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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 61
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Vierundfünfzigste Erzählung

Von einer gar wohlgemuten Dame, die nur lachte, als sie sah, wie ihr Mann die Magd küßte, und erklärte, sie lache über einen Schatten, maßen sie den wahren Grund nicht nennen wollte.

»Zwischen den Pyrenäen und den Alpen lebte ein Edelmann namens Thogas, der ein Weib, Kinder, ein schönes Haus und soviel Habe und Freuden hatte, daß er wohl zufrieden hätte leben können, wenn ihn nicht immer ein rasender Kopfschmerz gequält hätte. Darob rieten ihm die Ärzte, sich der ehelichen Freuden zu enthalten. Die Frau war damit einverstanden, da sie nur für ihres Mannes Gesundheit besorgt war. So ließ sie sich ein Bett im gegenüberliegenden Winkel der gleichen Stube aufschlagen, so daß jeder der beiden Ehegatten den andern sehen konnte, wenn er den Kopf hervorstreckte.

Selbige Dame hatte zwei Mägde und diese hielten ihren Herrschaften oft die Kerzen, wenn selbige im Bett lesen wollten; und zwar saß die jüngere bei dem Herrn, die ältere bei der Frau. Da nun der Edelmann inne ward, daß seine Magd jünger und schöner war als ihre Herrin, so ergötzte er sich wiederholt daran, sie anzublicken, ließ sein Buch und begann mit ihr zu plaudern. Das hörte seine Frau gar wohl, doch fand sie es durchaus angemessen, daß die Dienerschaft ihrem Mann die Zeit vertreiben half. Denn sie war seiner Liebe sicher.

Als sie nun eines Abends wieder lange Zeit im Bett lasen, blickte die Dame nach der jungen Magd; doch konnte sie nur ihren Rücken wahrnehmen und ihren Mann gar nicht sehen. Dafür aber erblickte sie auf der weißen Wand neben dem Ofen sein Schattenbild, das sie sehr wohl erkannte, und daneben das der Magd, deren Köpfe sich bald einander näherten, bald entfernten, derweile beide kicherten. Das war so deutlich, als sähe sie die beiden selbst. Und der Edelmann, der darauf nicht achtete, war ganz sicher, daß sein Weib ihn nicht sehen konnte und küßte die Magd. Die Dame duldete das stillschweigend. Als sie aber sah, daß sich selbiges des öfteren wiederholte, fürchtete sie, daß jemand anderes das bemerken könne. Deshalb begann sie laut zu lachen, also daß die beiden Schatten erschreckt auseinanderfuhren.

Alsbald fragte sie der Edelmann, warum sie gelacht habe und ob er daran nicht teilnehmen könne. Sie aber entgegnete: ›Lieber Freund, ich bin so dumm und lache über einen Schatten.‹ Und nie gestand sie ihm ob seiner Fragen die Wahrheit. Denn für sie hatte er nur ein Schattenbild geküßt.

An diesen Fall erinnerte ich mich, als Ihr von der Dame sprachet, so die Freundin ihres Mannes liebte.«

»Weiß Gott,« rief Emarsuitte, »in solchem Fall hätte ich der Magd die Kerze auf der Nase verlöscht.« – »Ihr seid sehr heftig,« lächelte Hircan. »Denkt Euch nur, daß Euer Mann Euch dann mit der Magd zusammen verprügelt hätte! Um einen Kuß soll man nicht solch Aufhebens machen. Besser vielleicht hätte die Frau ganz still bleiben sollen, auf daß ihr Mann es sich wohl sein ließ und von seiner Krankheit geheilt würde.« – »Sie fürchtete doch gerade, daß diese Kurzweil ihn nur kranker mache,« widersprach Parlamente. – »Meiner Ansicht nach,« erklärte Oisille, »sollten alle Frauen an den Freuden und Leiden ihrer Männer teilnehmen, mit ihnen lachen, mit ihnen traurig sein.« – »Wahrscheinlich liebte sie mehr ihre Ruhe als ihren Mann,« spottete Longarine, »da sie sich die Sache so wenig nahe gehen ließ.« – »Sie ließ sich ja sehr wohl nahe gehen, was sein Gewissen und seine Gesundheit betraf,« entgegnete Parlamente. – »Sprecht nicht von Gewissen, sonst muß ich lachen,« sagte Simontault. »Nicht um die Welt möchte ich erleben, daß meine Frau sich um mein Gewissen kümmert.« – »Dann solltet Ihr jene zum Weibe haben,« lachte Nomerfide, »die nach ihres Gatten Tode bewies, daß sie das Geld mehr liebte als das gute Gewissen.« – »Bitte, erzählt uns das,« bat Saffredant. »Ich gebe Euch das Wort.«

»Solch kurze Geschichte wollte ich eigentlich gar nicht erzählen,« hub jene an, »Da sie aber hierher paßt, so werde ich sie mitteilen.«

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