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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 37
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Zweiunddreißigste Erzählung

Wie ein Ehemann sein ehebrecherisches Weib härter als mit dem Tode bestraft.

König Karl, der achte seines Namens, entsandte einen Edelmann Bernage, von Civrai, unweit Amboise, nach Deutschland. Selbiger reiste Tag und Nacht, um möglichst schnell vorwärtszukommen, und gelangte so eines Abends spät zu einem Schlosse, wo er um Unterkunft bat. Das wurde ihm nur zögernd zugestanden. Maßen nun aber der Schloßherr vernahm, daß jener im Dienste eines so angesehenen Herrschers stand, suchte er ihn auf, bat ihn ob der Hartnäckigkeit seiner Dienstleute um Verzeihung und entschuldigte sich damit, daß er wegen der Mißgunst etlicher Verwandten seines Weibes sein Haus so wohl verschlossen halten müsse. Nun enthüllte ihm Bernage seinen Auftrag und sogleich bot ihm jener an, ihm bei seinem König nach Möglichkeit behilflich zu sein. Sodann nahm er ihn in seine Gemächer, brachte ihn trefflich unter und bewirtete ihn aufs beste.

Als nun die Stunde des Nachtessens nahte, führte er ihn in einen Saal, der rings mit Teppichen behängt war, und kaum wurde das Fleisch aufgetragen, da erblickte der Bote ein unbeschreiblich schönes Weib, das hinter einem Vorhang hervortrat. Nur war ihr Haupthaar geschoren und sie selbst nach deutscher Sitte ganz schwarz gekleidet. Sie setzte sich, nachdem sich alle die Hände gewaschen hatten, an das Ende des Tisches und sprach mit niemandem, noch auch redete jemand sie an. Der Herr von Bernage bewunderte oft ihre unvergleichliche Schönheit; doch schien ihr Gesicht bleich zu sein und ihr Wesen von tiefer Trauer überschattet. Nachdem sie ein wenig gegessen hatte, bat sie um etwas zu trinken. Alsbald brachte ihr der Diener ein seltsames Trinkgefaß: einen Totenkopf, dessen Öffnungen mit Silber verschlossen waren. Daraus trank die Frau zwei oder drei Schluck. Und nachdem sie ihr Mahl beendet und ihre Hände gewaschen hatte machte sie vor dem Schloßherrn eine tiefe Verbeugung und entschwand wieder hinter dem Vorhang, ohne mit jemandem ein Wort gesprochen zu haben.

Der Edelmann war über diesen seltsamen Anblick so erschüttert, daß er in trauriges Nachdenken versank. Der Schloßherr bemerkte das und so sagte er: ›Ich sehe, Ihr seid über diesen Zwischenfall baß erstaunt. Da ich Euch nun aber als einen so ehrenwerten Mann kennen gelernt habe, will ich Euch die Erklärung geben, damit Ihr nicht meint, ich sei ohne Grund so grausam.

Diese Dame ist mein Weib, das ich über alle Maßen geliebt habe, und auch sie zeigte mir so viel Zuneigung, daß ich zehntausendmal für ihre Bequemlichkeit mein Leben aufs Spiel gesetzt hätte, zumal ich sie gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet hatte. So lebten wir lange Zeit in Glück und Freuden. Als ich aber einst in einer Ehrensache eine Reise machen mußte, vergaß sie ihre Tugend und Liebe zu mir und vergaffte sich in einen jungen Edelmann, den ich bei mir aufgezogen hatte.

Das vermeinte ich nach meiner Rückkehr zu bemerken, doch ob meiner großen Liebe mißtraute ich ihr nicht, bis mir ein Zufall die Augen öffnete. Nun wandelte sich meine Liebe in wütende Verzweiflung. Ich umspähte sie, und so tat ich eines Tages, als verließe ich das Haus, und verbarg mich in ihrem Zimmer, wo sie heute noch wohnt. Kaum glaubte sie mich fort, so begab sie sich in ihr Gemach und ließ den Jüngling rufen. Der trat mit einer Ungezwungenheit zu ihr, wie nur ich es mir hätte erlauben dürfen. Als ich aber sah, daß er sich neben ihr aufs Bett legen wollte, sprang ich hervor, packte ihn und stach ihn tot.

Da mir nun die Missetat meines Weibes zu schwer erschien, als daß ihr Tod sie hinreichend hätte sühnen können, so verhängte ich eine Strafe über sie, die mir weit härter erschien: also sperrte ich sie in das Gemach, in dem sie sich ihrer sündigen Lust hingegeben hatte, und gab ihr den so lieben Gefährten ihrer Schande zur Gesellschaft – denn ich hing in einen Schrank die Gebeine ihres Herzliebsten hin gleich kostbaren Wertstücken. Auf daß sie aber seiner auch beim Essen und Trinken nie vergesse, ließ ich ihr bei Tisch den Schädel jenes Buben anstatt eines Bechers vor mir darreichen, so daß sie ihren Todfeind, mich selbst, lebend, jenen aber zugleich tot erblickt, den sie mir vorgezogen hatte. Im übrigen wird sie gleich mir gehalten, außer daß sie geschoren ist, denn der Haarschmuck geziemt einer Ehebrecherin nicht, noch der Schleier einem schamlosen Weib. So zeigt sie augenscheinlich, daß sie Ehre, Keuschheit und Schamgefühl verloren hat. Und nun, wenn Ihr geruhen wollt, werde Ich Euch zu ihr führen.‹

