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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 50
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Vierundvierzigste Erzählung

Wie zwei Liebende durch ihre List sich ihrer Liebe wohl erfreuen, so daß endlich alles glücklich endet.

Zu Paris lebten zwei Männer mittleren Standes: der eine war ein Verwaltungsbeamter, der andere ein Seidenwarenhändler. Beide waren von altersher gute Freunde und besuchten sich gar oft und sonder Umstände. So kam auch Jakob, der Sohn des Beamten, oft in das Haus des Kaufmanns, zumal er ein recht gesitteter Jüngling war. Doch hatte er es auf Françoise, die Tochter jenes Händlers abgesehen, und er wußte sich so wohl mit ihr zu stellen, daß er bald erkannte, wie herzlich sie seine Gefühle erwiderte.

Inzwischen aber wurde das Heerlager der Provence gegen den Einmarsch Karls von Österreich aufgeboten, und Jakob mußte seiner Pflicht gemäß mit ins Feld rücken. Schon gleich zu Anbeginn dieses Feldzuges segnete sein Vater das Zeitliche, und diese Nachricht betrübte den Sohn doppelt, maßen ihn neben der Trauer auch die Sorge bedrückte, wie er die Geliebte nun künftig so oft wie bisher sehen könne. Und während mit der Zeit die Trauer nachließ, wuchs diese Sorge. Denn solch Todesfall ist recht natürlich, zumal die Eltern vor den Kindern zu sterben pflegen. Die Liebe aber drängt zum Leben, zur Erzeugung der Nachkommenschaft, die uns derart unsterblich macht, und deshalb wächst die sinnliche Begier stetig.

Als daher Jakob nach Paris zurückkehrte, hatte er nur den einen tröstenden Gedanken, wieder den regelmäßigen Verkehr bei dem Kaufmann in die Wege zu leiten und unter der Maske reiner Freundschaft dessen teuerstes Wertobjekt zu erwerben. Françoise nun war während seiner Abwesenheit viel umworben worden, da sie klug, schön und zudem längst heiratsfähig war, derweile es dem Vater damit gar nicht eilte, weil er entweder geizig war oder seine einzige Tochter besonders gut verheiraten wollte. Darob gab es vielerlei Klatsch bei jenen Leuten, die es auf jeden, vornehmlich aber auf schöne Frauen und Mädchen abgesehen haben, und der Vater stellte sich dieserthalben auch keineswegs taub oder blind. Er wollte nicht den Vätern gleichen, die ihre Töchter zu lästerlichem Tun drängen, statt sie darob zu rügen, und so hielt er Françoise kurz und erlaubte selbst den Freiern nicht, mit ihr in Abwesenheit der Mutter zu plaudern, ja nicht einmal, sie öfter und lange zu sehen.

Das ging dem guten Jakob hart an, und es wollte ihm gar nicht anders in den Kopf, als daß hinter dieser Strenge ein besonderer Grund stecken müsse. So war er von Liebe und Eifersucht zerfressen, bis er sich endlich entschloß, alles zu wagen, um der Sache auf den Grund zu kommen. Um nun vorerst festzustellen, ob sie noch die gleiche Zuneigung zu ihm hege, richtete er es so ein, daß er neben ihr die Messe hörte. Und da konnte er leichtlich auf ihrem Gesichte lesen, daß sie nicht minder über dies Wiedersehen erfreut war als er. Da er weiterhin wußte, daß die Mutter nicht so unnachsichtig war wie der Vater, so paßte er sie beim Kirchgang ab, begrüßte sie kecklich, als wäre es der reine Zufall, und tauschte einige höfliche, unverfängliche Worte mit ihnen aus. Doch ging er darin nicht weiter, sondern tat all dies nur, um seinem Vorhaben näher zu kommen.

