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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 33
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
projectide9ba9e55
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Neunundzwanzigste Erzählung

Ein Bauerntölpel, dessen Weib mit dem Pfarrer der Liebe pflegt, läßt sich leichtlich hinters Licht führen.

»In dem Dorfe Arcelles in der Grafschaft Maine heiratete ein reicher Bauer auf seine alten Tage ein schönes junges Weib. Das beschenkte ihn zwar nicht mit Kindern, doch tröstete sie sich dafür mit etlichen guten Freunden. Und wenn es ihr an Edelleuten und sonstigen ansehnlichen Herren fehlte, so nahm sie zur Kirche ihre Zuflucht und erkor zum Genossen ihrer Sünden den Mann, der sie eigentlich ihrer Sünden ledig sprechen sollte: den Herrn Pfarrer, der als fürsorglicher Hirte oft sein verirrtes Schaf aufsuchte.

Der alte, schwerfällige Ehemann argwöhnte nicht das geringste. Doch da er ein grober, handfester Kerl war, so hielt sein Weib solche geheimen Freuden wohl verborgen, denn es fürchtete, er könne solch einen Liebhaber einfach totschlagen, wenn er ihn abfinge.

Eines Tages nun war er draußen beschäftigt, und da sein Weib vermeinte, er würde erst spät wiederkehren, ließ es den Herrn Pfarrer holen, um ihm zu beichten. Während sie nun just in die schönsten Betrachtungen über außereheliche Sünden versunken waren, kam der Ehemann heim, und zwar so überraschend, daß der Pfarrer nicht mehr aus dem Hause entwischen konnte. Und um sich zu verbergen, stieg er auf Rat der Frau auf den Bodenspeicher und deckte die Falltür mit einer Kornschwinge zu.

Inzwischen trat der Ehemann ins Haus, und maßen sein Weib jedem Argwohn aus dem Wege gehen wollte, setzte es ihm flugs das Essen vor und gab ihm so reichlich zu trinken, daß er darob und nach der Feldarbeit auf einem Stuhl vor dem Herde einschlief. Der Pfarrer begann sich bald in seinem Speicher zu langweilen, und als er keinen Laut mehr in der Stube vernahm, öffnete er die Klappe, machte einen langen Hals und sah also, daß der gute Alte schlief. Doch beim Hinunterschauen stützte er sich versehentlich auf die Kornschwinge, also daß diese und er mit ihr hinunterpurzelten und neben dem schlafenden Bauern niederfielen. Der wachte von dem Lärm auf, doch der Pfarrer war schon auf den Beinen, ehe jener aus den Augen sehen konnte, und sagte: ›Gevatter, hier ist Eure Kornschwinge; und übrigens schönen Dank!‹ Und flugs machte er sich davon. Der arme Bauer fragte sein Weib ganz verblüfft: ›Was soll das heißen‹ Und die antwortete: ›Ach, der Pfarrer hatte Eure Kornschwinge entliehen, und eben brachte er sie zurück.‹ Da brummte der Mann unzufrieden: ›Dann braucht er doch nicht solchen Lärm zu machen. Ich glaubte schier, das Haus fällt zusammen.‹ Also rettete sich der Pfarrer, indem er den Bauern überlistete, der sich am Ende nur über den Lärm ärgerte. Damals, meine Damen, verschonte also Gott seinen Diener, um ihn länger auf Erden zu lassen und zu strafen.«

»Glaubet nur ja nicht,« erklärte Guebron, »daß die Menschen niederen Standes ohne Ränke sind; vielmehr sind sie schier verschlagener als wir. Seht nur die Spitzbuben, Mörder, Schwarzkünstler, Falschmünzer und ähnliches Gesindel an, die immer neuen Trug ersinnen: alle sind es arme Leute und Arbeiter.« – »Ich finde das auch gar nicht so merkwürdig,« versicherte Parlamente. »Vielmehr wundere ich mich, daß sie überhaupt von Liebesgefühlen gequält werden und daß ein so zartes Gefühl seinen Weg in so unedle Herzen findet.« – »Ach, edle Frau,« rief Saffredant, »vergeßt Ihr denn das Verslein von Johann de Meun:

›Verliebte Launen findet man
Beim Adel wie beim schlichten Mann.‹

Auch sind die eben beschriebenen Liebesgefühle nicht die gleichen, wie wir sie unter dem Harnisch tragen. Der niedere Stand genießt zwar nicht unsere Ehren und Reichtümer, dafür aber manch andere Annehmlichkeiten. Ihr Essen ist frugaler, aber nährt sie besser, als uns die schmackhafte Küche. Ihre Betten sind härter, aber sie schlafen darauf besser. Ihre Frauen sind nicht geputzt und geschminkt wie die unseren, die wir vergöttern, dafür aber ergötzen sie sich öfter und genußreicher an ihnen wie wir und brauchen dabei nur das Geschwätz – neugieriger Vögel zu fürchten. Was wir besitzen, fehlt ihnen wohl, was uns aber fehlt, das haben sie im Überfluß« – »Um Gottes willen, laßt die Bauern bei ihren Glücksgütern,« unterbrach Nomerfide, »sonst werden wir vor der Vesperstunde nicht fertig. Hircan wird unsern Tag beschließen.«

»Mit einer tieftraurigen Geschichte,« sprach der. »Zwar ist es mir gar nicht erwünscht, etwas Schlechtes von einer Frau zu erzählen, weil die boshaften Männer das verallgemeinern und dann alle schelten. Der Vorfall aber, der mir gerade in den Kopf kommt, ist so seltsam, daß ich meine Scheu überwinde; und vielleicht macht es die Frauen einsichtiger, wenn sie diesen Fall von Unüberlegtheit erfahren.«

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