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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 66
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Neunundfünfzigste Erzählung

Ein Edelmann wird von seinem Weibe abgefaßt, als er heimlich eines ihrer Ehrenfräulein umfängt.

»Besagte Dame hatte einen reichen hochgeborenen Edelmann aus großer gegenseitiger Zuneigung geheiratet. Da sie außerordentlich Gesellschaften liebte und froh plauderte, so verhehlte sie ihrem Mann nicht, daß sie Anbeter habe, deren sie zwar spotte, die ihr aber Kurzweil schufen. Anfangs wollte ihr Mann an dem Vergnügen teilnehmen. Aber auf die Dauer mißfiel ihm dies Leben. Denn einerseits behagte es ihm nicht, daß sein Weib so viel mit Männern umging, die weder seine Verwandten noch Freunde waren, andrerseits stieß er sich an den Kosten, die ihr Putz und das Leben am Hofe mit sich brachten. So blieb er, soviel er konnte, daheim. Doch die vielen Gäste, die ihn dann besuchten, machten die Ausgaben nicht geringer. Warf er ihr das lachend vor, dann erwiderte sie ihm, er solle sich mit der Gewißheit zufrieden geben, daß er nicht Hahnrei durch sie würde, sondern nur Bettler. Und um recht oft zu Hofe zu kommen, stellte sie alles Denkbare an und war ihm deshalb insonderheit gefällig.

Als ihr nun eines Tages alle List nichts nützte, bemerkte sie, daß er einem ihrer Ehrenfräulein freundlich tat, worauf sie bedachte, dies wohl auszunutzen. Gen Abend nahm sie also selbige beiseite und bedrängte sie mit Versprechungen und Drohungen so wohl, daß jene gestand, daß ihr Herr ihr seit dem Tage nachstelle, da sie im Hause sei; doch wolle sie lieber sterben denn Gott und Ehre verletzen, zumal es doppelt schlecht ihrer Herrin gegenüber wäre, die ihr die Ehre erwiesen habe, sie zur Ehrendame zu machen. Als nun die Dame von der Untreue ihres Mannes erfuhr, ward sie von Zorn und Freude zugleich bewegt. Denn einerseits zürnte sie ihm ob der Schande, die er ihr mit jener antun wollte, die bei ihr und zudem viel häßlicher war als sie selbst. Andrerseits hoffte sie ihn nun in einer Lage abzufassen, die es ihm unmöglich machen würde, ihr fürder Hof und Verehrer vorzuwerfen.

Um ihr Ziel zu erreichen, bat sie das Mädchen, allmählich ihrem Gatten alle Wünsche unter gewissen Bedingungen zu erfüllen. Die junge Dame wollte Schwierigkeiten machen. Da ihre Herrin ihr aber Leben und Ehre zu schützen versprach, so stimmte sie ihr endlich zu.

Als nun der Edelmann ihr wieder zu nahe trat, fand er sie wie ausgewechselt. Und als er sie darob mehr bedrängte denn früher, klagte sie, wie ihre Rolle es verlangte, über ihre Armut: sie würde obendrein ihre jetzige Stellung verlieren, wo sie doch einen Mann zu erwerben hoffe. Sogleich erwiderte er ihr, darum solle sie sich nicht sorgen; denn er würde sie reicher und besser verheiraten, als ihre Herrin es könne, und zudem würde er alles undurchdringlich geheim halten.

Nachdem sie sich hierüber geeinigt hatten und nun einen geeigneten Ort erwogen, schlug sie als besonders geheim ein Häuschen vor, das im Park lag und darin es ein Zimmer mit einer bequemen Lagerstatt gab. Der Edelmann wäre mit allem zufrieden gewesen. Darum stimmte er alsbald zu und harrte sehnlichst des vereinbarten Tages und der festgesetzten Stunde.

Das Mägdelein aber brach sein Versprechen nicht und erzählte alles seiner Herrin, zumal aber, daß der morgige Nachmittag festgesetzt sei und sie nicht verfehlen würde, ihr ein Zeichen zu machen. Alsdann bat sie die Dame, um Gottes willen rechtzeitig dort zu sein, was die Dame ihr zusagte. Tags darauf war der Edelmann ungewöhnlich liebenswürdig zu seinem Weib, und nach dem Essen schlug er vor, man solle Pikett spielen. Alsbald wurde der Spieltisch zurechtgemacht; aber die Frau erklärte, sie wolle nicht mitspielen, sondern lieber zusehen. Bevor jener sich aber zum Spieltisch setzte, erinnerte er das Mägdelein an ihr Versprechen. Kaum spielte er, so schritt dieses durch den Saal und machte dabei der Herrin ein Zeichen, daß es jetzt die Wanderschaft anträte. Die Dame sah es wohl, der Edelmann aber merkte nichts. Als dann aber eine gute Stunde verflossen war und ein Diener ihm winkte, sagte er zu seinem Weib, er habe etwas Kopfweh und müsse sich deshalb in frischer Luft ein wenig erholen. Sie wußte recht wohl, was sein Leiden war, und fragte, ob sie derweile für ihn spielen solle. Und er meinte, ja, denn er käme bald wieder. Damit ging er erst auf sein Zimmer, dann in den Park.

