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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 49
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
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Dreiundvierzigste Erzählung

Die Heuchelei einer Hofdame scheitert an dem Übermaße ihrer so wohl verheimlichten Liebe.

»In einem wundervollen Schlosse wohnte eine Prinzessin von mächtigem Einfluß, zu deren Hofstaat eine äußerst hochfahrende Dame mit Namen Camilla gehörte. Die besaß einen so gewaltigen Einfluß auf ihre Herrin, daß selbige nichts ohne ihren Rat unternahm und sie für die klügste und tugendhafteste Frau ihrer Zeit hielt. Besagte Camilla nun verfolgte jede Liebestorheit mit so ingrimmigem Eifer, daß sie jede Hofdame, in die sich ein Edelmann etwan verliebte, alsbald bitterlich ausscholt und gar ihrer Herrin über sie das Schlimmste berichtete. Oft erreichte sie dadurch, daß solch arme Dame dann auch von der Prinzessin hart getadelt wurde, und so ward Camilla von allen gefürchtet und gehaßt. Sie selbst aber sprach nie mit einem Manne, höchstens ganz laut und von oben herab, also daß man vermutete, sie sei eine Todfeindin jeder Liebe.

Das stimmte aber keineswegs. Denn es gehörte zu dem Gefolge ein Edelmann, in den sie bis zur Sinnlosigkeit verliebt war. Doch stand ihr der klangvolle Ruf ihrer Sittsamkeit höher, und so verleugnete sie ihre Liebe. Als nun aber diese Leidenschaft schon ein gutes Jahr getobt hatte, ohne in Worten oder Blicken sich irgendwie entladen zu haben, da ward ihre Glut so verzehrend, daß Camilla nach einem Heilmittel ausschaute und zu dem Entschluß kam, ihr Begehren derart zu stillen, daß nur Gott allein ihr ins Herz zu blicken vermochte, und kein Mensch es erführe, der etwa darüber plaudern könnte.

Als sie nun nach diesem Entschluß eines Tages in dem Gemach ihrer Herrin weilte und auf die Terrasse hinausblickte, sah sie den Geliebten draußen lustwandeln. Lange heftete sie ihr Auge auf ihn, bis die niedersinkende Dunkelheit ihn verhüllte. Da rief sie flugs einen ihrer jungen Pagen, wies auf den Edelmann und sagte: »Siehst du wohl jenen Herrn in karmoisinfarbenem Wamse und dem mit Luchsfell verbrämten Mantel? Geh hin zu ihm und bestelle, einer seiner Freunde wolle ihn im Gartenhäuschen sprechen.« Sodann begab sie sich durch die Kleiderkammer ihrer Herrin nach jenem Gartenhaus, nachdem sie ihre Haube über die Stirn gezogen und die Maske vorgenommen hatte.

Kaum war der Edelmann eingetreten, so verschloß sie die beiden einzigen Türen, umarmte und küßte ihn voll Leidenschaft, ohne die Maske abzunehmen, und sagte so leise sie konnte: »Lange schon drängte mich die glühende Liebe zu Euch, einen Ort und eine Gelegenheit zu finden, da ich Euch sehen könnte. Aus Sorge um meine Ehre mußte ich meine Zuneigung verhehlen; doch nun habe ich die Furcht im Vertrauen auf Eure Ehrbarkeit überwunden. So versprecht mir nun, falls Ihr mich lieben wollt, niemals zu Jemandem davon zu sprechen noch auch je zu erkunden, wer ich bin. Denn ich will Euch eine huldvolle und treue Freundin sein und nie einen andern lieben als Euch allein. Doch will ich lieber sterben, als Euch wissen lassen, wer ich bin.‹

Der Edelmann versprach ihr das alles und machte es ihr damit leicht, gleiches mit gleichem zu vergelten, nämlich ihm alles zu gewähren, das er nur wünschen konnte. Es war Winter und etwa fünf oder sechs Uhr abends. Daher konnte er nichts von ihr sehen. Doch da er ihre Kleider betastete, merkte er, daß sie aus Sammet waren, den damals nur Damen aus angesehener und edler Familie trugen; ihre Untergewänder aber bestanden, soweit er es fühlen konnte, aus feinem Linnen, das gar sauber und wohl geschmückt war.

