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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 30
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Sechsundzwanzigste Erzählung

Wie ein hoher Herr durch einen spaßhaften Streich die Liebesgunst einer Frau in Pampeluna zu erlangen sucht.

»Zur Zeit Ludwigs des Zwölften lebte ein Herr von Avannes, ein junger Edelmann, der des Herzogs von Albret Sohn und der Bruder des Königs Johann von Navarra war, bei welchem er auch zumeist wohnte. Im Alter von fünfzehn Jahren war er bereits so anmutsvoll und schön, daß er zur Liebe schier geboren schien. Also empfanden alle, die ihn sahen, und zumal die sehr achtbare Frau eines reichen Mannes zu Pampeluna in Navarra. Die war zwar nur dreiundzwanzig Jahre alt, doch da ihr Mann etwa fünfzig alt war, so kleidete sie sich so schlicht wie schier eine Wittib, besuchte ohne ihren Gatten nie ein Fest und zog ihn dem schönsten Mann der Welt vor. Und da ihr Mann ihre Tugend genügend erprobt hatte, so ward er ihrer so sicher, daß er ihr alle seine Angelegenheiten anvertraute.

Eines Tages nun wurde dieses Ehepaar zu der Hochzeit einer Verwandten geladen. Dorthin hatte sich auch der Herr von Avannes begeben, um den Gastgeber zu ehren, zumal er den Tanz liebte und darin seinesgleichen nicht fand. So ward er nach dem Essen von jenem reichen Mann gebeten, mit seinem Weib zu tanzen. Das tat der junge Prinz mit Freuden, und ob seiner Jugend fand er am Hüpfen und Springen viel mehr Vergnügen denn am Anblick schöner Frauen. Jene aber, die er führte, bestaunte vielmehr seine Schönheit, obwohl sie sich klugerweise nichts merken ließ.

Als die Stunde der Abendmahlzeit kam, verabschiedete sich der Prinz von der Gesellschaft und der reiche Mann gab ihm auf seinem Maultier das Geleit zum Schloß. Unterwegs sagte er zu ihm: ›Ihr habt mir und den Meinen heute so viel Ehre angetan, daß ich undankbar wäre, wenn ich Euch nicht in jeder Beziehung zu Diensten stünde. Nun weiß ich einerseits, daß solch edle junge Herren oft durch geizige oder strenge Väter in Geldverlegenheit kommen; andrerseits gab Gott mir zwar ein Weib, wie ich es wünschte, doch keine Kinder. Wolltet Ihr mir daher bisweilen Eure kleinen Sorgen anvertrauen, so würde ich Euch gern helfen, soweit mir meine hunderttausend Taler es gestatten.‹

Ob dieses Anerbietens war der Herr von Avannes hocherfreut, denn er besaß just solchen Vater, wie jener angedeutet hatte. Daher dankte er ihm herzlichst und hieß ihn seinen wahlverwandten Vater. Und von Stund an schloß der reiche Mann den Prinzen in sein Herz, und morgens und abends erkundigte er sich besorgt, ob er nicht irgend etwas brauche. Zudem verhehlte er auch seinem Weibe diese Zuneigung keineswegs, also daß diese ihren Mann darob nur doppelt liebte. Dem Prinzen aber konnte nun an nichts mehr fehlen. Oftmals kam er zu jenem und aß und trank bei ihm; und wenn er ihn nicht antraf, dann gab die Frau ihm, wessen er bedurfte und obendrein riet sie ihm zur Sittsamkeit und Tugend. Und er achtete und liebte sie mehr denn irgendeine Frau auf Erden. Doch ließ sie ihn nie merken, daß sie ihm anders als in geschwisterlicher christlicher Liebe zugetan war.

Also lebte der Herr von Avannes, bis er siebzehn Jahre alt wurde, herrlich und in Freuden. Alsdann aber begann er mehr als bisher den Frauen nachzuschauen. Zwar hätte er am liebsten diese tugendsame Frau geliebt, doch bangte ihm, etwa ihre Freundschaft zu verlieren, und so suchte er sich anderwärts zu vergnügen. Er wandte sich also einem zieren Weiblein aus der Umgegend von Pampeluna zu, die auch in der Stadt ein Haus hatte und dort mit einem jungen Mann vermählt war, der vor allem Hunde, Pferde und Vögel liebte. Ihr zu gefallen, veranstaltete der Prinz allerlei Kurzweil und Feste, die jene Frau gern besuchte. Doch da ihr Mann sie so schlecht behütete, wachten ihre Eltern eifersüchtig über ihrer Ehre, maßen sie ihre Schönheit und Leichtfertigkeit kannten und wichen ihr nicht von der Seite. Also konnte auch der Herr von Avannes nur hier und da ein kurzes Wort erhalten, das sie ihm in einem Balle zuwarf, und daraus entnahm er, daß es ihr nur an Zeit und Gelegenheit fehlte, ihrer Liebe zu fröhnen.

