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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 51
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Fünfundvierzigste Erzählung

Ein Ehemann gibt vor, dem Stubenmädchen die KinderstreicheBei dem Feste, das des Bethlehemitischen Kindesmordes gedachte, war es Sitte, daß junge Männer alle Frauen, die sie im Bett betrafen, mit Ruten streichen durften. verabfolgen zu wollen und hintergeht also sein einfältiges Weib.

»Zu Tour lebte ein geistesgegenwärtiger, gescheiter Mann, der Tapetenmacher des seligen Herzogs von Orleans, des Sohnes König Franz' des Ersten. Zwar war er durch eine Krankheit schwerhörig geworden, doch hatte sein gesunder Menschenverstand darunter nicht gelitten; und daß er nicht nur in seinem Handwerk gar leistungsfähig war, mag man aus dem Folgenden leicht ersehen. Er war mit einer sittsamen, recht wohlhabenden Frau verheiratet, lebte mit ihr in friedlicher Ruhe und hütete sich wohl, ihr zu mißfallen, gleichwie auch sie ihm gern jederzeit fügsam war. Trotz all seiner Zuneigung aber war er so freigebig, daß er oft auch den Nachbarinnen spendete, was nur seinem Weibe zukam; doch vollzog er solche Spenden in tiefster Heimlichkeit.

Nun diente in seinem Hause eine Magd, die wohl bei Fleische war, also daß jener sich in sie verliebte. Maßen er aber fürchtete, sein Weib könne ihm auf die Schliche kommen, tat er oft vor ihr, als tadle er jene und zanke sie aus, nannte sie den schlimmsten Faulpelz, den er je gesehen habe, und äußerte seine Verwunderung, daß sein Weib sie niemals schlug. Als sie nun eines Tages von den Kinderstreichen sprachen, erklärte er seiner Frau: ›Man täte wahrlich eine Wohltat, wenn man diese faule Magd mit Ruten striche; aber das dürfte nicht von Eurer Hand geschehen, denn die ist zu schwach und Euer Herz zu mitleidig. Wenn Ihr mir erlaubtet, das zu erledigen, so würden wir sicherlich künftig besser von ihr bedient werden.‹

Sein armes Weib ahnte nichts Böses, und so bat sie ihn, die Prozedur vorzunehmen, da sie in der Tat zu schwach und weichherzig sei. Alsbald übernahm der Mann fröhlich diese Aufgabe, spielte den rohen Henker und befahl recht tüchtige Ruten zu kaufen. Die ließ er obendrein in Salzwasser legen, um zu erweisen, daß er nicht die geringste Milde walten lassen wollte, also daß sein gutmütiges Weib eher die Magd bemitleidete denn ihren Gatten beargwöhnte.

Als dann der Bethlehemstag kam, erhob sich der Tapetenmacher zu früher Stunde und begab sich in die Kammer, wo die Magd allein schlief. Aber er verabfolgte ihr ganz andere Dinge als sein Weib glaubte. Zwar hub die Magd gewaltiglich an zu heulen, aber das half ihr nichts. Maßen er jedoch fürchtete, seine Frau könne ihn abfassen. so schlug er auf die Holzränder der Bettstatt, bis die Ruten zerspellten und brachen, zeigte sie dann also seinem Weibe und sprach: ›Meine Liebe, ich glaube, dieser Streiche wird sich Eure Magd recht wohl erinnern.‹

Kaum hatte er dann das Haus verlassen, so warf sich die Magd ihrer Herrin zu Füßen und klagte, der Herr habe ihr das schlimmste Unrecht angetan, das je einer Magd widerfahren könne. Ihre Herrin aber verstand, daß sie von den Streichen rede, unterbrach sie und sagte: ›Mein Mann tat sehr recht; schon seit einem Monat bitte ich ihn darum; hat es Euch weh getan, so freut mich das: denkt nur an mich; und sicher hat er sich noch dabei einiges Maß auferlegt!‹

Da die Magd also inne ward, daß ihre Herrin die Sache billigte, vermeinte sie, es könne doch wohl nicht so gar schlimm gewesen sein, maßen doch jene ehrengeachtete Frau selbst die Veranlassung gewesen war. Also sprach sie nicht mehr davon. Und als der Hausherr wahrnahm, daß sein Weib ebenso damit zufrieden war, betrogen zu werden, als er damit, sie zu betrügen, entschloß er sich, sie des öfteren zufriedenzustellen. Daher zähmte er die Magd alsbald so wohl, daß sie ob seiner Streiche niemals mehr Tränen vergoß. Und so lebten sie lange Zeit, ohne daß sein Weib etwas merkte.

Als nun große Schneefälle eintraten, bedachte der Tapetenmacher sein Spiel gleichermaßen auf dem Schnee fortsetzen zu können, wie er es im grünen Gras gepflogen hatte. So nahm er die Magd eines Morgens früh, ehe sonst jemand im Hause erwacht war, im Hemd in den Garten, auf daß sie dort ihre Morgenandacht verrichte. Erst schneeballten sie sich gehörig, und dann vergaßen sie auch die Streiche nicht. Das aber bemerkte eine Nachbarin (die vom Fenster aus in seinen Garten blicken konnte), als sie nach dem Wetter sehen wollte. Als sie sein anstößiges Tun gewahrte, ergrimmte sie und beschloß, die Gevatterin zu benachrichtigen, auf daß sie sich weder von ihrem schlimmen Gatten betrügen ließe, noch fürder solche Magd im Hause dulde.

