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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 63
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Sechsundfünfzigste Erzählung

Ein Franziskaner vermählt trügerischerweise ein schönes Mägdelein mit einem anderen Mönch, worob die zwei Burschen bestraft werden.

»Auf der Durchreise durch Padua hörte eine französische Edelfrau, daß im bischöflichen Gefängnis ein Mönch säße, und als sie sich nach dem Grund erkundigte, maßen alle darüber zu spotten schienen, erfuhr sie folgendes: Der Mönch, ein schon bejahrter Mann, war einst Beichtvater einer ehrengeachteten frommen Wittib, die nur eine Tochter hatte. Die liebte sie so sehr, daß sie um ihretwillen alles Geld zusammenscharrte und sie recht gut verheiraten wollte. Und da die Tochter heranwuchs, wurde die Mutter noch mehr von dem Gedanken verfolgt, daß nur ja jener zukünftige Ehemann recht gewissenhaft und fromm sei, auf daß sie später zusammen in Ruhe und Frieden lebten.

So wandte sie sich einmal an ihren Beichtvater, einen gesetzten, allenthalben geachteten Mann. Der erklärte auf ihre Bitten, er müsse sich die Sache reiflich überlegen. Also bedachte er einerseits, daß diese Dame, wie sie sagte, fünfhundert Dukaten zusammengescharrt hatte, die als Mitgift dienen sollten; daß sie den Unterhalt für das Paar übernehmen und Wohnung, Aussteuer und Hausrat liefern wolle; andererseits, daß er einen wohlgebauten, schmucken und hübschen Gefährten hatte; also daß er sehr wohl diesen dem Mägdelein vermählen könne, indem dann für jene mit Unterhalt, Aussteuer, Wohnung und Hausrat gar wohl gesorgt sei, während für ihn selbst die fünfhundert Dukaten blieben, um den andern etwas zu entlasten. Und derart einigte er sich mit ihm.

Alsdann kehrte er zu der Dame zurück und sagte: ›Gott schickte mir heute den trefflichsten Edelmann Italiens, der mir gestand, daß er Eure Tochter öfter gesehen habe und bereits innig liebe. Da ich sein Haus und seine Verwandtschaft kenne, versprach ich ihm, mit Euch darüber zu reden. Es gibt nämlich eine kleine Unbequemlichkeit dabei: als jener Edelmann einmal einem Freunde, den ein andrer töten wollte, zu Hilfe eilte und seinen Degen zückte, um die beiden zu trennen, erstach sein Freund zufällig den Angreifer. Dadurch wurde er ohne Verschulden in die Sache verwickelt und flüchtete aus seiner Vaterstadt. Auf Rat seiner Eltern weilt er nun hier als Student verkleidet und will unerkannt bleiben, bis seine Verwandten die Angelegenheit in Ordnung gebracht haben. Das dürfte in Bälde geschehen sein, aber inzwischen muß dieserthalben die Hochzeit im geheimen gefeiert werden und Ihr müßt damit zufrieden sein, daß er tagsüber die Vorlesungen besucht und nur abends zu Euch kommt, um hier zu essen und zu schlafen.‹

Alsbald erwiderte die Dame in ihrer Einfalt: ›Ich finde, daß dies sogar sehr angenehm ist, denn so bleibt meine Tochter, die für mich das Teuerste auf dieser Welt ist, bei mir.‹ Nun führte der Mönch alles so aus, wie er es bedacht hatte, und brachte den Gefährten in einem dunkelroten Gewande ins Haus, das der Dame gar wohl in die Augen stach. Flugs wurden die beiden verlobt, und schon um Mitternacht las der Alte eine Messe und vermählte das Paar, worauf die Brautleute ihr Ehelager aufsuchten und dort bis zum Tagesanbruch ruhten. Dann erhob sich der junge Mann, erklärte, jetzt müsse er zur Vorlesung, zog sein Wams und sein langes Gewand an und vergaß auch die schwarze Perücke nicht. Dann nahm er von seinem jungen Weib, das noch liegen blieb, Abschied und versprach, allabendlich zum Essen wiederzukehren, zum Mittag aber solle man ihn nicht erwarten. Und so ging er davon, derweile sein Weib sich ob ihrer Ehe mit einem so wackern Mann für die glücklichste Frau der Welt hielt.

Indessen begab sich der junge Ehemann zu dem alten Pater und brachte ihm die fünfhundert Dukaten, die im Ehevertrag festgesetzt worden waren. Zum Abend aber kehrte er pünktlich zum Essen zurück zu der Frau die ihn für ihren Gatten hielt, und wußte sich bei dieser und ihrer Mutter so gar beliebt machen, daß beide ihn nicht gegen den edelsten Fürsten dieser Welt vertauscht hätten.

Das dauerte so eine gute Weile. Maßen aber Gott sich derer erbarmt, die im Vertrauen auf seine Güte betrogen werden, so fügte er es, daß Mutter und Tochter eines Tages der fromme Wunsch anwandelte, im Franziskanerkloster die Messe zu hören und ihren guten Beichtvater zu besuchen, der sie mit einem so trefflichen Ehemann und Schwiegersohn beglückt hatte. Zufällig aber fanden sie weder ihn noch einen andern ihnen bekannten Mönch, und so hörten sie derweile die Messe, die just begann, um zu warten, ob jener nicht käme. So richtete die junge Frau ihre Aufmerksamkeit auf den Gottesdienst, als plötzlich der Priester sich umwandte, um das ›Dominus vobiscum‹ zu sprechen. Alsbald ward sie von gewaltigem Staunen ergriffen: denn der Priester war entweder ihr ›Gatte‹ oder glich ihm außerordentlich, so schien ihr. Doch sagte sie noch nichts und wartete, bis er sich wieder umwandte. Nun konnte sie ihn noch besser sehen, ward ihrer Sache sicher und sprach zu ihrer in Andacht versunkenen Mutter: ›Wehe! Wißt Ihr, was ich da erblicke?!‹ – ›Was denn?‹ fragte die Mutter. – ›Ich sehe, daß mein Mann die Messe liest oder doch jemand, der ihm täuschend ähnlich ist!‹

