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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 39
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Vierunddreißigste Erzählung

Wie zwei Franziskaner ob übergroßer Neubegier vor Entsetzen schier verstarben.

»Das Dorf Grip zwischen Niort und Fors gehört dem Herrn von Fors. Dorthin kamen einst von Niort her spät abends zwei Mönche und fanden bei einem Metzger Unterkunft. Maßen nun zwischen ihrer Stube und der ihres Wirtes nur eine schlechtgefügte Bretterwand war, so überkam sie die Lust, zu erlauschen, was jener mit seinem Weib im Bett sprach. Alsbald legten sie ihre Ohren just dort an die Wand, wo das Kopfende des Bettes war, und vernahmen, wie der Metzger in vertrautem Gespräch über sein Hauswesen sagte:

›Meine Liebe, morgen müssen wir früh aufstehen und unsere Franziskaner in Augenschein nehmen. Einer davon ist weidlich fett; den wollen wir schlachten und einsalzen, auf daß wir ein gut Geschäft damit machen.‹ Er meinte seine Schweine. Aber die Frater bezogen diesen Entschluß auf sich und harrten voll schrecklichen Bangens auf das Morgengrauen.

Tatsächlich war einer von ihnen feist, der andere mager. Der Feiste wollte alsbald seinem Gefährten beichten, denn er vermeinte, der Metzger habe alle Gottesfurcht verloren und könne gleichermaßen wie einen Ochsen wohl jegliches lebende Wesen abschlachten. Und da sie nun in ihrem Zimmer gut eingesperrt waren und nur durch ihres Wirtes Stube hinaus konnten, so waren sie ihres Todes gewiß und empfahlen ihre Seelen Gott.

Der jüngere aber war noch nicht so furchtgebannt wie der andere und schlug ihm vor, man sollte versuchen aus dem Fenster zu entweichen. Schlimmeres als der Tod könnte ihnen so auch nicht begegnen. Der Feiste stimmte zu und jener öffnete das Fenster. Als er nun sah, daß es nicht hoch über der Erde war, sprang er leichtfüßig hinab und floh, ohne seinen Gefährten zu erwarten.

Der versuchte auch sein Glück. Aber er plumpste, statt zu springen, so gar schwerfällig zur Erde nieder, daß er sich am Bein verletzte. Maßen er sich nun also verlassen sah und inne ward, daß er seinem Gefährten nicht folgen konnte, blickte er nach einem Unterschlupf aus und gewahrte endlich einen Schweinestall, zu dem er sich denn auch mühsam hinschleppte. Als er aber dessen Tür öffnete, entwischten zwei große Schweine, an deren Stelle sich der Mönch in dem Stall verkroch, worauf er die Tür hinter sich verschloß. Denn er hoffte, er würde auf sein Geschrei Hilfe finden, wenn er Leute vorbeikommen hörte.

Als nun der Morgen dämmerte, schärfte der Metzger seine zwei großen Schlachtmesser und hieß seinem Weib, ihm beim Schlachten der fetten Schweine zu helfen. Und als er zu dem Schweinestall kam, öffnete er die Tür und rief: ›Kommt nur heraus, ihr Herren Franziskaner, heute will ich fette Blutwurst von euch machen!‹ Der Mönch, der auf seinem Bein nicht auftreten konnte, kroch auf allen Vieren aus dem Stall und rief jammernd um Gnade. Wenn er nun aber vor Angst bebte, so taten das der Metzger und sein Weib nicht minder, denn sie vermeinten, der heilige Franziskus sei auf sie ergrimmt, weil sie ein Tier ›Franziskaner‹ hießen. So warfen sie sich flugs vor dem armen Frater auf die Knie und baten den heiligen Franziskus und den ganzen Orden um Vergebung. Und nun flehte also auf der einen Seite der Mönch um Erbarmen, auf der anderen der Metzger, und schier eine Viertelstunde lang begriff keiner, was vorlag.

