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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 41
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Sechsunddreißigste Erzählung

Als ein Präsident von dem üblen Verhalten seines Weibes erfährt, schafft er derart Ordnung, daß er Rache nimmt, ohne daß etwas bekannt wird.

»Zu Grenoble lebte ein Präsident, der, wie ich ohne Namensnennung verraten kann, kein Franzose war. Er nannte ein schönes Weib sein eigen, und beide lebten miteinander in friedlichster Eintracht. Als aber die Frau ihren Mann altern sah, entflammte sie in Liebe zu einem Sekretarius von einnehmender Schönheit. Ging morgens der Präsident zum Gerichtsgebäude, so trat alsbald der Sekretarius in ihre Stube und nahm seinen Platz ein. Das bemerkte ein alter Diener, der schon seit dreißig Jahren in des Präsidenten Haus war und da er sich seinem Herrn treu ergeben fühlte, konnte er nicht schweigen und hinterbrachte es ihm.

Der Präsident war ein gesetzter Mann. Darum schenkte er ihm nicht so ohne weiteres Glauben und entgegnete, jener wolle wohl seine häusliche Eintracht stören. Wären seine Behauptungen wahr, so solle er sie beweisen; gelänge ihm das nicht, so wäre ja leicht festgestellt, daß er alles erlogen habe, um sein Einvernehmen mit seinem Weibe zu trüben. Der Diener aber verschwor sich hoch und teuer, ihm den Beweis vor Augen zu führen. Und als nun wieder eines Morgens der Präsident zum Gerichtshof gegangen und der Sekretarius in seines Weibes Stube geschlüpft war, ließ der Diener seinen Herrn durch einen Gefährten rufen und bewachte derweile die Tür, damit der Sekretarius nicht entwische.

Kaum bemerkte der Präsident, daß einer seiner Leute ihm ein Zeichen gab, so schützte er ein Unwohlsein vor, hob die Sitzung auf und eilte hastig heim. Vor der Tür fand er seinen alten Diener, der ihm versicherte, der Sekretarius sei erst vor kurzem eingetreten. So sprach sein Herr: ›Bleib hier stehen, denn du weißt, daß es nur noch einen Zugang durch eine Kammer gibt, zu der ich allein den Schlüssel besitze.‹ Dann trat er in die Stube und fand sein Weib und den Sekretarius zusammen im Bett liegend vor.

Der junge Mann warf sich ihm, nur mit einem Hemd bekleidet, alsbald zu Füßen und bat ihn um Verzeihung, derweile die Frau in bittere Tränen ausbrach. Der Präsident aber sprach zu ihr: ›Die Schwere Eures Vergehens möget Ihr selbst beurteilen. Doch ich will mein Haus nicht entehrt wissen noch meine Töchter durch Euch herabgesetzt sehen. Deswegen laßt Euer Jammern und hört was ich sage: Ihr, Nicolas‹ – so hieß der Sekretarius, – ›verbergt Euch in der Kammer und verhaltet Euch lautlos.‹ So geschah es. Dann öffnete er die Tür, rief seinen alten Diener und sagte: ›Hast du mir nicht versprochen, mir mein Weib in den Armen des Sekretarius zu zeigen? Daraufhin kam ich hierher und hätte schier meine Frau getötet. Aber ich habe nichts von dem gefunden, davon du sprachest. Ich habe vergeblich alle Winkel durchsucht, und du selbst magst dich auch davon überzeugen.‹

Damit ließ er den Diener alles durchstöbern und selbst unter die Betten schauen. Und da der nichts fand, sagte er ganz verblüfft zu seinem Herrn: ›Den muß wahrhaftig der Gottseibeiuns davongetragen haben, denn ich sah ihn eintreten, herausgekommen ist er nicht, und hier ist er auch nirgends.‹ Alsbald erwiderte sein Herr: ›Welch unseliger Gedanke von dir, unsern häuslichen Frieden so stören zu wollen. Packe darum deine Sachen und geh fort. Ich will dir ob deiner früheren Dienste deinen Lohn auszahlen und sogar noch mehr, aber mach', daß du schleunigst fortkommst und binnen vierundzwanzig Stunden die Stadt verlassen hast.‹ Dann gab er ihm den fünf- bis sechsfachen Jahreslohn und bedachte angesichts seiner Treue auch weiter für ihn zu sorgen.

Als der Diener weinend hinausgegangen war, ließ der Präsident den Sekretarius aus seinem Versteck hervorkommen, führte ihm und der Frau ihre Schlechtigkeit eindringlichst vor Augen und verbot beiden, sich etwas merken zu lassen. Dann hieß er seinem Weibe, sich künftighin prächtiger als sonst zu kleiden und an allen Gesellschaften und Festen teilzunehmen. Desgleichen befahl er dem Sekretarius, mehr denn sonst dem Vergnügen nachzugehen. Wenn er ihm aber sage: ›Scher' dich fort!‹, so möge er sich wohl hüten noch länger als drei Stunden in der Stadt zu verweilen. Alsdann kehrte er in den Gerichtshof zurück als sei nichts geschehen.