Als dann ein Jahr seit dem Todesfall verstrichen war und er die Trauer ablegte, entschloß er sich, gemäß dem Brauche seiner Ahnen, schmuck aufzutreten. Als er diese Absicht seiner Mutter unterbreitete, pflichtete diese ihm bei; denn sie hätte ihn gern gut verheiratet gesehen, gleichwie ihre Tochter es war, zumal sie weiter keine Kinder hatte. Obendrein war sie Hofdame, und darum sah sie den Himmel voller Geigen angesichts so vieler Jünglinge, die gar trefflich ihren Weg machten und sich zum mindesten ihrer Vorfahren würdig zeigten. Als nun die Frage besprochen wurde, wo er sich ausstaffieren solle, meinte die Mutter: ›Ich meine, du solltest zu unserm Gevatter Peter gehen‹ (das war Françoises Vater); ›der ist unser lieber Freund und wird uns nicht betrügen.‹

Damit kratzte sie ihn just, wo es ihn juckte. Doch ließ er sich nichts merken und meinte: ›Wir sollten kaufen, wo wir es am wohlfeilsten erhalten. Immerhin habe ich im Angedenken an meinen seligen Vater nichts dagegen, uns zunächst dorthin zu wenden.«

Dergestalt setzten sie einen Morgen fest und begaben sich selbander zu Herrn Peter, der sie liebenswürdigst empfing. Lange wählten sie dann zwischen den vielen ausgebreiteten Stoffen und suchten das Gewünschte heraus; aber sie wurden nicht handelseinig, wenigstens wußte es Jakob so zu stellen, maßen er die Mutter seiner Freundin nicht zu sehen bekam. So gingen sie schließlich fort, um sich anderweitig umzusehen. Aber Jakob fand nirgends sonst etwas Passendes und darum kehrten sie einiges später wieder dorthin zurück.

Diesmal war die Frau des Herrn Peter anwesend und bewillkommnete sie freundlich; doch war sie noch steifer als ihr Mann, so daß Jakob schließlich sagte: »Ach, wie seid Ihr hart, werte Frau. Nun wir unsern Vater verloren haben, wollt Ihr uns nicht mehr kennen!« Und dabei zerdrückte er eine vorgebliche Zähre in seinem Auge, gleich als ob er in Gedanken an seinen Vater Tränen vergösse. Und die Wittib ging gutgläubig auf diese Stimmung ein und sagte ihrerseits: »Wahrlich, seit seinem Tode ist unser Verkehr eingeschlafen, als kennten wir uns gar nicht. So wenig erbarmt man sich armer Witwen.«

Darob tauschten sie alsbald zärtliche Worte und versprachen, sich fortan recht oft zu besuchen. Derweile kamen andere Käufer, die der Händler in den hinteren Laden führte. Und da nun der Jüngling den Augenblick für günstig hielt, sprach er zu seiner Mutter: »Ich sah die Damen so oft an Feiertagen die heiligen Stätten unserer Gegend, zumal die Klöster, besuchen. Wie wäre es, wenn sie bisweilen geruhen würden, bei uns einen kleinen Imbiß zu nehmen und uns also mit der Freude ihres Besuches zu beehren.«

Die Kaufmannsfrau argwöhnte auch nichts Böses und und sagte flugs, schon seit zwei Wochen wolle sie jene Gegend besuchen, und wenn am künftigen Sonntag das Wetter schön sei, so würde sie sicherlich dorthin gehen und alsdann nicht versäumen, bei der Wittib vorzusprechen. Alsbald nach dieser Verabredung einigten sie sich auch über den Kaufpreis, maßen man sich doch nicht um ein paar Batzen solche Gelegenheit entgehen lassen wird, und dann gingen die beiden mit ihren Einkäufen davon.

Nun aber die Sache eingefädelt war, erkannte Jakob, daß er allein nicht zum Ziele kommen könne, und so zog er seinen Freund Olivier ins Vertrauen, mit dem er alles so wohl besprach, daß nur noch die Ausführung fehlte. Wirklich kam am folgenden Sonntag die Kaufmannsfrau mit ihrer Tochter auf dem Rückweg vom Kloster zu der Wittib und fand daselbst noch eine Nachbarin, die mit dieser in einem Gartenhäuschen saß, und die verheiratete Tochter der Wittib, so mit Jakob und Olivier lustwandelte. Als jener seine Freundin erblickte, nahm er sich zusammen, um seine Fassung nicht zu verlieren. Vielmehr ging er voll Selbstbeherrschung der Mutter und Tochter entgegen, und alsbald kam es wie immer, daß sich das Alter zusammenfand und die drei bejahrten Damen sich auf eine Bank setzten und dem Garten den Rücken zukehrten.

