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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 34
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Dreißigste Erzählung

Ein merkwürdiger Fall menschlicher Schwäche, wo das Bestreben, die Ehre zu retten, aus dem Regen in die Traufe führt.

»Damals, als unter Ludwig dem Zwölften Georg von Amboise Legat in Avignon war, lebte in Languedoc eine Dame, deren Name ich um ihrer Familie willen verschweigen will. Sie war sehr jung Witwe geworden, besaß nur einen Sohn, mehr denn viertausend Taler Rente und war aus Liebe zu ihrem verstorbenen Manne und dem Kinde entschlossen, sich nicht wieder zu verheiraten. Daher verkehrte sie, um jede Versuchung zu vermeiden, nur mit frommen Menschen, lebte ganz einem gottergebenem Wandel und floh so sehr jede Geselligkeit, daß sie selbst einer Hochzeit oder einem Orgelkonzert nur mit Gewissensbissen beiwohnte.

Als ihr Sohn sieben Jahre alt wurde, ließ sie ihn von einem gottergebenen Manne in Gottesfurcht und Sittsamkeit erziehen. Doch als das fünfzehnte Jahr nahte, lehrte ihn die Natur, die geheimnisvolle Lehrerin, allerlei anderes, davon jener Lehrer nichts sagte; denn der Knabe war viel zu wohlgenährt und unbeschäftigt, und so schaute er bald nach Dingen, die ihm wohlgefielen, so etwa nach einem Mägdelein, das in der Stube der Mutter jenes Knaben schlief. Davon ahnte natürlich niemand etwas und darum nahm man sich vor ihm so wenig in acht wie vor einem kleinen Kinde und zudem redete man ja fast nur von Gott.

Dieser Jüngling begann also dem Mägdelein heimlich nachzustellen. Das ging zu seiner Herrin und sagte es ihr, aber die Mutter vermeinte, sie täte das nur, um gegen den Jungen zu hetzen. Als nun aber das Mägdelein ihr dieserthalben weiter zusetzte, sprach sie: Ich werde feststellen, ob das wahr ist, und ihn gehörig züchtigen, wenn Ihr recht habt. Habt Ihr aber unrecht, so treffen Euch die Folgen.‹

Um nun die Probe zu machen, hieß sie dem Mägdelein, es solle dem Sohne zu verstehen geben, daß er nachts zu ihr käme, maßen es nahe der Tür ihr Bett stehen hatte. Das Mägdelein tat also, und als der Abend kam, legte sich die Dame an ihrer Stelle in jenes Bett; denn sie war entschlossen, ihn gegebenen Falles so derb zu strafen, daß ihm die Lust, Frauen heimzusuchen, verginge. Während sie dies bedachte, kam ihr Sohn in die Stube und schlüpfte in das Bett. Mochte sie nun geglaubt haben, daß er doch nichts Unehrenhaftes tun würde, oder wollte sie erst Beweise seiner lasterhaften Gesinnung abwarten, in der Meinung, ein so junger Mensch wäre zu solch schändlicher Wollust noch nicht entwickelt genug – kurz, sie ließ ihn gewähren, bis plötzlich des Fleisches Schwäche sie übermannte, bis sie ihre Eigenschaft als Mutter vergaß und ihr Zorn sich in schändliche Sinnenfreude verwandelte. Und so wie ein gestauter Strom alles fortreißt, wenn das Hindernis fortfällt, so riß plötzlich die Begier all die stolze Zurückhaltung hinweg, die sie ihrem Körper auferlegt hatte. Und als sie erst den ersten Schritt gemacht hatte, war sie schnell beim letzten angelangt und so ward sie noch in dieser Nacht von ihrem Sohne schwanger, den sie hatte hindern wollen, andere Frauen mit Kindern zu beschenken.

Kaum aber war die Sünde begangen, da ergriff sie die Qual namenloser Reue, die sie ihr ganzes Leben auch nie wieder verließ. Doch setzte sie gleich so brennend ein, daß sie aufsprang – derweile ihr Sohn immer nur vermeinte, es sei jenes Mägdelein –, in eine Kammer eilte und in Gedanken an ihren löblichen Entschluß und sein klägliches Scheitern die ganze Nacht unter Weinen und Klagen einsam verbrachte. Doch die Hoffahrt in ihrem Herzen ward nicht geheilt, sondern verleitete sie zu neuen Torheiten in dem Streben, jene Sünde gutzumachen.