Bot er nun seinerseits alles auf, um sie nach Kräften zu beglücken, so ließ auch sie es weder an Leidenschaft noch an Entgegenkommen fehlen, also daß der Edelmann erkannte, daß sie keine Jungfrau mehr war. Alsdann wollte sie schleunigst wieder zurückkehren, woher sie gekommen war. Aber der Edelmann sagte: ›Ich weiß das Glück zu schätzen, das Ihr mir ohne mein Zutun zuteil werden ließet. Aber ich wäre noch mehr beglückt, wenn Ihr mir eine Bitte erfülltet. Hochentzückt ob der Gunst, die Ihr mir erwieset, bitte ich Euch, zu sagen, ob ich auf ähnliche Freuden fürder hoffen darf und wie dies geschehen könnte. Denn maßen ich Euch nicht kenne, weiß ich auch nicht, wie ich weiter dafür sorgen kann.«

»Darum kümmert Euch nur nicht,« entgegnete die Dame, »sondern seid sicher, daß ich Euch alltäglich vor dem Abendessen unsrer Herrin rufen lasse. Seid nur immer zur gleichen Zeit auf der Terrasse. Kommet stets allein und gedenket Eures Versprechens. Hört Ihr aber, daß es zum Essen geht, so könnt Ihr Euch zurückziehen oder in das Zimmer der Herrin kommen. Vor allem jedoch versuchet niemals zu erfahren, wer ich bin, denn alsdann wäre unsere Freundschaft zu Ende.«

Dann gingen beide, ein jeglicher seines Wegs. Und so setzten sie lange Zeit dies Leben fort, ohne daß der Edelmann wußte, wer sie war. Das quälte ihn auf die Dauer, und er begann darüber nachzugrübeln. Er konnte sich nämlich gar nicht denken, daß eine Frau, die liebt, nicht auch gesehen sein wollte, und so fürchtete er schier, es sei ein böser Geist; denn er hatte einen dummen Pfaffen sagen hören: wer des Teufels Angesicht erblickt habe, könne nie mehr geliebt werden. Ob dieses Zweifels entschloß er sich festzustellen, wer ihn so mit Gunst überhäufe.

Als sie ihn daher wieder einmal rufen ließ, nahm er ein Stück Kreide mit und derweile er sie umarmte machte er damit auf ihrem Rücken ein Kreuz, das sie nicht bemerken konnte. Kaum aber war sie fort, so begab er sich eiligst in das Gemach seiner Herrin und blieb unweit der Tür stehen, um alle Damen, die hereintraten, rücklings besehen zu können. So sah er unter anderen auch Camilla eintreten, die sich wieder so hochfahrend zeigte, daß er schier fürchtete, sie gleich den andern anzublicken, und sicher war, daß sie es jedenfalls nicht sein könne. Aber als sie ihm den Rücken wendete, gewahrte er das weiße Kreuz. Darob war er so verblüfft, daß er fast seinen Augen nicht traute. Je mehr er aber ihre Gestalt verglich mit der, die er so oft in den Armen hielt, je mehr er ihr Gesicht betrachtete, dessen Formen er durch Betasten wohl im Gedächtnis hatte, – desto mehr ward er sich klar, daß sie es ohne Zweifel war. Da ward er über die Maßen froh, daß eine Dame, die in dem Geruche stand, so viele Edelleute abgewiesen zu haben, just ihm ihre Gunst zuteil werden ließ.

Amor aber, der die Ruhe nicht liebt, stachelte ihn mit Verheißungen und kühnen Hoffnungen und flößte ihm den Gedanken ein, ihr seine Liebe zu erklären, auf daß hierdurch die ihrige noch wüchse. Als daher eines Tages die Prinzessin im Garten lustwandelte und er so Camilla allein einen Parkweg entlangschreiten sah, trat er an sie heran und sprach, als hätte er sie nie anderwärts gesehen: ›Schon seit langer Zeit, edle Frau, trage ich eine Neigung in meinem Herzen, die ich nur nicht enthüllte, um Euch nicht zu mißfallen. Doch kann ich die Qual fürder nicht tragen, ohne zu sterben, denn gewißlich hat Euch nie ein Mann gleich mir geliebt.‹

Die Dame aber ließ ihn gar nicht erst weiterreden, sondern sagte in grimmem Zorne: ›Habt Ihr je gehört, daß ich Diener oder Freunde hatte? Sicherlich nicht! So bin ich ganz starr, woher Ihr die Keckheit nehmt, mit mir, einer so tugendsamen Frau wie ich bin, also zu sprechen. Ihr seid doch lange genug im Hause, um zu wissen, daß ich nur meinen Gatten liebe. Darum hütet Euch, weiter solche Reden zu führen.‹

