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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 71
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Dreiundsechzigste Erzählung

Von der bemerkenswerten Keuschheit eines französischen Edelmannes

»Zu Paris lebten vier Mägdelein, zwei Schwesternpaare von solcher Schönheit, Jugend und Frische, daß die Anbeter sich schier um sie drängten. Aber ein Edelmann, den der damalige König zum Profoß von Paris ernannt hatte, bedachte in Ansehung der Jugendfrische seines königlichen Herrn, daß der wohl an solcher Gesellschaft Gefallen fände, und verhandelte so wohl, daß jegliche der vier sich dem Könige bewahrte und dem Profoß ihre Zustimmung gab. Dieser richtete daher ein Gelage ein, zu dem er seinen Herrn, dem er die Sache erzählte, lud, also daß jener recht zufrieden war und zwei andere hochgestellte Persönlichkeiten des Hofes dazu bat, die an dem Handel teilnehmen wollten. Da sie nun einen vierten Gefährten suchten, kam just ein schöner ehrenwerter Edelmann an den Hof, der um zehn Jahre jünger war als die drei andern. Der ward auch geladen und nahm zwar an, innerlich aber widerstrebte es ihm. Denn einerseits besaß er ein Weib, das ihn mit schönen Kindern beschenkte und mit dem er also in Glück und Frieden lebte, daß er um nichts in der Welt ihren Argwohn wecken wollte – andrerseits diente er einer Dame, die an Schönheit damals ihresgleichen in Frankreich nicht hatte. Die liebte und schätzte er so, daß ihm neben ihr alle Frauen häßlich schienen, so daß er schon vor seiner Ehe in frühester Jugend an keinem anderen Weibe rechte Freude hatte.

Dieser Edelmann also begab sich zu seiner Frau, erzählte ihr das Vorhaben des Königs und erklärte, daß er eher vergehen wollte, als solches Versprechen erfüllen. Gleichwie er lieber stürbe, ehe er jemanden aus dem Hinterhalte ermorden würde, so wolle er auch nicht ohne übermächtige Liebe seine Ehe verletzen, um einem andern einen Gefallen zu tun. Seine Gattin liebte ihn darob noch mehr und schätzte solche Ehrbarkeit bei seiner Jugend doppelt hoch ein. Nur fragte sie, wie er sich entschuldigen wolle, maßen doch Fürsten meist nicht liebten, wenn man ihre Freuden tadele. So erwiderte er: ›Man sagt, der Weise habe immer eine Krankheit oder Reise in Bereitschaft, um sie, wenn nötig, vorzuschieben. Darum werde ich mich fünf oder sechs Tage zuvor krank stellen. Ihr könnt mir dabei sehr behilflich sein.‹ – ›Das nenne ich gute fromme Heuchelei,‹ erwiderte jene, ›und ich werde mich bemühen, Euch mit der kläglichsten Trauermine zu helfen. Denn wer den Zorn Gottes und den seines Fürsten vermeiden kann, ist wahrhaft zu preisen.‹

Gesagt, getan. Der König war recht betrübt, als er durch die Frau von der Erkrankung ihres Mannes erfuhr. Doch selbige dauerte nicht lange: wichtige Geschäfte zwangen den König, über die Pflicht seine Vergnügungen zu vergessen und Paris zu verlassen. Und als ihm eines Tages die Sache wieder einfiel, die er unerledigt gelassen hatte, sagte er zu dem jungen Fürsten: ›Wie dumm, daß wir so Hals über Kopf abgefahren sind, ohne jene vier Mägdelein zu besehen, die doch die schönsten meines Reiches sein sollen.‹ – Da erwiderte jener: ›Mir ist das sehr recht, daß Ihr es versäumt habt; denn ich befürchtete, durch meine Krankheit wäre ich der einzige von allen vieren, dem solch Abenteuer entgehen mußte.‹ Ob seiner Worte merkte der König also nicht, wie jener sich verstellte. Sein Weib aber liebte ihn seitdem über alles in der Welt.«

Parlamente begann hier laut zu lachen und rief: »Hätte er es aus Liebe zu ihr getan, dann hätte sie ihn sicher noch mehr geliebt! immerhin ist er recht lobenswert.« – »War es der Frau wegen, so ist es wenig löblich,« meinte Hircan. »Denn neben Gottes Gebot hielt ihn die Sättigung, die Versuchungen recht wohl widerstehen kann. War es aber wegen der Freundin, so ist er wohl zu preisen und seine Keuschheit gar wunderbar.« – »Wo die Seele spricht, ist dem Körper alles möglich,« widersprach Oisille. »Denket an solche, die sich ganz den Wissenschaften ergeben haben: sie vergessen alle fleischlichen Freuden, selbst Essen und Trinken. Ist der Körper aber dem Fleische untertan, so kann man gar nicht erkennen, daß darinnen eine Seele wohnt. Wo diese den Körper beherrscht, ist man dagegen den leiblichen Unvollkommenheiten gegenüber schier unempfindlich. So kannte ich einen Edelmann, der seine Liebe zu einer Dame erwies, indem er eine Kerze am brennenden Ende mit bloßen Fingern hielt. Und da er jene Dame fest ansah, ließ er nicht los und verbrannte sein Fleisch bis auf die Knochen. Ja, er behauptete gar, es habe gar nicht weh getan.« – »Mir scheint, der Teufel, der ihn da zum Duldner machte, sollte aus ihm einen heiligen Laurentius machen,« lachte Guebron. »Denn nur selten ist die Liebesglut größer als die einer Kerze. Wenn mir das passiert wäre, hätte die Dame mir schon gewaltigen Liebeslohn versprechen müssen, oder ich hätte sie schießen lassen.« – »Ihr hättet also Eure Stunde haben wollen, nachdem die Dame die ihre gehabt hat,« meinte Parlamente. »So tat ein Edelmann zu Valencia in Spanien, wovon mir ein wackerer Hauptmann einst erzählte.« – »So tretet, bitte, an meine Stelle,« sprach Dagoucin, »und erzählt uns das; mir scheint, das kann recht unterhaltsam sein.«

»Wenn ihr die Geschichte gehört habt,« hub jene an, »so werdet ihr euch zweimal bedenken, meine Damen, ehe ihr etwas verweigert, und nicht mehr glauben, daß die Zeit sich nicht ändert. Begreifet das und schaut in die Zukunft.«

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