Deshalb eröffnete er dem reichen Manne, er wolle allein eine Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau in Montserrat machen, und bat ihn, sein Gefolge bei sich im Hause zu behalten. Der Mann sagte ihm das zu. Sein Weib aber, in dessen Herzen Amor als Prophet wachte, durchschaute den Prinzen, und so sagte sie zu ihm: »Die ›Liebe Frau‹ wohnet sicher in dieser Stadt; daher seid auf Euer Wohl bedacht!« Er errötete tief und gestand ihr die Wahrheit. Alsdann ging er davon, kaufte ein Paar schöner spanischer Rosse und verkleidete sich bis zur Unkenntlichkeit als Pferdeknecht. Als jener Edelmann, der Gatte der lockeren Frau, dieser Rosse ansichtig ward, kaufte er sie unverweilt. Und da er sah, wie trefflich der Pferdebursche mit ihnen umging, forderte er ihn auf, bei ihm in Dienst zu treten. Der Herr von Avannes sagte ›ja‹, und voller Freuden übertrug ihm alsbald der Edelmann die Sorge für all seine Pferde und erklärte dann seiner Frau, er ginge nun zum Schloß und bäte sie, sich um den Knecht und die Pferde zu kümmern.

Die Dame wollte ihm gleichermaßen gefällig sein wie auch ihre Zeit einigermaßen verbringen. So besichtigte sie die Pferde und schaute sich auch den Pferdeknecht an, der ihr gar wohlgestaltet schien. Doch erkannte sie ihn nicht. Da er dessen gewahr wurde, grüßte er sie nach spanischer Sitte mit einem Handkusse, doch preßte er ihre Hand so stark, daß sie ihn erkannte, da er beim Tanze gar manches Mal das gleiche getan hatte. Von Stund an suchte sie nur noch mit ihm allein zu sein. Das ließ sich bereits am selbigen Abend ermöglichen. Denn da ihr Mann zu einem Feste geladen war, heuchelte sie ein Unwohlsein, und ihr Mann, der seine Freunde nicht im Stiche lassen wollte, bat sie nur, auf seine Hunde und Pferde zu achten. Kaum war er daher fort, so sah sie im Stalle nach Ordnung, schickte alle Knechte für Aufträge fort und war so alsbald mit dem angeblichen Stallburschen allein. Doch fürchtete sie überrascht zu werden und bat ihn: ›Gehet in meinen Garten und erwartet mich in dem Häuschen am Ende des Parkweges.‹

Er eilte dorthin. Sie aber besichtigte erst noch sorglich die Hunde, legte sich dann ins Bett, als ob sie sehr müde wäre, und bald verließen alle ihre Frauen das Zimmer. Nur eine blieb, zu der sie Vertrauen hatte und sagte: ›Geh' in den Garten und hole den, der am Ende des Parkweges wartet.‹ Das geschah und alsdann wurde sie hinausgeschickt, um des Ehemannes Kommen abzupassen. Herr von Avannes aber entledigte sich flugs seiner Kleidung, seines falschen Bartes und der künstlichen Nase und stieg, nun nicht mehr als zager Knecht sondern als selbstbewußter Herr, ohne weitere Aufforderung zu ihr ins Bett.

Dort fand er eine Aufnahme, wie sie nur die liebestollste Frau dem schönsten Manne ihrer Zeit bereiten konnte. Und so blieb er bei ihr, bis der Ehemann heimkehrte, worauf er flugs seine Maske wiedernahm und die Stätte der Lust verließ, die er durch schlaue List erobert hatte. Der Ehemann hatte indessen erfahren, wie sorglich sie sich um alles gekümmert hatte. Sie lehnte seinen Dank bescheiden ab, und als jener sich erkundigte, was sie von dem neuen Stallknecht hielte, entgegnete sie: ›Fürwahr, er versteht seinen Dienst besser als der beste Knecht; doch muß man ihn bisweilen anfeuern, weil er etwas schläfrig ist.‹

So lebten fürder Mann und Frau in besserer Eintracht als bisher; denn während sie früher Zerstreuungen außer dem Hause gesucht hatte, ward sie nun häuslich und trug oft nur ein Übergewand über ihrem Hemd, statt sich stundenlang zu putzen. Darob verlor der Mann alle Eifersucht und lobte sie gar, ohne zu ahnen, daß der Teufel nur von Beelzebub ausgetrieben war.

