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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 52
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Sechsundvierzigste Erzählung

Von einem Franziskaner, der den Ehemännern einen schweren Vorwurf machte, wenn sie ihre Frauen verbläuten.

»Zu Angoulême – der Stadt, da sich der Vater des Königs Franz, Graf Karl, so gern aufhielt – befand sich ein Franziskaner, de Valles mit Namen, der gar gelehrt und ein gewaltiger Kanzelredner war. Der predigte zu Advent in der Stadt vor dem Grafen, darob sein Ruhm noch erklecklich zunahm. Nun war es damals geschehen, daß ein junger Liederjahn daselbst ein gar lästerliches Leben führte, obzwar er mit einem schönen jungen Weibe vermählt war und solcher Wandel einem glücklichen Ehemann wahrlich nicht anstand.

Da nun solches seinem armen Weibe zu Ohren kam, vermochte es nicht zu schweigen. So oft sie ihm dergleichen bei Gelegenheit vorwarf, so oft zahlte er ihr die Vorwürfe zurück und in anderer Münze, als sie wohl gewünscht hätte. Doch sie ließ darob nicht nach, zu klagen und gar bisweilen ihn zu beschimpfen, so daß der Jüngling einstmals außer sich geriet und sie braun und blau schlug. Alsbald erhob sie ein erschreckliches Geschrei, und nun mochten auch die Nachbarinnen nimmer den Mund halten. Vielmehr liefen sie über Straßen und Gassen und riefen: ›Pfui, pfui, pfui über die Ehemänner. Der Satan soll sie holen – zum Teufel mit ihnen.‹

Just kam jener Pater des Weges und vernahm ihr Geschrei. Und da er den Grund erfuhr, beschloß er, den Fall tags darauf in der Predigt zu besprechen, und also geschah es.

Da er von Ehre und Zuneigung redete, so man wohl bewahren müsse, erging er sich in Lobsprüchen über die Treue, schalt gewaltig über den Treubruch und zog dann einen Vergleich zwischen ehelicher Liebe und Elternliebe. Weiter legte er dar, wieviel schlimmer und strafwürdiger es dieserthalben sei, wenn man sein Weib schlage als wenn man Vater und Mutter mißhandele, und fuhr also fort: ›Denn so ihr Vater oder Mutter schlaget, so wird man euch zur Buße nach Rom schicken. So ihr aber euer Weib verprügelt, so schickt es euch, gleichwie auch die Nachbarinnen tun, zu allen Teufeln, das heißt: in die Höllen. So bemerket wohl den Unterschied zwischen beiden Bußen: aus Rom kehret man gewöhnlich zurück, aber aus der Höllen nie; denn wehe, von dorten gibt es keine Rückkehr – nulla est redemptio!‹

Alsbald machte man ihn darauf aufmerksam, daß die Frauen sich seit seiner letzten Predigt auf seine Worte versteiften und die Männer sie schier nicht mehr zufrieden stellen könnten. Dieserthalben beschloß er Ordnung zu stiften, maßen ihm solch Gehabe der Frauen ungehörig erschien. So verglich er in der nächsten Predigt die Frauen mit dem Teufel und sagte: diese zwei seien die schlimmsten Feinde der Männer, die ihn unentwegt in Versuchung führten – zumal die Frauen. ›Denn‹, meinte er weiter, ›die Teufel fliehen von hinnen, wenn man ihnen das Kruzifix zeigt, die Frauen aber keineswegs. Vielmehr laufen sie alsdann auf und nieder und setzen den Männern gar noch zu, ohne ein Ende zu finden. Doch wisset ihr nun, ihr wackeren Männer, was ihr dann tun müßt, wenn ihr sehet, daß die Frauen euch also ihrer Gewohnheit nach zusetzen. Dann ziehet den Stiel beim Kreuz heraus und jagt sie damit davon. Ihr brauchet das nur drei- oder viermal recht nachdrücklich zu tun, dann werdet ihr euch viel bequemer fühlen und wahrnehmen, daß gleichermaßen, wie der Teufel mit dem Kreuze verjagt wird, eure Frauen von euch lassen und gar schön fürder ihren Mund halten, nachdem ihr besagten Stiel herausgezogen haben werdet.‹

Da habt ihr einige Proben aus den Kanzelreden jenes verehrlichen Paters, dessen Leben ich aus gutem Grunde nicht erzählen will; doch kann ich noch erwähnen (maßen ich ihn gekannt habe), daß er weit mehr auf Seiten der Frauen denn der Männer stand.«

»Das zeigte er aber in seiner letzten Predigt keineswegs,« – meinte Parlamente, »als er die Männer lehrte, ihre Frauen zu verprügeln.« – »Ihr habt seine List nicht verstanden,« widersprach Hircan seinem Weibe, »weil Ihr in der Kriegskunst nicht genügend bewandert seid: man muß das feindliche Lager entzweien, um es desto leichter zu erobern. So säete jener Mönch Zwietracht zwischen den Gatten, weil derart die Frauen oft in ihrer Ehrbarkeit lockerer werden, auf Abwege geraten und dem lauernden Wolf zum Opfer fallen.« – »Ich könnte den nicht lieben, der mich mit meinem Mann entzweite,« erklärte Parlamente. »Immerhin sollen Männer sich oft gar schmeichlerisch gebahren, um von Frauen Gunst zu erlangen. Deshalb muß man doch wohl mißtrauisch sein.« – »Nichtsdestoweniger kann ein mißtrauischer Mensch keinen wahren Freund haben,« warf Dagoucin ein, »und gar mancher Freundesbund zerfiel ob eines bloßen Verdachtes.« – »Wenn Ihr hierüber etwas zu berichten wißt,« rief Oisille, »so will ich Euch gern das Wort erteilen.« »Ich kenne hierüber eine gar wahrhafte Geschichte,« hub Dagoucin an, »der ihr gerne lauschen werdet. Eine Freundschaft zerbricht um so leichter, wenn ihre Grundlage zum Argwohn reizt. Und gleichwie Vertrauen die höchste Ehre ist, die man jemandem erweisen kann, so ist Mißtrauen der schlimmste Schimpf, maßen man den andern entgegen der eigenen Idealvorstellung einschätzt. So werden die besten Freunde zu ingrimmigen Feinden, wie ihr aus dem folgenden Fall entnehmen könnt.«

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