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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 72
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Vierundsechzigste Erzählung

Ein Edelmann wird Mönch, weil sein Heiratsantrag verschmäht wird; darob unterzieht sich die Geliebte der gleichen Buße.

»Zu Valencia lebte ein Edelmann, der fünf oder sechs Jahre lang ein Mägdelein so rein und aufrichtig liebte, daß Ehre und Gewissen der beiden ungetrübt blieben. Denn vernünftigerweise begehrte er sie zum Weibe, maßen er schön, reich und edelgeboren war und sie auch zuvor um ihre Meinung befragt hatte, ehe er ihr den Hof machte. Sie aber hatte sich zur Heirat bereit erklärt, sofern ihre Freunde damit einverstanden wären. Diese wiederum befanden, als sie sich zur gemeinsamen Besprechung versammelten, diese Ehe sei durchaus ratsam, wenn das Mägdelein dazu Lust habe.

Mochte die junge Dame nun aber auf eine bessere Partie hoffen oder wollte sie nur ihre Gefühle verhehlen – kurz, sie machte Schwierigkeiten also daß die Versammelten davongingen mit dem Bedauern, daß diese so vernünftige Angelegenheit zu keinem Schlusse gekommen war. Der Jüngling aber ergrimmte. Wäre die Ablehnung nicht von ihr, sondern von den Verwandten ausgegangen, so hätte er sein Leid geduldig ertragen. Da er jedoch die wahre Ursache erfuhr, verließ er zu Tode betrübt sein Haus, ohne jemandem ein Wort zu sagen, ordnete nur kurzerhand seine Angelegenheiten und zog sich in die Einsamkeit zurück, um seine Neigung zu vergessen und seine Gefühle unserm Herrn Jesus Christus zuzuwenden. Und derweile ließ er weder jener Dame noch den Seinen Nachrichten zukommen.

Endlich entschloß er sich – maßen er das erträumte Glück nicht hatte erlangen können – das strengste und entsagungsvollste Leben zu erwählen, und ward so voller Verzweiflung Mönch in einem Franziskanerkloster, das unweit der Güter seiner Verwandtschaft lag. Als selbige von seiner Verzweiflung hörten, suchten sie ihn von seinem Entschluß abzubringen. Aber alles war vergebens und da sie nun wußten, wer an allem schuld war, bedachten sie, dort den Heiltrank zu holen und begaben sich zu der Urheberin seiner plötzlichen Frömmigkeit.

Die Dame ward ob dieses Mißgeschicks erschreckt und betrübt. Sie sagte sich, daß ihre Ablehnung doch nur den Zweck gehabt hatte, ihn einige Zeit zu prüfen. Und da sie ihn gar nicht verlieren wollte, erkannte sie, wie dringend die Gefahr war, und sandte ihm eiligst einen Brief, der – soweit er sich übersetzen ließ – folgendermaßen lautete:

›Da man an Liebe, die sich standhaft preist,
Nur glauben kann, wenn sie sich so erweist,
So wollte ich sie erproben durch die Zeit,
Weil, ach, mein Herz nur allzusehr bereit.
Den Gatten sucht ich, trauter Liebe voll,
Der auch im Harren nimmer wanken soll.
So bat ich denn die Meinen, den Entschluß,
ob dieses feste Band sich knüpfen muß,
Hinauszuziehn auf ein Jahr oder zwei,
Damit es dann auch wahrhaft haltbar sei.
Ach, nur der Tod kann ja solch' Bündnis lösen. –
Darum mit guten Worten nicht noch bösen
Wies ich Euch ab: Euch war ich zugetan,
Nie sah ich einen andern huldreich an!

Doch weh', welch schlimme Kunde zu mir kam:
Ihr ginget ohn' ein Wort, wie ich vernahm,
In eines Klosters düstre Einsamkeit.
Wie schuft Ihr mir da bittres Herzeleid!
Nun muß ich den, der dieser Welt erstarb,
Umwerben, wie er einstens mich umwarb.
So hört denn, teurer Freund: dies Erdenleben
Kann ohne Euch mir keine Freuden geben.
Ihr seid mein Leben, Ihr mein ganzes Glück –
So schaut Euch um und kehrt zu mir zurück.
Laßt Eure Kutte, fliehet Weh und Pein:
Wir wollen nun in Eintracht glücklich sein.
Ihr habt es oft ersehnt – so mag's geschehn.
Kein Glück kann je ob trüber Zeit vergehn.
Euch wahrt' ich mich und Eurem heiß' Begehren
So mögt Ihr denn alsbald zurücke kehren.
Laßt Euch nicht fürder mehr von Trübsal quälen:
Zu heil'ger Ehe woll'n wir uns vermählen.

Genug der Prüfung! Froh erkannt' ich nun,
Welch' Tugenden in Euerm Herzen ruhn,
Wie standhaft Ihr, getreu und voll Geduld.
So schenke ich Euch denn all' meine Huld;
Will Euch nunmehr auch meine Liebe zeigen:
So kommt und nehmt, was längst schon Euer Eigen!‹

Dieser Brief wurde dem Edelmann von einem Freund gebracht, der all seine Überredungskünste aufbot. Aber der edle Mönch antwortete mit gar trauriger Fassung und vergoß so viele Tränen, als wollte er jenen Brief schier ertränken. Und er sprach: Die Unterdrückung seiner Leidenschaft habe ihn so viel gekostet, daß er darob die Lust zum Leben und die Furcht vor dem Tode verloren habe. Darum bäte er die Urheberin seiner Leiden, ihn nun fürder nicht mehr zu quälen, sondern sich abzufinden und ihm auch keine Botschaften mehr zu senden. Denn die Erinnerung an ihren Namen sei allein für ihn schon eine unerträgliche Pein.