Die Mutter hatte ihn nicht erblickt und antwortete daher: ›Bitte, rede dir nicht solchen Unsinn ein! So etwas ist doch ganz unmöglich! Wie werden so heilige Menschen einen derartigen Betrug ausführen. Solcher Gedanke ist eine große Sünde vor Gott!‹ Trotzdem gab aber nun auch sie acht, und als jener das ›Ite, missa est‹ sprach, da mußte sie erkennen, daß niemals zwei Zwillingsbrüder sich so gleichen konnten, wie der Priester ihrem Schwiegersohn. So rief sie: ›Gott bewahre mich davor, daß ich meinen Augen traue!‹ Da es aber ihrer Tochter so nahe anging, beschloß sie, der Wahrheit auf den Grund zu kommen.

Als daher gen Abend der Ehemann kommen sollte (der die beiden in der Kirche nicht bemerkt hatte), erklärte sie ihrer Tochter: ›Wenn du willst, werden wir erfahren, wie die Sache wirklich liegt. Sobald ihr also im Bett liegen werdet, will ich kommen und ihm unversehens die Perücke von hinten abreißen; dann werden wir flugs sehen, ob er auch solchen Haarschmuck trägt wie der Priester.‹

Und also geschah es. Kaum lag der arglistige Mann mit seinem Weib im Bett, da kam die alte Dame herein, nahm wie im Scherz seinen Kopf in ihre Hände, und flugs riß die Tochter die Perücke ab – also daß die Tonsur gar deutlich zu erkennen war. Darob fielen Mutter und Tochter aus allen Wolken, riefen schnell nach der Dienerschaft und ließen ihn trotz aller Bitten und Entschuldigungen an Händen und Füßen fesseln. Dergestalt blieb er bis zum Morgen liegen. Als aber der Tag anbrach, ließ die Dame den Beichtvater rufen, als habe sie ihm ein wichtiges Geheimnis anzuvertrauen, und als er eiligst das Haus betrat, erging es ihm wie dem jungen Pater. Dann warf die Dame ihm all seinen Trug vor, ließ das Gericht benachrichtigen und lieferte die beiden Burschen aus. Man darf wohl annehmen, daß sie nicht ungestraft davonkamen, sofern sie ehrenwerte Richter hatten.

Das mag euch zeigen, daß auch jene Brüder, die das Gelöbnis der Armut geleistet haben, der Verführung der Geldgier erliegen können, wenn sich die Gelegenheit bietet.«

»Es war aber auch recht viel Geld,« rief Saffredant. »Von den zusammengescharrten fünfhundert Dukaten der Alten konnte man sich manche Freude schaffen. Und das arme Mägdelein, das so sehr eines Gatten harrte, hätte für so viel Geld gleich zwei bekommen und noch besser von allen kirchlichen Herrlichkeiten reden können.« – »Jedenfalls erweist die Geschichte die Einfalt der armen Frauen und die Arglist jener Männer, die wir über ihresgleichen zu stellen pflegen,« sagte Oisille. – »Es gibt eben leider Frauen,« klagte Longarine, »die da vermeinen, sie müßten Engel bekommen.« – »Dann finden sie oft Teufel,« lachte Simontault. »Zumal wenn sie sich Gottes Gnade nicht anvertrauen und auf Erden himmlisches Glück suchen.« – »Ei, ei!« verwunderte sich Oisille. »Solche Worte hätte ich Euch gar nicht zugetraut.« – »Weil Ihr mich nicht genügend kennt,« erwiderte jener. »Immerhin mag ich auch einmal einem Franziskaner ins Handwerk pfuschen, wie es mir einer gemacht hat.« – »Handwerk nennt Ihr das, wenn man Frauen betrügt!« entrüstete sich Parlamente. »Damit verurteilt Ihr Euch selbst.« – »Und wenn ich hunderttausende betröge,« sprach jener, »so hätte ich die Qualen noch nicht gerächt, die mir eine allein schuf.« – »Trotz all' Eurer Klagen seht Ihr recht vergnügt aus,« meinte Parlamente. »Allerdings heißt es ja in der ›Schönen Dame ohne Gnade‹:

›Durch Schmiegsamkeit hat mancher leicht
Und schnell erhoffte Gunst erreicht!‹«

»Das scheint mir mehr für Damen belehrsam,« entgegnete Simontault. »Doch sagt mir bitte, ob es wirklich so ehrenvoll für eine Frau ist, wenn sie in dem Ruf steht, ohne Gnade, Mitleid, Liebe und Barmherzigkeit zu sein?« – »Ohne Barmherzigkeit und Liebe darf sie nicht sein. ›Gnade‰ aber hat bei Frauen einen schlechten Klang, maßen es bedeutet, daß sie das Verlangen der Männer erfüllen. Man weiß recht wohl, was die Männer von den Frauen erbitten.« – »Oh, es gibt Vernünftige, die sich mit einem guten Wort begnügen.« – »Das erinnert mich an den Mann, der sich mit einem Handschuh begnügte.« – »Von dem anmutigen Liebhaber müssen wir hören,« rief Hircan, »Deshalb gebe ich Euch mein Wort.«

»Ich erzähle die Geschichte um so lieber,« hub Parlamente an, »da sie an Ehrenhaftigkeit nichts zu wünschen übrigläßt.«

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