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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 54
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Achtundvierzigste Erzählung

Zwei Franziskaner nehmen in einer Hochzeitsnacht nacheinander des Ehemannes Platz ein und erhalten am Ende ihre gebührende Strafe.

»In einem Dorf in Périgord feierte man in einem Gasthof die Hochzeit eines Mägdeleins, und alle Verwandten und Freunde bemühten sich nach Kräften, es sich wohl sein zu lassen. Während der Feier kamen zwei Franziskaner an, denen man das Essen aufs Zimmer brachte, weil solcher Festeslärm nicht zu ihrem Stand paßte. Der ältere von beiden war aber voll Bosheit und bedachte: maßen man ihn von den Tafelfreuden fernhielt, wolle er an denen des Bettes teilhaben. So beschloß er, den Hochzeitern einen Streich zu spielen, wie Mönche das so lieben. Als der Abend kam und die Tänze begannen, erblickte er vom Fenster aus die Braut und fand sie bei eingehender Betrachtung recht schön und verlockend. So erkundete er bei den Mägden, in welchem Zimmer sie schlafen würde, und war baß erfreut, als er hörte, daß es neben dem seinen lag. Alsbald erspähte er, wie die Braut nach der Sitte von den alten Frauen hinausgeführt wurde. Der Bräutigam blieb inzwischen noch unten, um weiter zu tanzen, und war so eifrig bei der Sache, daß er schier sein junges Weib vergaß. Nicht so der Mönch: denn kaum hörte dieser, daß die Braut im Bett lag, so schlüpfte er aus seiner grauen Kutte und nahm des Ehemanns Platz ein. Da er aber fürchtete abgefaßt zu werden, so begnügte er sich mit wenig und begab sich dann auf den Gang, wo der andere den Aufpasser spielte. Der gab ihm zu verstehen, daß der Bräutigam noch tanze, und begab sich nun seinerseits zu der Braut ins Bett, sintemalen er ja seine Lust noch nicht gestillt hatte. Als dann der Gefährte ein Zeichen gab, verließ er sie.

Alsbald kam der Ehemann und umfing nun seinerseits sein Weib. Dem aber hatten die Pater schon derart zugesetzt, daß es sich nach Ruhe sehnte, und darum sagte es: ›Wollt Ihr denn gar nicht schlafen, noch aufhören mich zu quälen?‹ Der arme Mann, der doch just erst eben gekommen war, fiel aus allen Wolken und fragte, wie er sie habe quälen können, maßen er doch bis jetzt getanzt habe. ›Ach so, Ihr nennt das tanzen,‹ klagte die Ärmste. ›Ich finde, Ihr kommt nun schon zum drittenmal zu mir ins Bett und tätet wohl besser, zu schlafen.‹

Ihre Worte verblüfften den Mann so, daß er alles vergaß und nur noch daran dachte, die Wahrheit zu ergründen. Als er nun die Geschichte hörte, bekam er die beiden Franziskaner in Verdacht, die im Hause wohnten. Stracks eilte er in ihr Zimmer, und da er sie dort nicht fand, rief er so laut um Hilfe, daß die Gevattern und Freunde angelaufen kamen. Die halfen alsbald, nachdem er ihnen den Fall erzählt hatte, mit Lichtern, Laternen und Hunden die Mönche suchen, und da sie jene im Hause nicht mehr fanden, eilten sie ihnen flugs nach und holten sie in den Weinbergen ein. Und nun ließen sie ihnen eine gebührende Strafe zuteil werden: denn nach einer gehörigen Tracht Prügel schnitten sie ihnen Arme und Beine ab und ließen sie im Schutze von Bacchus und Venus liegen, maßen sie diesen besser gefolgt waren als dem heiligen Franziskus.

Verwundert euch nicht, meine Damen, wenn solche Leute Handlungen begehen, die selbst einen Abenteurer beschämen würden. Denn sie leben fern von unsern Sitten und Anschauungen. Wundert euch vielmehr, daß sie nicht noch Schlimmeres tun, wenn Gott seine Hand von ihnen nimmt. Denn die Kutte macht nicht immer den Mönch, sondern verleiht ihnen oft jene Hoffahrt, die sie zugrunde richtet.«

»Mein Gott,« entrüstete sich Oisille, »werden wir denn nie aus diesen Mönchsgeschichten herauskommen?« Aber Emarsuitte erwiderte: »Wenn wir der Edelfrauen und Fürsten nicht schonen wollen, dürfen diese auch nicht böse sein, wenn man von ihnen spricht. Die meisten sind recht zwecklose Brüder, von denen man nur redet, wenn sie etwas besonders Schlimmes ausfressen. Man sagt oft: Schlecht getan ist besser als nichts getan! Unser Strauß wird um so schöner, je mehr verschiedene Dinge ihn schmücken.«

»Wenn ihr mir versprecht, nicht böse zu werden,« hub alsbald Hircan an, »so will ich euch eine Geschichte von Leuten erzählen, die derart gerissen waren, wenn es sich um Liebe handelte, daß ihr schier darob jene Mönche entschuldigen werdet, die ihr Bedürfnis stillten, wo sie es just konnten. Hier handelt es sich nämlich um eine Frau, die reichlich gesättigt sein konnte, aber allzu unbescheiden nach Leckerbissen gierte.« – »So sprecht,« erklärte Oisille, »denn all die Übeltaten, die wir hier berichten, fallen nicht allein denen zur Last, von denen die Erzählungen handeln – sie führen uns das Elend jener verwerflichen Geschöpfe vor Augen, um uns die Vollkommenheit Gottes neben der Unvollkommenheit der Menschen begreiflich zu machen.«

»So will ich denn,« sprach Hircan, »ohne Sorgen den Fall berichten.«

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