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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 58
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Einundfünfzigste Erzählung

Von der hinterlistigen Grausamkeit eines Italieners.

»Ein italienischer Herzog – seinen Namen will ich verschweigen –- hatte einen Sohn von achtzehn oder zwanzig Jahren, der in ein Edelfräulein leidenschaftlich verliebt war. Da er nun nicht so ungestört mit ihr sprechen konnte, wie er es wohl wünschte, bediente er sich der Vermittlung eines Edelmannes von seinem Gefolge, so wie es die Landessitte war. Dieser Edelmann war seinerseits in ein bildschönes ehrsames Mägdelein verliebt, das zum Gefolge der Herzogin gehörte. Diese junge Dame überbrachte die Liebeserklärungen jenes Prinzen, ohne sich etwas Böses dabei zu denken. Vielmehr machte es ihr Freude, ihm gefällig zu sein, da er doch nur ehrenhafte Absichten pflog, die sie ohne Bedenken ausrichten konnte.

Der Herzog aber sorgte sich mehr um seines Hauses Vorteil denn um sittsame Freundschaften und ließ seinem Sohn nachspüren aus Angst, er könne sich dort ehelich binden. So erfuhr er, daß jenes arme Mägdelein die Zwischenträgerin einiger Briefe gewesen war, und ergrimmte darob dermaßen, daß er beschloß, dem einen gehörigen Riegel vorzuschieben. Doch konnte er seine Wut nicht so wohl bergen, daß die junge Dame nicht davon benachrichtigt wurde. Da selbige nun des Fürsten Bosheit kannte, so ward sie von schrecklicher Furcht ergriffen und eilte zu der Herzogin mit der flehentlichen Bitte um Urlaub, auf daß sie in der Ferne weilen könne, bis dieser Zorn verraucht sei.

Ihre Herrin erwiderte, sie wolle erst ihres Mannes Sinn ergründen, ehe sie diesen Urlaub erteile. Nachdem sie aber die bösen Absichten des Herzogs durchschaut hatte, gab sie in Anbetracht seines Charakters nicht nur dem Mägdelein den erbetenen Urlaub, sondern riet ihm obendrein, ein Kloster aufzusuchen, bis der Sturm vorüber sei. Das geschah auch in aller Heimlichkeit.

Trotzdem kam der Herzog dahinter, und alsbald fragte er mit verstellter Freundlichkeit sein Weib, wo die junge Dame sich befände. Die Herzogin vermeinte, er wisse alles, und gestand die Wahrheit, worob er sich betrübt stellte und ihr erwiderte, solcher Maßregeln habe es doch nicht bedurft, denn er habe nichts Böses im Sinn. Darum möge sie das Mägdelein zurückrufen, maßen es nur leidiges Geschwätz gäbe. Und als die Herzogin einwandte, in Anbetracht seiner Ungnade sei es doch besser, wenn jene fernbliebe, wies er alle Gründe von sich und verlangte ihre Rückkehr.

Nunmehr übermittelte die Herzogin der Ärmsten dies Geheiß, und als diese voll Unruhe bat, das Geschick nicht also erproben zu wollen, maßen der Herzog nicht so bereitwillig verzeihe, wie er sich stelle, versicherte ihr jene auf Ehre und Gewissen, daß ihr kein Leids geschehen würde. Darob faßte das Mägdelein Vertrauen, indem es wußte, daß die Herzogin sie liebte und nie betrügen würde, und vermeinte, der Herzog werde nie eine Zusage brechen, für die seines Weibes Ehre bürgte. Also kam es zurück.

