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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Fünfundzwanzigste Erzählung

Welch schlauer List sich ein hoher Fürst bediente, um sich an dem Weibe eines Pariser Advokaten zu verlustieren.

»Zu Paris lebte ein Advokat, der ob seiner überlegenen Gewandtheit sehr gesucht war und es zu einem selten großen Vermögen gebracht hatte. Maßen er nun von seiner ersten Frau mit Kindern nicht beschenkt worden war, so erhoffte er dies Glück von einer zweiten und wählte trotz seines Alters und seiner Klapprigkeit ein Mägdelein jener Stadt, die achtzehn oder neunzehn Jahre alt, gar schön und lieblich von Aussehen und anmutig von Wuchs und Gestalt war. Die verhätschelte er über die Maßen und erzeigte ihr seine Liebe, soviel er konnte; doch beschenkte sie ihn so wenig mit Kindern als die erste und auf die Dauer wurde ihr die Sache langweilig. Wie es ihrer Jugend geziemte, suchte sie alsbald außer dem Hause Zerstreuung und besuchte Tanzfeste und Gelage; doch blieb sie so zurückhaltend, daß ihr Mann keinen Argwohn hegen konnte, maßen sie allezeit vertrauenswürdige Begleitung hatte.

Eines Tages nun traf sie auf einem Feste einen hohen Fürsten, der mir selbst diese Geschichte erzählte mit der Bitte, seinen Namen zu verschweigen. Doch kann ich immerhin versichern, daß er seinesgleichen an Schönheit und Anmut niemals hatte und kaum je hierzulande haben wird. Als nun dieser Prinz der jungen Dame ansichtig ward und wahrnahm, daß ihre Augen und ihr Gebahren geradezu zur Liebe herausforderten, sprach er sie also bezaubernd und liebenswürdig an, daß sie gern mit ihm plaudern mochte. Auch verbarg sie ihm nicht, daß ihr Herz seit langem liebesbereit wäre und er folglich nicht nötig habe, sie zu etwas zu überreden, das sie bei seinem bloßen Anblick ihm zu gewähren geneigt sei.

Als dem Fürsten dergestalt unschuldsvoll und ohne Scheu ein Glück in den Schoß fiel, das wohl ein langes Werben verdient hätte, dankte er Gott Amor für seine Huld und steuerte sein Schifflein alsbald so gewandt, daß sie in kurzem darüber einig waren, wie sie sich ungesehen von anderen treffen könnten. Der Fürst fand sich natürlich pünktlich ein und war wohl verkleidet, um die Dame seines Herzens nicht bloßzustellen. Da aber oft lästige Burschen nachts in den Straßen umherschwärmten und er mit diesen nicht in Berührung kommen wollte, nahm er einige Edelleute als Begleitung mit, zu denen er Vertrauen haben konnte. Die ließ er am Eingang jener Straße, wo die Dame wohnte, zurück und gab ihnen folgende Weisung: ›Wenn ihr mich in der nächsten Viertelstunde keinen Lärm schlagen hört, so ziehet euch zurück und holt mich erst zwischen drei und vier Uhr nachts wieder hier ab.‹ Also taten sie, und, maßen alles ruhig blieb, gingen sie alsbald heim.

Indessen war der Fürst geradesweges zum Hause des Advokaten gegangen und hatte die Tür, wie versprochen, offen gefunden. Als er aber die Stiege emporklomm, begegnete er dem Ehemann, der eine brennende Kerze in der Hand trug, also daß er früher zu sehen war als er jenen erblicken konnte. Dem jungen Fürsten aber verlieh die Not Einsicht und Kühnheit; daher ging er unverweilt auf ihn zu und sprach: ›Herr Advokat, Ihr wißt, welches Vertrauen ich und mein Haus in Euch setzen, also daß ich Euch für einen treuergebenen Diener halte. Im Augenblick nun möchte ich Euch einerseits im geheimen sprechen, um Euch einige Angelegenheiten ans Herz zu legen, zum andern aber um einen Schluck zu trinken bitten, da mich der Durst plagt. Doch erzählet bitte niemandem, daß ich bei Euch war, maßen ich weiter an einen Ort gehe, wo ich unerkannt bleiben will.‹

Die Ehre, also zwanglos diesen Prinzen bei sich empfangen zu dürfen, beglückte den Advokaten über die Maßen. Flugs führte er ihn in sein Zimmer und hieß seinem Weibe, die besten Früchte und Süßigkeiten herzurichten und herbeizubringen. Das tat sie mit Freuden; doch ob sie gleich mit ihrem Häubchen und losen Übergewand noch schöner anzuschauen war als sonst, so tat der Fürst doch stets als ob er sie kaum bemerke, und plauderte mit ihrem Mann über seine Angelegenheiten, die jenem wohlvertraut waren. Als jedoch diese Dame ihm die Süßigkeiten hinreichte, die sie auf den Knien trug, und ihr Mann derweile zur Anrichte ging und Wein eingoß, da flüsterte sie jenem zu: beim Fortgehen möge er rechterhand in eine Kleiderkammer schlüpfen, wohin sie alsbald nachkommen wolle. – Nachdem er also ausgetrunken hatte, dankte er dem Advokaten und lehnte mit liebenswürdigem Nachdruck seine Begleitung ab. Dann wandte er sich der jungen Frau zu und sagte: ›Und nun will ich Euch nicht länger Eueren wackeren Mann rauben, der mir ein so ergebener Diener ist. Wie glücklich seid Ihr, ihn den Euren zu nennen; preiset darob Gott und seid ihm ein gehorsames Weib. Anderenfalls müßte ich Euch wahrlich für bedauernswert halten.‹

Nach diesen erbaulichen Worten ging er von dannen, schloß hinter sich die Tür, damit ihm niemand folge, und trat in die Kleiderkammer. Und nachdem ihr Gatte fest eingeschlafen war, kam die schöne Frau auch dorthin und führte den Prinzen in eine wohleingerichtete Stube. Doch das schönste Bild darinnen boten jene zwei, gleichermaßen, ob sie mit Gewändern angetan waren oder nicht. Und ich brauche wohl nicht zu zweifeln, daß die Frau ihm jegliches Versprechen hold erfüllte.

