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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Siebente Erzählung

Ein Pariser Kaufmann täuscht die Mutter seiner Liebsten, um deren Schuld zu verhüllen.

»Zu Paris lebte ein Kaufmann, der mit der Tochter seiner Nachbarsfrau einen Liebesbund hatte. Richtig gesagt, liebte sie ihn bei weitem mehr, denn er sie. Zwar stellte er sich ihr sehr zugetan und verhätschelte sie, doch barg er dahinter seine Liebe zu einer hochgestellten Frau. Und sie ließ sich gern betrügen, denn sie hing so an ihm, daß sie schier vergessen hatte, wie ein Weib die Männer abzuweisen vermag.

Nachdem besagter Kaufmann sie lange Zeit hindurch aufgesucht hatte, ließ er sie später einfach dahin kommen, wohin es ihm behagte. Das bemerkte ihre Mutter, und da sie eine äußerst sittenstrenge Frau war, so verbot sie ihrer Tochter, jemals wieder von dem Kaufmann zu reden, widrigenfalls sie in ein Kloster gesteckt würde. Die Tochter aber liebte den Kaufmann mehr, als die Mutter vermutete, und suchte lieber denn je seinen Umgang.

So traf es sich eines Tages, daß sie allein in der Kleiderkammer weilte. Unversehens trat der Kaufmann ein, und da ihm die Gelegenheit günstig schien, hub er sogleich an, ihr ohne jede Scheu gar schön zu tun, wie er nur vermochte. Doch hatte ihn ein Stubenmädchen eintreten sehen, lief schnell zu der Mutter und hinterbrachte es ihr. Die kam zorngeschwellt eilends herbei. Als die Tochter sie nahen hörte, rief sie weinend: ›Weh' mir, Geliebter, diese Liebesstunde werde ich teuer bezahlen. Nun kommt meine Mutter und wird sehen, daß ihr Argwohn berechtigt war.‹

Der Kaufmann verlor dadurch keineswegs die Fassung. Stracks ließ er von ihr ab, eilte der Mutter entgegen, umfing sie, herzte sie aus Leibeskräften, und während er sie auf ein Ruhebett warf, ging er sie mit all der Glut an, die er eben der Tochter zu spüren gegeben hatte. Die Alte fand sein Beginnen so seltsam, daß sie kaum die Worte auszustoßen vermochte: ›Was wollt Ihr nur? Seid Ihr bei Trost?‹ Doch ging er ihr unbeirrt weiter zu Leibe, als wäre sie das schönste Mägdelein der Welt. Und hätte sie nicht am Ende so laut geschrien, daß die Dienerschaft herbeigelaufen kam, gewißlich wäre ihr der Fehltritt begegnet, um den sie bei ihrer Tochter so in Ängsten war. So aber ward sie schier mit Gewalt aus des Kaufmanns Armen befreit, und niemals konnte die arme Alte je erfahren, warum er ihr derart zugesetzt hatte. Doch hatte sich indessen die Tochter in ein Nachbarhaus geflüchtet, wo man gerade ein Fest beging. Und oft hat sie später mit dem Kaufmann über diese Geschichte gelacht, hinter welche die getäuschte Alte niemals gekommen ist.

Das ist ein Beispiel dafür, meine Damen, wie eines Mannes Verschlagenheit eine alte Frau hinters Licht führte und die Ehre eines jungen Weibes rettete. So mag auch die Geistesgegenwart eines Mannes im Notfalle recht von Nutzen sein und wohl für eure Ehre sorgen, falls ihr je den Kopf verlieren solltet.« Longarine warf aber sogleich ein: »Gewiß ist das alles recht vergnüglich und schlau gedreht. Doch kann ein Mädchen sich das kaum zum Beispiel nehmen. Mögt es auch manchen als beherzigenswert hinstellen: wäret Ihr auch so dumm, zu wünschen, daß Eure Frau oder die Dame Eures Herzens solches Spiel triebe? Ich glaube, niemand würde ihnen scharfer auf die Finger sehen und strenger Ordnung stiften als Ihr.« – »Ich glaube vielmehr, wenn jene etwas derart ausführten und ich wüßte nichts davon, so würde ich sie darob nicht minder schätzen. Und ich weiß noch gar nicht, ob es nicht Vorfälle gibt, die mich aller Zweifel enthöben, wenn ich sie erführe.« Nun konnte Parlamente nicht mehr schweigen: »Ein schlimmer Kerl muß eben allezeit mißtrauisch sein. Glücklich ist nur der Mann, dem nie Grund zum Verdacht gegeben wurde.« Und Longarine meinte: »Kein Feuer ohne Rauch, doch wie oft Rauch ohne Feuer! Nicht minder oft argwöhnt der Schlechte Böses, wo es nicht ist, als da wo es ist.« – »Wahrhaftig!« rief Hircan. »Gut gesprochen! Und da Ihr der Frauen Ehre gegen falschen Argwohn so trefflich zu schützen wißt, ergreift das Wort – doch ohne Tränenseligkeit, wie etwa Frau Oisille – zum Lobe fraulicher Sittsamkeit.«

Und lachend hub Longarine also an: »Wenn ich euch denn meiner Gewohnheit nach erheitern soll, so mag dies nicht auf Kosten der Frauen geschehen. Vielmehr werdet ihr schauen, wie gern bereit das Weib zum Truge ist, wenn die Eifersucht sie packt, und wie schlau sie dann ihren Mann zu täuschen weiß.«

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