Kaum hatte der Herzog dies erfahren, so ging er stracks in das Gemach seiner Frau. Als er das Mägdelein erblickte, rief er: ›Da ist ja die Heimgekehrte!‹, wandte sich zu den Edelleuten und befahl, jene ins Gefängnis zu werfen. Die arme Herzogin, die ihre Ehre verbürgt hatte, um sie aus ihrer Zufluchtsstelle zu locken, warf sich voller Verzweiflung ihrem Mann zu Füßen und beschwor ihn bei seinem Hause und seiner Ehre, einen solchen Vertrauensbruch nicht zu begehen. Aber weder Bitten noch Vernunftsgründe vermochten sein hartes Herz zu rühren noch ihn von seinen Rachegelüsten abzubringen. Ohne seinem Weibe ein Wort zu entgegnen, ging er unverweilt von dannen und vergaß Gottes und seiner Ehre so weit, daß er das Mägdelein ohne Gerichtsverfahren kurzerhand grausam aufknüpfen ließ.

Ich mag nicht die Verzweiflung der Herzogin schildern, die vor Scham und Herzeleid schier verging; noch auch die Trauer des Edelmannes, der vergeblich mit allen Mitteln versucht hatte, die Geliebte zu retten, ja – der selbst für sie hatte sterben wollen. Kein Mitleid packte den Herzog, er kannte nur die Wollust befriedigter Rache, und so ward dies unschuldige Mägdelein entgegen allen Gesetzen der Ehre und zum tiefen Gram ihrer Freunde ob des Herzogs grausamer Tücke zu Tode gebracht.

So erkennet, wohin die Bosheit, mit Macht gepaart, führen kann.«

»Ich hörte oft,« sagte Longarine, »daß viele – nicht alle – Italiener zumal dreien Lastern ergeben seien. Ich hätte aber nie gedacht, daß ihre Grausamkeit und Rachsucht so weit gehen könne.« – »Verwundert Euch nicht darob,« rief Simontault, »denn alle, die Italien besucht haben, berichten diesbezüglich so unglaubliche Dinge, daß jener Fall daneben nur ein ganz unschuldiges Vergehen zu sein scheint.«

»In der Tat,« bestätigte Guebron. »Als Rivoli von den Franzosen genommen wurde, stand daselbst ein italienischer Hauptmann, der für einen liebenswürdigen Kämpen galt. Als der die Leiche eines Mannes gewahrte, der nicht einmal ein Feind, sondern nur ein Guibelline war, riß er ihm das Herz aus, briet es oberflächlich und verzehrte es alsdann. Als man ihn fragte, wie ihm das schmecken könne, erwiderte er, nie habe er ein so genußreiches Stück Fleisch gegessen als dieses. Und damit nicht zufrieden, tötete er das Weib jenes Verstümmelten, riß die Frucht ihres Leibes heraus, daran sie schwanger war, zerschmetterte das Kindlein an der Mauer, füllte die Leichen der Eltern mit Haber und ließ die Pferde daraus fressen. Glaubt ihr, jener hätte nicht auch ein Mägdelein getötet, das er in Verdacht bekäme, ihm entgegen zu arbeiten?«

»Sicherlich fürchtete der Herzog, sein Sohn könne sich arm verheiraten,« brach Emarsuitte ab. »Für Leute hohen Standes ist es meist ganz selbstverständlich, sich nur von Rücksichten leiten zu lassen, die ihrer Ansicht nach über der Liebe stehen.« – »Solche Leute sollten eben mit dem Gleichen gestraft werden, darin sie sündigen,« rief Longarine. – »Ganz recht,« bestätigte Guebron, »und ich sah auch zum Beispiel noch nie einen Spötter, der nicht am Ende selbst verspottet wurde, keinen Betrüger, den man nicht schließlich selbst betrog, keinen Ruhmsüchtigen, der nicht gedemütigt wurde.« – »Da erinnert Ihr mich an einen Trug,« meinte Simontault, »den ich gern erzählt hätte, wenn er etwas . . . vornehmer gewesen wäre.« – »Wir sind hier, um die Wahrheit zu erzählen,« erklärte Oisille, »und mag nun die Geschichte auch nicht so untadelig sein, ich erteile Euch das Wort.«

»Da mir das Wort erteilt wurde,« hub alsbald jener an, »so will ich denn die Geschichte erzählen.«

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