Doch die zarte Gesundheit des Herrn von Avannes vermochte dies Leben auf die Dauer nicht zu ertragen. Er wurde bleich und mager, so daß er bald auch ohne Maske unkenntlich war. Und die tolle Liebe jener Frau brachte ihn so von Sinnen, daß er seine Kräfte in einer Weise ausgab, der selbst ein Herkules nicht standzuhalten vermocht hätte. So wurde er schließlich krank, und da die Dame ihn nur gesund zu schätzen wußte, so nahm er auf ihren Rat Abschied von seinem Dienstherrn. Den erhielt er auch, wenn auch nur mit tiefem Bedauern und gegen das Versprechen, zurückzukehren, wenn er wieder gesund wäre. So ging der Herr von Avannes davon. Und da er nur eine Straße zu durchmessen hatte, begab er sich zu Fuß zum Hause seines ›wahlverwandten Vaters‹. Dort fand er nur dessen Frau, deren Liebe ob seiner ›Wallfahrt‹ nicht geringer geworden war. Als sie ihn aber also mager und farblos hereinwanken sah, rief sie aus: ›Ich weiß nicht, wie es um Euer Gewissen steht, aber Euer Körper ist auf der Wallfahrt nicht gefestigt worden. Und ich glaube fast, die Nachtstunden haben Euch mehr mitgenommen als die des Tages. Wäret Ihr selbst nach Jerusalem gepilgert, so würdet Ihr vielleicht etwas atemloser sein, doch nicht so schwach und abgemagert. Nun merket Euch das ein für allemal und betet nicht mehr Bildnisse an, die, statt Tote zu erwecken, Lebenden das Mark aussaugen. Ich würde Euch gern noch mehr sagen. Aber mag Euer Fleisch auch gesündigt haben, so ist es nun schwer genug gestraft, und ich will Euch aus Barmherzigkeit nicht neues Leid zufügen.‹

Als der Herr von Avannes ihre Worte vernahm, war er gleichermaßen betrübt und beschämt und erwiderte: ›Einst hörte ich, daß die Reue der Sünde auf dem Fuße folgt – jetzt habe ich es am eigenen Leibe erfahren. Vergebet mir aber ob meiner Jugend.‹ Die Dame lenkte schnell ab, ließ ihn sich in ein schönes Bett legen, und dort verbrachte er vierzehn Tage. Während dieser Zeit lebte er einzig von Stärkungsmitteln, und das Ehepaar leistete ihm so wohl Gesellschaft, daß er immer einen von ihnen neben seinem Bett hatte. Die Frau aber liebte ihn unvermindert weiter, denn sie hoffte, daß er diese Torheiten überwände und dann ehrbar lieben würde, also daß er dann ihr gehörte. So redete sie in jenen zwei Wochen so viel von tugendsamer Liebe, daß er endlich die begangene Tollheit verabscheute. Alsbald begann er nun sie anzuschauen, die der anderen an Schönheit überlegen war, und angesichts ihrer Anmut und Tugend konnte er sich nicht verwinden, ihr eines Tages zu sagen: ›Ich sehe ein, daß Ihr recht habt. Doch wollt Ihr mir auf dem Wege zur Tugend all' Eure Hilfe und Euren Beistand leihen?‹

Die Dame war ob seiner Worte tief beglückt und rief: ›Ich will Euch gern versprechen, mit allen mir von Gott verliehenen Gaben Euch beizustehen, sofern Ihr der Tugend dienen wollt, so wie es einem edlen Herrn, wie Ihr seid, geziemt.‹ Da sprach der Prinz: ›So bedenket denn, wie Gott, der den Menschen unsichtbar war, irdische Gestalt annahm, um also unser Herz für das Unsichtbare zu gewinnen. Auch die Tugend, die ich erstrebe, ist unsichtbar und nur etwa durch ihre Erfolge zu erkennen. Darum kleidete sie sich in Eure Gestalt als die vollkommenste, die sie finden konnte. So seid ihr für mich der Inbegriff der Tugend, und so will ich ihr nun mein Leben lang in Züchten und Ehren dienen und das Laster von mir weisen.‹

