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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 55
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Neunundvierzigste Erzählung

Wie schlau eine Gräfin im geheimen ihre Lust zu stillen wußte, und wie sie entlarvt wurde.

»Der Dame zuliebe will ich nicht sagen, der wievielte seines Namens jener König Karl von Frankreich war, an dessen Hofe die Gräfin lebte, deren Namen ich gleichfalls verschweigen will. Sie entstammte einem edlen Hause, war jedoch Ausländerin, und da alles Neue besonderen Gefallen findet, ward sie bei ihrer Ankunft ob des neuen Schnittes und Reichtumes ihrer Gewänder allenthalben bestaunt. Zwar war sie nicht über die Maßen schön, doch besaß sie große Anmut und starkes Selbstbewußtsein und war zudem beredt und klug. Darob scheuten sich auch alle ihr näherzutreten, mit Ausnahme des Königs, der sich heftig in sie verliebte und ihren gräflichen Gemahl mit einem Auftrag fortschickte, um ungestörter mit ihr kosen zu können. Und während der langen Zeit, die der Graf fortblieb, verlustierte sich der König von Herzen an dessen Weibe. Nun erkühnten sich auch einige Edelleute (maßen sie erfuhren, wie wohl der König von ihr aufgenommen wurde), Liebesanträge an sie zu stellen, darunter ein Edler von Astillon, der gleichermaßen anmutig und kühn war. Anfangs stellte sie sich sehr würdig und drohte ihm, solches seinem Herrn, dem König, zu hinterbringen, so daß er schier Angst bekam. Maßen er aber selbst die Drohungen wilder Kämpen nicht zu fürchten pflegte, so beruhigte er sich auch über die ihrigen und setzte ihr derart zu, daß sie ihm ein Stelldichein bewilligte und ihm angab, wie er in ihr Zimmer gelangen könne. Das prägte er sich wohl ein, und damit der König keinen Verdacht bekäme, nahm er Urlaub und reiste von Hof ab. Doch verließ er schon am ersten Tag seinen Troß, kam nachts zurück und erntete den versprochenen Lohn ein, den die Gräfin auch in reichem Maße spendete.

Der Edelmann war ob seines Glückes so befriedigt, daß er sieben oder acht Tage in einer Kleiderkammer versteckt blieb, ohne sich von der Stelle zu rühren. Während dieser Zeit lebte er nur von Stärkungsmitteln. Aber derweile verfolgte nun ein anderer Edelmann, namens Duracier, die Gräfin mit Liebesanträgen. Die tat wie mit dem ersten: anfangs ließ sie ihn hart an, dann wurde sie immer sanfter. Und als nun der Tag nahte, wo sie den ersten Gefangenen entließ, steckte sie den zweiten in jenen Kerker. Währenddem nahte ein dritter, namens Valnebon; dem ging es wie den beiden andern, und ihm folgten noch zwei oder drei andere in dem erquicklichen Gefängnis. Und dies Leben dauerte gar lange und war so schlau eingerichtet, daß keiner von dem andern etwas wußte; jeder vermeinte, der einzige zu sein und spottete innerlich über seine Gefährten, denen er solchen Erfolg voraus hatte.

Eines Tages nun vereinigten sich die obengenannten Edelleute bei einem Gelage, an dem es hoch herging. Als sie dort just von ihren Erfolgen und Gefangenschaften im Kriege sprachen, nahm Valnebon das Wort, maßen es ihm schwer fiel, sein Glück länger zu verschweigen, und sprach: ›Ich weiß, was für Gefängnisse ihr kennt. Ich aber könnte über einen Kerker, in dem ich gesessen habe, gar manches frohe Lob ertönen lassen. Denn wahrlich, es gibt auf Erden kein größeres Glück als solche Gefangenschaft.‹

Astillon, der den Reigen dort eröffnet hatte, glaubte zu verstehen, wovon er sprach, und erwiderte: ›Wer war Euer Gefängniswärter oder die Wärterin, die Euch so wohl behandelte, daß Ihr ob des Kerkers voll Entzückens seid?‹ Und Valnebon entgegnete: ›Lasset den Wärter beiseite – das Gefängnis war schön und gern hätt' ich gesehen, daß die Haft noch länger gedauert hätte.‹

