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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 53
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Siebenundvierzigste Erzählung

Ein Edelmann zu Perche beargwöhnt zu Unrecht einen Freund und reizt ihn dadurch, jenen Verdacht wahrzumachen.

»Im Gebiet von Perche wohnten zwei Edelleute, die von Kind auf ein Herz und eine Seele gewesen waren. Ohne daß je einer Zank oder Streit verursacht hätte, lebten sie derart lange Zeit einträchtiger denn zwei Brüder. Und als der eine sich vermählte, blieb gleichermaßen ihre Freundschaft unvermindert bestehen, so daß der Ehemann sogar in Fällen, wo es an Platz mangelte, den andern mit sich bei der Frau im Bett schlafen ließ. Allerdings legte er sich alsdann in die Mitte zwischen sein Weib und den Freund. Selbst ihre Habe besaßen sie gemeinsam, so daß eine Heirat daran nichts ändern konnte. Aber nach mancher Weile vermochte auch dies Glück, wie alles auf der selbst so veränderlichen Erde, nicht unverändert zu bleiben.

Ohne jeden Grund begann eines Tages der Ehemann seinem Freund bezüglich seiner Frau zu mißtrauen, und das verbarg er auch gar nicht, sondern machte ihr Vorwürfe. Darob war sie baß verwundert. Denn bisher hatte er ihr stets gehießen, dem andern, bis auf einen Punkt, stets das größte Entgegenkommen zu zeigen, und nun verbot er ihr, anders als in Gesellschaft mit jenem zu sprechen. Das ließ sie daher den Freund wissen, doch der glaubte es nicht, maßen er recht wohl wußte, daß er sich nichts hatte zuschulden kommen lassen. Wie er nun alle Zeit gewohnt war, nichts vor dem andern zu verschweigen, so sprach auch hierüber offen mit ihm und bat ihn, die Wahrheit zu sagen. Denn er wollte nicht, daß hieran oder überhaupt ihre Freundschaft Schiffbruch litte.

Der gekränkte Ehemann versicherte ihm, er habe nie an solchen Klatsch geglaubt, und die Urheber solcher Gerüchte wären gemeine Lügner. Der andere aber entgegnete:

»Ich weiß, daß Eifersucht gleich der Liebe eine unüberwindliche Leidenschaft ist. Daher würde ich Euch auch in solchem Fall keinen Vorwurf machen. Doch klage ich darüber, daß Ihr mir Euer Leiden verschweigt; denn wäre ich etwa in Euer Weib verliebt, so dürftet Ihr mich darob zwar keiner Bosheit bezichtigen, wohl aber, wenn ich es vor Euch verbergen sollte und es vielmehr Euerm Weibe zu verstehen gäbe. So will ich Euch denn hoch und heilig versichern, daß jene zwar schön und ehrbar ist, daß sie aber – abgesehen davon, daß sie die Eure ist – keinerlei Gefühle in mir zu erwecken vermochte. Habt Ihr nun auch nur den geringsten Verdacht, so sagt es mir, damit ich einen Ausweg finde, der unsere Freundschaft unversehrt erhält. Aber selbst wenn ich sie je lieben sollte, würde ich sie nichts davon merken lassen, da mir unsere Freundschaft über alles geht.«

Der andere schwor ihm mit den höchsten Eiden, er habe nie an so etwas gedacht, und jener möge sich in seinem Hause verhalten wie bisher. Darauf erwiderte sein Freund: »Gut, wenn Ihr es so wollt; doch wisset: wenn Ihr nochmals einen Argwohn faßt und mir verhehlt, so werde ich Euch für immerdar verlassen.«

Nunmehr lebten sie wieder eine Weile wie früher. Aber dann ward der Ehemann von neuem mißtrauisch und befahl seiner Frau, mit dem andern nicht weiter so freundlich zu tun. Und wiederum sagte diese es dem Freund weiter und bat ihn, künftig nicht mehr mit ihr zu reden, da ihr Mann ihr solches geheißen habe. Daraus und aus dem Verhalten des Ehemannes entnahm jener, daß sein Freund sein Versprechen nicht gehalten hatte. Deshalb sagte er voll grimmigen Zornes zu ihm: »Wenn Ihr eifersüchtig seid, so könnt Ihr nichts dafür, wohl aber, wenn Ihr Euer Versprechen nicht haltet und Euern Argwohn verschweigt, bis er zum Haß anwachsen wird, der ebenso wild werden muß als unsere Freundschaft innig war. Ich tat alles, um derartiges zu verhindern. Nun aber schwöre ich Euch, daß ich alles daransetzen werde, um von Euerm Weib das zu erlangen, um dessentwillen Ihr mir mißtraut. Hütet Euch künftig vor mir. Denn nun Euch der Argwohn meiner Freundschaft entfremdete, wird mich die Verachtung von Euch entfremden.«

Und obgleich der Ehemann ihn vom Gegenteil zu überzeugen suchte, schenkte er ihm keinen Glauben mehr. Er nahm all sein Gut und seinen Hausrat an sich, auf daß ihre Habe gleichermaßen getrennt sei wie ihre Herzen, und sorgte tatsächlich dafür, dem Ehemann die versprochenen Hörner aufzusetzen.

So möge es allen gehen, die ihre Frauen zu Unrecht beargwöhnen. Gar mancher ist selbst daran schuld, wenn nachträglich sein Verdacht wahr wird. Denn die Verzweiflung besiegt eine Frau leichter als alle Freuden dieser Welt. Wer da meint, Eifersucht sei Liebe, irrt sich; vielmehr tötet sie selbige, gleichwie die Asche das Feuer erstickt.«

»Ich kann das keine Entschuldigung für eine Frau nennen,« erklärte Oisille, »daß sie sich für den Verdacht ihres Mannes rächt, indem sie ihm Schande antut. Das gleicht dem Mann, der seinen Feind nicht töten konnte und sich deshalb selbst ersticht. Weiser hätte sie getan, wenn sie nicht mehr mit jenem redete und ihrem Gatten so sein Unrecht zeigte. Dann wären sie mit der Zeit wieder ausgesöhnt worden.« – »Sie handelte wie eine Frau von Herz!« rief Emarsuitte. – »Nein, Geduld nur macht die Frau siegreich,« widersprach Longarine, »und Keuschheit allein ist lobenswert.« – »Und wenn eine Frau ohne jede Sünde ihre Keuschheit einbüßt?!« – »Wie versteht Ihr das?« fragte Oisille. – »Wenn sie einen andern für ihren Mann hält,« erklärte Emarsuitte. – »Welche Frau ist denn so dumm, ihren Mann nicht selbst unter Verkleidung zu erkennen?« entrüstete sich Parlamente. – »Oh, es gab schon welche, die getäuscht wurden, ohne von Sünde etwas zu ahnen.« – »Wenn Ihr dergleichen zu erzählen wißt, so gebe ich Euch gern meine Stimme,« sprach Dagoucin. »Denn ich finde es gar seltsam, daß Unschuld und Sünde so dicht beieinander wohnen können.«

»So vernehmt denn folgende Geschichte,« hub Emarsuitte an. »Durch die früheren Erzählungen seid Ihr darüber unterrichtet, wie gefährlich es ist, jene Herrschaften bei sich aufzunehmen, die uns ›Weltkinder‹ nennen und sich selbst für heilig und würdiger denn uns halten. Nun will ich Euch ein Beispiel zeigen, daß sie Menschen sind wie wir und nicht minder arglistig. Und so höret zu.«

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