Ob dieser Worte war die Dame voll glückseligen Staunens; doch ließ sie ihre Zufriedenheit nicht merken und sprach: ›Auf Eure theologischen Betrachtungen kann ich nichts erwidern; doch möchte ich Euch bitten, solche Worte zu lassen, maßen ihr andere Frauen gering schätzet, die darauf lauschten. Ich bin so unvollkommen, daß die Tugend gut daran täte, mich nach ihrem Bilde zu gestalten. Nur habe ich eine große Zuneigung zu Euch, soweit eine gottesfürchtige und sittsame Frau das haben kann. Doch sollt ihr nichts davon erfahren, ehe nicht Euer Herz zur Geduld bereit ist, wie tugendsame Liebe das erheischt. Inzwischen seid überzeugt, daß niemandem Euer Wohl, Leben und Ehre so am Herzen liegt wie mir.‹

Angstvoll und mit einer Zähre im Auge bat sie der Herr von Avannes, ihn zur Bestätigung ihrer Worte zu küssen. Das lehnte sie ab, weil sie nicht um seinetwillen die Landessitte verletzen wollte. Darüber kam ihr Mann herein, und alsbald sagte der Prinz zu ihm: ›Ich hänge so an Euch und Eurer Frau, daß ich Euch bitte, mich ganz als Euern Sohn zu betrachten.‹ Des freute sich der gute Alte, und jener sprach: ›So laßt Euch von mir küssen.‹ Und als das geschehen war, fuhr er fort: ›Wenn ich nicht Angst hätte, gegen die Sitte zu verstoßen, so möchte ich wohl desgleichen mit Eurer Frau, meiner Mutter, tun.‹ Und der Mann hieß seinem Weibe, also zu tun. Das geschah denn auch, ohne daß man ihr ansehen konnte, ob sie es gern tat oder nur auf Wunsch ihres Gatten. Und alsbald griff das Feuer, das bereits ihre Worte entzündet hatten, ob jenes heißersehnten Kusses wild um sich in dem Herzen des jungen Prinzen.

Nun begab er sich bald darauf zum Schloß und erzählte Wunderdinge von seiner Wallfahrt nach Montserrat. Bei dieser Gelegenheit erfuhr er, daß sein Bruder, der König, nach Olly und Taffares reisen wolle. Und da er einsah, daß diese Reise gar lange dauern würde, ward er tief betrübt und beschloß, vor der Abfahrt noch einen Versuch zu machen, ob jene Dame ihm denn weiter keine Gunst gewähren wolle. Darum bezog er ein altes baufälliges Holzhaus in der Stadt und der gleichen Straße, wo sie wohnte. Dort legte er um Mitternacht Feuer, und alsbald erhob sich ein groß Geschrei, das auch zum Hause jenes reichen Mannes drang. Der fragte zum Fenster hinaus, wo es brenne. Und als er vernahm, das sei Herrn von Avannes Haus, eilte er unverweilt mit seinen Leuten dorthin und fand den jungen Prinzen im Hemd auf der Straße. Darob erfaßte ihn solches Bedauern, daß er ihn in seine Arme nahm, mit seinem Mantel bedeckte und flugs zu seiner Frau führte, die im Bett lag und zu der er sagte: ›Meine Liebe, ich vertraue dir diesen Gefangenen an; behandle ihn so wohl, als ob ich selbst es wäre.‹

Kaum war er fort, da sprang der Herr von Avannes, der gar wohl als Ehemann behandelt sein mochte, leichtfüßig zu ihr ins Bett und hoffte, diese günstige Gelegenheit könnte vielleicht ihre züchtige Zurückhaltung zum besseren bekehren. Da täuschte er sich aber; denn kaum war er auf der einen Seite hineingeschlüpft, so schlüpfte sie zur andern hinaus, nahm ihr Übergewand um, trat zum Kopfende des Bettes und sprach: ›Vermeintet Ihr, solche Gelegenheiten könnten ein keusches Herz betören? Sie erproben im Gegenteil erst seine Tugend. Glaubet mir, wenn anders ich gewollt hätte, konnte ich schon bessere Gelegenheit finden. Ich mag aber nicht und bitte Euch, jede Hoffnung, Ihr könntet mich anders finden als ich gesagt habe, aufzugeben.‹

Indessen kamen ihre Mägde, denen sie hieß, allerlei eingemachte Früchte zu bringen. Doch er hatte nun weder Hunger noch Durst, maßen er ob seines mißlungenen Versuches tief verzweifelt war und obendrein fürchtete, nunmehr des vertrauten Verkehrs mit ihr verlustig zu gehen.

