen zusammengehalten, nie würden die Franken die beiden Mythen gesehen haben.«

»Ja, es ist ein Jammer«, sagte sie; »meine Mutter ist ganz krank vor Kummer.«

»Und du, – bist du mir noch böse von gestern?« fragte er leise, ihre Hand erfassend.

»Du weißt es wohl, Battist; ich kann dir nie böse sein.«

»Aber du schautest mich so sonderbar an, als du mich erblicktest, und dein Lächeln war wie die Sonne, wenn sie Wasser zieht. Du trägst es mir nach, was ich gestern redete.«

»Glaube mir, ich habe dich lieb, heute wie gestern; aber es hat mich traurig gemacht, daß du so reden konntest.«

»Feugite christiani, Ilium Ilion Ilios!« rief mit krächzender Stimme der lateinische Präzeptor, der mit einer Last Bücher beschwert vom Rathause her floh.

»Die Leute sehen nach uns; wir müssen jetzt 181 aufbrechen«, sagte halblaut das Mägdlein. »Schau, da kommt auch die Mutter!«

»Versprich mir heilig«, raunte er ihr leidenschaftlich zu, »daß du mich sofort rufst, wenn du dich in Gefahr glaubst.«

»Ja, wenn's mir fürchtet, werde ich dir rufen«, antwortete sie leise, in den Boden sehend.

»Heleneli«, machte er ganz unglücklich, »du trägst mir's nach; nun weiß ich's. Wie kann ich da glauben, daß du mich liebst.«

Sie lächelte ihn an; aber er schüttelte, trübe blickend, den Kopf.

Da entzog sie ihm sanft ihre Hand.

Die Pfauenwirtin war soeben aus dem Hause getreten, ein Täfelchen, das Wachsbildnis ihrer Mutter, in der Hand haltend. Seufzend tat sie die Haustüre weit auf, so daß man die für die Feinde bereitgestellten Kupfergelten voll Weines und die dabeiliegenden Speckseiten und Brote sehen konnte.

»So«, rief sie über den Zug hin, »jetzt, Herr Offizier, könnt Ihr uns fortbringen; wir wollen Euch willig folgen!«

Nun fingen die Mägde wie aufs Kommando zu heulen an; aber die strenge Ruhe der Pfauenwirtin brachte sie nach und nach zum Schweigen. Battist hatte sich zu den Soldaten begeben, um die sich ihre Angehörigen und eine große Anzahl anderer Waldleute fluchtbereit mit Sack und Pack versammelten. 182 Bald brachen sie alle miteinander nach den nahen Klosterwäldern auf.

Im Dorfe ward es still wie in einem Friedhof. Nur die Tauben girrten und schnäbelten auf dem Dachgiebel zum »Steinbock« und schwangen sich mit blitzenden Flügeln über die Schindeldächer der Waldstatt hinweg.

Im Klosterwald ob dem Dorfe hatten sich die Waldleute zusammengetan. Battist und einigen ernsthaften und beherzten Waldmännern war es gelungen, die erschreckten Leute von weiterer Flucht abzuhalten und eine Wache zu bilden, die überall beruhigen helfen und nach dem Rechten sehen sollte.

Es mochte gegen Mittag gehen; die Uhren an den Klostertürmen standen längst still; da sahen die Waldbuben, die in den Wipfeln der Tannen als Ausspäher hockten, einige Reiter auf kleinen, falben Pferden über die Brüelmatten gegen das Dorf jagen.

»Sie kommen, sie kommen!« lärmten sie, also daß Angst und Bangen wie die Schatten der Nacht über die unter den Bäumen lagernden Waldleute kamen.

»Jetzt halten sie an! – Jetzt reiten sie wieder!« schrien die Buben, mit entsetzten Augen nach den paar Reitern schauend, die nun mit gezogenem Säbel in wildem Galopp über den Dorfplatz hinunter ins Dorf hinein rasten. Und schon folgte den Reitern im Laufschritt mit gefälltem Bajonett ein Trüpplein weißhosiger Füsiliere. Beim Kirchhof machte die 183 kleine Avantgarde halt, bis sich die Spitze des unabsehbaren Zuges bunten Kriegsvolkes, der sich von der St. Gingolphkapelle gegen das Dorf wälzte, näherte. Aber als jetzt die paar Reiter wieder aus den Dorfgassen, ihre Pistolen abschießend, über den Dorfplatz nach dem Klosterhof sprengten, in dem sie verschwanden, rannte die Avantgarde des Fußvolkes vom Kirchhofe her in vollem Laufe ins Dorf herunter. Schüsse krachten; Fenster klirrten.