Am nächsten Tage nämlich ließ sie den Erzieher ihres Sohnes kommen und sagte zu ihm: »Mein Sohn ist nun so weit erwachsen, daß er aus dem Hause muß. Ein Verwandter von mir gehört zum Gefolge des Großmeisters von Chaumont, der wird ihn gern zu sich nehmen. Deshalb gehet mit ihm über die Alpen dorthin, und um mir den Abschiedsschmerz zu erleichtern, reiset mit ihm ab, ohne daß er mir Lebewohl sagt.« Und damit gab sie ihm das nötige Reisegeld, und am selben Morgen noch reiste der Jüngling sehr erfreut von dannen; maßen er sich nämlich nunmehr an einer Freundin verlustiert hatte, wollte er gern auch das Kriegshandwerk erlernen.

Lange Zeit lebte nun die Dame in Trübsinn und Trauer, und nur die Furcht vor Gottes Strafe hinderte sie, die unselige Frucht ihres Leibes abzutreiben. Um die Wahrheit zu verhüllen, stellte sie sich krank. Doch als die Zeit der Niederkunft nahte, bedachte sie, daß sie von allen ihren Freunden zu einem Bastardbruder von ihr das meiste Vertrauen haben konnte, den sie immer mit Wohltaten überhäuft hatte. Den ließ sie holen, erzählte ihm ihr Mißgeschick (doch verschwieg dessen Urheber) und bat ihn, ihre Ehre zu retten. Also tat er: wenige Tage vor der Niederkunft riet er ihr einen Luftwechsel an und forderte sie auf, bei ihm sich zu erholen. Mit nur wenigen Dienern kam sie also zu ihm ins Haus. Dort war bereits eine Wehmutter, die angeblich der Frau des Bruders beistehen sollte und sie nicht kannte. Mit deren Hilfe gebar sie eines Nachts ein Kind, eine wunderschöne Tochter. Und der Edelmann gab es einer Amme und ließ es unter seinem Namen großziehen.

Nachdem die Dame dort einen Monat geblieben war, kehrte sie wieder nach Hause zurück und lebte noch sittenstrenger denn zuvor unter Fasten und Kasteiungen. Inzwischen war ihr Sohn groß geworden, und da in Italien kein Krieg mehr war, übersandte er seiner Mutter die Bitte, wieder heimkommen zu dürfen. Sie aber fürchtete in das alte Übel zurückzuverfallen und wollte es nicht zugeben. Doch als er immer weiter drängte und sie doch gar nichts vorschieben konnte, ließ sie ihm sagen, er dürfe nur vor sie treten, wenn er eine Frau zu eigen hätte, die er herzlich liebe. Reich brauche sie nicht zu sein, aber edler Abkunft.

Indessen ward ihr Bruder, der Bastard, inne, daß seine angenommene Tochter groß und vollendet schön geworden war, und so bedachte er, es sei gut, sie auswärts unterzubringen, wo sie unbekannt wäre. So sandte er sie auf Rat der Mutter zur Königin von Navarra. Und da das Mägdelein, das inzwischen zwölf oder dreizehn Jahre alt geworden war, sich als so wunderschön und tugendhaft erwies, schloß die Königin sie in ihr Herz und wünschte sie mit einem angesehenen Mann zu vermählen. Maßen sie aber arm war, fand sie nur Verehrer, keine Brautwerber.

Da kam eines Tages ihr natürlicher Vater, jener junge Edelmann, über die Alpen her zum Hofe der Königin, und kaum hatte er das Mägdelein erblickt, so liebte er es schon. Und da er ob des Geheißes seiner Mutter sicher war, daß diese ihm nichts dawider sagen würde, hielt er bei der Königin um des Mägdeleins Hand an; und die willigte gern ein, da sie seinen Reichtum und seine Ehrenhaftigkeit kannte.