Alsbald kehrte auch der Ehemann zurück, nachdem er des Feuers Herr geworden war, und bat Herrn von Avannes so eindringlichst, bei ihm die Nacht zu verbringen, daß dieser einwilligte. Doch verbrachte er sie mehr unter Tränen denn mit Schlafen. Als der Morgen kam, nahm er von ihnen Abschied, derweile sie noch im Bett lagen. Und als er die Frau zum Abschied küßte, ward er inne, daß sie mehr Bedauern als Unzufriedenheit gegen ihn empfand. Das goß wieder neues Öl ins Feuer. Und nach dem Mittagessen zog er mit dem König nach Taffares davon.

Aber je mehr sich nun die Dame um der Tugend willen mühte, ihre Liebe zu verbergen, um so mehr litt sie darunter. Alsbald wurde der Kampf zwischen Liebe und Ehre ihrem Herzen unerträglich. So ward sie von einem dauernden Fieber ergriffen, also daß ihre Glieder vor Kälte erstarben, ihr inneres aber wie in Flammen stand. Die Ärzte, in deren Händen ja der Menschen Wohl niemals wirklich ruht, begannen ob ihrer Krankheit in Sorge zu geraten und rieten dem Mann, seine Frau darauf vorzubereiten, daß sie ihres Seelenheils gedenken möchte – so wie man mit Menschen tut, an deren Leben man verzweifelt. Und der Mann, der seine Frau über alles liebte, ward tief betrübt, und um Trost zu suchen, schrieb er eilends an Herrn von Avannes.

Der kam unverweilt mit Eilpost herbei. An der Tür erblickte er die Diener in tiefer Trauer um ihre Herrin. Wie vom Blitz getroffen blieb er stehen, bis der gute alte Herr hinauseilte und ihn sprachlos vor Tränen umarmte. Dann führte er ihn in das Zimmer der armen Kranken. Die wendete ihm ihren sehnsüchtig-klagenden Blick zu, reichte ihm die Hand, zog ihn, so stark ihre verfallenen Kräfte es erlaubten, an sich, herzte und küßte ihn und sprach alsdann:

›Nun ist die Stunde gekommen, da alle Verstellung weichet und ich Euch die lang verhehlte Wahrheit künden muß. So wisset: Habt ihr mich geliebt – nicht minder hing ich an Euch. Doch Gott und meine Ehre verboten mir, mich Euch zu offenbaren. Zudem hätte ich damit nur Euer Verlangen erhöht. Und das ist nun die Ursache meines Todes geworden. Doch sterbe ich in Frieden, da ich Euch meine Gefühle wenigstens noch enthüllen konnte. Und nun bitte ich Euch, werbet nicht nur um tugendhafte Frauen, maßen ihr Herz in glühenderer Leidenschaft aufflammt. Heißet aber auch die Tugend nicht grausam und haltet sie wert, wie Euer Leben. – Und jetzt lebet wohl, nehmet Euch meines Mannes an und offenbaret ihm die ganze Wahrheit, auf daß er erkenne, wie sehr ich Gott und ihn geliebt habe.‹

Nach diesen Worten umarmte und küßte sie ihn nochmals, so heiß es ihre schwachen Kräfte erlaubten. Und der Prinz, dessen Herz vor Trauer und Mitgefühl schier stille stand, vermochte kein Wort zu sprechen. Er wankte zu einer Lagerstatt, die im Zimmer stand, und fiel, da er darauf lag, mehrmals in Ohnmacht. Inzwischen rief die Frau ihren Mann herbei, tröstete ihn, legte ihm Herrn von Avannes Wohl ans Herz und nahm dann unter Küssen von ihm Abschied. Alsbald gab man ihr die letzte Ölung, so sie voll Freuden empfing, da sie ihrer ewigen Seligkeit sicher war. Und als sie ihre Kräfte schwinden fühlte, hub sie mit lauter Stimme an zu sagen: ›Herr, in deine Hände . . .‹