Nachdem sich aber der Tapetenmacher weidlich verlustiert hatte, schaute er um sich und nahm jene Nachbarin wahr, die am Fenster stund. Darob war er baß betrübt. Gleichwie er jedoch jeglicher Tapete allerlei Farben zu verleihen wußte, so entschloß er sich, auch diesen Vorfall recht schon zu färben, also daß diese Nachbarin nicht minder gut betrogen würde als sein Weib. Kaum war er daher ins Bett geschlüpft, so erweckte er seine Frau, führte sie gleichermaßen in den Garten wie die Magd, schneeballte sich auch mit ihr lange Zeit, und strich schließlich sein Weib mit der gleichen Rute wie ihr Stubenmädchen. Darauf legten sich beide wieder zur Ruhe. Sobald sich dann die gute Frau zur Messe begab, fand sich auch die Nachbarin ein und bat sie eifrigst, ohne aber näheres zu sagen: sie müsse ihre Magd davonjagen, sintemalen selbige eine schlechte, gefährliche Dirne sei. Die andere meinte, das läge ihr recht fern, solange sie die näheren Gründe nicht kenne. So entschloß sich die Nachbarin endlich, zu erzählen, wie sie jene Magd früh morgens mit dem Hausherrn im Garten erblickt habe. Die wackere Frau hub alsbald an, recht herzlich zu lachen, und sagte: ›Ach, beste Gevatterin, das war doch ich.‹ – ›Wie denn?‹ entgegnete jene, ›ich meine im Hemd, früh morgens um fünf Uhr.‹ – ›Ja freilich, Frau Nachbarin, das war ich.‹

Die andere fuhr immer eifriger fort: ›Sie schneeballten sich beide und bewarfen auch die Brust, dann gar andere Stellen mit Schnee, ohn' alle Scham!‹ – ›Ja, ja, meine Liebe, das war ich.‹ – ›Aber denkt doch, ich sah sie im Schnee dann allerlei Dinge treiben, die wirklich nicht schön und sittsam waren.‹ Da erklärte die gute Frau: ›Ich sagte Euch und ich wiederhole es nochmals, das war ich. Mein Mann und ich lieben solch ausgelassene Spiele, aber darob entrüstet Euch bitte nicht. Ihr wißt, wir armen Frauen müssen unsern Männern allezeit zu Gefallen sein.‹

So mußte die Nachbarin unverrichteter Dinge wieder heimziehen. Aber nun hätte sie am liebsten selbst solchen Ehemann ihr Eigen genannt. – Als dann der Tapetenmacher nach Hause kam, berichtete ihm sein Weib des langen und breiten dies Gespräch mit der Nachbarin. ›Da seht Ihr, meine Liebe,‹ erwiderte er am Ende, ›wie wir schon längst entzweit sein könnten, wenn Ihr nicht eine so verständige Frau wäret. Aber ich hoffe bei Gott, daß Er uns dies Einvernehmen noch lange Zeit sich selbst zum Preise erhalten möge.‹ – ›Amen,‹ sagte sein Weib. ›Und ich hoffe, daß Ihr nie wieder einen Fehler an mir wahrnehmen möget!‹

Wer diese Geschichte gehört hat, wird fürder schwerlich glauben, daß ihr Frauen den Männern an Listen überlegen seid. Um aber der Wahrheit die Ehre zu geben, soll man sagen, daß sich beide an Durchtriebenheit nichts nachgeben.«

»Dieser Mann da war ein besonders schlechter Kerl,« meinte Parlamente, »denn er betrog gleichermaßen die Magd wie sein Weib.« – »Ihr habt wohl nicht recht aufgepaßt,« widersprach Hircan. »Ihr hörtet doch, daß beide von ihm am selbigen Morgen zufriedengestellt wurden. Ich finde, daß er so körperlich denn geistig recht Wackeres leistete, maßen er in Wort und Tat zwei so gegensätzlichen Gesichtspunkten Rechnung tragen konnte.« – »Just darum war er doppelt schlecht,« entgegnete Parlamente. »Die Einfalt der einen beschwichtigte er durch eine Lüge, die Bosheit der anderen durch seine Lasterhaftigkeit. Aber vor Euerm Richterstuhl werden solche Sünden natürlich leicht vergeben.« – »Ich kann Euch versichern,« klagte Hircan, »daß ich einer so schwierigen und anspruchsvollen Lage nicht gewachsen wäre. Denn ich wäre mit meines Tages Arbeit schon recht zufrieden, wenn ich Euch allein wohl versehen müßte.« – »Wenn gegenseitige Liebe das Herz nicht zufrieden stellt,« erwiderte seine Frau, »dann kann man auch auf andere Weise keine Befriedigung finden.« – »Das ist wahr,« rief Simontault, »denn ich glaube, es gibt hinnieden kein größeres Leid, als Liebe ohne Gegenliebe.«

»Das meine ich auch,« versicherte Oisille, »und da fällt mir just eine Geschichte ein, die ich eigentlich zwar nicht für sonderlich erzählenswert gehalten hatte. Da sie aber hierher paßt, will ich sie schnell berichten.«

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