Derweile lustwandelte das Liebespaar im Park, bis es zu den zwei anderen kam. Bei denen plauderten sie eine Weile zärtlich, setzten dann ihren Gang fort und nunmehr klagte der Jüngling Françoise sein Leid. Das Mägdelein vermochte ihm seine Bitten weder abzuschlagen noch zu erfüllen, und daraus entnahm jener, daß ihr die Sache recht zu Herzen ging. Vorsichtshalber kamen sie des öfteren bei den alten Damen vorbei, also daß selbige keinen Argwohn fassen konnten, sprachen alsdann von alltäglichen Dingen oder tollten wie Kinder im Garten umher. Solchergestalt waren die Damen bald ohne Acht auf sie, und nunmehr, nach etwa einer halben Stunde, gab Jakob seinem Freunde Olivier ein Zeichen, und der spielte seine Rolle bei jener Schwester so wohl, daß sie nicht bemerkte, wie das Liebespaar eine Wiese betrat, die mit Kirschbäumen bestanden und von Rosenhecken und Büschen wohl umschlossen war.

Dort traten die beiden ein, als wollten sie Beeren pflücken; aber man erntete andere Früchte. Statt die grünen Zweige herunterzureißen, riß er des Mägdeleins roten Rock herunter, also daß jene Röte ihr eher zu Kopf stieg, als sie gewahr wurde, daß es ihr unten daran mangelte. So war sie völlig überrascht, und er hatte die gar reife Frucht so flink gepflückt, daß es Olivier schier nicht geglaubt hätte, wenn er nicht gesehen hätte, daß das Mägdelein danach verschämten Angesichts die Augen senkte und er so seiner Sache sicher wurde. Denn bisher trug sie den Kopf gar hoch und fürchtete nicht, daß das Geäder ihres Auges einen bläulichen Schein haben könnteEhemals glaubte man die Jungfräulichkeit an gewissen äußeren Zeichen erkennen zu können; solchermaßen nahm man an, daß eine bestimmte Ader im Auge der Jungfrauen rot, in dem der Verheirateten blau aussähe. (Anmerkung des Übersetzers.). Jakob aber, der ihrer Scham gewahr wurde, wußte sie durch Vorhaltungen und Zusprache wieder zu beruhigen. Trotzdem vergingen zwei oder drei Rundgänge im Park nicht ohne ein gutes Teil Tränen und Klagen, und wohl etliche Male seufzte sie: »Wehe, liebet Ihr mich nur dafür? Mein Gott, wenn ich das gewußt hätte. Was soll ich nun tun?! Jetzt bin ich für mein ganzes Leben verloren. Wie werdet Ihr mich fürder noch achten können? Sicherlich werdet Ihr mich künftig aus dem Sinn schlagen, wenn Ihr zu jenen gehört, die nicht Liebe, sondern Lust wünschen. Wehe, warum bin ich nicht gestorben, bevor mir solche Schande angetan wurde!« Und während dieser Klagen vergoß sie weidlich Tränen.

Indes tröstete sie Jakob mit Versprechungen und Liebesschwüren so wohl, daß sie kaum drei weitere Rundgänge beendet hatten, als er nochmals seinem Freunde Olivier ein Zeichen machte und mit seiner Liebsten auf einem anderen Weg zur Wiese strebte. Und trotz ihres Kummers erntete das Mägdelein im grünen Gras noch weit größere Freuden als das erstemal. Darob war es alsbald so beglückt, daß es mit ihm sogleich besprach, welcherart sie fortan öfter und ungestörter miteinander kosen könnten, bis ihr Vater seine Einwilligung gegeben habe. Hierzu war ihnen eine junge Nachbarin des Herrn Peter sehr behilflich, obgleich sie mit dem Jüngling nicht verwandt und nur mit dem Mägdelein befreundet war. Und solchermaßen setzten sie (soviel ich gehört habe, ganz unauffällig) dies Leben fort, bis sich ihre Ehe vollzog, die ihm viel Geld brachte, maßen Françoise das einzige Kind dieses reichen Kaufmannes war. Allerdings mußte Jakob bis zum Tode des alten Herrn sehr eingeschränkt leben, denn der Herr Peter war sehr sparsam und vermeinte immer, die eine Hand müsse festhalten, was die andere ausgäbe.