Die Buben, die aus ihren Tannenwipfeln alles, was vorging, so gut sahen, als spielte es sich unter ihnen auf einer Theaterbühne ab, schrien auf; denn nun wälzte sich Haufe um Haufe fremden Kriegsvolkes in die Waldstatt hinein. Ein Trompetenstoß. Die Truppenknäuel lösten sich auf, und brüllend fuhren die Soldaten in die nächsten Häuser, in die nächsten Gassen hinein und gegen das Kloster hinauf.

Doch von den nachrückenden, zum Plündern nach allen Seiten auseinanderlaufenden Mannschaften trennte sich eine kleine Reitergruppe ab und schwenkte, gefolgt von beladenen Saumrossen und deren Bedienung, auf den Frauenbrunnen zu. Dort machten sich die Reiter, deren Säbel, Federbüsche und Uniformschmuck in der Sonne leuchteten, von den Pferden, und alles lagerte sich um den Brunnen.

»Habt ihr's gesehen!« rief ein Waldbub aus seinem Tannenwipfel; »einer ist auf einem schneetaubenweißen Roß geritten!«

184 »Ja!« rief ein anderer zurück; »das ist jetzt gewiß der Bonabartli!«

Mit erschrockenen Augen staunten sie auf den Dorfplatz und ins Dorf hinunter, in dem es unheimlich still war. Nur hin und wieder klirrte und krachte es irgendwo in einer Gasse. Bald sahen sie mit Entsetzen allerlei Habseligkeiten, Stühle, Pfannen, Kochgeschirr aller Art und gar Laubbetten aus den Fenstern fliegen.

»Und dort, seht, seht!« rief ein Bub. »Dort klettern und kriechen gar ein paar weißhosige Kerle über das Dach des Hauses zum »Steinbock« nach dem Taubenschlag!« Ein Schuß krachte. »Hört ihr's, hört ihr's! Einer hat geschossen. Alle Tauben fliegen aus; alle Tauben fliegen aus!«

»Herunter, Buben!« rief der Gerbebattist in die Bäume hinauf. »Sie könnten euch doch sehen, und zudem werden wir weiter fliehen müssen. Herunter, herunter!«

Flink glitten und rutschten die Buben von den breitästigen Tannen und purzelten unter die Waldleute, die mit ängstlichen und kummervollen Gesichtern auf ihren Körben und Bündeln und im Moos herumsaßen und lagen. Die einen nahmen einen kargen Imbiß; die andern ratschlagten, und die alten Weiber ließen die Rosenkranzkügelchen gar emsig durch die Finger wandern.

Einige ratlose Räte und ihr nicht geringer Anhang verlangten durchaus die Fortsetzung der Flucht 185 in die höheren Wälder hinauf. Einige beherzte Männer jedoch wollten eine Abordnung an den eingerückten fränkischen General schicken. Battist, der Unterlieutenant, Plazi, der alte Schulmeister, und der Beinhaussigrist anerboten sich, den gefährlichen Gang zu wagen.

»Was!« fuhr des Sigristen Weib auf, ihren Gatten am Hosenbändel packend, »du solltest mir so was probieren! Lieber steigen wir in alle Schneeberge hinauf und verkriechen uns in die Gletscherspalten, bevor ich dich zu diesen Blutsäufern hinabgehen lasse. Du bleibst da!« Auch des Schulmeisters Weib hatte ihren Mann am abgeschabten königlichen Soldatenrock erwischt und schimpfte: »Ich lasse den meinigen auch nicht hinab. Ihr wißt's ja alle, was man von den Welschen berichtet, daß sie die Männer lebendig schinden und die Kindlein fressen. Du gehst mir nicht hinunter!« Und sie riß ihn also an sich, daß er wie ein Säugling in ihren Schoß zu sitzen kam.

Die Pfauenwirtin aber, der ihre Tochter während diesem Ratschlagen mit hochroten Wangen an den Ohren gelegen war, sagte jetzt laut: Es wäre frevelhaft, wenn jemand sein Leben ohne Not aufs Spiel setzen würde. Im schlimmsten Fall könne man sich doch mit Leichtigkeit durch die Wälder an den Mythen vorbei in Sicherheit bringen. Man solle aber doch erst noch zuwarten, wie sich's da unten anlasse; vielleicht daß die Franken, die im Dorf 186 gewiß keine große Beute fänden, bald wieder abziehen, da sie ja noch gegen Schwyz ziehen müßten.

Niemand widersprach ihr; alles begann sich wie zuvor zu lagern.

