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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Sechste Erzählung

Wie schlau ein Weib verstand, den Liebhaber entrinnen zu lassen, derweilen ihr einäugiger Mann die beiden abzufassen vermeinte.

»Bei Karl, dem letzten Herzog von Alençon, stand ein Kammerdiener in Sold, der ein Auge verloren hatte. Der war mit einer weitaus jüngeren Frau verheiratet. Doch seine Herrschaft schätzte ihn so sehr und vermochte ihn so wenig zu entbehren, daß er bei weitem nicht so oft bei seinem Weibe zu weilen vermochte, als er wohl begehrte. Das führte am Ende dazu, daß diese ihrer Pflicht und Sittsamkeit vergaß und einem jungen Edelmann ihr Herz schenkte. Mit der Zeit ward darob so viel und laut gemunkelt, daß es ihrem Mann zu Ohren kam. Der glaubte erstlich nicht daran, weil sie ihm allezeit so gar viel Liebe erzeigte. Am Ende aber beschloß er eines Tages, sie zu erproben, und wenn es ginge, sich an dem zu rächen, der ihm solche Schande antat.

Zu dem Behufe gab er vor, für zwei bis drei Tage über Land zu gehen. Kaum war er fort, so ließ die Frau ihren Liebsten holen. Doch der weilte kaum eine halbe Stunde bei ihr, da kam der Mann zurück und pochte kräftig an die Tür. Sie erkannte ihn wohl und sagte das ihrem Schatz. Der Edelmann fiel schier aus allen Wolken, wünschte sich ans Ende der Welt und verfluchte sie und ihre Liebe, die ihn nun derart in Gefahr gebracht hatten. Doch sie beruhigte ihn und versprach, ihn sonder Schimpf und Schaden entwischen zu lassen, dafern er sich nur möglichst schnell wieder ankleidete.

Derweile pochte der Edelmann immer weiter an der Tür und rief sein Weib, so laut er konnte. Sie aber tat, als erkennte sie ihn nicht, und sagte laut zu dem Hausknecht: ›Steh' auf, und bring die Leute draußen zur Ruhe! Ist das etwa eine Zeit, in anständiger Leute Haus zu kommen? Wäre mein Mann da, der würde schon für Ordnung sorgen.‹ Als ihr Mann ihre Stimme vernahm, schrie er aus Leibeskräften: »Liebe Frau mach doch auf! Wie lange soll ich denn hier noch warten?!« Da sie nun sah, daß ihr Liebster schon bereit war, hinauszuschlüpfen, antwortete sie ihrem Mann: ›Wie bin ich froh, du teurer Mann, daß du zurück bist. Soeben träumte mir ein gar wundersamer Traum, der machte mich ganz unbeschreiblich glücklich, mir deuchte, du habest deines zweiten Auges Sehkraft wieder.‹

Und damit fiel sie ihm wohl um den Hals, herzte ihn, nahm seinen Kopf und schloß das gesunde Auge mit der einen Hand: ›Siehst du besser jetzt als früher?‹ fragte sie. Und während er auch nicht den leisesten Schimmer gewahrte, ließ sie den Liebsten flugs hinausgleiten. Ihr Mann jedoch begriff sehr wohl den Trug und sprach: ›Bei Gott, du schlimmes Weib, dir werde ich nimmermehr auflauern. Denn da ich dich zu hintergehen vermeinte, hast du mich selbst gar listig übertölpelt. So mag Gott dich zur Einsicht bringen, denn gegen soviel Trug ist ein Mann machtlos, der nicht töten will. Doch da meine Fürsorge dir nicht zu Herzen ging, so mag dir meine Verachtung nunmehr eine Strafe sein.‹ Mit diesen Worten ließ er sie in tiefster Verzweiflung stehen, und nur die Tränen und Bitten ihrer Verwandten führten schließlich eine Aussöhnung herbei.

»So seht ihr, meine Damen, durch was für schlaue Ränke ein Weib einer Gefahr zu entgehen weiß. Gewißlich sollte eine Frau für gute Zwecke um so erfindungsreicher sein.«

»Mir scheint,« meinte nun Hircan, »jede möchte lieber eine Überraschung vermeiden, statt ein Gerücht bekannt werden zu lassen?« – »Am Ende«, unterbrach ihn Nomerfide, »wird soviel Trug die Gesellschaft zu Schaden bringen, gleich einem Hause, das den Unterbau überlastet und eindrückt. Doch vielleicht meint Ihr gar, die Verschlagenheit der Männer sei den Frauen überlegen. Wenn Ihr davon ein Stücklein wißt, so gebe ich Euch gern das Wort; und sprecht Ihr von Euch selbst, so kann man wohl auf etwas Neckisches gefaßt sein.« »Ich will mich gar nicht schlechter machen als ich bin,« entgegnete Hircan. »Das besorgen schon andere für mich, mehr als mir lieb ist.« Und damit blickte er auf seine Frau. Die sprach sogleich: »Fürchtet Euch nur nicht, vor mir die Wahrheit zu sagen. Lieber höre ich Eure Streiche erzählen, als sie vor meiner Nase zu erleben – obgleich auch das meine Liebe nicht mindern würde.«

Hircan erwiderte: »Ich glaube, wir kennen uns beide gut genug. Doch mag ich nichts von mir erzählen, das Euch etwa Kummer schaffen könnte. So will ich vielmehr das Erlebnis eines meiner Freunde berichten.«

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