Dieser Liebesbund hatte also wohl begonnen, einen schönen Fortgang genommen und ein gutes Ende gefunden. Zwar verachten die Männer gemeinhin ein Mägdelein oder eine Frau, die freigebig das hergab, so jene am eifrigsten wünschen. Dieser Jüngling aber war von aufrichtiger Liebe erfüllt, hatte bei seiner Freundin alles gefunden, was man bei der Frau erwartet, die man heiraten will, wußte, daß sie klug und wohlgeboren war, und war sich klar, daß er ihr einen Fehltritt, an dem er selbst schuld war, nicht zum Vorwurf machen konnte. Und darum finde ich ihn recht lobenswert.«

»Vielmehr sollte man beide tadeln,« widersprach Oisille, »und den dritten dazu, der solche Notzucht deckte!« – »Nennt Ihr das Notzucht, wenn zwei einverstanden sind? Gibt es denn überhaupt bessere Ehen als die, so aus derartigen Liebesbünden hervorgingen? Darum sagt auch das Sprichwort: ›Ehen werden im Himmel geschlossen.‹ Das kann man von Zwangsehen und Geldheiraten nicht sagen, die von der Zustimmung der Eltern abhängen.«

»Sagt, was Ihr wollt,« wehrte Oisille ab. »Wir können des Gehorsams gegen die Eltern, oder in deren Ermangelung des Rates der Verwandtschaft nicht entbehren. Könnten jeder und jede nach Belieben heiraten – wieviel unglückliche Ehen gäbe es dann! Vermeint Ihr, so ein Jüngling oder ein Mägdelein von zwölf bis fünfzehn Jahren weiß, was ihr nottut? Schaut zu, wie Ehen verlaufen: mindestens ebensoviel Liebesheiraten gehen in die Brüche, weil die Voraussetzungen schlecht waren, als Zwangsehen. Denn die ahnungslosen Jünglinge bleiben an der ersten besten hängen ohne nachzudenken, und erkennen später erst die kleinen, dann die großen Fehler. Bei Zwangsehen dagegen gibt das Urteil Erfahrener den Ausschlag, die Betroffenen erhalten ein Glück, das sie anfangs nicht beurteilen können, später aber schätzen lernen und um so nachdrücklicher genießen.«

»Recht schön, edle Frau,« meinte Hircan. »Aber jenes Mägdelein war alt genug und wußte, daß ihr Vater aus Angst ums liebe Geld ihre Jungfrauenschaft lieber verschimmeln ließ. Zu allem kam die kurzentschlossene Handlungsweise ihres Freiers, der ihr keine Zeit zum Widerspruch ließ. Vielleicht gar hatte ihr unzufriedenes Gesicht nach jener Überraschung nur den Grund, daß sie noch nicht recht beurteilen konnte, ob solch Vorgang schmackhaft sei oder nicht. Darum ließ sie sich auch gar nicht sehr nötigen, einen zweiten Versuch zu machen.« – »Ich kann nur das eine löblich finden,« entgegnete Longarine, »daß nämlich der Jüngling das Mägdelein später nicht verließ, wie die verdorbene Jugend der Gegenwart das zu tun liebt. Darüber will ich gern das erste Vergehen entschuldigen, das im Grunde einen Gewaltakt gegen das Mägdelein und einen Vertrauensbruch gegenüber ihrer Mutter bedeutete.«

»Nicht das eine, noch das andere!« rief Dagoucin. »Nach jeder Seite hin lag Einwilligung vor, seitens der Mütter, die es nicht verhinderten, ebensowohl als seitens des Mägdeleins, das sich recht wohl dabei befand. Zudem hat sie sich nie darüber beklagt.« – »Sicherlich war ihre Mutter eine rechte Einfalt,« klagte Parlamente, »maßen sie die Tochter so ohne Nachdenken auf die Schlachtbank führte.« – »Sagt lieber ins Ehebett,« erwiderte Simontault, »sintemalen diese Einfalt dem Mägdelein nicht mindere Freuden einbrachte als in einem andern Fall einer Frau, die sich allzuleicht von ihrem Mann betrügen ließ.« – »Wenn Ihr hierüber eine Geschichte wißt,« sagte Nomerfide, »so erteile ich Euch das Wort.«

»Recht wohl,« hub jener an; »nur versprecht mir, nicht zu weinen. Wer da meint, die Frauen seien listiger als die Männer, dürfte schwerlich mit einem so beweiskräftigen Exempel dienen können als ich, der ich zugleich eines Gatten Klugheit und seines Weibes gutmütige Einfalt zeigen will.«

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