Endlich ward der wackere Pater inne, daß der Metzger ihm nichts zuleide tun wollte, und erzählte ihm nun, weshalb er sich in diesem Stall verkrochen habe. Alsbald wandelte sich da die Verzweiflung seines Wirtes in ein groß Gelächter, in das nur der Pater nicht einstimmen mochte, maßen ihm sein Bein so wehe tat. Aber der Metzger führte ihn wieder ins Haus und verband ihn sorglich.

Sein Gefährte aber, der ihn in der Not verlassen hatte, lief die ganze Nacht hindurch, bis er gegen Morgen zu dem Schloß des Herrn von Fors kam. Dort führte er ob des Metzgers Klage, sintemalen er ihn im Verdacht hatte, seinen Gefährten getötet zu haben, da dieser nicht nachgekommen sei. Der Herr von Fors entsandte unverweilt Leute nach Grip, um die Wahrheit zu erkunden, und so stellte sich heraus, daß ein Grund für Tränen nicht vorlag. Der Schloßherr aber berichtete flugs die ganze Geschichte seiner geliebten Herrin, der Frau Herzogin von Angoulême, der Mutter Franz' des Ersten.

Der Fall erweist, daß es nie gut ist, den unbefugten Lauscher zu spielen und so andere mißzuverstehen.«

»Habe ich nicht gesagt,« rief Simontault, »Nomerfide wird uns zum Lachen bringen.« – »Wie ganz anders waren doch die Weisen alter Zeiten als wir,« meinte Guebron, »sie empfanden weder Freude noch Trauer. Zum mindesten bargen sie beides in ihrem Herzen und ließen es sich nicht merken. Denn sie hielten es für eine große Tugend, sich selbst und ihre Leidenschaften zu besiegen.« – »Eine schlechte Leidenschaft besiegen, scheint mir auch löblich,« erklärte Saffredant. »Eine natürliche zu bekämpfen scheint mir aber zwecklos, maßen sie keinen Schaden tut.« – »Mir scheint, nicht alle Philosophen waren weise,« sprach Saffredant. »Manche besaßen ihre Tugend nur dem Anscheine nach.« – »Gewiß,« versicherte Guebron, »denn als zum Beispiel Diogenes des Plato Bett mit Füßen trat, um solch wollüstigem Luxus und der Sinnenfreude jenes Mannes seine Verachtung zu zeigen, da erwiderte Plato, Diogenes täte dies aus Eigendünkel.« – »Um die Wahrheit zu sagen,« – entgegnete Parlamente, »so können wir ohne ein gut Teil Stolz uns gar nicht überwinden. Und je mehr unsere innere Sündhaftigkeit von dem Mantel äußerer Tugenden verhüllt ist, um so schwerer ist ihr beizukommen.«

»Dann sind wir Männer dem Heile weit näher,« rief Hircan, »denn wir verbergen die Früchte unserer Sündhaftigkeit nicht und können so leichter zu deren Wurzel gelangen. Ihr aber schafft so viel äußerliche, wohlgefällige Werke, daß die Wurzel der Hoffahrt euch unter diesem schönen Schutze ganz unbemerkt bleibt.« – »Seht einmal, wo wir hineingeraten sind,« spottete Simontault. »Von einer großen Torheit kamen wir auf philosophische und theologische Betrachtungen. Überlaßt solchen Streit weisen Männern, die mehr damit anzufangen wissen. Und nun wollen wir hören, wem Nomerfide ihr Wort weitergibt.« – »Ich gebe es Hircan,« sprach diese, »und empfehle ihm an, die Ehre der Damen hochzuhalten.«

»Das kommt wie gerufen,« meinte Hircan, »denn die Geschichte, die ich im Sinne habe, dürfte euch gefallen, meine Damen. Ich will euch erweisen, daß Mann wie Weib von Natur zum Laster neigt und nur mit Gottes Hilfe davor bewahrt werden kann. Und um etwas euren kecken Mut zu dämpfen, den ihr zu entfalten pflegt, wenn jemand eure Ehre angreift, will ich euch folgenden höchst wahrhaften Vorfall berichten.«

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