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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 44
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Neununddreißigste Erzählung

Ein gutes Mittel, um einen Poltergeist auszutreiben.

Als der Herr von Grignaux, der Hofmarschall der Königin Anna von Frankreich, Herzogin der Bretagne, einst nach zweijähriger Abwesenheit in sein Schloß zurückkehrte, erfuhr er, daß seine Gemahlin auf ein benachbartes Gut gezogen sei, weil in dem Schloß ein Poltergeist umginge, der den Leuten so zusetzte, daß niemand dort bleiben wolle. Der edle Herr glaubte nicht an solche Gespenstergeschichten, erklärte, sich auch vor dem Teufel nicht zu fürchten, und brachte seine Frau wieder in das Haus zurück.

Nachts ließ er eine Menge Kerzen anstecken, um den Geist besser sehen zu können, und wachte lange; als er aber nichts hörte, schlief er endlich ein. Alsbald aber erwachte er von einer Ohrfeige, die er erhielt, und hörte eine Stimme schreien: ›Revigne! Revigne!‹ – so hieß seine Großmutter. Schnell rief er der Kammerfrau, die dort schlief, zu, sie solle die Kerzen anstecken, da alle ausgelöscht waren. Aber die wagte es nicht vor Angst. Und schon merkte der Herr von Grignaux, daß man ihm die Bettdecke fortzog, und zudem vernahm er männiglich Lärm von Tischen, Stühlen und Schemeln, die im Zimmer umfielen, und dies Gepolter dauerte bis zum Morgengrauen.

Der Edelmann war mehr ob der verlorenen Nachtruhe ärgerlich, denn sonderlich beängstet, da er nimmermehr glauben konnte, daß es sich um einen Geist handele. In der folgenden Nacht also beschloß er das Gespenst zu fangen, legte sich daher ruhig nieder und begann alsbald stark zu schnarchen. Doch tat er nur so und hielt eine Hand nahe dem Gesicht griffbereit. Wie er erwartete, merkte er nach kurzer Zeit etwas dem Bett nahen. Darum schnarchte er um so stärker und täuschte damit den Geist so wohl, daß der flugs wieder nach der Backe schlug. Aber sofort hatte der Herr von Grignaux das Gespenst bei der Hand erwischt und rief seinem Weib zu: ›Ich halte den Geist.‹ Die erhob sich sogleich, steckte eine Kerze an und erkannte nun die Zofe, die in ihrem Zimmer schlief. Drob warf sich selbige auf die Knie, bat um Verzeihung und gestand: Aus Liebe zu einem der Diener des Schlosses, der sie schon seit langem gequält habe, sei sie auf diese Gespenstergeschichte gekommen, um so ihre Herrschaft zu vertreiben und als Haushüter sich hier gütlich zu tun. Also hätten sie es sich auch wohl sein lassen, derweile sie allein gewesen waren.

Herr von Grignaux war ein mordsgestrenger Mann. Daher ließ er die beiden erst derart verprügeln, daß ihnen der Geist wohl ewig im Gedächtnis blieb, und dann hinauswerfen. Und so ward das Schloß von dem Poltergeist befreit, der zwei Jahre lang dort eine so große Rolle gespielt hatte.

Es ist doch wunderbar, wenn man bedenkt, was Amor alles ausheckt: den Frauen nimmt er alle Furcht und läßt sie gar die Männer schrecken, um zum Ziel zu kommen. Doch ist auch der gesunde Menschenverstand des Edelmannes gar löblich, der sich so klug sagte, daß ein Geist wohl die Erde verläßt, aber nicht wiederkehrt.«

»Ach,« meinte Emarsuitte, »manche Menschen haben wirklich oft so viel auszustehen, daß sie gar nicht darauf kommen, sich gleich jenen eine Freude in ihrem Dasein zu schaffen.« – »Mir scheint,« erklärte Oisille, »es gibt keine wahre Freude, wenn das Gewissen nicht ruhig ist.« – »Oho!« rief Simontault. »Der Italiener sagt, die verbotenen Früchte schmecken am besten.« – »Wer solchen Satz erfunden hat, war sicher selbst ein Teufel! Darum lassen wir das und sehen wir zu, wem Saffredant das Wort erteilt.« – »Wem? Niemand anderem als Parlamente; sie ist an der Reihe, und zudem gebe ich ihr vor hundert anderen den Vorzug, weil sie so gar belehrsam zu reden weiß.«

»Da ich denn den Tag beschließen soll,« hub Parlamente an, »so will ich auf mein Versprechen von gestern zurückkommen und berichten, warum Rolandines Vater jenes Schloß erbaut hat, in dem er sie so lange gefangen hielt.«

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