Als dann die Zeit kam, die der Fürst seinen Edelleuten bezeichnet hatte, ging er von dannen und traf jene am vereinbarten Fleck. Und da dies Leben eine gute Zeit währte, wählte der Prinz einen wesentlich kürzeren Weg: er ging nämlich durch ein Kloster, dessen Prior ihm derart behilflich war, daß auf sein Geheiß der Pförtner dem Prinzen um Mitternacht das Tor öffnete, und gleichermaßen, wenn er zurückkehrte. Und da er von dort nur wenige Schritte zu gehen hatte, brauchte er auch weiter keine Begleitung. Obgleich nun dieser Zustand lange Zeit so blieb, versäumte der Fürst doch nie als gottesfürchtiger Mann, auf dem Rückwege lange in der Kirche betend zu verweilen. Darob ward er von den Mönchen, die ihn gelegentlich der Frühmette dort stets knien sahen, als ein gar frommer Herr betrachtet.

Nun hatte der Prinz eine Schwester, die jenes Kloster oft besuchte. Und da sie ihren Bruder über alles liebte, so hieß sie alle gottergebenen Freunde, ihn in ihr Gebet einzuschließen. Als sie diese Bitte einst auch jenem Prior nahe legte, erwiderte der: ›Ach, hohe Frau, wen empfehlt Ihr mir da? Wie gern möchte ich selbst von jenem Herrn ins Gebet eingeschlossen werden. Denn wer sollte wohl frommer sein als dieser?!‹ Und da die Prinzessin ihn nach dem Grunde dieser Ansicht fragte, erzählte er ihr endlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, wie ihr Bruder alltäglich die Frühmette höre und so durch seine Demut die Mönche schier in den Schatten stelle.

Die Schwester wußte nicht recht, was sie glauben sollte, denn einerseits kannte sie ihres Bruders Lebenslust, andrerseits auch seine recht gewissenhafte Frömmigkeit. Doch so viel Gottesfurcht war ihr verdächtig. Darum ging sie zu ihm, erzählte ihm das Urteil des Priors über ihn, und als er ein Lächeln nicht unterdrücken konnte, verstand sie, daß etwas dahinterstecke. Also drängte sie ihn, bis er ihr die Wahrheit gestand, und sie war es, die mir alles so erzählte, wie ihr es nun gehört habt.

So möget ihr daraus erkennen, daß nicht Advokat noch Mönch schlau genug sein können, maßen Amor, wenn es nottut, die Betrüger doch hinters Licht führt. Daher sollen wir armen Geschöpfe ihn von Herzen fürchten.«

»Ich glaube zu wissen, wer das war,« überlegte Guebron. »In diesem Falle kann man ihm das Lob nicht versagen, daß er die Ehre der Frauen schont und übles Aufsehen scheut, zum Unterschied von andern großen Herren, die sich, um ihren Lüsten zu fröhnen, über alles hinwegsetzen, und darum oft in noch schlechterem Rufe stehen als sie es verdienen.« – »Freilich,« – versicherte Oisille, »manche Herren könnten sich ein Beispiel an ihm nehmen.« – »Aber bedenkt einmal,« meinte Nomerfide, »wie tief von Herzen ihm jene Gebete im Kloster kommen mochten.« – »Das kann man kaum beurteilen,« warf Parlamente ein, »denn vielleicht war seine Reue jedesmal nachher so tief, daß er wohl Verzeihung finden konnte.« – »Wie kann man solche Freuden bereuen!« rief Hircan. »Ich selbst habe gar oft gebeichtet, doch nie bereut.« – »So solltet Ihr lieber nicht beichten,« erklärte Oisille. – »Warum?« entgegnete jener. »Die Sünde mißfällt mir sehr, doch behagt mir das gehabte Vergnügen nicht minder.« – »Ihr und Euresgleiches verzichtet fürwahr gern auf Gott und Gesetz,« klagte Parlamente, »wenn nur Eure Genußsucht gestillt wird.« – »Ich wünschte allerdings,« versicherte Hircan, »daß Gott an unsern Freuden gleichen Gefallen fände als etwa ich; dann würde ich ihn desto öfter zu beglücken suchen.« –

Doch Guebron unterbrach ihn: »Laßt doch theologische Betrachtungen, auf daß Longarine ihr Wort weiter geben kann.« – »Ich gebe es Saffredant,« sprach jene, »doch mag er uns etwas recht Schönes bescheren und weder darauf bedacht sein, die Frauen schlecht zu machen, noch das Gute wahrheitswidrig zu fälschen.«

»Das kann geschehen,« hub alsbald Saffredant an. »Denn ich habe hier die Geschichte von einer törichten und einer klugen Frau. Entnehmet daraus, was ihr möget. Doch werdet ihr immerhin erkennen, daß die Liebe ein Herz nicht wandelt, und bei Schlechten schlechte, bei Guten gute Taten auslöst.«

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