Bei diesem Rufe richtete sich der Herr von Avannes auf seinem Lager empor und sein klagender Blick gewahrte, daß jene ihre Seele verklärt dem Schöpfer zurückgab. Und als ihm so zum Bewußtsein kam, daß sie tot war, stürzte er zu ihrer Leiche (während er ihr bei Lebzeiten nur zagend zu nahen wagte), umarmte und küßte die Verstorbene und war nur mit Mühe von ihr fortzureißen. Darob war der Ehemann voll Verwunderung; denn nie hatte er gewußt, daß jener ihr so zugetan gewesen war. So sagte er: ›Nun ist es genug!‹ und nahm ihn mit fort. Und nachdem beide lange Zeit zusammen geweint hatten, erzählte Herr von Avannes die Geschichte dieser Freundschaft und wie sie bis zu ihrem Tode jedes Liebeszeichen unter der Maske unerbittlicher Strenge verborgen hatte. Nun verdoppelte sich des Ehemannes Schmerz, eine so ergebene Frau verloren zu haben. Und fortan widmete er sein Leben ganz dem Herrn von Avannes (der damals erst achtzehn Jahre alt war). Der zwar ging alsdann zu Hofe. Doch lange Zeit mochte er keine Frau sehen oder sprechen, und zwei Jahre lang trug er nur schwarze Kleidung.

Hier könnt ihr denn also den Unterschied sehen zwischen einem tugendhaften und einem lasterhaften Weibe, und wie verschieden die Wirkungen dieser zwei Liebesformen sind.«

»Wahrlich, Saffredant,« erklärte Oisille, »Eure Erzählung war vortrefflich, und wer, wie ich, die Personen kannte, weiß sie noch um so höher zu schätzen.« – »Bedenket aber immerhin,« entgegnete dieser, »daß die Frau sich tugendhafter zeigen wollte als sie innerlich war, und ob der Unterdrückung ihres natürlichen Triebes dahinstarb.« – »Ihre Tugend war eben so groß,« rief Parlamente, »daß ihre Vernunft stets ihr Begehren überwand.« – »Malt sie so rosenrot, als Ihr möget,« spottete Hircan, »ich finde, hier überwog nur die Hoffahrt die Triebe der Wollust und die Verstellung wob darum ein dichtes Mäntelchen. Schaut recht hin, so werdet ihr finden, daß die Natur die Frauen uns sehr gleich gemacht hat. Nur fürchten sie, die ersehnte Lust zu genießen und vertauschen ein Laster gegen ein schlimmeres, das nur besser aussieht: Ruhmsucht und Grausamkeit; sie hoffen, sich ob ihrer Widerstandskraft gegen das Laster unsterblich zu machen und gleichen am Ende schon nicht mehr den Tieren an Grausamkeit, sondern gar den Teufeln an selbstbewußter Bosheit!«

»Wie schade,« meinte Nomerfide, »daß Ihr eine so anständige Frau Euer Eigen nennt, sintemalen Ihr die Frauen stets als lasterhast hinstellen wollt.« – »Ich bin sehr froh,« entgegnete jener, »daß mein Weib sich nichts zuschulden kommen läßt. Doch in bezug auf Keuschheit sind wir beide Kinder von Adam und Eva. So sollen wir unsere Blöße auch nicht mit Feigenblättern bedecken, sondern lieber unsere Schwächen eingestehen.« – »Das gebe ich gern zu,« sprach Parlamente, »doch wenn wir aus Eigenliebe sündigen, so schadet das den andern nichts und unser Körper wird nicht besudelt. Eure Lust aber ist es, die Frauen zu entehren, gleichwie männermordender Krieg Eure Ehre ist: beides aber widerspricht Gottes Gebots.« – »Sehr wohl!« rief Guebron. »Aber der Herr sprach: ›Wer das Weib unseres Nächsten ansiehet und begehret seiner, der bricht schon die Ehe in seinem Herzen; und wer seinen Nächsten haßt, begeht einen Mord.‹ Sind die Frauen davon ausgeschlossen?« – »Bitte, laßt doch solche Betrachtungen,« unterbrach Saffredant. »Das artet ja in wahre Predigten aus. Ich will Emarsuitte das Wort geben und bitte sie, etwas für unsere Vergnüglichkeit zu sorgen.«

»Dazu war ich bereits entschlossen, als ich heute hierherkam,« hub jene an. »Einst hörte ich die Geschichte zweier Diener einer Prinzessin, und die ist so lustig, daß mir jetzt schon alle Trübsal über eine andere, ernste Erzählung schwindet. Diese werde ich also lieber morgen erzählen, denn heute fände ich doch nicht die nötige gesetzte Stimmung dazu.«

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