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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 62
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Fünfundfünfzigste Erzählung

Mit welcher List eine Spanierin die Mönche um das Vermächtnis ihres Gatten brachte.

»Zu Saragossa lebte ein Kaufmann. Als der seinen Tod nahen fühlte und inne ward, daß er seine Habe nun nicht mehr behalten könne (die er vielleicht mit schlechten Mitteln erworben hatte), da wollte er sich von seinen Sünden loskaufen und vermachte alles dem Bettelorden, ohne zu bedenken, daß sein Weib und seine Kinder darob nach seinem Tode Hungers sterben würden. Er bestimmte also, daß man einen guten spanischen Gaul, der den Hauptteil seines Vermögens ausmachte, möglichst hoch verkaufen und den Erlös an die Klöster verteilen solle, und bat sein Weib, dies unmittelbar nach seinem Tode auszuführen.

Als er im Grabe lag und die ersten Tränen getrocknet waren, ging die Frau, die gar nicht so dumm war, zu ihrem Knecht, der auch diese Verfügung des Verstorbenen gehört hatte, und sagte: ›Ich finde, ich habe an meinem Mann so viel verloren, daß ich nicht auch noch aller Habe verlustig gehen möchte. Drum will ich seinen Wunsch zum Guten wenden, denn ich muß für die Notdurft meiner Kinder sorgen. Aber niemand darf etwas erfahren.‹ Und als der Knecht ihr versprochen hatte, nichts zu verraten, fuhr sie fort: ›Geh und verkauf dies Pferd. Wenn dich jemand fragt, wieviel es kostet, so sage: ›Einen Dukaten.‹ Ich habe aber hier eine sehr schöne Katze – die verkaufst du mit, und nicht unter neunundneunzig Dukaten, so daß beide zusammen die hundert Dukaten bringen, für die mein Mann das Pferd allein verkaufen wollte.‹

Der Knecht führte alles pünktlich aus: als er den Gaul auf den Marktplatz brachte (die Katze trug er unterm Arm), da fragte ihn ein Edelmann, der dies Pferd längst kaufen wollte, was es koste. Der erwiderte: ›Einen Dukaten.‹ – ›Mach dich doch nicht über mich lustig.‹ – ›Aber gewiß, Herr, es kostet nur einen Dukaten. Allerdings muß man auch diese Katze für neunundneunzig Dukaten mitkaufen.‹

Der Edelmann fand den Preis angemessen, zahlte genau einen Dukaten für das Pferd, den Rest für die Katze und ging mit seinem Einkauf von dannen. Der Knecht aber brachte das Geld seiner Herrin, die fröhlich den Dukaten für das Pferd den Bettelmönchen gab, so wie es ihr Mann bestimmt hatte, und den Rest für sich und ihre Kinder zurückbehielt.

War diese Frau nun nicht klüger als ihr Gatte?« »Sicherlich liebte sie ihn sehr,« meinte Parlamente. »Aber da sie ihn sein Haus so schlecht bestellen sah, wollte sie seine Bestimmungen zum Besten der Kinder auslegen. Das halte ich für sehr klug.« – »Ist es keine Sünde, die letzten Wünsche der Verstorbenen nicht zu erfüllen?« fragte Guebron. – »Doch – falls der Sterbende bei vollem Verstand war.« – »Ist es nicht irrig, seine Habe der Kirche und den Bettelorden zu vermachen?« – »Nein, im allgemeinen nicht. Aber alles so hinzugeben und dadurch die Seinen dem Hungertode aussetzen, – das kann ich nicht billigen. Mir scheint, Gott fände es nicht minder wohlgefällig, wenn man für die armen Waisen sorgt, die man hinterläßt, statt sie in Hunger und Armut zu stoßen, also daß sie dann ihre Väter verfluchen.« – »Aber woher dieser Geiz, der heute allenthalben so eingewurzelt ist, daß die Menschen erst wenn der Tod naht daran denken, Almosen zu stiften? Ich glaube, sie hängen so an ihren Reichtümern, daß sie selbige gern mitnehmen würden, wenn sie könnten. Und dann, wenn die letzte Stunde naht, schlägt ihr Gewissen.«

»Mir scheint, Hircan,« unterbrach Nomerfide, »Ihr habt eine passende Geschichte im Sinne? Erzählt sie bitte, wenn sie sich auf Mönche bezieht.«

»Das will ich gern tun,« meinte Hircan, »obgleich ich nicht gern etwas zur Schande dieser Leute berichten mag. Da wir aber auch hochgestellte Leute nicht verschont haben, können sie sich gefallen lassen, wenn man sie gleichermaßen behandelt. Zudem sprechen wir nur von den lasterhaften und wissen wohl, daß es in jedem Stand auch ehrenwerte Menschen gibt, die dabei nicht getroffen werden sollen. Darum kann ich nun wohl mit der Geschichte beginnen.«

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