Mit dieser traurigen Antwort kehrte der Freund wieder heim und teilte der Dame alles mit. Die konnte gar nicht daran glauben, und in ihrer Liebe, die niemals die Hoffnung aufgibt, kam ihr der Gedanke: Wenn er sie sähe und mit ihr spräche, so würde sie mehr erreichen als mit Briefen. Darum ging sie mit ihrem Vater und ihren nächsten Verwandten herrlich geschmückt in jenes Kloster, wo sie um die Vesperstunde anlangte und ihn in eine Kapelle rufen ließ.

Da er nicht wußte, wer nach ihm fragte, begab er sich ahnungslos zu dem schwersten Kampfe, den er je zu bestehen hatte. Als er so bleich und abgezehrt eintrat, erkannte sie ihn schier nicht mehr. Doch seine Anmut hatte sich nicht gemindert, und von Liebe überwältigt streckte sie schon die Arme nach ihm aus, als ihr Herz plötzlich vor Mitleid beinah stillstand, also daß sie bewußtlos zu Boden sank. Der arme Mönch war christlicher Nächstenliebe nicht entfremdet; so hob er sie auf und geleitete sie auf einen Sitz in der Kapelle. Und obgleich er selbst nicht minder des Beistandes bedurfte, unterdrückte er alle Leidenschaft, festigte sein Herz in der Liebe zu Gott gegen alle Versuchungen und schien also nichts von ihrer Schönheit zu gewahren.

Als sie wieder zu sich kam, heftete sie einen klagenden Blick ihrer schönen Augen auf ihn, der wohl einen Stein hätte rühren müssen, und begann, ihn mit wohlgesetzten würdigen Worten zu überreden. Doch er erwiderte ihr voll Tugend und Selbstbeherrschung; da aber schließlich sein Herz ob ihrer Tränen weich wurde, da flüchtete er vor Amor, der doch sein Herz so lange gepeinigt hatte und nun einen neuen tödlichen Pfeil in sein Herz bohren wollte, und vor seiner Freundin, maßen er weiter keinen andern Ausweg wußte.

Nachdem er sich in seine Zelle eingeschlossen hatte, bedachte er, daß er die Ärmste doch nicht ohne Antwort lassen könne, und schrieb einige wenige Worte nieder, die mir spanisch so schön und tiefsinnig erscheinen, daß ich sie nicht übersetzen will, um ihnen ihre Anmut nicht zu rauben. Die sandte er durch einen Novizen zu der Dame, die noch in der Kapelle weilte und so verzweifelt war, daß sie gern dort geblieben wäre, wenn sie Franziskaner-Nonne hätte werden können. Da sie nun seine Worte las, die da lauteten: ›Volvete dond veniste, anima mi, que en las tristes vidas es la mia‹, so ward sie inne, daß ihr nun alle Hoffnung geraubt war, entschloß sich, seinen und ihrer Freunde Rat zu befolgen, und kehrte nach Hause zurück. Dort führte sie fortan ein so trübseliges Leben, daß es dem strengen Klosterleben ihres Freundes völlig glich.

So könnt Ihr sehen, welche Rache jener Edelmann an seiner harten Geliebten nahm, die ihn mit ihrer Prüfung in Verzweiflung stürzte, also daß sie ihn am Ende nicht mehr erringen konnte.«

»Wie bedauerlich,« meinte Nomerfide, »daß er die Kutte nicht ließ und jene heiratete. Sicherlich wäre das eine vollkommene Ehe geworden.« – »Mir scheint, er war sehr klug,« entgegnete Simontault, »denn wer sich eine Ehe wohl überlegt, wird sie nicht minder trübselig finden denn das Klosterleben.« – »Ich glaube,« spottete Hircan, »wenn sie ihm ihre Freundschaft ohn' jede Pflicht und Kette angeboten hätte, so würde er darob alle Fesseln abgestreift haben. So aber bot sie ihm statt des Fegefeuers eine Hölle. Daher war er sehr vernünftig, sie abzulehnen.« – »Bei Gott,« rief Emarsuitte, »wie viele wollen es besser machen als die andern und machen es schlechter oder doch erreichen just das Umgekehrte.« – »Ganz recht,« lachte Guebron. »Und obgleich es sonst damit nicht viel zu tun hat, fällt mir gerade eine solche Geschichte ein von einer Frau, die das Umgekehrte erreichte, als was sie wollte, und daraus entstand jener große Tumult in der Sankt-Johannes-Kirche in Lyon.« – »So tretet bitte an meine Stelle und erzählt uns das,« bat Parlamente. Und Guebron hub an:

»Meine Geschichte wird kurz sein und nicht so rührend wie die letzte, die Parlamente erzählt hat.«

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