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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 75
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Siebenundsechzigste Erzählung

Von der grenzenlosen und doch sittenstrengen Liebe einer Frau in fremden Landen.

»Roberval machte einst als vom König ernannter Schiffshauptmann eine Seefahrt nach Kanada. Dort sollte er, falls das Klima es erlaubte, längere Zeit bleiben und Städte und Schlösser erbauen lassen, was er bekanntlich trefflich in die Wege leitete. Um das Christentum dort zu verbreiten, nahm er allerlei Handwerker mit, darunter einen, der in seiner Elendigkeit seinen Herrn verriet und fast den Eingeborenen auslieferte.

Gott aber fügte, daß sein Verbrechen an den Tag kam und der Hauptmann vor Schaden bewahrt wurde. Der ließ den Verräter ergreifen, um ihn nach Verdienst strafen zu lassen. Das wäre schnell geschehen, wenn nicht sein Weib dagewesen wäre, das ihm, den Gefahren der Seefahrt zum Trotz, gefolgt war und ihn auch im Tode nicht verlassen wollte. Mit heißen Tränen bat sie den Hauptmann und seine Gefährten, aus Mitleid und zum Lohn für ihre Dienste ihr einen Wunsch zu erfüllen und ihren Mann mit ihr auf einer kleinen Insel auszusetzen, wo nur wilde Tiere hausten. Der gestand ihr das zu und gab ihnen das Nötigste dabei mit.

Als die Ärmsten sich nun dort mit den wilden Tieren allein befanden, hatten sie keine andere Zuflucht als Gott allein, auf den die Frau all' ihre Hoffnung setzte. Unaufhörlich las sie das Neue Testament und im übrigen erbaute sie mit ihrem Mann ein notdürftiges Häuschen. Vor den Löwen und sonstigen Tieren, die ihnen nahten, um sie zu fressen, verteidigten sie sich, er mit der Armbrust, sie mit Steinen, und oft erlangten sie derart sogar gutes Wildbret. Auf die Dauer aber konnte der Mann dies Leben nicht ertragen; ob der Kräuter, die er zumeist aß, und des Wassers schwoll er auf und starb am Ende bald darauf. Sein Weib war sein einziger Trost, sein Arzt und sein Beichtiger. So entschwebte er froh in die seligen Gefilde.

Die Ärmste, die nun allein blieb, begrub ihn, so tief sie konnte. Zwar witterten die Bestien doch seinen Leichnam und nahten sich, aber sie bewahrte die Gebeine ihres Mannes vor ihnen, indem sie aus der Hütte auf sie mit der Armbrust schoß. So lebte sie, äußerlich wie ein Tier, innerlich wie ein Engel, und verbrachte ihre Zeit unter Gebet und frommer Betrachtung, so daß zwar ihr Leib abmagerte und schier abstarb, ihr Geist aber froh und zufrieden blieb.

Da fügte es Gott in seiner Barmherzigkeit, damit ihr Ruhm bekannt würde, daß nach einiger Zeit ein Schiff jener Flotte an der Insel vorbeikam. Die Bemannung erblickte das Weib, dessen sich einige noch erinnerten, und so beschlossen sie nachzuschauen, was dort geworden war. Als die Ärmste das Schiff nahen sah, ging sie bis zum Meeresstrande entgegen, empfing jene, pries Gott und führte sie zu der jämmerlichen Hütte, wo sie ihnen zeigte, wie und wovon sie gelebt hatte. Also wurden die Leute inne, daß sich hier schier Unmögliches begeben hatte und Gott sehr wohl seine Diener auch in der Wüste speisen könne wie beim herrlichsten Gelage.

Als sie dann daheim im Lande die Treue und Ausdauer dieser Frau bekanntmachten, ward sie von den edlen Damen in hohen Ehren aufgenommen. Die vertrauten ihr den Unterricht in Lesen und Schreiben bei ihren Töchtern an, und so gewann sie ehrsam ein reichliches Einkommen. Doch hatte sie nur den Wunsch, jeglichen zur Liebe und zum Vertrauen zu Gott anzuhalten, und erwies, wie er in ihrem Falle so große Barmherzigkeit bewiesen hatte.

Nun könnt ihr nicht mehr sagen, meine Damen, daß ich die Tugend nicht preise, die Gott euch gab und die in solch unscheinbarem Wesen doppelt prangt.«

»Wirklich« meinte Oisille, »alle Tugend kommt von unserm Herrn und Heiland. Doch müssen wir der Gerechtigkeit die Ehre geben und gestehen, daß gleich den Frauen auch die Männer zu solch gottgefälligem Tun geschaffen sind.« – »Wie dem auch sei,« rief Longarine, »jene Frau war sehr zu preisen, auch ob der Liebe zu ihrem Manne, für den sie all das auf sich nahm.« – »Ich glaube, jede Frau hier hätte gleichermaßen gehandelt,« entgegnete Emarsuitte. – »Mir scheint,« spottete Parlamente, »manche Ehemänner sind so arge Tiere, daß es nach einem Leben mit ihnen nicht so seltsam ist, unter jenen zu leben.«

Emarsuitte bezog das auf sich und erwiderte: »Wenn die Tiere nicht beißen, so sind sie unterhaltsamer als zornige und unerträgliche Männer. Ich meinesteils würde aber, wie ich sagte, meinen Mann vor solcher Gefahr auch im Tode nicht verlassen.« – »Hütet Euch,« rief Nomerfide, »auf daß solche Liebe nicht Euch und ihn betöre. Überall gibt es einen Mittelweg; wer den nicht kennt, verwandelt oft Liebe in Haß.« – »Das sagt Ihr, scheint mir, weil Ihr ein Beispiel dafür wißt,« sprach Simontault. »Wenn dem so ist, nehmt bitte meine Stelle an.«

»Nun denn,« hub jene an, »so will ich auch meiner Gewohnheit nach ein kurzes aber fröhliches Stücklein berichten.«

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