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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 67
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Sechzigste Erzählung

Eine Pariserin verläßt ihren Mann, um einem Sänger zu folgen; dann stellt sie sich tot und läßt sich begraben.

»Zu Paris gab es einen Mann, der sich in seiner Gutmütigkeit kein Gewissen daraus gemacht hätte zu glauben, kein anderer habe bei seinem Weibe geschlafen, selbst wenn er es selbst gesehen hätte. Der ärmste ehelichte ein Weib von denkbar schlechtesten Sitten; doch er merkte es nicht und hielt sie der ehrengeachtetsten Frau gleich. Als nun eines Tages der König Ludwig der Siebente nach Paris kam, gab sich die Frau einem Sänger des königlichen Gefolges hin. Da selbige nun inne ward, daß der König die Stadt wieder verlassen wollte und sie also den Sänger fürder nicht mehr sehen würde, beschloß sie, um seinetwillen von ihrem Mann davonzugehen. Der Sänger stimmte zu und führte sie in ein Haus unweit Blois, wo sie lange Zeit zusammen lebten.

Der arme Ehemann suchte allenthalben vergeblich nach seinem Weibe. Zuletzt wurde ihm gesagt, daß es mit dem Sänger davongegangen sei. Er wolle sein schlechtbehütetes verirrtes Schaf wiederhaben und schrieb männiglich Briefe an sie voll Bitten, sie möge doch wiederkehren als sei nichts geschehen. Aber sie erwiderte, sie habe ob des Gesanges ihres derzeitigen Freundes die Stimme ihres Mannes vergessen, entsprach seinen Bitten nicht und machte sich gar darüber lustig.

Darob ergrimmte endlich der Mann, und da sie nicht gutwillig wollte, kündigte er ihr an, er würde das kirchliche Gericht anrufen. Die Frau bekam nun Angst, sie und der Sänger könnten üble Scherereien haben, wenn das Gericht sich einmische. So dachte sie sich eine ihrer würdige List aus, stellte sich krank und rief einige wohlanständige Frauen der Stadt zu sich, um sie zu pflegen. Die kamen auch, in der Hoffnung, diese Krankheit würde die Frau wieder auf sittsame Wege führen, und hielten ihr die erbaulichsten Reden. Sie aber tat, als läge sie auf den Tod, vergoß heuchlerische Tränen, tat als erkenne sie all ihre Sünden an und rührte damit die Herzen jener Frauen, die da vermeinten, sie rede voller Aufrichtigkeit. Aus Bedauern begannen sie also das Weib zu trösten, sprachen von Gottes unendlicher Milde und ließen endlich einen Beichtiger kommen.

Der kam auch tags darauf in Gestalt des Ortsgeistlichen. Die Frau empfing aus seiner Hand die heiligen Sakramente mit so gläubiger Miene, daß alle Gevatterinnen, die dabei waren, Tränen der Rührung ob ihrer Demut vergossen und Gott priesen, der in seiner Güte sich jenes bedauernswerten Geschöpfes erbarmt hatte. Alsbald tat sie, als könne sie nicht mehr essen, ließ sich die letzte Ölung geben und bedeutete durch Zeichen ihre Beglückung: denn den anderen schien es, als könne sie auch nicht mehr sprechen. So verblieb sie lange, schien allmählich Sehkraft, Gehör und alle anderen Sinne zu verlieren, und jeglicher hub nun an, die Sterbegebete zu sprechen. Da dann die Nacht nahte und die Frauen weit zu gehen hatten, zogen sie sich zurück. Und während sie eben das Haus verließen, verkündete man ihnen, sie sei verschieden, und so gingen sie unter Totengebeten heim. Der Sänger teilte alsbald dem Pfarrer mit, sie habe bestimmt, daß sie auf dem Kirchhof beerdigt sein wolle, und daß man sie am besten in der Nacht dorthin schaffe. Also ward sie von einer Magd eingesargt, die sich wohl hütete, ihr wehe zu tun, und dann trug man sie bei Fackelschein zu dem Grabe, das der Sänger hatte schaufeln lassen. Unterwegs kamen alle, die der Ölung beigewohnt hatten, aus ihren Häusern und schlossen sich dem Zuge an, bis sie zum Grabe kamen. Dort verließen sie den Sänger, der schließlich allein zurückblieb. Der ward nicht so bald inne, daß alle fern waren, da schaufelte er flugs mit der Magd das Grab wieder auf, holte die Frau heraus, die nie lebensfrischer gewesen war, führte sie heimlich wieder in sein Haus und hielt sie dort lange Zeit verborgen.