Nachdem die Ehe vollzogen war, schrieb er seiner Mutter, nun könne sie seine Rückkehr nicht mehr verwehren, denn er führe ihr eine wahrhaft vollkommene Schwiegertochter zu. Aber als die Dame sich erkundigte, wen er geheiratet habe, ward sie inne, daß es ihrer beider Tochter war. Hierob ward sie so verzweifelt, daß sie fast gestorben wäre; denn sie sah nun, daß sie das Unheil um so schlimmer machte, je mehr sie es verhüten wollte. Und da sie nicht wußte, was tun, so ging sie zu dem Legaten von Avignon, beichtete ihm ihre grauenhafte Sünde und erbat sich seinen Rat. Der ließ etliche Doktores theologiae rufen, um ihr Gewissen zu beruhigen, unterbreitete ihnen ohne Namensnennung den Fall und eröffnete alsdann der Dame: sie dürfe ihren Kindern nie enthüllen, wie es mit ihnen stände. Denn jene hätten in ihrer Unwissenheit keine Sünde begangen; sie hingegen müsse nun ihr Lebelang büßen, ohne es sich aber merken zu lassen.

Alsbald kehrte denn also die Dame wieder heim, und bald kamen dann auch ihre Kinder, die sich in so heißer Liebe zugetan waren, daß ihre Zuneigung kaum je ihresgleichen finden dürfte; immerhin war sie ja aber auch zugleich seine Tochter, seine Schwester und sein Weib, und er hinwiederum ihr Vater, Bruder und Gatte. Und ihre Liebe ließ niemals nach; die arme Mutter aber, die unter Kasteiungen lebte, konnte nie mit ansehen, daß jene sich herzten, ohne von dannen zu eilen und bitterlich zu weinen.

Das ist ein Beispiel dafür, wie es denen ergeht, die aus eigener Kraft Liebe und Natur und alle gottgegebenen Kräfte zu überwinden vermeinen.«

»Wahrlich,« rief Parlamente, »mit jedem Schritt zum Selbstvertrauen entfernt sich der Mensch vom Gottvertrauen.« – »Wer weise ist,« sprach Guebron, »der erkennt sich selbst als seinen schlimmsten Feind.« – »Nie sollte eine Frau wagen, bei einem Mann zu schlafen,« versicherte Longarine, »mag er ihr auch noch so nahe verwandt sein; denn Pulverfässer sind eben feuergefährlich.« – »Das kann auch nur ein ruhmsüchtiges Weib tun,« bestätigte Emarsuitte, »das sich für heilig hält und vermeint, sündhafte Begierden könnten ihm nichts antun.« – »Wäre es möglich,« fragte Oisille, »daß es Toren gibt, die so etwas glauben können?«

»Schlimmer noch,« erzählte Longarine. »Sie sagen, man müsse sich an die Keuschheit gewöhnen. Und um ihre Kräfte zu erproben, kosen sie mit den schönsten Frauen und prüfen, ob ihr Fleisch allen Küssen und Berührungen abgestorben ist. Fühlen sie, daß sie solches wollüstig erregt, so ziehen sie sich zurück, fasten und kasteien sich grausam; und ist ihr Fleisch endlich also zermürbt, daß es weder bei Kosen noch Küssen in Erregung kommt, so unterziehen sie sich jener blödsinnigen Verführung, schlafen mit Frauen und suchen sie ohne Lüsternheit zu umfangen. Aber auf einen, dem es glückte, kamen so viele Unterlegene, daß der Erzbischof von Mailand, wo diese Übung betrieben wurde, die Geschlechter trennte und die Frauen in die Männerklöster, die Männer in Frauenklöster steckte.«

»Wahrhaftig, das heißt schon dem Irrsinn die Krone aufsetzen,« rief Guebron, »seine Sündlosigkeit erstreben und dazu solche Versuchung selbst suchen.« – »Manche fliehen im Gegenteil jede Versuchung,« meinte Saffredant, »aber die Lüsternheit folgt ihnen auf den Fersen. Der Heilige Hieronymus verbarg sich in der Wüste und geißelte sich vergebens: dennoch konnte er die Glut nicht stillen, die in seinem Marke tobte.«

»Aber merkt ihr denn nichts unterbrach Hircan, »solange wir erzählten, überhörten die Mönche hinter der Hecke die Vesperglocke; seit wir von Gott reden, sind sie fortgegangen und läuten nun zum zweiten Male.« – »So wollen wir ihnen flugs folgen,« sprach Oisille, »und Gott für diesen fröhlichen Tag danken.« Alsbald hörten sie also die Messe, speisten hernach und besprachen mancherlei Ereignisse, ob diese erzählenswert sein könnten. Und schließlich, nachdem sie auch den Abend froh verbracht hatten, legten sie sich zu sanfter Ruhe nieder in der Hoffnung, ihr unterhaltsames Beginnen fortzuführen. Und so endete der dritte Tag.

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