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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 74
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Sechsundsechzigste Erzählung

Erquickliche Geschichte, die dem Königspaar von Navarra widerfuhr.

»In dem Jahr, da der Herzog von Vendôme die Prinzessin von Navarra heiratete, begab sich das Paar mit den königlichen Eltern nach Guyenne. Auf der Reise kamen sie in das Haus eines Edelmannes, daselbst sich viele schöne junge Damen befanden. Mit diesen wurde so viel getanzt, daß das Brautpaar sich am Ende ermattet in sein Gemach zurückzog und bei geschlossenen Türen und Fenstern auf dem Bett einschlief, ohne sich ausgekleidet oder jemanden zur Wache gerufen zu haben.

Aber just als beide im tiefsten Schlafe lagen, hörten sie von außen die Tür öffnen. Der Fürst blickte durch den Bettvorhang, wer das sein könne, da er vermutete, vielleicht wolle ihn einer seiner Freunde überraschen. Da sah er eine alte, hochgewachsene Kammerfrau eintreten, die stracks auf das Bett zuging, ohne die beiden ob der Dunkelheit zu erkennen. Vielmehr hub sie an, sobald sie selbige beieinander ruhen sah, gewaltiglich zu schelten und zu schreien: ›Ei, du böses Ding, du verworfene, gemeine Dirne – Längst schon hab' ich das geargwöhnt. Aber bis jetzt konnte ich dir nichts beweisen, darum hatte ich der Herrin nichts gesagt. Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe. Und du, schlechter Kerl, du hast Schimpf und Schande über das Haus gebracht. Du hast diese arme Dirn' verführt, und wenn nicht ein Gott im Himmel wäre, so würde ich dich totschlagen, so wie du da liegst! Steh' auf! Bei allen Teufeln, steh auf! Schämst du dich denn gar nicht?‹ Der Herzog von Vendôme und die Prinzessin wollten diese Reden noch recht lange dauern lassen. Darum bargen sie ihre Gesichter in den Kissen und lachten dabei so laut, daß sie nicht ein Wort sagen konnten. Als nun die Kammerfrau inne ward, daß jene sich trotz ihrer Aufforderung nicht rührten, trat sie näher herzu, um sie beim Arm oder Bein aus dem Bett zu zerren. Aber nun erkannte sie an den Gesichtern oder den Kleidern, daß es nicht die Gesuchten waren, warf sich in der Erkenntnis ihres Irrtums auf die Knie und bat sie flehentlich, ihr zu verzeihen, daß sie durch ihr Versehen ihnen die Ruhe gestört hatte. Der Herzog aber wollte mehr wissen, stand auf und ersuchte die Alte ihm zu sagen, für wen sie das Paar gehalten habe. Dessen weigerte sie sich anfangs. Endlich aber, nachdem er ihr versprochen hatte, nichts weiterzuerzählen, erklärte sie, es sei hier eine junge Dame im Hause, in die der Verwaltungsvorsteher verliebt sei. Längst schon laure sie den beiden auf, da sie unwillig sei, daß ihre Herrin einem Mann vertraue, der das Haus entehre.

Dann ging sie hinaus und schloß die Tür, so wie es vorher gewesen war. Das fürstliche Paar aber lachte noch lange Zeit über diesen Fall, und nie, wenn sie die Geschichte erzählten, wollten sie die Namen der Personen nennen.

So ging es der Alten, die Gerechtigkeit üben wollte und am Ende fremden Fürstlichkeiten etwas enthüllte, wovon niemand im Hause eine Ahnung hatte.«

»Ich glaube zu wissen, um wen es sich handelt,« meinte Parlamente. »Der Vorsteher gehörte gar mancher Verwaltung an; und wenn er der Herrin Gunst nicht erlangen konnte, ließ er es sich an den jungen Damen wohl sein. Immerhin war er ein anständiger Mensch.« – »Warum sagt Ihr ›immerhin‹?« fragte Hircan. »Ob solcher Handlungsweise hat er sich doch sicherlich gerade hochgeschätzt.« – »Ich sehe, Ihr kennt die Krankheit und den Kranken,« entgegnete jene. »Wenn er Verteidigung braucht, fehlt es ihm also nicht an Advokaten. Ich würde mich aber keinem anvertrauen, der seine Sachen so schlecht führt, daß die Kammerfrauen Wind bekommen.« – »Als ob sich die Männer daran stören, daß jemand ihre Streiche merkte lachte Nomerfide.« Hircan aber erwiderte zornig: »Das sagt noch keineswegs, daß sie alles ausplaudern, was sie wissen.« Darob errötete jene und sprach: »Vielleicht tun sie es nicht, wenn es sie herunter setzt.« Simontault aber meinte: »Wenn man uns reden hört, könnte man meinen, wir Männer hätten Freude daran, die Frauen schlecht zu machen. Darum will ich nun just etwas recht Gutes von ihnen erzählen, damit ich nicht gleich den andern für ein Lästermaul gelte.« – »So tretet an meine Stelle,« sprach Emarsuitte, »überwindet Eure Natur und erfüllet uns zu Ehren Eure Pflichten.« Alsbald hub Simontault also an:

»Tugendsame Geschichten über euch, meine Damen, sind an sich nichts Neues. Hört man aber einmal eine, so sollte man sie doch nicht verbergen, sondern mit goldenen Lettern niederschreiben, um den Frauen ein Beispiel, den Männern Gelegenheit zur Bewunderung dafür zu geben, wie das schwache Geschlecht seine Schwäche überwinden kann. Dieserthalben will ich nun eine Geschichte berichten, die ich vom Hauptmann Roberval und seinen Gefährten hörte.«

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