Die Dame aber kannte einen kürzeren Weg, als er ihn nahm, wartete etwas, tat dann, als habe sie Leibschneiden, und gab ihr Spiel ab. Kaum hatte sie den Saal verlassen, so zog sie flugs ihre Stöckelschuhe aus und lief eilenden Schrittes zu dem Häuschen, auf daß der Handel nicht ohne sie zustande käme. Sie gelangte rechtzeitig hin und betrat die Stube, wo ihr Mann eben erst eingetreten war. Hinter ihm verborgen hörte sie seine schönen, ehrenhaften Reden, die er der Ehrendame hielt, und als der kritische Augenblick nahte, packte sie ihn von hinten und rief: »Was braucht Ihr eine andere zu nehmen, wenn ich so nahe bin!«

Der Edelmann barst begreiflicherweise schier vor Wut. Doch ward er inne, daß an allem jenes Mägdelein schuld sei, und ohne seiner Frau zu antworten stürzte er auf jene. Ja, in seiner Wut hätte er sie getötet, wenn sein Weib nicht dazwischengetreten wäre; denn, so rief er, sie sei die schlimmste Dirne, die er je gesehen habe, und wenn sein Weib etwas gewartet hätte, wüßte sie bereits, daß alles nicht ernst gewesen sei: statt sie zu umfangen, hätte er ihr die Rute gegeben, um sie zu züchtigen. Die Frau aber kannte diese Münze und traute ihrem Wert nicht; vielmehr machte sie ihm so strenge Vorwürfe, daß er fürchtete, sie würde ihn verlassen. So gab er klein bei, versprach ihr alles, was sie wollte, und gab zu, daß er nicht recht habe, ihr die Verehrer vorzuwerfen, da sie ja nichts gegen ihre Ehre täte, daß er aber mit seinen Nachstellungen ihr großen Schimpf zugefügt habe.

Das war der Dame gerade recht, denn nun hatte sie ihr Spiel gewonnen. Immerhin stellte sie ihre Liebe zu ihm über alles und versprach ihn weiter zu lieben, sofern er ihre Gefühle erwidere. Das versicherte ihr der Ärmste hoch und heilig, so daß sie in schönster Einigkeit heimkehrten. Auf daß aber alle Mißverständnisse künftig fernblieben, bat er sein Weib, dies Ehrenfräulein zu entlassen. Das tat sie auch, doch gab sie ihm einen ehrenwerten Gatten. Und um alle schlechten Erinnerungen zu zerstreuen; führte sie die junge Dame oft zu Hofe und schmückte sie so reich, daß sie wahrlich zufrieden sein konnte.

Darum also, meine Damen, war ich nicht verwundert, daß selbige Frau auch ihrem Verehrer einen so seltsamen Streich gespielt hat.«

»Die Frau war klug, der Mann aber recht dumm,« meinte Hircan. »Denn maßen er schon so weit war, durfte er nicht halt machen.« – »Das ist leicht gesagt,« erwiderte Emarsuitte. »Aber wie sollte er zwei Frauen bändigen, deren eine ihr Recht, die andere ihre Jungfräulichkeit verteidigte.« – »Ich«, erklärte Hircan, »hätte mein Weib umfaßt und hinausgetragen, und dann an dem Mägdelein in Liebe oder mit Gewalt mein Begehr gestillt.« – »Hircan,« rief Parlamente, »es genügt, daß Ihr in Gedanken Unheil tut.« – »Ich will ja eine Übeltat gar nicht beschönigen,« antwortete Hircan, »aber ich kann ein Unternehmen nicht loben, das mehr aus Furcht vor der Frau denn aus Liebe zu ihr unbeendet blieb. Ich lobe den Mann, der nach Gottes Gebote sein Weib liebt. Tut er das aber nicht, so soll er sie auch nicht fürchten.« – »Nun, ich bin jedenfalls mit dem zufrieden, was ich diesbezüglich von Euch gesehen habe,« sprach Parlamente. »Und was ich nicht weiß, darüber mag ich weder grübeln noch mich erkundigen.« – »Das halte ich auch immer für sehr töricht,« klagte Nomerfide, »denn aus den Erkundigungen entsteht nur Verdruß.« – »Das mag manchmal geschehen,« widersprach Guebron, »aber nur wenn man sich nicht gut und sorglich über die Vergehen seines Weibes erkundigt hat.« – »Wenn Ihr dafür ein Beispiel wißt, so verschweigt es uns bitte nicht,« sagte Longarine.

Und Guebron hub an: »Freilich kenne ich eines, und so ihr wollt, werde ich es berichten.«

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