Der Gerbebattist jedoch, der eine Einrede tun wollte, begegnete Helenelis heißen Augen, die ihn angstvoll anstaunten; da schwieg auch er und schaute ihr nun verwundert zu, wie sie aus ihrem Bündel ein niedliches Kästchen heraushob, mit der Mutter angelegentlich flüsterte und sich dann unauffällig ins Gestäude verzog.

»Hörst du, Battist, jetzt geht die Welt wieder einmal unter«, sagte der Schulmeister Plazi, dem Unterlieutenant auf die Schulter klopfend; »der Schulherr bläst bereits die Posaune.«

Battist sah sich um. »Ja, ja«, wehklagte der Präzeptor, der mitten unter den ängstlich zuhörenden Weibern stand; »das große Tier mit den zehn Hörnern ist nicht mehr weit weg; der Drache wird uns verschlingen, und die Heuschrecken mit Menschengesichtern und spitzen Waffen werden uns peinigen, wie es geschrieben in der Offenbarung Johannis, Kap. 9, Vers 3–7. Der Untergang ist nahe; bald wird die erste Posaune ertönen!«

Erbleichend hielt er inne, und die Waldleute sahen sich erschrocken an; denn ein schmetterndes Trompetensignal hallte vom Dorf herauf. Als sich der Schulmeister Plazi nach Battist umsah, war der spurlos verschwunden.

187 Mittlerweile eilte das Heleneli flinkfüßig, ihr Schmuckkästchen im Arm, unter den rauschenden Bergtannen dahin. Aber nach und nach begann sie mit bedenklichen Augen jeden Strauch angelegentlich zu mustern und ihre Schritte sorglich in acht zu nehmen. Als gar ein schwarzes Eichhörnchen vor ihr kollernd in einen Baum hinaufschoß, trat ihr Fuß immer leiser auf. Sie schrak beim Knacken eines dürren Zweigleins zusammen und erbleichte, als sich eine Brombeerstaude an ihren Rock anklammerte. Wie wieder ein dürres Reis unter ihrem Fuße brach, lehnte sie sich an einen Baumstamm und zog, ängstlich um sich schauend, Schuhe und Strümpfe aus. Nun ging sie schier so unhörbar übers Moos wie ein Waldhexchen.

Der Wald lichtete sich, und über ihr hing ein Fels, auf dem ein verwittertes Holzkreuz stand.

Im Gestrüpp unter dieser kleinen Fluh gedachte sie ihr Schmuckkästchen zu vergraben. Strümpfe und Schuhe hatte sie schon ins feinfederige Moos gelegt, um flinker den Felsen ersteigen zu können, auf dem sie vor dem Kreuz erst noch ein Vaterunser über das Kästchen beten wollte.

Kaum aber hatte sie sich vor dem Kreuz auf die Knie geworfen, schrillten ein paar Glockenschläge durch den Wald, als ob mit Hämmern auf eine Glocke losgeprügelt würde.

Heleneli sprang auf und staunte erschrocken auf den tief unter ihr liegenden Dorfplatz hinunter.

188 Erbleichend sah sie das bunte Heer der Franken vor dem Kloster um den Frauenbrunnen lagern. Es rauchte dort wie in einer ungeheuern Küche. Ein paar Reiter hetzten eben ein großes Gehüt Schafe und Ziegen ins Lager, und ein Zug müder Pferde wurde in den Klosterhof getrieben. Jetzt gab es um den Frauenbrunnen ein großes Hallo.

»Jesus Gott!« schrie sie auf, als sie genauer hinsah, und sank zitternd in die Knie. Da unten gingen die Franken daran, den Frauenbrunnen zu zerstören. Eine hochgewachsene buntuniformierte Gestalt mit wallendem Federbusch zeigte auf den Brunnen, an dessen Säulen ein paar Soldaten emporkletterten, während andere mit blitzenden Äxten schon über die Arkaden rittlings zur vergoldeten Brunnenkrone hinaufrutschten.

Mit einem wilden Schrei schoß das Heleneli auf, glitt behende vom Felsblock, raffte das ihr hiebei entfallene Schmuckkästchen blitzgeschwind wieder an sich und jagte dann in tollen Sprüngen den Hochwald hinunter. Das Brombeergerank zerfetzte ihr Heiligtagkleid, zerkratzte ihr die Hände, und das Gedörne riß ihre bloßen Füße blutig. »Heilige Muttergottes!« stöhnte sie ineinemfort.

Plötzlich öffnete sich der Wald. Das Mägdlein lief hochklopfenden Herzens zwischen die ersten Häuser des Dorfes. 189

 

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