Vierzehn Tage lang gab er nun, ganz gegen seine Gewohnheit, seinen Nachbarn und Freunden Festgelage, nach denen Musik für die Damen zum Tanz aufspielte. Als er eines Tages bemerkte, daß seine Frau nicht tanzte, hieß er den Sekretarius mit ihr tanzen, und der tat das voller Freuden, denn er vermeinte, sein Herr habe seinen Fehltritt vergessen. Kaum aber war der Tanz aus, da trat der Präsident an ihn heran, als ob er ihm irgendeinen Auftrag fürs Haus gäbe, und sagte ihm ins Ohr: ›Pack dich und komme nie wieder!‹ So war der Sekretarius zwar tief betrübt, die Dame seines Herzens verlassen zu müssen, aber im Grunde herzlich froh, mit dem Leben davonzukommen.

Nachdem nun der Präsident solchergestalt allen Verwandten und Freunden die Überzeugung beigebracht hatte, daß er seinem Weibe in inniger Liebe zugetan sei, pflückte er eines schönen Tages im Mai einen Salat in seinem Garten, nach dessen Genuß sein Weib binnen vierundzwanzig Stunden verstarb. Und er heuchelte solche Trauer, daß niemand die Ursache dieses Todesfalles argwöhnen konnte. So hatte er sich an seinem Feinde gerächt und die Ehre seines Hauses gerettet.

Ich will nun zwar nicht behaupten, daß der Präsident ob dieser Handlungsweise ein sehr gutes Gewissen haben sollte. Aber ich wollte die große Geduld und Klugheit eines Mannes der Leichtfertigkeit einer Frau gegenüberstellen. So zürnt mir nicht, meine Damen. Denn die Wahrheit zeigt, daß Laster und Tugenden so bei Männern zu finden sind wie bei Frauen.«

»Wenn alle Gattinnen, die ihre Untergebenen lieben, solchen Salat essen müßten,« meinte Parlamente, »so wüßte ich gar manche, die ihre Gärten weniger gern haben sollten als sie es tun, und sicher alle Kräuter ausreißen würden, um das Gift zu fliehen, das mit dem Tode der liebestollen Mutter ihren Kindern die Ehre rettet. Doch scheint mir, jene Frau erlitt eine wohlverdiente Strafe und ihr Mann waltete seiner Rache mit bewunderungswürdiger Klugheit.« – »Und mit großer Arglist und Bosheit!« rief Longarine. »Solch lange und grausame Rachgier zeigt, daß er Gott und sein Gewissen nicht mehr vor Augen hatte.« – »Und was hättet Ihr in diesem Fall getan?« fragte Hircan. – »Mir wäre es lieber gewesen,« entgegnete jene, »daß er sie im ersten Zorn getötet hätte. Denn die Gelehrten sagen, daß solche Sünde verzeihlich ist, maßen in der ersten Aufwallung der Mensch keine Gewalt über sich hat. Darum hätte man ihm dann wohl verzeihen können.«

»Freilich,« sprach Guebron, »aber der Makel wäre auf seinen Töchtern und der Familie hängen geblieben.« – »So durfte er sie überhaupt nicht töten,« erklärte Longarine, »denn da der große Zorn verraucht war, hätte sie als geachtete Frau weiter neben ihm leben können und alles wäre vergessen worden.« – »Meint Ihr,« fragte Saffredant, »daß sein Grimm verflogen war, weil er ihn verhehlte? Ich an seiner Stelle wäre an dem Tage, wo der Salat gepflückt wurde, genau so zornig gewesen als am Anfang. Denn die Wut dauert an, bis sie sich entladen hat. Aber ich freue mich sehr, zu hören, daß die Kirchenlehrer solche Aufwallungssünden verzeihlich finden; denn ich bin der gleichen Ansicht.« – »Man muß seine Worte sorglich wägen, wenn man mit so gefährlichen Leuten spricht, wie Ihr es seid,« lächelte Parlamente. »Was ich sagte, bezog sich auf Fälle, wo eine Leidenschaft so stark ist, daß sie unversehens all unsere Sinne ergreift und von Vernunft nicht mehr die Rede ist.« – »Ganz recht,« antwortete Saffredant, »daran halte ich mich auch und ziehe den Schluß, daß ein sehr verliebter Mann leichter Verzeihung finden kann, als einer, der bei ruhigem Verstande sich etwas zuschulden kommen läßt. Denn wer in den Banden der Liebe liegt, hat keine Einsicht mehr. Und nun laßt uns hören, wem Emarsuitte das Wort erteilt.« – »Ich gebe es Dagoucin,« sprach diese, »denn ich hoffe, er wird nichts gegen die Frauen sagen.« Und der hub also an:

»Gebe Gott, sie wären mir alle so wohlgeneigt, als ich ihnen. So will ich zeigen, wie ich allezeit ihren edlen Taten nachspürte, um ihre Tugend preisen zu können. Doch soll man nicht eines Menschen Tugend loben, indem man eine einzelne hervorhebt, so daß sie schier den Lastern als Deckmantel dient. Nur wer aus reiner Liebe zur Tugend preisliche Werke vollbringt ist lobenswert. Das hoffe ich euch an der Sittsamkeit und Geduld einer jungen Dame zu erweisen, die in ihrem edlen Wirken nichts anderes erstrebte als Gottes Ruhm und das Heil ihres Mannes.«

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