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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 70
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Zweiundsechzigste Erzählung

Eine Dame erzählt in dritter Person ein eigenes Liebeserlebnis und verschnappt sich zuletzt.

»Zu Zeiten des Königs Franz' des Ersten lebte eine Dame königlicher Abstammung, die mit Ehren, Tugend und Schönheit geziert war. Zudem wußte sie gar anmutig Geschichten zu erzählen und herzlich über die Berichte anderer zu lachen. Wenn sie irgendwo war, besuchten sie alle Vasallen und Nachbarn, weil sie außerordentlich beliebt war. So kam unter anderm einmal eine Dame zu ihr, die den andern zuhörte, während jeder erzählte, was ihm just einfiel. Ihr schien, sie dürfe nicht zurückbleiben, und so sagte sie schließlich: ›Edle Frau, ich habe auch eine hübsche Geschichte zu erzählen, wenn Ihr versprecht, sie nicht weiter zu sagen.‹ Und alsbald fuhr sie fort:

›Die betreffende Geschichte ist nämlich völlig wahr, das kann ich auf mein Gewissen nehmen. Also da war eine verheiratete Dame, die mit ihrem Mann sehr ehrsam lebte, obgleich er alt und sie jung war. Da nun ein Edelmann aus der Nachbarschaft bedachte, daß sie mit solchem Greise verehelicht sei, verliebte er sich in sie und setzte ihr gar manches Jahr zu. Doch erhielt er keine andere Antwort, als wie sie einer sittsamen Frau geziemte. Eines Tages aber vermeinte der Edelmann, sie würde vielleicht nicht so hart bleiben, wenn er sie unter gelegneren Umständen fände. Und nachdem er lange gegen die Furcht vor der Gefahr gekämpft hatte, siegte seine Liebe zu ihr, und so spähte er alsbald nach einer passenden Gelegenheit.

Als nun eines Tages der Ehemann jener Dame nach einem seiner Güter reiste und ob der Hitze sehr frühzeitig aufbrach, schlich sich der junge Tor in jenes Haus, wo die Frau noch schlafend im Bett lag und überzeugte sich, daß die Zofen bereits das Zimmer verlassen hatten. Und ohne überhaupt einen Riegel vorzuschieben, sprang er gestiefelt und gespornt in das Bett der Dame. Die erwachte und war natürlich vor Schrecken starr. Aber er schnitt ihr alle Vorwürfe ab, nahm sie mit Gewalt und erklärte ihr: wenn sie die Sache bekanntgäbe, so würde er sagen, sie habe ihn rufen lassen. Darob erschrak die Dame so, daß sie nicht zu schreien wagte.

Bald darauf kam eine der Kammerzofen in die Stube. Deshalb erhob sich der Edelmann in Hast, und niemand hätte ihn bemerkt, wenn sich nicht sein Sporn in die Bettdecke eingehakt hätte, also daß selbige hinuntergerissen wurde und die Dame ganz nackend im Bett liegen blieb.

Und obgleich nun die Dame in dritter Person erzählt hatte, fuhr sie also fort: ›Nie war wohl eine Frau verblüffter als ich, wie ich mich plötzlich so splitternackt sah!‹

Alsbald konnte die andere Dame, die bisher ganz ernsthaft zugehört hatte, ihr Lachen nicht unterdrücken und rief: ›Ich sehe, Ihr versteht es vortrefflich, Geschichten zu erzählen.‹ Die Ärmste versuchte ihre Ehre wieder herzustellen, aber die war nun schon so zerstört, daß sich nichts wieder gutmachen ließ.

Sicherlich hätte jene Dame die Geschichte längst vergessen gehabt, wenn sie ihr im Grunde so mißfallen hätte. Wie ich nun sagte: die Sünde enthüllt sich meist selbst, wenn sie nicht mit dem Mantel bedeckt wird, der, wie David sagt, die Menschen glücklich macht.«

»Weiß Gott, das war die dümmste Frau, von der ich je gehört habe,« rief Emarsuitte. »Sie läßt gar andere auf ihre Kosten lachen.« – »Ich finde das nicht so seltsam,« meinte Parlamente. »Denn es sagt sich doch etwas noch leichter als es getan wird.« – »Aber was hat sie am Ende verbrochen?« verwunderte sich Guebron. »Auch der vielgerühmten Lucretia ging es doch nicht anders.« – »Freilich, auch dem Gerechtesten kann einmal etwas zustoßen,« erwiderte Parlamente. »Aber die Entrüstung über den Vorfall bleibt im Gedächtnis, und um das zu verlöschen, tötete sich Lucretia. Jene Törin aber wollte die andern damit unterhalten.« – »Mir scheint sie recht ehrsam,« sprach Nomerfide, »da sie doch alle Bitten des Edelmannes abgelehnt hatte und erst der List und Gewalt erlag.« – »Wie denn, Ihr meint also, ihre Ehre sei reingeblieben?« – entrüstete sich jene. »Wie manche lehnt ab, was ihr Herz längst billigt. Nur eine Frau, die bis zum Schluß aushält, ist rühmenswert.« – »Und wenn nun ein Jüngling ein schönes Mägdelein abwiese – schiene Euch das tugendsam?« fragte Dagoucin. – »Wahrlich, wenn ein junger gesunder Mann so etwas täte, fände ich das höchst löblich«, erklärte Oisille. »Aber ich kann das nicht recht glauben.« – »Dennoch kenne ich welche, die solche Abenteuer mieden, so doch alle ihre Gefährten suchten.« – »So nehmet, bitte, meinen Platz ein und erzählet uns davon,« rief Longarine. »Aber vergesset nicht, daß wir hier sind, um die Wahrheit zu reden.«

»Das will ich gern versprechen,« hub Dagoucin an, »und keine Schönfärberei soll die Wahrheit entstellen.«

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