Nun sprach Duracier, der recht wohl erkannte, daß jene von dem gleichen Kerker sprachen, den er auch bewohnt hatte: ›Von was für Leckerbissen naschet Ihr in jenem löblichen Gefängnisse?‹ – ›Der König selbst‹, sprach jener, ›hat nichts Schöneres und Schmackhafteres gekannt!‹ – ›So möchte ich noch wissen,‹ fragte der andere, ›ob der, so Euch gefangen hielt, es Euch schwer machte, Euer Brot zu verdienen?‹

Da erkannte Valnebon, daß er durchschaut war, und begann alsbald zu fluchen: ›Ei die Pest! So hatte ich also Gefährten, wo ich allein zu sein vermeinte!‹ Und auch Astillon sah ein, daß er das Schicksal der andern teilte, und rief lachend: ›Wir haben alle den gleichen Herrn – wenn wir also auch einmal Unglücksgefährten sind, sollten wir ruhig lachen. Um nun aber zu sehen, ob ich recht habe, will ich fragen und ihr werdet mir der Wahrheit gemäß antworten. Ist uns allen, wie ich annehme, dasselbe begegnet, so wäre das ein Spaß, der seinesgleichen nirgends findet.‹ Alle versprachen, die Wahrheit zu sagen, sofern sie die Tatsachen nicht bestreiten könnten, und so Hub jener an:

›Zunächst nahm ich Urlaub beim König für eine Reise.‹ – ›Wir auch.‹ – ›Als ich kaum zwei Meilen fort war, ließ ich meinen Troß und begab mich in den Kerker.‹ – ›Wir gleichermaßen.‹ – ›Dann blieb ich sieben oder acht Tage in einer Kleiderkammer versteckt, wo man mir Stärkungsmittel und Leckerbissen gab, wie ich nie bessere gegessen habe.‹ – ›Just wie wir.‹ – Meine Gefangenschaft nahm an dem und dem Tage ein Ende.‹ – ›Die meinige‹, rief Duracier, ›begann genau an diesem Tage und dauerte bis dann und dann.‹ – Valnebon verlor wieder die Geduld und fluchte: ›Gottes Blut! Ich sehe, ich war der dritte, da ich doch vermeinte, der erste und einzige gewesen zu sein! An jenem Tage kam ich und ging an dem und dem Tage von dannen!‹ Alsbald versicherten die drei andern, die noch dabei saßen, sie wären hernach daran gekommen. ›Wenn dem so ist,‹ meinte Astillon, ›so will ich die Wärterin beschreiben: sie ist verheiratet und ihr Mann weilt in der Ferne.‹ – ›Gerade die ist es,‹ riefen alle.

›Dann brauchen wir uns nicht weiter zu plagen,‹ erklärte Astillon. ›Und da ich der erste war, will ich sie zuerst nennen: es ist die Gräfin Soundso, die sich so selbstbewußt aufspielte, daß ich Cäsar besiegt zu haben vermeinte, als ich ihre Liebe errang. Der Teufel soll das Weib holen, die uns so stramm arbeiten ließ, daß wir ganz geschwächt von ihr gingen, und uns glauben machte, wir hätten mit ihr wer weiß was erobert. Solch boshaftes Weib war ja noch nicht da! Während sie den einen im Käfig hatte, zähmte sie den andern, um stets Kurzweil zu haben. Lieber will ich sterben, als sie ungestraft wissen.‹

Alsdann fragten sie Duracier, welche Strafe ihm geeignet dünke, auf daß sie alle daran teilnehmen könnten. Der sprach: ›Mir scheint, man sollte es dem König sagen, der so große Stücke auf sie hält.‹ Aber Astillon winkte ab: ›Nicht so! Wir haben genug andere Mittel, ohne unsern Herrn anrufen zu brauchen. Morgen, wenn sie zur Messe geht, wollen wir alle mit einer Eisenkette am Hals erscheinen und sie gemeinsam geziemend begrüßen!‹ Dieser Rat gefiel allen über die Maßen, und straks besorgten sie sich die Ketten.