Ob dieser Verstellung hub der Edelmann an zu lachen und rief: ›Nicht allezeit seid Ihr also unerbittlich, Gnädigste. Warum übt Ihr vor mir solche Verstellung? Zieht Ihr eine vollkommene Freundschaft nicht diesem unvollkommenen Zustand vor?‹ Camilla entgegnete: ›Ich pflege mit Euch weder vollkommene noch unvollkommene Freundschaften. Und wenn Ihr nicht alsbald mit diesen Reden aufhört, werde ich Euch so hassen, daß Ihr es bereuen könntet.‹

Der Edelmann aber hielt stand und fragte: ›Und wo bleibt unser Gekose in den Stunden, da ich Euch nicht sehen darf? Warum beraubt Ihr mich am Tage, da ich Euch sehen kann, des Anblickes Eurer Huld, Schönheit und Anmut?‹ Da schlug die Dame ein großes Kreuz und rief: ›Wahrlich, entweder habt Ihr den Verstand verloren oder Ihr seid der größte Lügner dieser Erde. Denn nie habe ich Euch je herzlicher empfangen als heute, und ich verstehe nicht, was Ihr damit sagen wollt.«

Der Edelmann vermeinte, sie durch Einzelheiten niederzudrücken, und beschrieb nun, wie er sie immer gesehen und endlich an dem Kreidekreuz erkannt habe. Da geriet sie vor Wut schier außer sich und nannte ihn einen ganz schlechten Kerl und einen Lügenbold, der seine Verleumdungen noch bereuen würde. Zwar wollte er sie darob in Anbetracht ihres Einflusses bei ihrer Herrin besänftigen, aber alles war vergebens. Sie ließ ihn stehen und lief wütend zu der Prinzessin. Die schickte alsbald alle andern fort, um mit ihr zu reden, und fragte sie, worüber sie so zornig sei, und stracks berichtete ihr Camilla die Worte des Edelmannes und verdrehte dabei die Wahrheit so, daß noch am gleichen Abend die Prinzessin dem Ärmsten sagen ließ, er möge unverweilt das Schloß verlassen, ohne weiter mit jemandem zu sprechen, und in seinem Haus bleiben, bis sie ihn wieder rufen ließe. Das tat er eiligst, um nicht noch Schlimmeres zu erleben. Und solange Camilla bei ihrer Herrin lebte, durfte er in das Schloß nicht zurückkehren und erhielt auch nie wieder eine Nachricht von der Frau, die ihm so richtig angekündigt hatte: er würde sie verlieren, wenn er zu erfahren suche, wer sie sei.

So könnt ihr sehen, meine Damen, wie diese Frau, die ihr Gewissen dem äußeren Schein hintanstellte, auch ihren guten Ruf verlor, denn heute kennt jeder die Geschichte, die sie vor ihrem Mann und selbst ihrem Freund verbergen wollte. Und so wurde sie allen lächerlich, ohne sich selbst mit der Einfalt ihrer Liebe entschuldigen zu können; ja, sie ist doppelt schuldig, da sie sich mit dem Mäntelchen der Ehrbarkeit verhüllte und sich anders zeigen wollte als sie war. Und Gott, der alle Verstellung aufdeckt, wird sie doppelt strafen!«

»Mir scheint,« rief Parlamente, »daß die, so ihrer Lustbegier zum Opfer fallen, den Namen ›Frau‹ nicht mehr verdienen. Sie gleichen den Männern, deren Rücksichtslosigkeit und Lüsternheit gar noch ihre Ehre erhöhen. Ein Mann, der seinen Feind tötet, um eine Beleidigung zu rächen, gilt nur als desto trefflicherer Kamerad. Und das noch mehr, wenn er ein Dutzend Frauen neben der seinen liebt. Frauenehre ist auf anderem Untergrund aufgebaut: auf Sanftmut, Geduld und Keuschheit.« – »Ihr meint bei vernünftigen Frauen,« warf Hircan ein. – »Andere mag ich nicht kennen,« entgegnete Parlamente. – »Wenn es keine Törinnen gäbe,« spottete Nomerfide, »wie schnell würden dann jene Männer alle Hoffnung fahren lassen, die so gern mit trügenden Worten weibliche Einfalt umgarnen möchten.« – »Ach bitte, erzählet uns etwas hierüber,»« rief Guebron. »Ich will Euch das Wort erteilen.« Und Nomerfide hub alsbald an:

»So will ich Euch eine Geschichte erzählen zum Lobe eines liebenden Mannes, gleichwie die Eure eine liebestolle Frau verächtlich machte.«

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