Damit war Bernage einverstanden. So stiegen sie hinunter in ein sehr schönes Gemach, wo die Frau einsam vor dem Kaminfeuer saß. Der Schloßherr zog einen Vorhang zur Seite, und so konnte man die Gebeine des Getöteten erblicken. Bernage hätte gern mit der Frau gesprochen, doch wagte er es aus Scheu vor dem Ehemann nicht. Der bemerkte es und sagte: ›Wollt Ihr etwas mit ihr reden, so überzeugt Euch, wie gefällig sie sprechen kann.‹

Alsbald hub Bernage an: ›Edle Frau, wenn Eure Geduld Euern Qualen gleicht, so muß ich Euch für das glücklichste Weib der Erde halten.‹ Und jene entgegnete mit einer Träne im Auge und unbeschreiblicher Demut: ›O Herr, meine Schuld ist so groß, daß alle Leiden, die der Herr dieses Schlosses (ich wage nicht, ihn meinen Gemahl zu nennen) über mich verhängt, klein sein werden im Verhältnis zu der Reue über meinen Frevel.‹

Damit begann sie bitterlich zu weinen. Der Schloßherr nahm den Edelmann beim Arm und führte ihn hinaus. Und am Tage darauf setzte dieser seine Reise fort. Doch als er von dem Schloßherrn Abschied nahm, sprach er zu ihm: ›Meine Zuneigung zu Euch, und die ehrenvolle herzliche Aufnahme, die Ihr mir zuteil werden ließet, zwingen mich, Euch zu sagen, daß Ihr angesichts der großen Reue Eures Weibes mit ihm Erbarmen haben solltet. Zudem seid Ihr jung und habt keine Kinder. Wie wäre es schade, wenn ein Haus wie das Eure an Erben fiele, die Euch nicht wohl wollen.‹

Der Schloßherr, der eigentlich entschlossen war, nie wieder mit seinem Weibe zu reden, dachte über diese Worte des Herrn Bernage lange nach. Und schließlich sah er ein, daß jener die Wahrheit sagte, und versprach ihm, Nachsicht zu üben, wenn sie in ihrer Demut beharre. So reiste Bernage von dannen, erledigte seinen Auftrag, und als er daheim dem König von allem berichtete und so auch jene Frau erwähnte, entsandte der König den Hofmaler Johann von Paris dorthin, um ihre Schönheit lebend festzuhalten. Das geschah unter Einwilligung des Ehemannes. Und dieser erbarmte sich dann auch nach langer Buße seines Weibes und zeugte mit ihm eine stattliche Zahl schöner Kinder.

Ich aber glaube, meine Damen, wenn alle Frauen, denen gleiches begegnete, aus solchen Gefäßen trinken müßten, dann würden gar viele goldene Becher in Totenschädel verwandelt werden. So behüte uns Gott, der die Strauchelnden stützt.«

»Ich finde diese Strafe ganz richtig,« meinte Emarsuitte, »denn so läßt sich jedes Verbrechen sühnen, nach dem Tode aber nicht mehr.« – »Vermeint Ihr wirklich solche Schande wieder gutmachen zu können?« rief Longarine. – »Freilich,« entgegnete Emarsuitte. »Genießt denn Magdalena heute nicht schier mehr Bewunderung als ihre jungfräuliche Schwester?« – »Mir scheint, ob ihrer Liebe zu Christus und ihrer Reue wird sie gepriesen,« sprach Longarine, »doch behält sie den Namen einer Sünderin.« – »Mir dünkt am wichtigsten, daß Gott und mein Mann mir verzeihen,« versicherte Emarsuitte. – »Ich wundere mich nur,« überlegte Dagoucin, »daß jene Frau nicht vor Kummer starb.« – »Wie könnt Ihr nur noch an die Liebe und die Reue von Frauen glauben,« entrüstete sich Simontault. »Ich begnüge mich mit der Liebe, die ich in mir selbst fühle; aber wenn es mir gelänge, geliebt zu werden, so würde ich schier vor Zufriedenheit sterben!« – »Hütet Euch also davor wie vor der Pest!« meinte Guebron. »Und nun möchte ich wissen, wem Frau Oisille das Wort erteilt.« – »Ich gebe es Simontault,« sprach diese, »denn er verschont niemanden.«

»So sagt doch gleich, ich bin eine Lästerzunge,« entgegnete der. »Sicher würdet ihr alle keine unserer Geschichten glauben, wenn sie nicht so zuverlässig belegt wären. Doch selbst Wunder werden mißbraucht. Und dafür will ich einen Vorfall erzählen, der die Klugheit eines Fürsten preist und einen schändlichen Geistlichen gebührend brandmarkt.«

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