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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Fünfte Erzählung

Wie eine Schiffersfrau zween Franziskanermönchen, die ihr Gewalt antun wollten, so wohl entschlüpfte, daß deren Vergehen aller Welt offenbar wurde.

»In der Hafenstadt Toulon, zunächst Niort, lebte eine Schiffersfrau, die Tag und Nacht hindurch Leute über den Fluß setzen mußte. Kamen da einst von Niort her zwei Franziskaner des Wegs und fuhren mit ihr allein hinüber. Maßen nun jene Überfahrt der längsten eine in Frankreich ist, wollten sie sich die Langeweile fernhalten und erbaten ihre Liebesgunst. Die Frau gab ihnen die geziemende Antwort. Doch die Mönche schienen weder von des Weges Mühen ermüdet, noch mochte des Wassers Kühle ihre Brunst zu dämpfen. Statt ob der Abweisung des Weibes in Scham zu vergehen, entschlossen sie sich, sie zu zweit zu vergewaltigen, oder, falls sie widerstände, sie in den Fluß zu werfen. Doch waren die beiden auch hinterlistig – die Frau war auch schlau und wohlbedacht und sagte:

›Ich bin nicht gar so ungeneigt, als ich wohl scheine. Gesteht mir nur zwei Dinge zu, so sollt ihr sehen, daß ich wohl mehr bereit bin, euch zu Willen zu sein, als ihr – mich darum anzugehen.‹

Die Mönche schwuren beim heiligen Franziskus, ihr gern jedweden Wunsch zu erfüllen, wenn sie dafür auch ihnen ihr Begehren stillen wollte, und daraufhin erklärte sie: ›Zum ersten schwört mir, keinem Menschen jemals davon zu sprechen.‹ Das versprachen sie bereitwilligst. Dann fuhr sie fort: ›Nur einer nach dem andern soll mich besitzen. Die Scham wäre zu groß für mich, wenn der andere uns zusähe. So sprecht euch ab, wer der erste sein will.‹

Auch diesen Wunsch fanden sie sehr berechtigt, und der Jüngere gestand dem Älteren den Vortritt zu. Als sie nun einer kleinen Insel nahekamen, sprach die Frau zu zu dem jüngeren Frater: ›Sagt alldort Eure Gebete, derweile ich diesen hier zu einer andern Insel fahre. Kehrt er befriedigt wieder, so bleibt er da und wir fahren zusammen hinüber.‹ Der Jüngling sprang bei der Insel an Land und erwartete des Gefährten Rückkunft, den die Bootsfrau zu einem andern Eilande fuhr. Als sie dorthin gelangten, verweilte sie sich mit dem Festmachen im Boote und sagte: ›Lieber Freund, such du derweilen einen geeigneten Platz.‹

Der brave Pater machte sich auf, eine bequeme Stelle zu finden. Kaum sah die Frau ihn landeinwärts gehen, so stieß sie eilends mit dem Fuß gegen einen Baumstamm, trieb das Boot in den offenen Fluß, ließ die Mönche auf ihren verlassenen Eilanden und rief ihnen aus voller Lunge zu:

›So wartet, ihr Herren, bis Gottes Engel euch trösten kommt, denn ich gedenke nicht, euch heute Kurzweil zu schaffen.‹ Da die armen Mönche nun den Trug erkannten, warfen sie sich am Ufer auf die Knie, flehten sie an, ihnen solche Schande zu ersparen, und versprachen ihr, sie unberührt zu lassen, wenn sie sie nur um Gottes willen zum Hafen bringen wollte. Doch sie fuhr eilends weiter und erwiderte: ›Ich wäre doch närrisch, wenn ich mich wieder euern Händen überlieferte, nachdem ich ihnen eben kaum entschlüpft bin.‹