Inzwischen kam der Ehemann nach Blois, um das Gericht anzurufen. Da ward ihm mitgeteilt, sie sei tot und begraben, was ihm alle Frauen von Blois bestätigten, die ihm ihr herrliches Ende schilderten. Darob ward er froh: er glaubte ihre Seele im Paradies, sich selbst aber von ihrem sündigen Leibe befreit, kehrte zufrieden nach Paris zurück und vermählte sich mit einem schönen, ehrengeachteten Weibe, das ihm in den vierzehn oder fünfzehn Jahren ihres Zusammenlebens mehrere Kinder schenkte.

Am Ende aber drang, wie unvermeidlich, das Gerücht zu ihm, sein Weib sei nicht tot, sondern lebe bei jenem üblen Gesellen. Er verschwieg das solange er konnte, tat als wüßte er nichts davon und hoffte, es sei nur erlogen. Als aber auch seine kluge Frau davon erfuhr, ward sie angsterfüllt, so daß sie schier vor Kummer starb. Gern hätte sie ihr Mißgeschick verhehlt, wenn ihr Gewissen das erlaubt hätte. Aber das war unmöglich: alsbald mischte sich die Kirche ein. Die trennte zunächst die zwei, bis die Wahrheit zutage träte. Dann ward der arme Mann gezwungen, die gute Frau zu lassen, um die böse zu suchen, und so kam er nach Blois, bald nachdem Franz der Erste König geworden war, fand dort die Königin Claudia und die Regentin und forderte auf dem Klagewege die Frau, die er gern nicht wieder gefunden hätte. Aber er war gezwungen, und deshalb bedauerten ihn alle.

Als sein Weib ihm gegenübergestellt wurde, behauptete sie erst hartnäckig, er sei nicht ihr Mann, und alles sei nur abgekartet. Er hätte ihr das zwar geglaubt, wenn er nur gekonnt hätte. Mehr betrübt denn beschämt erklärte sie, lieber wolle sie sterben, als zu ihm zurückkehren. Des war er sehr froh. Die Damen aber, zu denen sie so schamlos sprach, verurteilten sie, zurückzukehren, und redeten dem Sänger so ernst ins Gewissen, daß er unter ihren Drohungen seiner unerfreulichen Geliebten sagen mußte, sie solle mit ihrem Mann heimkehren – er wolle sie nie wiedersehen. So kehrte dies elende Weib, von allen verjagt, nach Hause zurück, wo sie noch obendrein von ihrem Mann besser behandelt wurde als sie es verdiente.

Darum sage ich, hätte der Mann besser auf sein Weib achtgegeben, dann hätte er es nicht verloren.«

»Es ist doch merkwürdig,« überlegte Hircan, »wie fest die Liebe hält, wo es besonders unvernünftig erscheint.« – »Ich habe sagen hören,« bestätigte Simontault, »daß man eher hundert Ehen sprengen kann denn den Liebesbund eines Priesters mit seiner Magd.» – »Das glaub ich gern,« meinte Emarsuitte, »denn wer den Ehebund schließt, weiß das Liebesband so zu knüpfen, daß nur der Tod es durchhauen kann.« – Dagoucin entgegnete: »Ich kann den Frauen nicht verzeihen, wenn sie ihren Gatten oder Freund für einen Priester verlassen.« – »Das ist ihnen sogar eine große Freude,« rief Hircan, »wenn sie mit denen sündigen können, die sie dann absolvieren. Sie sind so furchtsam, daß sie sich mehr schämen zu beichten, als zu sündigen.« – »Ich glaube vielmehr,« widersprach Oisille, »sie suchen den sichern, verborgenen Ort, nicht die Absolution, da sie ja doch nicht bereuen.« – »Bereuen?« lachte Saffredant. »Sie halten sich gar für heilig. Sicher gibt es viele, die solche Liebe für eine große Ehre halten.« – »Ihr scheint darüber eine Geschichte zu wissen,« sagte Oisille, »die erzählet uns morgen als erste. Jetzt tönt die Vesperglocke; so lasset uns also unsern Streit für heute beenden.«

Damit erhob sich die Gesellschaft und ging zur Kirche, wo man sie schon erwartete. Dann aß man das Abendbrot und plauderte gemeinsam über manche schöne Geschichte. Nachdem begab sich jeglicher auf die Wiese, um sich dort wie gewöhnlich zu ergehen, und dann gingen alle zur Ruhe, um tags darauf recht frisch zu sein.

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