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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 77
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Neunundsechzigste Erzählung

Ein Italiener läßt sich von der Zofe nasführen, also daß die Frau ihren Mann statt der Magd beim Mehlbeuteln findet.

»Im Schloß Doz in Bigorra lebte ein königlicher Stallmeister, Karl mit Namen – ein Italiener, der mit einer wohlhabenden, ehrengeachteten Frau verheiratet war. Nachdem selbige ihm aber mehrere Kinder geschenkt hatte, war sie stark gealtert. Und da auch er nicht mehr zu den Jüngsten rechnete, lebten beide in Frieden und Freundschaft. Allerdings koste er bisweilen mit den Mägden, aber sein Weib tat, als merke sie nichts, und wenn dann eine zu vertraulich wurde, entließ sie dieselbe einfach in aller Stille.

So nahm sie eines Tages wieder einmal eine neue an, ein gutes, kluges Mägdelein; dem setzte sie gleich die Launen und Gelüste des Hausherrn auseinander und kündigte ihm an: wenn es zu Ungehörigkeiten käme, flöge es hinaus. Die Magd wollte gern in Ehren im Dienst bleiben und beschloß daher wohlanständig zu bleiben. Und ob nun auch der Herr ihr manch verführerischen Antrag machte, so ging sie darauf nicht ein, erzählte vielmehr alles ihrer Herrin, und beide vergnügten sich dann im Gedanken an seine Torheit.

Einst nun war die Magd im Hinterzimmer, hatte ihre Kappe auf (die nach Landessitte einer Taufkappe glich, nur daß sie Schultern und Körper von hinten bedeckte) und beutelte Mehl. Da kam der Hausherr an und bedrängte sie alsbald gewaltig. Sie wäre ums Leben nicht darauf eingegangen, stellte sich aber willfährig und bat nur, erst nachschauen zu dürfen, ob die Herrin wohl beschäftigt sei, damit die beiden dann nicht überrascht würden. Und da er dem zustimmte, bat sie ihn, derweile die Kappe aufzusetzen und weiter zu beuteln, auf daß die Herrin allezeit das Geräusch des Beutelns höre. Auch das tat er in der fröhlichen Hoffnung, alsbald seinen Wunsch erfüllt zu bekommen.

Die Magd aber, die keineswegs trüber Laune war, lief flugs zu ihrer Herrin und rief: ›Kommt und seht den guten Herrn an, dem ich das Mehlbeuteln beigebracht habe, um ihn los zu sein.‹ Die Frau sputete sich gewaltig, um die neue ›Magd‹ zu sehen und als sie nun ihren Gatten mit der Kappe und dem Mehlbeutel erblickte, hub sie mordsmäßig an zu lachen, klatschte in die Hände und konnte nur rufen: ›Schmutzfink, wieviel Monatslohn willst du für deine Arbeit?!‹

Als der Mann ihre Stimme erkannte und inne ward, daß man ihn angeführt hatte, warf er das ganze Zeug zur Erde, stürzte sich auf die Magd und hätte ihr sicherlich den Spaß schlimm heimgezahlt, wenn die Frau sich nicht dazwischengeworfen hätte. Am Ende jedoch söhnte sich alle drei aus und lebten fortan ohne Hader und Streit.

Was denkt ihr nun von dieser Frau? War es nicht sehr klug von ihr, sich mit der Kurzweil ihres Mannes die Zeit zu vertreiben?«

»Solch ein Fehlschlag war doch für den Mann keine Kurzweil,« entgegnete Saffredant. – »Immerhin tat er vernünftiger, mit seinem Weib zu lachen,« meinte Emarsuitte, »statt sich in seinem Alter mit Mägden aufzureiben.« – »Mir wäre es recht peinlich mit solcher Kappe abgefaßt zu werden,« lachte Simontault. Parlamente erwiderte flugs: »Ich habe mir sagen lassen, daß es nur an Eurer Frau lag, wenn sie Euch nicht in ähnlichen Lagen betraf!« – »Schaut in Eurem Hause nach,« entrüstete sich jener, »mein Weib hatte keinen Grund zu klagen, und wäre ich selbst derart gewesen, wie Ihr sagt, so kümmert sie sich doch nur um das, was ihr nahe geht.« – »Den ehrenwerten Frauen geht nur die Liebe zum Gatten nahe, die allein sie befriedigen kann,« antwortete Longarine. Wenn sie in diesem Rahmen keine Befriedigung findet, muß sie gar mit unersättlicher Fleischeslust erfüllt sein.« – »Wahrlich, da erinnert Ihr mich an eine schöne wohlvermählte Frau,« erklärte Oisille, »die in Ermangelung solch ehrenwerter Gefühle sich unter das gemeinste Tier erniedrigte und zudem grausamer wurde denn ein reißender Löwe.« – »Bitte erzählet uns das, um den Tag zu beenden,« bat Simontault. – »Das kann ich aus zwei Gründen nicht,« entgegnete jene, »denn erstens ist die Geschichte sehr lang und außerdem wurde sie schon von einem glaubwürdigen Verfasser niedergeschrieben. Wir aber wollten nichts berichten, das schon veröffentlicht worden ist.« – »Das ist wahr,« sagte Parlamente. »Aber da ich wohl errate, welche Geschichte Ihr meint, so muß ich erwidern, daß selbige in so altertümlicher Sprache abgefaßt ist, daß außer uns beiden wohl niemand sonst hier sie kennt. Drum kann sie wohl als neu gelten.«

Und alsbald begann die ganze Gesellschaft Oisille zu bitten, sie möge doch, ungeachtet der Länge, den Fall erzählen, maßen sie noch eine gute Stunde vor sich hätten. Darob hub endlich jene also an:

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