So kam sie zu dem Dorf zurück, holte ihren Mann und die Hüter des Gesetzes und bat sie, jene zwei tollen Wölfe einzufangen, denen sie nur durch Gottes Gnade entronnen sei. Die machten sich sogleich auf den Weg und groß und klein kam mit, um dieser vergnüglichen Jagd beizuwohnen. Die beiden Pater verbargen sich beim Anblick dieser Scharen gleich wie Adam vor dem Angesicht Gottes. Die Scham ließ sie ihrer Sünde inne werden und die Furcht vor Strafe machte sie erzittern, bis sie schier das Leben ließen. Deswegen wurden sie nicht minder festgenommen und alle Welt höhnte und spottete ihrer. Der Ehemann meinte: ›Geld wagen sie nicht in die bloße Hand zu nehmen, doch Frauenbeine möchten sie gar wohl betasten. Mich dünkt das fürwahr weitaus gefährlicher.‹ Die andern riefen: ›Sie sind gleich Gräbern, außen wohl anzuschauen, drinnen aber voll Verwesung.‹ Einer aber sprach: ›An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.‹

So fehlte es nicht an Spott. Alsbald kam jedoch der Abt herbeigereist, versicherte dem Gericht, daß er sie schwerer strafen würde als dieses es vermöchte – maßen er sie mit Bußen und Gebeten wohl zu peinigen gedächte – und bekam sie also frei. Nachdem sie ihm ausgefolgert waren, setzte er ihnen als sittenstrenger Mann dermaßen zu, daß sie künftig allemal, wenn's über den Fluß ging, gar demütig ein Kreuz schlugen und ihre Seele Gott empfahlen.

›Wenn derart jene Bootsfrau die beiden hinterlistigen Kumpane zu hintergehen wußte, was müßten dann wohl alle die Frauen tun, die solche Mengen schönster Beispiele gelesen haben und kennen? Ich glaube, meine Damen, daß man erst in solchem Falle die wahrhaftige Tugendlichkeit zu erkennen vermag, so unverdorben drin im Herzen ruht. Und welche Frau ihre Reinheit nicht zu wahren weiß, muß ihrer Ehre stracks verlustig gehen.«

»Mir scheint, Guebron,« entgegnete Longarine, »solchen Franziskaner abzuweisen zeugt nicht allzusehr für tugendlichen Sinn. Wie überhaupt vermag man solchen Menschen zu lieben?«

»Wenn man nicht also hoch gestellte Freunde hat wie Ihr,« meinte Guebron, »vermag man wohl an ihnen leicht Gefallen zu finden. Denn unter ihnen gibt es stramme, schöne Männer, die obendrein nicht abgelebt sind, gleich so manchen andern. Wie Engel wissen sie zu reden, wie Teufel aber andern zuzusetzen. Und Frauen, die den höheren Stand nur von Amtshandlungen her kennen, sind schon recht tugendhaft, wenn sie jenen Mönchen sich entziehen.«

Doch Nomerfide sagte ganz laut: »Ich meinesteils möchte lieber in den Fluß geworfen werden, als daß ich einem Mönche mich ergäbe.« Worauf Oisille lachend einwarf: »Könnt Ihr denn so gut schwimmen?«

Das nahm ihr Nomerfide übel; denn sie vermeinte, Oisille glaube ihr nicht recht. Und zornig sprach sie: »Manch eine hat schon angenehmere Herrchen abgewiesen denn Franziskaner und hat es doch nicht in alle Welt hinausposaunt.« Oisille lachte ob ihres Grimmes und meinte: »Noch weniger hängt man an die große Glocke, was man den Herren still gewährt.«

Nun rief Parlamente dazwischen: »Ich sehe, Simontault will sprechen. Er soll das Wort haben, denn nach zwei so traurigen Geschichten soll nunmehr eine folgen, die uns nicht zu Tränen rührt.«

»Ich danke Euch,« sprach Simontault darauf, »doch behagt es mir keineswegs, daß Ihr mich einen Spaßvogel nennt. Aus Rache will ich Euch berichten, wie Frauen sich zwar zeitweise sittsam stellen. Daß aber schließlich doch ihr wahres Wesen augenscheinlich wird, entnehmt aus folgender höchst wahrhaften Geschichte.«

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