Am folgenden Morgen trafen sie in tiefschwarzen Gewändern, mit jenen Ketten gleich Halsbändern angetan, die Gräfin, da sie zur Messe schritt. Da selbige die Edelleute erblickte, hub sie an zu lachen und rief: ›Wohin geht diese jämmerliche Gesellschaft?‹ – ›Edle Frau,‹ begrüßte sie Astillon, ›wir kommen als Eure gefesselten Sklaven, um bei Euch Dienst zu tun.‹ Die Gräfin tat, als verstände sie nichts, und entgegnete: ›Ihr seid nicht meine Gefangenen, und so weiß ich nicht, warum ihr mir eifriger dienen solltet als andere.‹ Alsbald trat Valnebon vor und sprach: ›Maßen wir lange Zeit Euer Brot gegessen haben, wären wir recht undankbar, wenn wir nicht bei Euch Dienst täten.‹

Doch sie wußte sich so wohl zu stellen, als begriffe sie nichts, daß jene sich baß erstaunten. Immerhin spielten sie ihre Rolle so gut weiter, daß die Gräfin inne ward, daß man sie durchschaut hatte. Trotzdem wußte sie jene zu überlisten. Denn obgleich sie doch Ehre und Gewissen verloren hatte, wollte sie die Schande nicht tragen. Und da sie ihr Vergnügen aller Ehre vorzog, ließ sie nun jene nicht hart an noch verlor ihre Selbstbeherrschung, also daß die Herren am Ende selbst nicht aus noch ein wußten und dergestalt die Schande heimtrugen, die sie der Gräfin hatten aufladen wollen.

Wenn euch diese Geschichte nicht beweiskräftig genug erscheint, um zu erweisen, daß der Frauen Arglist der der Männer gleich ist, so will ich nach anderen suchen. Mir scheint aber, diese erweist, daß ein Weib, das seine Scham verloren hat, noch hundertmal kecker in schlimmen Taten ist als jeder Mann.«

Alle Damen, die dieser Geschichte gelauscht hatten, bekreuzigten sich inzwischen so oft, als hätten sie alle Teufel der Höllen vor sich. Endlich sagte Emarsuitte: »Was auch jene arme Frau verbrochen haben mochte, ich kann es doch nicht löblich finden, daß die Herren sich ihres Gefängnisses rühmten.« – »Mir scheint,« erklärte Longarine, »daß es einem Mann mehr Mut kostet, solch Glück zu verschweigen, als es zu erringen.« – »Solche Ansicht muß ich ketzerisch nennen,« rief Simontault, »denn der Mann ist verschwiegener als die Frau. Gar mancher möchte lieber auf sein Glück verzichten, als erleben, daß irgendein Geschöpf davon wüßte. Darum hat auch die Kirche als fürsorgliche Mutter die Priester zu Beichtigern gemacht und nicht die Frauen. Denn diese können eben den Mund nicht halten.« – »Das ist der Grund nicht,« widersprach Oisille. »Vielmehr verabscheuen die Frauen das Laster so sehr, daß sie zu schwere Bußen auferlegen und zu selten Absolution erteilen würden.«

»Ich verwundere mich,« lenkte Guebron ab, »daß jene arme Frau beim Anblick der kettenbeladenen Herren nicht vor Scham starb.« – »Wer die Scham verloren hat,« erklärte Oisille, »kann sie höchstens wiedererlangen, wenn eine starke Liebe das Vergangene vergessen macht, wie ich einige Beispiele kenne.« – »Dann sahet Ihr sie sicher auch wieder zur Vergangenheit zurückkehren,« höhnte Hircan, »denn eine starke Liebe ist bei Frauen recht schwer zu finden.« – »Der Ansicht bin ich nicht,« entgegnete Longarine, »ich kenne Frauen, die bis zum Tode liebten.« – »Das möcht ich gern hören,« rief Hircan. »So ergreift denn das Wort, um mich die Liebe kennen zu lehren, von der ich allezeit glaubte, daß die Frau sie nicht besitzt.«

»Ihr werdet mir glauben, wenn Ihr die Geschichte hört,« hub Longarine an. »Die Liebe ist die stärkste Leidenschaft, die es gibt. Sie läßt unmögliche Dinge vollbringen, um nur etwas Zufriedenheit zu erringen, und zermürbt gleichermaßen mehr als alles den Menschen, der jegliche Hoffnung verloren hat, seinen Liebeswunsch erfüllt zu sehen.«

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